R. N. COUDENHOVE-KALERGI PRAKTISCHER IDEALISMUS ADEL - TECHNIK - PAZIFISMUS 19 2 5 PANEÜROPA-VERLAG WIEN— LEIPZIG K 6 6 / 3 2 4 4 Alle Rechte Vorbehalten Copyright 1925 by Pan-Europa-V erlag Druck der Elbemühl Papierfabriken und Graphische Industrie .4. G., Wien VI. Uarv.-BMo&ek VORWORT jraÄrSS kennt und anerkennt nur einen einzigen nur ein einztges Ütak den cm zum Ideal Heroismus setzt j e höhere Werte gibt als voraus: die Überzeugung, daß es höhere Wer g Lust und größere Übel als S ' :h " > |- , gan ze Mensch- Die5er ,Sr:s^t Gegensatavon Epihurüern und heitsgeschichte, es ist a » zwischen Stoikern. Dieser Gegensatz -1 :v el t.eta ab ^ ^ “^rr^r^esgabtdea- U T Z£“JsoZZicU um den Glauben an Götter - sondern um den Glauben an Wert. __ ^ heit ihre größten Werke und Taten. * 5 Heroismus ist Ar i s t o k r ^ J tlchen Ue “al iro = ismus mit dem demokra- ! tischen. Auch Demokratie glaubt mehr an die Zahl als I an den Wert, mehr an Glück als an Größe. Darum kann politische Demokratie nur dann frucht- bar und schöpferisch werden, wenn sie die Pseudo- Aristokratie des Namens und des Goldes zertrümmert, um an deren Stelle eine neue Aristokratie des Geistes und der Gesinnung ewig neu zu gebären. i Der letzte Sinn der politischen Demokra- § itiealso ist: geistigeAristokratie; sie will den 'Materialisten Genuß schaffen, den Idealisten Macht. Der Führer soll an die Stelle des Herrschers treten — der edle Sinn an die Stelle des edlen Namens — das reiche Herz an die Stelle der reichen Tasche. Das ist der Sinn der Entwicklung, die sich demokratisch nennt. Jeder andere Sinn wäre Kultur-Selbstmord. Darum ist es kein Zufall, daß Platon zugleich der Prophet der geistigen Aristokratie und der sozialisti- schen Wirtschaft war; und zugleich der Vater der idea- listischen Weltanschauung. Denn beide, Aristokratie und Sozialismus, sind: praktischer Idealismus. Der asketische Idealismus des Südens offenbarte sich als Religion; der heroische Idealismus des Nordens als Technik. Denn die Natur des Nordens war eine Herausfor- derung an den Menschen. Andere Völkerschaften unter- warfen sich; der Europäer nahm die Herausforderung an und kämpfte. Er kämpfte, bis er stark genug war, die Erde zu unterwerfen: er kämpfte, bis er die Natur selbst, die ihn herausgefordert hatte, in seine Dienste zwang. Dieser Kampf forderte Heroismus und zeugte Herois- mus. So wurde für Europa der Held das, was der Hei- IV lige für Asien war; und die Heldenverehrung ergänzte die Heiligenverehrung. Das tätige Ideal trat an die Stelle des beschaulichen, und es galt als größer, für ein Ideal zu kämpfen, als zu leiden. Der Sinn dieser heroischen Weltmission hat Europa erst seit der Neuzeit ganz erfaßt; denn erst mit der Neu- zeit beginnt sein technisches Zeitalter, sein Befreiungs- krieg gegen den Winter. Dieses technische Zeitalter ist zugleich das Zeitalter der Arbeit. Der Arbeiter ist der Held unserer Zeit; sein Gegensatz ist nicht der Bürger — sondern der Schmarotzer. Ziel des Arbeiters ist — das Schaffen, des Schmarotzers — das Genießen. Darum ist die Technik neuzeitliches Hel- dentum und der Arbeiter praktischer Idea- list. * Das politische und soziale Problem des 20. J ahrhunderts ist: den technischen Fort- schritt des 19. einzuholen. Diese Forderung der Zeit wird dadurch erschwert, daß die Entwicklung der Technik ohne Pause sich im rascheren Tempo weiter vollzieht als die Entwicklung des Menschen und der Menschheit. Diese Gefahr kann entweder abgewendet werden, indem die Menschheit den technischen Fort- schritt verlangsamt, oder indem sie den sozialen Fort- schritt beschleunigt. Sonst verliert sie ihr Gleichgewicht und überschlägt sich. Der Weltkrieg war eine Warnung. So stellt Technik den Menschen vor die Alternative: Selbstmord oder Verständigung! Darum wird die Entwicklung der Welt in den kommenden Jahrzehnten ohne Bei- spiel sein. Das heutige Mißverhältnis von technischer 1 V und sozialer Organisation wird entweder zu vernichten- den Katastrophen führen — oder zu einem politischen Fortschritt, der an Raschheit und Gründlichkeit alle historischen Vorbilder hinter sich läßt und ein neues Blatt der Menschheitsgeschichte eröffnet. Da die Technik der menschlichen Stoßkraft und dem Heroismus neue Wege weist, beginnt der Krieg im Be- wußtsein der Menschheit seine historische Rolle auszu- spielen. Sein Erbe ist die Arbeit. Die Menschheit wird sich eines Tages organisieren, um gemeinsam der Erde alles abzuringen, was sie ihr heute noch vorenthält. So- bald diese Auffassung sich durchringt, wird jeder Krieg ein Bürgerkrieg sein und jeder Mord ein Mord. Das Zeit- I alter des Krieges wird dann ebenso barbarisch scheinen, | wie heute das Zeitalter der Menschenfresserei. Diese Entwicklung wird kommen, wenn wir an sie glauben und für sie kämpfen; wenn wir weder so kurz- sichtig sind, die großen Linien der Entwicklung aus den Augen zu verlieren — noch so weitsichtig, die prakti- schen Wege und Hindernisse zu übersehen, die zwischen uns und unseren Zielen liegen; wenn wir klarsichtig sind, und das klare Wissen um die bevorstehenden Kämpfe und Schwierigkeiten verbinden mit dem heroi- schen Willen, sie zu überwinden. Nur dieser Optimismus des Wollens wird den Pessi- mismus der Erkenntnis ergänzen und besiegen. Statt in den Fesseln der unzeitgemäßen Gegenwart zu verharren und tatenlos von besseren Möglichkeiten zu träumen, wollen wir also tätigen Anteil nehmen an der Entwicklung der Welt durch praktischenldea- lismus. Wien, November 1925. VI ADEL 19 2 0 Dem Andenken meines Vaters Dr. HEINRICH GRAF COU DEN HOV E-KALERGI in Verehrung und Dankbarkeit ERSTER TEIL: VOM RUSTIKALEN UND URBANEN MENSCHEN 1. LANDMENSCH — STADTMENSCH Land und Stadt sind die beiden Pole menschlichen Daseins. Land und Stadt zeugen ihre besonderen Menschentypen: den rustikalen und urhanen Menschen. Rustikalmensch und Urbanmensch sind psychologisch Antipoden. Bauern verschiedenster Gegenden gleichen einander seelisch oft mehr als den Städtern der benach- barten Großstadt. Zwischen Land und Land, zwischen Stadt und Stadt liegt der Raum — zwischen Stadt und Land die Zeit. Unter den europäischen Rustikalmenschen leben Vertreter aller Zeitalter: von der Steinzeit bis zum Mittelalter; während nur die Weltstädte des Abendlandes, die den extremsten Urbantypus hervorgebracht haben, Repräsentanten neuzeitlicher Zivilisation sind. So tren- nen Jahrhunderte, oft Jahrtausende, eine Großstadt vom flachen Lande, das sie umgibt. Der Urbanmensch denkt anders, urteilt anders, empfindet anders, handelt anders als der Rustikal- mensch. Das Großstadtleben ist abstrakt, mechanisch, rational — das Landleben konkret, organisch, irrational. Der Städter ist rationalistisch, skeptisch, ungläubig — der Landmann emotionalistisch, gläubig, abergläubisch. 9 Alles Denken und Fühlen des Landmannes kristalli- siert sich um die Natur, er lebt in Symbiose mit dem Tier, dem lebendigen Geschöpf Gottes, ist verwachsen mit seiner Landschaft, abhängig von Wetter und Jahres- zeit. Kristallisationspunkt der urbanen Seele hingegen ist die Gesellschaft; sie lebt in Symbiose mit der Maschine, dem toten Geschöpf des Menschen; durch sie macht sich der Stadtmensch möglichst unabhängig von Zeit und Raum, von Jahreszeit und Klima. Der Landmensch glaubt an die Gewalt der Natur über den Menschen — der Stadtmensch glaubt an die Gewalt des Menschen über die Natur. Der Rustikalmensch ist Naturprodukt, der Urbanmensch Sozialprodukt; der eine sieht Zweck, Maß und Gipfel der Welt im Kosmos, der andere in der Menschheit. Der Rustikalmensch ist konservativ wie die Natur — der Urbanmensch fortschrittlich wie die Gesellschaft. Aller Fortschritt überhaupt geht von Städten und Städtern aus. Der Stadtmensch selbst ist meist das Produkt einer Revolution innerhalb eines ländlichen Geschlechtes, das mit seiner rustikalen Tra- dition brach, in die Großstadt zog und dort ein Leben auf neuer Basis begann. Die Großstadt raubt ihren Bewohnern den Genuß der Naturschönheit; als Entschädigung bietet sie ihnen Kunst. Theater, Konzerte, Galerien sind Surrogate für die ewigen und wechselnden Schönheiten der Land- schaft. Nach einem Tagwerk voll Häßlichkeit bieten jene Kunstinstitute dem Städter Schönheit in konzentrierter Form. Auf dem Lande sind sie leicht entbehrlich. — Natur ist die extensive, Kunst die intensive Erscheinungsform der Schönheit. Das Verhältnis des Urbanmenschen zur Natur, die ihm 10 fehlt, wird von der Sehnsucht beherrscht; während die Natur dem Rustikalmenschen stete Erfüllung ist. Daher empfindet sie der Städter vorwiegend romantisch, der Landmensch klassisch. Die soziale (christliche) Moral ist ein urbanes Phäno- men: denn sie ist eine Funktion des menschlichen Zusammenlebens, der Gesellschaft. Der typische Städter verbindet christliche Moral mit irreligiöser Skepsis, rationalistischem Materialismus und mechanistischem Atheismus. Die Weltanschauung, die daraus resultiert, ist die des Sozialismus: die moderne Großstadt- religion. ’ ' Für den rustikalen Barbaren Europas ist das Christen- tum kaum mehr als eine Neuauflage des Heidentums mit veränderter Mythologie und neuem Aberglauben; seine wahre Religion ist Glaube an die Natur, an die Kraft, an das Schicksal. Stadt- und Landmensch kennen einander nicht; darum mißtrauen und mißverstehen sie einander und leben in verhüllter oder offener Feindschaft. Es gibt vielerlei Schlagworte, unter denen sich diese elementare Gegner- schaft verbirgt: Rote und Grüne Internationale; Indu- strialismus und Agrariertum; Fortschritt und Reaktion; Judentum und Antisemitismus. Alle Städte schöpfen ihre Kräfte aus dem Lande; alles Land schöpft seine Kultur aus der Stadt. Das Land ist der Boden, aus dem die Städte sich erneuern; ist die Quelle, die sie speist; die Wurzel, aus der sie blühen. Städte wachsen und sterben: das Land ist ewig. 2. JUNKER LITERAT Blüte des Rustikalmenschen ist der Landadelige, der Junker. Blüte des Urbanmenschen ist der Intellek- tuelle, der Literat. Land und Stadt haben beide ihren spezifischen Adels- typus gezeugt: Willensadel steht gegen Geistesadel, Blut- adel gegen Hirnadel. Der typische Junker ver- bindeteinMaximumanCharaktermiteinem Minimum an Intellekt — der typische Li- terat ein Maximum an Intellekt mit einem Minimum an Charakter. Nicht immer und überall mangelte es dem Landadel an Geist, dem Stadtadel an Charakter; wie im England der Neuzeit war im Deutschland der Minnesängerzeit der Blutadel ein hervorragendes Kulturelement; während anderseits der katholische Geistesadel der Jesuiten und der chinesische Geistesadel der Mandarinen in ihrer Blütezeit ebensoviel Charakter wie Geist bewiesen. Im Junker und Literaten gipfeln die Gegensätze des rustikalen und urbanen Menschen. Typischer Beruf der Junkerkaste ist der Offiziersberuf; typischer Beruf der Literatenkaste der Journalistenberuf. 12 Der Junker-Offizier blieb, psychisch wie geistig, auf der Stufe des Ritters stehen. Hart gegen sich und andere, pflichttreu, energisch, standhaft, konservativ und be- schränkt, lebt er in einer Welt dynastischer, militaristi- scher, nationaler und sozialer Vorurteile. Mit einem tiefen Mißtrauen gegen alles Moderne, gegen Großstadt, Demokratie, Sozialismus, Internationalismus verbindet er einen ebenso tiefen Glauben an sein Blut, seine Ehre und die Weltanschauung seiner Väter. Er verachtet den Städter, vor allem den jüdischen Literaten und Jour- nalisten. Der Literat eilt seiner Zeit voran; vorurteilsfrei vertritt er moderne Ideen in Politik, Kunst, Wirtschaft. Er ist fortschrittlich, skeptisch, geistreich, vielseitig, wandel- bar; ist Eudämonist, Rationalist, Sozialist, Materialist. Er überschätzt den Geist, unterschätzt Körper und Charakter: und verachtet daher den Junker als rück- ständigen Barbaren. Wesen des Junkers ist Starrheit des Willens — Wesen des Literaten ist Beweglichkeit des Geistes. Junker und Literat sind geborene Rivalen und Gegner: wo die Junkerkaste herrscht, muß Geist der Gewalt weichen; in solchen reaktionären Zeiten ist der politische Einfluß der Intellektuellen ausgeschaltet oder mindestens eigeschränkt. Herrscht die Literatenkaste, muß die Gewalt dem Geiste weichen: Demokratie siegt über Feudalismus, Sozialismus über Militarismus. Der Haß der Willensaristokratie und der Geistes- aristokratie Deutschlands gegeneinander wurzelt im Mißverstehen. Jede sieht nur die Schattenseiten der anderen und ist blind gegen deren Vorzüge. Die Psyche des Junkers, des Rustikalmenschen, bleibt selbst hoch- stehenden Literaten ewig verschlossen; während fast allen 13 Junkern die Seele des Intellektuellen, des Urban- menschen, fremd bleibt. Statt von dem anderen zu lernen, blickt der jüngste Leutnant mit Geringschätzung auf die führenden Geister moderner Literatur herab, während der letzte Winkeljournalist für hervorragende Offiziere nur überlegene Verachtung empfindet. Durch dieses doppelte Mißverstehen fremder Mentalität hat erst das militaristische Deutschland die Widerstands- kraft der urbanen Massen gegen den Krieg unterschätzt, dann das revolutionäre Deutschland die Widerstands- kraft der rustikalen Massen gegen die Revolution. Die Führer des Landes verkannten die Psyche der Stadt und ihre Neigung zum Pazifismus - — die Führer der Städte verkannten die Psyche des Landvolkes und ihre Neigung zur Reaktion: so hat Deutschland erst den Krieg ver- loren, dann die Revolution. Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten ist darin begründet, daß diese beiden 1 ypen Extreme, nicht Gipfelpunkte von Blut- und Geistesadel sind. Denn die höchste Erscheinungsform des Blutadels ist der Grand-seigneur, des Geistesadels das Genie. Diese beiden Aristokraten sind nicht nur vereinbar: sie sind verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur, war der genialste Römer; Goethe, der Giplel an Genialität, war von allen deutschen Dichtern am meisten Grand-seigneur. Hier wie überall entfernen sich die Mittelstufen am stärksten, während die Gipfel sich berühren. Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokrat des Willens und des Geistes, aber weder Junker noch Literat. Er verbindet Weitblick mit Willensstärke, Lrteilskratt mit Tatkraft, Geist mit Charakter. Fehlen solche synthe- tische Persönlichkeiten, so sollten die divergierenden 14 Aristokraten des Willens und des Geistes einander ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle und Krieger) gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der Kraft des Willens, die Könige vor der Kraft des Geistes: Hirne wiesen die Ziele, Arme bahnten die Wege. 15 3. GENTLEMAN —BOHEMIEN Blut- und Geistesadel Europas schufen sich ihre spezifischen Typen: Englands Blutadel den Gentle- man; Frankreichs Geistesadel den Bohemien. Gentleman und Bohemien begegnen sich im Bestreben, der öden Häßlichkeit spießbürgerlichen Daseins zu ent- fliehen: der Gentleman überwindet sie durch Stil, der Bohemien durch Temperamen t. Der Gentleman setzt der Formlosigkeit des Lebens Form — der Bohemien der Farblosigkeit des Lebens F arbe entgegen. Der Gentleman bringt in die Unordnung menschlicher Beziehungen Ordnung — der Bohemien in deren Un- freiheit Freiheit. Die Schönheit des Gentleman-Ideals beruht auf Form, Stil, Harmonie: sie ist statisch, klassisch, apol- linisch. Die Schönheit des Bohemien-Ideals beruht auf Temperament, Freiheit, Vitalität: sie ist dyna- misch, romantisch, dionysisch. Der Gentleman idealisiert und stilisiert seinen Beich- tum der Bohemien idealisiert und stilisiert seine Armut. Der Gentleman ist auf Tradition gestellt, der Bohemien auf Protest: das Wesen des Gentleman ist konservativ — 16 das Wesen des Bohemien revolutionär. Mutter des Gentleman-Ideales ist England, das konservativste Land Europas — Wiege der Boheme ist Frankreich, das revolutionärste Land Europas. Das Gentleman-Ideal ist die Lebensform einer Kaste — das Boheme-Ideal Lebensform von Persönlichkeiten. Das Gentleman-Ideal weist jenseits von England zurück zur römischen Stoa — das Boheme-Ideal weist jenseits von Frankreich zurück auf die griechische Agora. Die römischen Staatsmänner näherten sich dem Gentle- mantypus, die griechischen Philosophen dem Bohe- mientypus: Cäsar und Seneca waren Gentlemen, Sokrates und Diogenes Bohemiens. Der Schwerpunkt des Gentleman liegt im Physisch- Psychischen — des Bohemien im Geistigen: der Gentle- man darf Dummkopf, der Bohemien darf Verbrecher sein. Beide Ideale sind menschliche Kristallisationsphäno- mene: wie der Kristall nur in unstarrer Umgebung sich bilden kann, so verdanken jene beiden Ideale ihr Dasein der englischen und französischen Freiheit. Im kaiserlichen Deutschland fehlte diese Atmo- sphäre zur Persönlichkeitskristallisation: daher konnte es kein ebenbürtiges Ideal entwickeln. Zum Gentleman fehlte dem Deutschen der Stil, zum Bohemien das Temperament, zu beiden Grazie und Geschmeidigkeit. Da er in seiner Wirklichkeit keine ihm angemessene Lebensform fand, suchte der Deutsche in seiner Dichtung nach idealen Verkörperungen deutschen Wesens: und fand als physisch-psychisches Ideal den jungen Sieg- fried, als geistiges Ideal den alten Faust. Beide Ideale waren romantisch-unzeitgemäß: in der Verzerrung der Wirklichkeit erstarrte das romantische 2 Coudenhove-Kalergi, Adel. 17 Siegfried-Ideal zum preußischen Offizier, zum Leut- nant — das romantische Faust-Ideal zum deutschen Gelehrten, zum Professor. An die Stelle organischer Ideale traten mechanische: der Offizier repräsentiert die Mechanisierung des Psy- chischen: den erstarrten Siegfried; der Professor die Mechanisierung des Geistigen: den erstarrten Faust. Auf keine seiner Klassen war das Wilhelminische Deutschland stolzer als auf seine Offiziere und Profes- soren. In ihnen sah es die Blüte der Nation, wie England in seinen politischen Führern, die romanischen Völker in ihren Künstlern. Will das deutsche Volk Höherentwicklung, so muß es seine Ideale revidieren: seine Tatkraft muß die militäri- sche Einseitigkeit sprengen und sich weiten zu politisch- menschlicher Vielseitigkeit; sein Geist muß die rein- wissenschaftliche Enge sprengen und sich weiten zur Synthese des Dichter-Denkers. Das neunzehnte Jahrhundert hat dem deutschen Volke zwei Männer größten Stiles geschenkt, die diese Forderungen höheren Deutschtums verkörperten: Bis- marck, den Heros der Tat; Goeth e, den Heros des Geistes. Bismarck erneuert, vertieft und belebt das kitschig gewordene Siegfried-Ideal — Goethe erneuert, vertieft und belebt das verstaubte Faust-Ideal. Bismarck hatte die guten Eigenschaften des deutschen Offiziers — ohne dessen Fehler; Goethe hatte die guten Eigenschaften des deutschen Gelehrten — ohne dessen Fehler. In Bismarck überwindet die Überlegenheit des Staatsmannes die Beschränktheit des Offiziers — in Goethe überwindet die Überlegenheit des Dichter- Denkers die Beschränktheit des Gelehrten: in beiden das 18 organische Persönlichkeitsideal das Mechanische, der Mensch die Marionette. Durch seine vorbildliche Persönlichkeit hat Bismarck mehr für die Entwicklung des Deutschtums getan als durch seine Reichsgründung; durch sein olympisches Dasein hat Goethe das deutsche Volk reicher beschenkt als durch seinen Faust: denn Faust ist, wie Goetz, Wer- ther, Meister und Tasso, nur ein Fragment von Goethes Menschentum. Deutschland sollte sich aber hüten, seine beiden lebendigen Vorbilder zu verkitschen und herabzuziehen: aus Bismarck einen Feldwebel, aus Goethe einen Schul- meister zu machen. An der Nachfolge dieser beiden Gipfel deutschen Menschentums könnte Deutschland wachsen und ge- sunden; von ihnen kann es tätige und beschauliche Größe lernen, Tatkraft und Weisheit. Denn Bismarck und Goethe sind die beiden Brennpunkte, um die sich ein neuer deutscher Lebensstil bilden könnte, der den westlichen Idealen ebenbürtig wäre. 2 * 19 4. INZUCHT KREUZUNG Meist ist der Rustikalmenseh Inzuchtprodukt, der Urbanmensch Mischling. Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich aus der gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen aus derselben dünnen Oberschicht, in beiden Fällen sind die Vorfahren untereinander blutsverwandt und daher meist physisch, psychisch, geistig einander ähnlich. Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge, Willenstendenzen, Leidenschaften. Vorurteile. Hem- mungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser Inzucht ergeben, sind: Treue, Pietät, Familiensinn, Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, Be- schränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objek- tivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation nicht Variation der vorhergehenden, sondern einfach deren Wiederholung: an die Stelle von Entwicklung tritt Erhaltung. In der Großstadt begegnen sich Völker. Rassen, Stände. In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegengesetzten Charaktereigen- 20 schäften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungs- losigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosig- keit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite des Horizontes verbinden. Mischlinge unterscheiden sich stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im Sinne der Evolution oder der Degeneration. Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch — der Mischling Mehrseelenmensc h. In jedem Individuum leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: gleichen sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie auseinander, so ist der Mensch vielfältig, kompliziert, differenziert. Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das ist in seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen; die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig zu wollen. So sind, in gewissem Sinne, Weisheit und Tatkraft Widersprüche. Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines Menschen, die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen und sich vorurteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen — - desto schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach einer bestimmten Richtung hin unbedenklich zu handeln: denn jedem Motiv stellen sich Gegenmotive entgegen, jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht in ihre kosmische Redeutungslosigkeit. Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige Mensch sein. Es gibt aber nicht bloß eine unbewußte, 21 naive: es gibt auch eine bewußte, heroische Be- schränktheit. Der heroisch Beschränkte — und zu diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen — schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens aus, bis auf die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv, kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig, einseitig, ungerecht. Weisheit hemmt Tatkraft — Tatkraft ver- leugnet Weisheit. Der stärkste Wille ist wirkungslos, wenn er richtungslos ist; auch ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung aus, wenn er einseitig ist. Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, Schuld: wer sich scheut, dieses Odium zu tragen, der hleihe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit, der Passivität. — Wahrhafte Menschen sind immer schweigsam: denn jede Behauptung ist, in gewissem Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv: denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu handeln, auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun. Inzucht stärkt den Charakter, schwächt den Geist — Kreuzung schwächt den Cha- rakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreu- zung unter glücklichen Auspizien Zusammentreffen, zeugen sie den höchsten Menschentypus, der stärksten Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter unglücklichen Auspizien Inzucht und Mischung sich begegnen, schaffen sie Degenerationstypen mit schwa- chem Charakter, stumpfem Geist. Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmen- 22 den Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunfts- rasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlich- keiten ersetzen. Denn nach den Vererbungsgesetzen wächst mit der Verschiedenheit der Vorfahren die Ver- schiedenheit, mit der Einförmigkeit der Vorfahren die Einförmigkeit der Nachkommen. In Inzuchtfamilien gleicht ein Kind dem anderen: denn alle repräsentieren den einen gemeinsamen Familientypus. In Mischlings- familien unterscheiden sich die Kinder stärker vonein- ander: jedes bildet eine neuartige Variation der diver- gierenden elterlichen und vorelterlichen Elemente. Inzucht schafft charakteristische Typen — Kreuzung schafft originelle Persönlich- keiten. Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist im modernen Europa der Russe als slawisch-tatarisch- finnischer Mischling; weil er, unter allen europäischen Völkern, am wenigsten Rasse hat, ist er der typische Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, allumfassen- den Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare Brite, der hochgezüchtete Einseelenmensch, dessen Kraft im Charakter, im Willen, im Einseitigen, Typischen liegt. Ihm verdankt das moderne Europa den geschlos- sensten, vollendetsten Typus: den Gentleman. 5. HEIDNISCHE UND CHRISTLICHE MENTALITÄT Zwei Seelenformen ringen um Weltherrschaft: Hei- dentum und Christentum. Mit den Konfessionen, die diese Namen tragen, haben jene Seelenformen nur sehr äußerliche Beziehungen. Wird der Schwerpunkt vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus in Ultra-Christentum, während Amerikanismus als modernisiertes Heidentum erscheint. Der Orient ist Hauptträger christlicher, der Okzident Hauptträger heidnischer Mentalität: die „heidnischen“ Chinesen sind bessere Christen als die „christlichen“ Germanen. Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an die Spitze der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist der liebende Heilige, heidnisches Ideal der siegende Held. Christentum will den homo ferus in einen homo dome- sticus wandeln, das Raubtier Mensch in das Haustier Mensch — während Heidentum den Menschen zum Übermenschen umschaffen will. Christentum will Tiger zu Katzen zähmen — Heidentum Katzen zu Tigern steigern. Hauptverkünder modernen Christentums war T o 1- 24 stoi; Hauptverkünder modernen Heidentums Nietz- sche. Die germanische Edda-Religion war reinstes Heiden- tum. Unter christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter als ritterliche, in der Neuzeit als imperialistische und militaristische Weltanschauung. Offiziere, Junker, Kolo- nisatoren. Industriekapitäne sind die führenden Reprä- sentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit, Größe, Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die Ideale des Heidentums; während Liebe. Milde, Demut, Mitleid und Selbstverleugnung christliche Ideale sind. Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich weder mit der Antithese: Rustikalmensch-Urbanmensch, noch mit: Inzucht-Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen Rustikalbarbarei und Inzucht die Entwicklung heid- nischer. Urbanzivilisation und Mischung die Entwicklung christlicher Mentalität. Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur in dünnbevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne sich behaupten und rücksichtslos entfalten kann, ohne gleich in Gegensatz zu seinen Mitmenschen zu geraten. In übervölkerten Gegenden, wo Mensch an Mensch stößt, muß das sozialistische Prinzip gegenseitiger Unter- stützung das individualistische Prinzip des Daseins- kampfes ergänzen und, zum Teil, verdrängen. Christentum und Sozialismus sind inter- nationale Großstadtprodukte. Das Christentum nahm als Weltreligion seinen Ausgang von der rasselosen Weltstadt Rom; der Sozialismus von den national gemischten Industriestädten des Abendlandes. Reide Äußerungen christlicher Mentalität sind auf Inter- nationalismus aufgebaut. Der Widerstand gegen das Christentum ging von der Landbevölkerung aus 25 (pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das der Verwirklichung sozialistischer Lebensform den stärksten Widerstand entgegenstellt. Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden Zentren heidnischen Wollens, dichtbevölkerte südliche Gegenden Brutstätten christlichen Fühlens. Wo heute vom Gegensatz östlichen und westlichen Seelenlebens die Rede ist, wird meistens darunter nichts verstanden als jener Gegensatz zwischen Menschen des Südens und des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kultur- orientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; wah- rend die Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners orientalisch ist. Für die Zustände der Seele scheint der Breitegrad entscheidender zu sein als der Längen- grad. . . Nicht nur die geographische Lage: auch die historische Entwicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines Volkes. Das chinesische wie das jüdische Volk empfinden deshalb christlicher als das germanische, weil ihre Kulturvergangenheit älter ist. Der Germane steht zeitlich dem Wilden näher als der Chinese oder Jude; diese beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher von der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung eman- zipieren, weil sie mindestens drei Jahrtausende länger dazu Zeit hatten. — Heidentum ist ein Symptom kultureller Jugend — Christentum ein Symptom kulturellen Alters. Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben, jedes auf seine Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst das ästhetisch-philosophische Volk der Griechen: im Hellenismus; dann das praktisch-politische Volk der Römer: im Imperium Romanum, schließlich das ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum. 26 Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern (Johannes), geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo) vorbereitet, war regeneriertes Judentum. Soweit Europa christlich ist, ist es (im ethisch-geistigen Sinne) jüdisch; soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch. Fast die ganze europäische Ethik wurzelt im Juden- tum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant und Tolstoi, waren Wahljuden im geistigen Sinne; Nietzsche ist der einzige nicht-jüdische, der einzige heidnische Ethiker Europas. Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter christlicher Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt Pazifismus und Sozialismus heißen, sind Juden. Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par excellence (im Gegensatz zu den ästhetisch-heroischen Japanern und den religiös-spekulativen Indern) — im Westen das jüdische. Gott war Staatsoberhaupt der alten Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches Gesetzbuch, Sünde war Verbrechen. Der theokratischen Idee der Identifikation von Politik und Ethik ist das Judentum im Wandel der J ahrtausende treu geblieben : Christentum und Sozialismus sind beides Versuche, ein Gottesreich zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Ur- christen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer, Erben und Erneuerer mosaischer Tradition; heute sind es weder die Zionisten noch die Christen, sondern die jüdischen Führer des Sozialismus: denn auch sie wollen, mit höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des Kapitalis- mus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und Knechtschaft erlösen und die entsühnte Welt in ein irdisches Paradies wandeln. 27 Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine neue Weltepoche vorbereiten, ist in allem das Ethische primär: in Politik, Religion, Philosophie und Kunst. Von Moses bis Weininger war Ethik Hauptproblem jüdi- scher Philosophie. In dieser ethischen Grundeinstellung zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des jüdischen Volkes — zugleich aber die Gefahr, daß Juden, die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen Egoisten herabsinken: während Menschen anderer Mentalität auch nach Verlust ihrer ethischen Einstellung noch eine Fülle ritterlicher Werte und Vorurteile (Ehrenmann, Gentleman, Kavalier usw.) übrigbehalten, die sie vor dem Sturz in das Werte-Chaos schützen. Was die Juden von den Durchschnitts- Städtern haupt- sächlich scheidet, ist, daß sie Inzuchtmenschen sind. Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe präde- stiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exem- plaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten des Kapitalismus wie der Revolution. 28 I ZWEITER TEIL: KLUSE DES ADELS 6. GEISTESHERRSCHAFT STATT SCHWERTHERRSCHAFT Unser demokratisches Zeitalter ist ein klägliches Zwischenspiel zwischen zwei großen aristokratischen Epochen: der feudalen Aristokratie des Schwertes und der sozialen Aristokratie des Geistes. Die Feudalaristokratie ist im Verfall, die Geistesaristokratie im Werden. Die Zwischenzeit nennt sich demokratisch, wird aber in Wahrheit beherrscht von der Pseudo-Aristokratie des Geldes. Im Mittelalter herrschte in Europa der rustikale Ritter über den urbanen Bürger, heidnische Mentalität über christliche, Blutadel über Hirnadel. Die Überlegenheit des Ritters über den Bürger beruhte auf Körper- und Charakterstärke, auf Kraft und Mut. Zwei Erfindungen haben das Mittelalter bezwungen, die Neuzeit eröffnet: die Erfindung des Pulvers bedeutete das Ende der Ritterherrschaft, die Erfindung des Buchdrucks den Anbruch der Geistesherrschaft. Körperkraft und Mut verloren durch die Einführung der Feuerwaffe ihre ausschlaggebende Bedeutung im Daseins- kampf: Geist wurde, im Ringen um Macht und Freiheit, zur entscheidenden Waffe. 31 Der Buchdruck gab dem Geist ein Machtmittel von unbegrenzter Tragweite; rückte die schreibende Mensch- heit in den Mittelpunkt der lesenden und erhob so den Schriftsteller zum geistigen Führer der Massen. Guten- berg hat den Federn die Macht gegeben, die Schwarz den Schwertern genommen hatte. Mit Hilfe der Druckerschwärze hat Luther ein größeres Reich erobert als alle deutschen Kaiser. In der Epoche des aufgeklärten Despotismus gehorchten Herrscher und Staatsmänner den Ideen, die von Denkern stammten. Die Schriftsteller jener Zeit bildeten eine geistige Aristokratie Europas. Der Sieg des Absolutismus über den Feudalismus bedeutete den ersten Sieg der Stadt über das Land und zugleich die erste Etappe im Siegeslauf des Geistesadels, im Sturz des Schwertadels. An die Stelle der mittelalterlichen Diktatur des Landes über die Stadt trat die neuzeitliche Diktatur der -Stadt über das Land. Mit der französischen Revolution, die mit den Privilegien des Blutadels brach, begann die zweite Epoche der Emanzipation des Geistes. Demokratie beruht auf der optimistischen Voraussetzung, ein geisti- ger Adel könne durch die Volksmehrheit erkannt und gewählt werden. Nun stehen wir an der Schwelle der dritten Epoche der Neuzeit: des Sozialismus. Auch er stützt sich auf die urbane Klasse der Industriearbeiter, geführt von der geistigen Urban-Aristokratie revolutionärer Schrift- steller. Der Einfluß des Blutadels sinkt, der Ein- fluß des Geistesadels wächst. Diese Entwicklung, und damit das Chaos moderner Politik, wird erst dann ein Ende finden, bis eine geistige 32 Aristokratie die Machtmittel der Gesellschaft: Pulver, Gold, Druckerschwärze an sich reißt und zum Segen der Allgemeinheit verwendet. Eine entscheidende Etappe zu diesem Ziel bildet der russische Bolschewismus, wo eine kleine Schar kommunistischer Geistesaristokraten das Land regiert und bewußt mit dem plutokratischen Demokratismus bricht, der heute die übrige Welt beherrscht. Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus um das Erbe des besiegten Blutadels ist ein Bruderkrieg des siegreichen Hirnadels, ein Kampf zwischen indivi- dualistischem und sozialistischem, egoistischem und altruistischem, heidnischem und christlichem Geist. Der Generalstab beider Parteien rekrutiert sich aus der geistigen Führerrasse Europas: dem Judentum. Kapitalismus und Kommunismus sind beide rationa- listisch, beide mechanistisch, beide abstrakt, beide urban. Der Schwertadel hat endgültig ausgespielt. Die Wir- kung des Geistes, die Macht des Geistes, der Glaube an den Geist, die Hoffnung auf den Geist wächst: und mit ihnen ein neuer Adel. ü Coudenhove-KalergijAdel. 33 7. ADELSDÄMMERUNG Im Verlaufe der Neuzeit wurde der Blut- adel durch die Hof -Atmosphäre, der Geistes- adel durch den Kapitalismus vergiftet. Seit dem Ende der Ritterzeit befindet sich der Hoch- adel des kontinentalen Europa, mit spärlichen Aus- nahmen, im Zustande progressiver Dekadenz. Durch seine Urbanisierung hat er seine körperlichen und seelischen Vorzüge verloren. Zur Zeit des Feudalismus war der Blutadel dazu berufen, sein Land gegen Angriffe des Feindes und Übergriffe des Herrschers zu schützen. Der Edelmann war frei und selbstbewußt gegen Untergebene, Gleich- gestellte, Höhergestellte; König auf seinem Landbesitz, konnte er nach ritterlichen Grundsätzen seine Persön- lichkeit frei entfalten. Der Absolutismus änderte diese Situation: der oppo- sitionelle Adel, der, frei, stolz und tapfer, auf seine historischen Rechte bestand, wurde, soweit es ging, aus- gerottet; der Rest wurde an den Hof gezogen und dort in eine glänzende Knechtschaft gedrängt. Dieser Hofadel war unfrei, abhängig von den Launen des Herrschers und seiner Kamarilla; so mußte er seine besten Eigen- 34 schäften verlieren: Charakter, Freiheitsdrang, Stolz:, Führerschaft. Um den Charakter und damit die Wider- standskraft des französischen Adels zu brechen, lockte ihn Ludwig XIV. nach Versailles; der großen Revolution blieb die Vollendung seines Werkes Vorbehalten: sie hat dem Adel, der seine Vorzüge preisgegeben und verloren hatte, seine überlebten Vorrechte genommen. Nur in jenen Ländern Europas, wo der Adel, seiner ritterlichen Mission treu, Führer und Vorkämpfer der nationalen Opposition gegen monarchischen Despotis- mus und Fremdherrschaft blieb, erhielt sich ein adeliger Führertypus: in England, Ungarn, Polen, Italien. Seit der Wandlung der europäischen Kultur aus einer ritterlich-rustikalen in eine bürgerlich-urbane blieb der Blutadel in geistig-kultureller Hinsicht hinter dem Bürgertum zurück. Krieg, Politik und die Verwaltung seiner Güter nahmen ihn so sehr in Anspruch, daß seine geistigen Fähigkeiten und Interessen vielfach verküm- merten. Diese historischen Ursachen neuzeitlicher Adels- dämmerung wurden noch durch physiologische ver- stärkt. An Stelle des harten, mittelalterlichen Kriegs- dienstes brachte die Neuzeit dem Adel meist arbeitsloses Wohlleben; aus dem bedrohtesten Stand wurde der Adel durch seinen Erbreichtum allmählich zum gesichertsten; dazu kamen noch die degenerativen Einflüsse über- triebener Inzucht, denen der englische Adel durch häufige Mischung mit bürgerlichem Blute entging. Durch das Zusammenwirken dieser Umstände verfiel der physische, psychische und geistige Typus einstigen Adels. Der Hirnadel konnte den Blutadel nicht ablösen, weil auch er sich in einer Krise, in einem Verfallzustand 35 befindet. Demokratie entstand aus Verlegenheit: nicht deshalb, weil die Menschen keinen Adel wollten, sondern deshalb, weil sie keinen Adel fanden. Sobald sich ein neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von selbst verschwinden. Weil England echten Adel besitzt, blieb es, trotz seiner demokratischen Verfassung, aristo- kratisch. Der akademische Hirnadel Deutschlands, vor einem Jahrhundert Führer der Opposition gegen Abso- lutismus und Feudalismus, Vorkämpfer moderner und freiheitlicher Ideen, ist heute zur Hauptstütze der Reaktion, zum Hauptgegner geistiger und politischer Erneuerung herabgesunken. Dieser Pseudo-Geistesadel Deutschlands war im Kriege Anwalt des Militarismus, in der Revolution Verteidiger des Kapitalismus. Seine Leit- worte: Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus, Alkoholismus, sind zugleich die ' Losungsworte im Kampfe wider den Geist. Ihre verantwortungsreiche Mission: den Feudaladel abzulösen und den Geistesadel vorzubereiten, hat die akademische Intelligenz verkannt, verleugnet, verraten. Auch die publizistische Intelligenz hat ihre Führermission verraten. Sie, die berufen war, geistige Führerin und Lehrerin der Massen zu werden, zu ergän- zen und zu verbessern, was ein rückständiges Schul- system versäumt und verbrochen hat — erniedrigte sich in ihrer ungeheuren Mehrheit zur Sklavin des Kapitals, zur Verbildnerin des politischen und künstlerischen Geschmackes. Ihr Charakter zerbrach unter dem Zwang, statt eigener Überzeugungen fremde zu vertreten und zu verteidigen — ihr Geist verflachte durch die Über- produktion, zu der ihr Beruf sie zwingt. Wie der Rhetor der Antike, so steht der Journalist der 36 Neuzeit im Zentrum der Staatsmaschine: er bewegt die Wähler, die Wähler die Abgeordneten, die Abgeordneten die Minister. So fällt dem Journalisten die höchste Ver- antwortung für alles politische Geschehen zu: und gerade er, als typischer Vertreter urbaner Charakterlosigkeit, fühlt sich meist von jeder Verpflichtung und Verant- wortung frei. Schule und Presse sind die beiden Punkte, von denen aus die Welt sich unblutig, ohne Gewalt erneuern und veredeln ließe. Die Schule nährt oder ver- giftet die Seele des Kindes; die Presse nährt oder vergiftet die Seele des Erwachsenen. Schule und Presse sind heute beide in den Händen einer ungeistigen Intelligenz: sie in die Hände des Geistes zurückzulegen, wäre die höchste Aufgabe jeder idealen Politik, jeder idealen Revolution. Die Herrscherdynastien Europas sind durch Inzucht herabgekommen; die Plutokratendynastien durch Wohl- leben. Der Blutadel verkam, weil er Diener der Monarchie wurde; der Geistesadel ver- kam, weil er Diener des Kapitals wurde. Beide Aristokratien hatten vergessen, daß mit jedem Vorzug, mit jeder Auszeichnung und Ausnahmestellung Verantwortung verknüpft ist. Sie haben den Wahl- spruch alles wahren Adels verlernt: „Noblesse oblige!“ Sie wollten die Früchte ihrer Vorzugsstellung genießen, ohne deren Pflichten zu tragen; fühlten sich als Herren und Vorgesetzte, nicht als Führer und Vor- bilder ihrer Mitmenschen. Statt dem Volke neue Ziele zu weisen, neue Wege zu bahnen, ließen sie sich von Herrschern und Kapitalisten zu Werkzeugen ihrer Inter- essen mißbrauchen: um Wohlleben, Ehrenstellen und Geld verkauften sie ihre Seelen, ihr Blut und ihr Hirn. 37 Der alte Adel des Blutes und des Hirnes hat den Anspruch verloren, weiter noch als Aristokratie zu gelten; denn es fehlen ihm die Zeichen allen echten Adels: Charakter, Freiheit, Verantwortung. Die Fäden, die sie mit ihren Völkern verbanden, haben sie zer- schnitten : durch Standesdünkel auf der einen, Bildungsdünkel auf der anderen Seite. Es liegt im Sinne historischer Nemesis, daß die große Sintflut, die von Rußland ihren Ausgang nimmt, auf blutigem oder unblutigem Wege die Welt von den Usur- patoren reinigt, die ihre Vorzugsstellungen behaupten wollen, während sie längst deren einstige Voraussetzun- gen verloren haben. 9 38 8. P LUTOKRA TIE Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es nicht zu verwundern, daß eine dritte Menschenklasse provisorisch die Macht an sich riß: die Plutokratie. Die Yerfassungsform, die Feudalismus und Absolutis- mus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform plutokratisch. Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht über- lassen. während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monar- chischen Demokratien sind die Staatsmänner Mario- netten. die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öfl entliehen Meinung die Wähler, durch geschäft- liche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maß- gebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristo- kratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist. Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der 39 Geburtsaristokratie gerechter als heute das der Geld- aristokratie: denn damals hatte die herrschende Kaste Verantwortungsgefühl, Kultur, Tradition — während die Klasse, die heute herrscht, alles Verantwortungs- gefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache. Während die Weltanschauung des Feudalismus heroisch-religiös war, kennt die plutokratische Gesell- schaft keine höheren Werte als Geld und Wohlleben: die Geltung eines Menschen wird taxiert nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er ist. Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in gewissem Sinne eine Aristokratie, eine Aus- lese: denn zur Erraffung großer Vermögen sind eine Reihe hervorragender Eigenschaften nötig: Tatkraft, Umsicht. Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart, Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese Vorzüge legitimieren sich die erfolgreichen Großunter- nehmer als moderne Eroberernaturen, deren überlegene Willens- und Geisteskraft ihnen über die Masse minder- wertiger Konkurrenten den Sieg brachte. Diese Überlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur innerhalb der erwerbenden Menschenklasse — sie ver- schwindet sofort, wenn jene hervorragenden Geldver- diener gemessen werden an den hervorragenden Ver- tretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß ein tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und sozial höher aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen — ungerecht aber ist es. daß seine gesellschaftliche Macht und Geltung höher ist als die eines Künstlers. Gelehrten, Politikers, Schriftstellers. Lehrers, Richters. Arztes, der in seinem Berufe ebenso fähig ist wie jener, dessen Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen 40 dienen: daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem die egoistisch-materialistische Mentalität prämiert gegen- über einer altruistisch-idealen. In dieser Bevorzugung egoistischer Tüch- tigkeit gegenüber altruistischer, materialisti- scher gegenüber idealistischer liegt das Grundübel der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; während die wah- ren Aristokraten des Geistes und Herzens: die Weisen und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usur- pieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung, zu der jene berufen wären. So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller Hinsicht Aristokratie — in ethischer und geistiger Be- ziehung Pseudo-Aristokratie; innerhalb der Erwerbs- klassen Aristokratie — an idealeren Berufen gemessen Pseudo-Aristokratie. Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so befindet sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer Verfallsperiode. Die Söhne und Enkel jener großen Unternehmer, deren Wille, durch Not und Arbeit gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht emporgeführt hatte, erschlaffen zumeist in Wohlleben und Untätigkeit. Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen. Den Plutokratengeschlechtern fehlt jene Tradition und Weltanschauung, jener konservativ-rustikale Geist, der einst die Adelsgeschlechter jahrhundertelang vor Ent- artung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen über- nehmen das Machterbe ihrer Väter ohne die Gaben des Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war. Macht und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und unterhöhlen so die innere Berechtigung des Kapitalismus. Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen 41 Verfall beschleunigt. Durch die Hochkonjunktur des Krieges emporgetragen, beginnt eine neue Schieber P ulokraUe die alte Unternehmer-Plutokratre zu zersetzen und zu verdrängen. Während mit der Berei- cherung des Unternehmers der Volkswohlstand wachst, sinkt er mit der Bereicherung des Schiebers- Die Unt - „ehmer sind Führer der Wirtschaft - die Schiebe deren Parasiten: Unternehmertum ist produ tiv er — Schiebertum unproduktiver Kap '“oie gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupel- josen hemmungslosen und gewissenlosen Menschen den Gelderwerb. Für Spekulation*- und Schiebergewinne sind Glück und Rücksichtslosigkeit unentbehrlicher al hervorragende Willens- und Verstandesgaben. So reprä- sentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher eine Kakistokratie des Charakters als eine Aristo kratie der Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Vei- wilung der Grenzen zwischen Unternehmertum und Schiebertum wird der Kapitalismus vor dem Forum des Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert ^iTeine 2 Aristokratie kann sich ohne moraiische Auto- rität dauernd behaupten. Sobald die herrschende Klasse aufhört, Symbol ethischer und ästhetischer Wer zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam. ' Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen, arm an ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen Funktionen einer Aristokratie, ohne die u urw eines Adels zu bieten. Reichtum ist aber Kleide der Schönheit erträglich, nur als Trage einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkei un 42 aufdringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfrucht- bar und abstoßend. Die europäische Plutokratie vernachlässigt — im Gegensatz zur amerikanischen — ihre ethische Mission ebensosehr wie ihre ästhetische: soziale Wohltäter großen Stiles sind ebenso spärlich wie Mäzene. Statt ihren Daseinszweck im sozialen Kapitalismus zu erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten Volksvermögens zu großzügigen Werken schöpferischer Humanität — fühlen sich die Plutokraten in ihrer erdrückenden Mehrheit berechtigt, ihr Wohlleben ver- antwortungslos auf Massenelend aufzubauen. Statt Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, statt Führer Irreführer. Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer Kultur zieht sich die Plutokratie nicht nur den Haß, sondern auch die Verachtung der öffentlichen Meinung und ihrer geistigen Führer zu: da sie es nicht verstand, Adel zu werden, muß sie fallen. Die russische Revolution bedeutet für die pluto- kratische Geschichtsepoche den Anfang vom Ende. Selbst wenn Lenin unterliegt, wird sein Schatten ebenso das zwanzigste Jahrhundert beherrschen, wie die fran- zösische Revolution trotz ihres Zusammenbruches die Entwicklung des neunzehnten bestimmt hat: nie hätten im kontinentalen Europa Feudalismus und Absolutismus freiwillig abgedankt — wenn nicht aus Angst vor einer Wiederholung jakobinischen Terrors, vor dem Ende des französischen Adels und Königs. So wird es dem Damoklesschwert bolschewistischen Terrors schneller gelingen, die Herzen der Plutokraten zu erweichen und sozialen Forderungen zugänglich zu machen als in zwei Jahrtausenden dem Evangelium Christi. 43 9. BLUTADEL UND ZUKUNFTSADEL Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger Schönheit; Schönheit auf vollendeter Harmonie und gesteigerter Vitalität: wer darin seine Mitwelt über- ragt, ist Aristokrat. Der alte aristokratische Typus ist im Aussterben; der neue noch nicht konstituiert. Unsere Zwischenzeit ist bettelarm an großen Persönlichkeiten: an schönen Menschen; an edlen Menschen; an weisen Menschen. Indessen usurpieren Epigonen des versunkenen Adels die toten Formen einstiger Aristokratie und füllen sie mit dem Inhalt ihrer armseligen Bürgerlichkeit. Die starke Lebensfülle einstigen Adels ist auf Emporkömm- linge übergegangen: doch ihnen fehlen seine Formen, seine Vornehmheit, seine Schönheit. Dennoch braucht die Zeit an der Idee des Adels, an der Zukunft eines Adels nicht zu verzweifeln. Will die Menschheit vorwärtsschreiten, braucht sie Führer, Lehrer, Wegweiser; Erfüllungen dessen, was sie werden will; Vorläufer ihrer künftigen Erhebung in höhere Sphären. Ohne Adel keine Evolution. Eudämo- nistische Politik kann demokratisch — evolutioni- stische Politik muß aristokratisch sein. Um 44 emporzusteigen, um vorwärtszuschreiten sind Ziele nötig; um Ziele zu erreichen, sind Menschen nötig, die Ziele setzen, zu Zielen führen: Aristokraten. Der Aristokrat als Führer ist ein politischer Begriff; der Adelige als Vorbild ist ein ästhetisches Ideal. Höchste Forderung verlangt, daß Aristokratie mit Adel, Führer mit Vorbild zusammenfällt: daß vollendeten Menschen die Führerschaft zufällt. Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei Qualitätsrassen ab: Blutadel und Judentum. Voneinander geschieden, halten sie beide fest am Glau- ben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden hete- rogenen Vorzugsrassen liegt der Kern des europäischen Zukunftsadels: im feudalen Blutadel, soweit er sich nicht vom Hofe, im jüdischen Hirnadel, soweit er sich nicht vom Kapital korrumpieren ließ. Als Bürgschaft einer besseren Zukunft bleibt ein kleiner Rest sittlich hoch- stehenden Rustikaladels und eine kleine Kampfgruppe revolutionärer Intelligenz. Hier wächst die Gemeinschaft zwischen Lenin, dem Mann aus ländlichem Kleinadel, und Trotzki, dem jüdischen Literaten, zum Symbol: hier versöhnen sich die Gegensätze von Charakter und Geist, von Junker und Literat, von rustikalem und urbanem, heidnischem und christlichem Menschen zur schöpferischen Synthese revolutionärer Aristokratie. Ein Schritt vorwärts im Geistigen würde genügen, um die besten Elemente des Blutadels, die auf dem Lande ihre physische und moralische Gesundheit vor den depravierenden Einflüssen der Hofluft bewahrt haben, in den Dienst der neuen Menschenbefreiung zu stellen. Denn zu dieser Stellungnahme prädestiniert sie ihr 45 traditioneller Mut, ihre antibürgerliche und antikapita- listische Mentalität, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Ver- achtung materiellen Vorteils, ihr stoisches Willens- training, ihre Integrität, ihr Idealismus. In geistigere und freiere Bahnen gelenkt, könnten sich die starken adeligen Energien, die bisher Stützen der Reaktion waren, zu neuer Blüte regenerieren und Führernaturen zeugen, die Unbeugsamkeit des Willens mit Seelengröße und Selbst- losigkeit verbinden; und, statt als Exponenten des Bürgertums (das ihnen im Innersten zuwider ist) kapita- listischen Interessen zu dienen, in eine Reihe treten mit den Vertretern des verjüngten Geistesadels zur Befreiung und Veredelung der Menschheit. Politik war in Europa durch Jahrhunderte Adels- privileg. Der Hochadel bildete eine internationale politische Kaste, in der diplomatische Talente heran- gezüchtet wurden. Seit vielen Generationen lebt der europäische Blutadel in einer politischen Atmosphäre, von der das Bürgertum mit Absicht ferngehalten wurde. Auf seinen Latifundien lernte der Adel die Kunst des Regierens, der Menschenbehandlung — auf den führen- den Staatsposten des In- und Auslandes die Kunst der Völkerbehandlung. Politik ist Kunst, nicht Wissenschaft; ihr Schwerpunkt liegt mehr im'Instinkt als im Verstände, mehr im Unterbewußten als im Bewußten. Politische Begabung läßt sich wecken und ausbilden, nie erlernen. Genie durchbricht alle Regeln: an politischen Talenten aber ist der Adel reicher als das Bürgertum. Denn, um Kenntnisse zu erwerben, genügt ein Einzelleben: um Instinkte zu züchten, bedarf es des Zusammenwirkens vieler Generationen. In den Wissenschaften und schönen Künsten überragt das Bürgertum an Begabung den Adel: in der Politik ist das Verhältnis umgekehrt. Daher 46 kommt es, daß auch die Demokratien Europas ihre Außenpolitik vielfach Abkömmlingen ihres Hochadels anvertrauen, denn es liegt im Staatsinteresse, die Erb- masse an politischer Begabung, die der Adel im Laufe der Jahrhunderte aufgespeichert hat, der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Die politischen Fähigkeiten des Hochadels sind nicht zuletzt auf seine starke Blutmischung zurückzuführen. Denn diese nationale Rassenmischung weitet vielfach seinen Horizont und paralysiert so die üblen Folgen gleichzeitiger Kasten-Inzucht. Die große Mehrheit minder- wertiger Aristokraten verbindet die Nachteile der Mischung mit denen der Inzucht: Charakterlosigkeit mit Geistesarmut; während sich in den seltenen Höhepunkten modernen Hochadels die Vorzüge beider begegnen: Charakter mit Geist. In intellektueller Hinsicht klafft heutzutage zwischen der äußersten Rechten (konservativem Blutadel) und der äußersten Linken (revolutionärem Geistesadel) eine gewaltige Niveaudifferenz, während im Charakter diese scheinbaren Extreme sich berühren. Es liegt aber alles Intellektuelle, Bewußte an der Oberfläche — alles Charakteristische, Unbewußte in der Tiefe der Persön- lichkeit. Erkenntnisse und Meinungen sind leichter zu bilden und umzubilden als Charaktereigenschaften und Willensrichtungen. Lenin und Ludendorff sind in ihren politischen Idealen Antagonisten: in ihrer Willenseinstellung Brüder. Wäre Ludendorff im revolutionären Milieu russischen Studententums aufgewachsen; hätte er, wie Lenin, in früher Jugend die Hinrichtung seines Bruders durch kaiserliche Henker erlebt: wir würden ihn, wahrschein- lich. an der Spitze des roten Rußland sehen. Während 47 Lenin, in einer preußischen Kadettenschule großgezogen, vielleicht ein Über-Ludendorff geworden wäre. Was diese beiden verwandten Naturen scheidet, ist ihr geistiges Niveau. Lenins Beschränktheit scheint heroisch-bewußt, Ludendorffs Beschränktheit naiv-unbewußt zu sein. Lenin ist nicht bloß Führer — er ist auch Geistiger, sozusagen ein vergeistigter Ludendorff. Die gleiche Parallele läßt sich ziehen zwischen zwei anderen Vertretern der äußersten Linken und Rechten. Friedrich Adler und Graf Arco. Beide waren Mörder aus Idealismus, Märtyrer ihrer Überzeugung. Wäre Adler im militaristisch-reaktionären Milieu deutschen Blutadels, Arco im sozialistisch-revolutionären Milieu österreichischen Geistesadels aufgewachsen — so hätte, wahrscheinlich, die Kugel Arcos den Ministerpräsidenten Stürgkh, die Kugel Adlers den Ministerpräsidenten Eisner getroffen. Denn auch sie sind Brüder, getrennt durch die Verschiedenheit anerzogener Vorurteile, verbunden durch die Gemeinsamkeit heroisch-selbstlosen Charak- ters. Auch hier liegt der Unterschied im geistigen Niveau (Adler ist Geistesmensch), nicht in der Reinheit der Gesinnung. Wer den Charakter des Einen lobt, darf den des Anderen nicht herabsetzen — wie dies von beiden Seiten täglich geschieht. Wo potenzierte Lebenskraft ist, da ist Zukunft. Die Blüte des Bauerntums, der Landadel, hat (soweit er sich gesund erhielt) in tausendjähriger Symbiose mit der lebendigen und lebenspendenden Natur eine Fülle vitaler Kräfte gesammelt und aufgespeichert. Gelingt es einer modernen Erziehung, einen Teil dieser gesteigerten Lebensenergien ins Geistige zu sublimieren: dann könnte, vielleicht, der Adel der Vergangenheit entscheidenden Anteil nehmen am Aufbau des Adels der Zukunft. 48 10. JUDENTUM UND ZUKUNFTSADEL Hauptträger des korrupten wie des integren Hirn- adels: des Kapitalismus, Journalismus und Literaten- tums, sind Juden*. Die Überlegenheit ihres Geistes prädestiniert sie zu einem Haupt faktor zukünf- tigen Adels. Ein Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes erklärt seinen Vorsprung im Kampf um die Menschheits- führung. Vor zwei Jahrtausenden war das Judentum eine Religionsgemeinschaft, zusammengesetzt aus ethisch- religiös veranlagten Individuen aller Nationen des antiken Kulturkreises, mit einem national-hebräischen Mittel- punkt in Palästina. Damals war bereits das Gemeinsame, Verbindende und Primäre nicht die Nation, sondern die Religion. Im Laufe des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung traten in diese Glaubensgemeinschaft Proselyten aus allen Völkern ein, zuletzt König, Adel und Volk der mongolischen Chazaren, der Herren Süd- rußlands. Von da an erst schloß sich die jüdische Religionsgemeinschaft zu einer künstlichen Volks- * Das Folgende bezieht sich in erster Linie auf Mittel- und Ost- europa. 4 Goudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 49 Unfa.-ENüofhekf Resensbtifa f gemeinschaft zusammen und gegen alle übrigen Völker ab*. Durch unsagbare Verfolgungen versucht seit einem Jahrtausend das christliche Europa das jüdische Volk auszurotten. Der Erfolg war, daß alle Juden, die willens- schwach, skrupellos, opportunistisch oder skeptisch waren, sich taufen ließen, um dadurch den Qualen endloser Verfolgung zu entgehen. Anderseits gingen unter diesen vielfach erschwerten Lebensbedingungen alle Juden zugrunde, die nicht geschickt, klug und erfinderisch genug waren, den Daseinskampf in dieser schwierigsten Form zu bestehen. So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein helden- mütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert von allen willensschwachen und geistesarmen Elementen. Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß veredelt und zu einer Führernation der Zukunft erzogen. Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas ent- wickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Juden- emanzipation eine neue Adelsras se von Geistes Gnaden geschenkt. Der erste typische Repräsentant dieses werdenden Zukunftsadel war der revolutionäre Edeljude L a s s a 1 1 e, der in hohem Maße Schönheit des Körpers mit Edelmut des Charakters und Schärfe des Geistes vereinte: Aristo- krat im höchsten und wahrsten Sinne des Wortes, war er ein geborener Führer und Wegweiser seiner Zeit. * Siehe: „Das Wesen des Antisemitismus“ von Dr. Heinrich Coudenhove-Kalergi (II. Auflage, Paneuropa- Verlag, Wien). Graf 50 Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das Judentum ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger Adel Europas hervorgeht; der Kern, um den sich ein neuer, geistiger Adel gruppiert. Eine geistig-urbane Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, geistvoll und fein- nervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie der Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Ver- folgung, Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen, um die Menschheit sittlicher, geistiger, glücklicher zu machen. Die jüdischen Helden und Märtyrer der ost- und mitteleuropäischen Revolution stehen an Mut, Ausdauer und Idealismus den nicht jüdischen Helden des Welt- krieges in nichts nach — während sie dieselben an Geist vielfach überragen. Das Wesen dieser Männer und Frauen, die es versuchen, die Menschheit zu erlösen und zu regenerieren, ist eine eigentümliche Synthese religiöser und politischer Elemente: von heroischem Märtyrertum und geistiger Propaganda, revolutionärer Tatkraft und sozialer Liebe, von Gerechtigkeit und Mitleid. Diese Wesenszüge, die sie einst zu Schöpfern der christlichen Weltbewegung gemacht haben, stellen sie heute an die Spitze der sozialistischen. Mit diesen beiden Erlösungsversuchen geistig-sittlichen Ursprunges hat das Judentum die enterbten Massen Europas reicher beschenkt als irgendein zweites Volk. Wie denn auch das moderne Judentum durch seinen Prozentsatz an bedeutenden Männern alle übrigen Völker übertrifft: kaum ein Jahrhundert nach seiner Befreiung steht dieses kleine Volk heute mit Einstein an der Spitze moderner Wissenschaft; mit Mahler an der Spitze moderner Musik; mit B e r g s o n an der Spitze moderner Philosophie; mit T r o t z k i an der Spitze 4 * 51 moderner Politik. Die prominente Stellung, die das Judentum heutzutage innehat, verdankt es allein seiner geistigen Überlegenheit, die es befähigt, über eine ungeheuere Übermacht bevorzugter, gehässiger, neidischer Rivalen im geistigen Wettkampf zu siegen. Der moderne Antisemitismus ist eine der vielen Reaktionserscheinungen des Mittelmäßigen gegen das Hervorragende; ist eine neuzeitliche Form des Ostra- kismus, angewandt gegen ein ganzes Volk. Als Volk erlebt das Judentum den ewigen Kampf der Quantität gegen die Qualität, minderwertiger Gruppen gegen höher- wertige Individuen, minderwertiger Majoritäten gegen höherwertige Minoritäten. Die Hauptwurzeln des Antisemitismus sind B e- schränktheit und Neid: Beschränktheit im Reli- giösen oder im Wissenschaftlichen; Neid im Geistigen oder im Wirtschaftlichen. Dadurch, daß sie aus einer internationalen Religions- gemeinschaft, nicht aus einer lokalen Rasse hervor- gegangen sind, sind die Juden das \ olk der stärksten Blutmischung; dadurch, daß sie sich seit einem Jahr- tausend gegen die übrigen Völker abschließen, sind sie das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie beim Hochadel, die Auserwählten unter ihnen Willensstärke mit Geistesschärfe, während ein anderer Teil der Juden die Mängel der Inzucht mit den Mängeln der Blut- mischung verbindet: Charakterlosigkeit mit Beschränkt- heit. Hier findet sich heiligste Selbstaufopferung neben beschränktester Selbstsucht, reinster Idealismus neben krassestem Materialismus. Auch hier bestätigt sich die Regel: je gemischter ein Volk, desto unähnlicher sind seine Repräsentanten untereinander, desto unmöglicher ist es, einen Einheitstypus zu konstruieren. 52 Wo viel Licht, da ist viel Schatten. Geniale Familien weisen einen höheren Prozentsatz an Irrsinnigen und Verbrechern auf als mittelmäßige; das gilt auch von Völkern. Nicht bloß die revolutionäre Geistes- aristokratie von morgen — auch die plutokratische Schieber-Kakistokratie von heute rekrutiert sich vor- nehmlich aus Juden: und schärft so die agitatorischen Waffen des Antisemitismus. Tausendjährige Sklaverei hat den Juden, mit seltenen Ausnahmen, die Geste des Herrenmenschen genommen. Dauernde Unterdrückung hemmt Persönlichkeitsentfal- tung: und nimmt damit ein Hauptelement des ästhetischen Adelsideals. An diesem Mangel leidet, physisch wie psychisch, ein Großteil des Judentums; dieser Mangel ist die Hauptursache, daß der europäische Instinkt sich dagegen sträubt, das Judentum als Adelsrasse anzu- erkennen. Das Ressentiment, mit dem die Unterdrückung das Judentum belastet hat, gibt ihm viel vitale Spannung; nimmt ihm dafür viel vornehme Harmonie. Übertriebene Inzucht, verbunden mit der Hyperurbanität der Ghetto- Vergangenheit, hatte manche Züge physischer und psychischer Dekadenz im Gefolge. Was der Kopf der Juden gewann, hat oft ihr Körper verloren; was ihr Hirn gewann, hat ihr Nervensystem verloren. So leidet das Judentum an einer Hypertrophie desHirnes und stellt sich so in Gegensatz zur adeligen Forderung harmonischer Persönlichkeitsentfaltung. Die körperliche und nervöse Schwäche vieler geistig hervor- ragender Juden zeitigt einen Mangel an physischem Mut (oft in Verbindung mit höchstem moralischen Mut) und eine Unsicherheit des Auftretens: Eigenschaften, die 53 heute noch mit dem ritterlichen Ideal des Adelsmenschen unvereinbar erscheinen. So hat das geistige Herrenvolk der Juden unter Zügen des Sklavenmenschen zu lei- den, die ihm seine historische Entwicklung aufgeprägt hat: noch heute tragen viele jüdische Führerpersönlich- keiten Haltung und Geste des unfreien, unterdrückten Menschen. In ihren Gesten sind herabgekommene Aristokraten oft adeliger als hervorragende Juden. Diese Mängel des Judentums, durch die Entwicklung entstanden, werden durch die Entwicklung wieder ver- schwänden. Die Rustikalisierung des Judentums (ein Hauptziel des Zionismus), verbunden mit sportlicher Erziehung, wird das Judentum vom Ghetto-Rest, den es heute noch in sich trägt, befreien. Daß dies möglich ist, beweist die Entwicklung des amerikanischen Judentums. Der faktischen Freiheit und Macht, die das Judentum errungen hat, wird das Bewußtsein derselben, dem Bewußtsein allmählich Haltung und Geste des freien, mächtigen Menschen folgen. Nicht nur das Judentum wird sich in der Richtung des westlichen Adelsideals wandeln — auch das westliche Adelsideal wird eine Wandlung erfahren, die dem Judentum auf halbem Wege entgegenkommt. In einem friedlicheren Europa der Zukunft wird der Adel seinen kriegerischen Charakter abstreifen und mit einem geistig-priesterlichen vertauschen. Ein pazifi- ziertes und sozialisiertes Abendland wird keine Gebieter und Herrscher mehr brauchen — nur Führer, Erzieher, Vorbilder. In einem orientalischen Europa wird der Zukunftsaristokrat mehr einem Brahmanen und Man- darin gleichen als einem Ritter. 54 AUSBLICK Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch jüdisch, weder bürgerlich noch proletarisch: er wird synthetisch sein. Die Rassen und Klassen im heutigen Sinne werden verschwinden, die Persönlichkeiten bleiben. Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden die entwicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels sich zu neuer Blüte emporringen; erst durch Vereinigung mit den Gipfeln nichtjüdischen Europäertums wird das jüdische Element des Zukunftsadel zur vollen Ent- faltung gelangen. Den auserwählten Menschen der Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter Urbanadel vergeistigte Physiognomien, durchseelte Augen und Hände schenken. Der Adel der Vergangenheit war aufgebaut auf Quantität: der feudale auf die Zahl der Ahnen; der plutokratische auf die Zahl der Millionen. Der Adel der Zukunft wird auf Qualität beruhen: auf persönlichem Wert, persönlicher Vollkommenheit; auf Vollendung des Leibes, der Seele, des Geistes. Heute, an der Schwelle eines neuen Zeitalters, tritt an die Stelle des einstigen Erbadels ein Zufallsadel; 55 statt Adelsrassen adelige Individuen: Menschen, deren zufällige Blutzusammensetzung sie zu vorbildlichen Typen erhebt. Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue inter- nationale und intersoziale Adelsrasse von morgen hervor- gehen. Alles Hervorragende an Schönheit, Kraft, Energie und Geist wird sich erkennen und zusammenschließen nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. Sind erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die Feudalismus und Kapitalismus zwischen den Menschen errichtet haben — dann werden automatisch den bedeu- tendsten Männern die schönsten Frauen zufallen, den hervorragendsten Frauen die vollendetsten Männer. Je vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Gei- stigen ein Mann sein wird — desto größer die Zahl der Frauen, unter denen er wird wählen können. Nur den edelsten Männern wird die Verbindung mit den edelsten Frauen freistehen und umgekehrt — die Minderwertigen werden sich mit den Minderwertigen zufrieden geben müssen. Dann wird die erotische Lebensform der Minder- wertigen und Mittelmäßigen Freie Liebe sein, der Aus- erwählten: Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der Zukunft nicht hervorgehen aus den künstlichen Normen menschlicher Kastenbildung, sondern aus den gött- lichen Gesetzen erotischer Eugenik. Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkom- menheit wird an die Stelle der künstlichen Rangordnung: des Feudalismus und Kapitalismus treten. Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels, mit der Nivellierung der Menschheit begann, wird in der Züchtung des Adels, in der Differenzierung der Mensch- heit gipfeln. Hier, in der sozialen Eugenik, liegt 56 seine höchste historische Mission, die er heute noch nicht erkennt: aus ungerechter Ungleichheit über Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu führen, über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu echtem, neuem Adel. 57 APOLOGIE DER TECHNIK 19 2 2 Motto: Ethik ist die Seele unserer Kultur Technik ihr Leib: mens sana in corpore sanol I. DAS VERLORENE PARADIES 1. DER FLUCH DER KULTUR Die Kultur hat Europa in ein Zuchthaus verwandelt und die M ehrzahl seiner Bewoh- nerinZ wangsarbeiter. — Der moderne Kulturmensch fristet ein elenderes Le- ben als alle Tiere der Wildnis: die einzigen Wesen, die noch bemitleidenswerter sind, als er, sind seine Haus- tiere — weil sie noch unfreier sind. Das Dasein eines Büffels im Urwalde, eines Kondors in den Anden, eines Haifisches im Ozean ist unvergleich- lich schöner, freier und glücklicher als das eines euro- päischen Fabrikarbeiters, der, Tag für Tag, Stunden und Stunden an seine Maschine gekettet, unorganische Handgriffe verrichten muß, um nicht zu verhungern. Auch der Mensch war einst in der Vorzeit ein glück- liches Wesen: ein glückliches Tier. Da lebte er in Frei- heit, als Teil einer tropischen Natur, die ihn nährte und wärmte. Sein Leben bestand in der Befriedigung seiner Triebe; er genoß es, bis ihn ein natürlicher oder gewalt- samer Tod traf. Er war frei; lebte in der Natur — statt im Staate; spielte — statt zu arbeiten: darum war er schön und glücklich. Sein Lebensmut und seine Lebens- 61 freude waren stärker als alle Schmerzen, die ihn trafen und als alle Gefahren, die ihm drohten. Im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch dieses köstliche, freie Dasein verloren. Der Europäer, der sich für den Gipfel der Zivilisation hält, lebt in unnatürlichen und häßlichen Städten ein unnatürliches, häßliches, un- freies, ungesundes, unorganisches Lehen. Mit verküm- merten Instinkten und geschwächter Gesundheit atmet er in düsteren Räumen verdorbene Luft; die organisierte Gesellschaft, der Staat, raubt ihm jede Bewegungs- und Handlungsfreiheit, während ein rauhes Klima ihn zu lebenslänglicher Arbeit zwingt. Die Freiheit, die er einst besaß, hat der Mensch verloren: und mit ihr das Glück. — 2. ENTFALTUNG UND FREIHEIT Alles irdischen Daseins Endziel ist Ent- faltung: das Gestein will auskristallisieren, die Pflanze wachsen und blühen, das Tier und der Mensch sich ausleben. Die Lust, die nur Menschen und Tieren be- kannt ist, hat keinen eigenen, sondern nur symptoma- tischen Wert: das Tier befriedigt nicht seine Instinkte, weil es dabei Lust empfindet — sondern es empfindet Lust, weil es seine Instinkte befriedigt. Entfaltung bedeutet Wachstum nach den Gesetzen des eigenen Innern: Wachstum in Freiheit. Je- der äußere Druck und Zwang hemmt die Freiheit der Entfaltung. In einer determinierten Welt hat Freiheit keine andere Bedeutung als: Abhängigkeit von inneren Gesetzen, während Unfreiheit heißt: Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen. Der Kristall hat nicht die Frei- heit, sich eine beliebige stereometrische Gestalt zu 62 wählen: die Knospe hat nicht die Freiheit, sich zu einer beliebigen Blüte zu entfalten: aber die Freiheit des Ge- steines besteht darin, daß es zum Kristall, die Freiheit der Knospe, daß sie zur Blüte wird. Das unfreie Gestein bleibt amorph oder kristallinisch — die unfreie Blüte verkümmert. In beiden Fällen ist der äußere Zwang stärker als die innere Kraft. — Das Produkt menschlicher Freiheit ist der entfaltete Mensch; das Produkt menschlicher Unfrei- heit: der verkümmerte Mensch. Weil der freie Mensch sich entfalten kann, ist er schön und glücklich. Der freie, entfaltete Mensch ist das Ziel aller Entwicklung und das Maß aller menschlichen Werte. Der Mensch hat seine einstige Freiheit verloren: das war sein S ü n d e n f a 1 1. So wurde er zu einem unglück- lichen, unvollkommenen Geschöpf. Alle wilden Tiere sind schön — während die meisten Menschen häßlich sind. Es gibt viel mehr vollkommene Tiger, Elephanten, Adler, Fische, Insekten als Menschen: denn der Mensch ist, durch Verlust seiner Freiheit, verkümmert und ver- kommen. Die Sage vom verlorenen Paradiese der Vorzeit ver- kündet die Wahrheit, daß der Mensch ein Verbannter ist aus dem Reiche der Freiheit, der Muße und des naturgemäßen Lebens, in dem heute noch die Fauna des Urwaldes lebt und dem, unter den heutigen Menschen, einige Südseeinsulaner noch am nächsten stehen. Das verlorene Paradies ist die Zeit des menschlichen Tier-Daseins in den Tropen, da es noch keine Städte, keine Staaten und keine Arbeit gab. — 63 3. ÜBERVÖLKERUNG UND NORD- WANDERUNG Zwei Dinge haben den Menschen aus sei- nem Paradiese vertrieben: die Übervöl- kerung und die Wanderung in kältere Zonen. — Durch die Übervölkerung hat der Mensch die Freiheit des Raumes verloren: überall stößt er an seine Mitmenschen und deren Interessen — so wurde er zum Sklaven der Gesellschaft. Durch die Auswanderung nach Norden hat der Mensch die Freiheit der Zeit verloren: die Muße. Denn das rauhe Klima zwingt ihn zu unfreiwil- liger Arbeit, um sein Leben zu fristen: so wurde er zum Sklaven der nordischen Natur. Die Kultur hat die drei Formen der Schönheit ver- nichtet, die das Dasein des Naturmenschen verklärten: Freiheit, Muße, Natur; an deren Stelle hat sie den Staat, die A r b e i t und die Stadt gesetzt. Der Kultureuropäer ist ein Verbannter des Südens, ein Verbannter der Natur. — 4. GESELLSCHAFT UND KLIMA Die beiden Zwingherrn des Kultureuro- päers heißen: Gesellschaft und Klima. Die soziale Unfreiheit erreicht ihren Höhe- punkt in der modernen Großstadt, weil hier Gedränge und Übervölkerung am größten sind. Da leben die Men- schen nicht nur nebeneinander, sondern übereinander geschichtet, eingemauert in künstliche Steinblöcke (Häuser); ständig bewacht und beargwöhnt durch die 64 Organe der Gesellschaft, müssen sie sich ungefragt einer Unzahl von Gesetzen und Vorschriften fügen; wenn sie gegen dieselben verstoßen, werden sie von ihren Mit- menschen jahrelang gemartert (eingesperrt) oder er- mordet (hingerichtet). — Weniger drückend als in den Städten ist die soziale Unfreiheit auf dem Lande, am wenigsten drückend in dünn bevölkerten Gegenden, wie etwa Westamerika, Grönland, der Mongolei und Arabien. Dort kann sich noch der Mensch im Raume entfalten, ohne gleich mit der Gesellschaft in Konflikt zu geraten; dort gibt es noch Reste sozialer Freiheit. Die klimatische Unfreiheit ist am drückend- sten in den Kulturländern des Nordens. Dort muß der Mensch einem sonnenarmen Boden während der kurzen Sommermonate die Nahrung für das ganze Jahr ab- trotzen und sich gleichzeitig durch Beschaffung von Kleidung, Wohnung und Heizung vor dem Winterfrost schützen. Sträubt er sich gegen diese Zwangsarbeit, so muß er verhungern oder erfrieren. So zwingt ihn das nordische Klima zu rastloser, aufreibender, mühsamer Zwangsarbeit. — Mehr Freiheit gewährt die Natur in gemäßigten Zonen, wo der Mensch nur dem einen Zwing- herrn: dem Hunger, dienen muß. während der zweite: der Frost, von der Sonne bezwungen wird. Der freieste Mensch ist der tropische, weil dort Früchte und Nüsse ihn auch ohne Arbeit ernähren. Nur dort gibt es noch klimatische Freiheit. Europa ist ein übervölkerter und nördli- cher Erdstrich zugleich: deshalb ist der Europäer der unfreieste Mensch, Sklave der Gesellschaft und der Natur. Gesellschaft und Natur treiben einander ihre Opfer zu: der Mensch, der aus der Stadt in die Einöde flieht, 5 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 65 um dort Schutz zu suchen vor dem Gedränge der Gesell- schaft — sieht sich bedroht vom unbarmherzigen Klima, von Hunger und Frost. Der Mensch, der vor den Naturgewalten in die Stadt flieht und dort bei seinen Mitmenschen Schutz sucht — sieht sich bedroht von der unbarmherzigen Gesellschaft, die ihn ausbeutet und zertritt. — 5. BEFREIUNGSVERSUCHE DER MENSCHHEIT Die Weltgeschichte setzt sich zusammen aus Befreiungsversuchen des Menschen aus dem Kerker der Gesellschaft und de in Exil des Nordens. Die vier Hauptwege, auf denen der Mensch versuchte, in das verlorene Paradies der Freiheit und der Muße heimzukehren, waren folgende: I. Der Weg nach rückwärts (Auswan- derung): zurück zur Einsamkeit und zur Sonne! Mit diesem Ziele wandern seit jeher Menschen und Völker aus dichtbesiedelten Erdstrichen in dünnbesiedelte, aus kälteren in wärmere Zonen. Fast alle Völkerwande- rungen und ein großer Teil der Kriege lassen sich auf diesen ursprünglichen Drang nach Bewegungsfreiheit und Sonne zurückführen. — II. Der Weg nach oben (Macht): hinauf aus dem Menschengedränge in die Einsamkeit, Freiheit und Muße der oberen Zehntausend! Dieser Ruf erscholl, als infolge der Übervölkerung Macht Vorbedingung der Freiheit — und infolge der klimatischen Verhältnisse Macht Vorbedingung der Muße wurde. Denn nur der Mächtige kann sich entfalten, ohne auf seine Mitmenschen 66 Rücksicht nehmen zu brauchen — nur der Mächtige kann sich vom Arbeitszwange befreien, indem er andere für sich arbeiten läßt. In übervölkerten Ländern steht der Mensch vor der Wahl, entweder auf die Köpfe seiner Mitmenschen zu steigen oder seinen eigenen Kopf von ihnen treten zu lassen: Herr oder Knecht, Räuber oder Bettler zu sein. — Dieser allgemeine Drang nach Macht war der Vater der Kriege, Revolutionen und Kämpfe zwischen den Menschen. — III. DerWegnachinnen (Ethik): weg aus dem äußeren Gedränge in die innere Einsamkeit, aus der äußeren Arbeit in die innere Harmonie! Befreiung des Menschen durch Selbstbeherrschung. Selbstbeschrän- kung und Selbstlosigkeit; Bedürfnislosigkeit als Schutz vor Bedürftigkeit; zurückschrauben der Ansprüche auf Muße und Freiheit, bis sie jenem Minimum entsprechen, das eine übervölkerte Gesellschaft und ein rauhes Klima bieten. — Auf diesen Drang, Ersatz für die äußere Un- freiheit und Arbeit in der Freiheit und Seelenruhe des Herzens zu suchen, gehen alle religiösen Bewe- gungen zurück. — IV. Der Weg n ach vorwärts i T e c h n i k) : her- aus aus der Epoche der Sklavenarbeit in ein neues Zeit- alter der Freiheit und Muße durch den Sieg des Men- schengeistes über die Naturkräfte! Überwindung der Überbevölkerung durch Produktionssteigerung, der menschlichen Sklavenarbeit durch Versklavung der Naturkräfte. — Auf dieses Streben, durch Bezwingung der Natur ihre Gewaltherrschaft zu brechen, ist der technische und wissenschaftliche Fort- schritt zurückzuführen. — 67 II. ETHIK UND TECHNIK l.DIE SOZIALE FRAGE Die Schicksalsfrage der europäischen Kultur lautet: „Wie ist es möglich, eine auf den engen Raum eines kalten und kargen Erdteiles zusammenge- drängte Menschheit vor Hunger, Kälte, Totschlag und Überanstrengung zu schützen und ihr die Freiheit und Muße zu geben, durch die sie einst zu Glück und Schön- heit gelangen kann?” Die Antwort lautet: ..Durch Entwicklung der Ethik und der Technik“. — Die Ethik kann den Europäer durch Schule, Presse und Religion aus einem Raubtier in ein Haustier ver- wandeln und ihn dadurch reif zur freien Gemeinschaft machen — die Technik kann durch Steigerung der Produktion und Umwandlung der menschlichen Zwangs- arbeit in Maschinenarbeit dem Europäer die freie Zeit und Arbeitskraft schenken, die er zum Ausbau einer Kultur braucht. Ethik löst die soziale Frage von innen — Technik von außen. — In Europa haben nur zwei Menschenklassen die Vor- aussetzungen zum Glück: die Reichen, die alles tun und haben können, was sie wollen — und die Heiligen, 68 die nicht mehr tun und haben wollen, als ihnen ihr Schicksal gewährt. Die Reichen erobern sich ein objek- tive Freiheit durch ihre Macht, Mitmenschen und Naturkräfte in Organe ihres Wollens zu verwandeln — - die Heiligen erobern sich eine subjektive Frei- heit durch die Gleichgültigkeit, mit der sie irdischen Gütern gegenüberstehen. Der Reiche kann sich nach außen entfalten — der Heilige nach innen. Alle übrigen Europäer sind Sklaven der Natur und der Gesellschaft: Zwangsarbeiter und Gefan- gene. — 2. UNZULÄNGLICHKEIT DER POLITIK Es ist das Ideal der Ethik, aus Europa eine Gemein- schaft von Heiligen zu machen; es ist das Ideal der Technik, aus Europa eine G e- imeinschaft von Reichen zu machen. Die Ethik will die Begehrlichkeit abschaffen, damit die Menschen sich nicht mehr arm fühlen — die Tech- nik will die Not abschaffen, damit die Menschen nicht mehr arm sind. Die Politik ist weder in der Lage, die Menschen zu- frieden zu machen, noch reich. Deshalb müssen ihre eigenmächtigen Versuche, die soziale Frage zu lösen, scheitern. Nur im Dienste der Ethik und Technik kann 'Politik an der Lösung der sozialen Frage mitwirken. Bei dem heutigen Stande der Ethik und Technik wäre das höchste, was Politik erreichen könnte, die Verall- gemeinerung der Unfreiheit, Armut und Zwangsarbeit. Sie könnte diese Übel nur ausglei- chen, nicht aufheben; könnte aus Europa ein Zuchthaus gleichberechtigter Zwangsarbeiter machen — aber kein 69 Paradies. Der Staatsbürger des sozialen Idealstaates wäre unfreier und geplagter als der Südseeinsulaner im Naturzustände: die Kulturgeschichte würde zur Ge- schichte eines verhängnisvollen Betruges am Men- schen. — 3. STAAT UND ARBEIT Solange die Ethik zu schwach ist, um den Menschen vor seinen Mitmenschen zu schützen, und die Technik zu unentwickelt, um deren Arbeitslast auf die Natur- kräfte zu überwälzen, — sucht die Menschheit die Schä- den der Übervölkerung durch den Staat abzuwehren, die Gefahren des Klimas durch die Arbeit. Der Staat schützt den Menschen vor der Willkür der Mitmenschen — die Arbeit vor der Willkür der Naturgewalten. Der organisierte Zwangsstaat gewährt unter gewissen Bedingungen dem Menschen, der auf seine Freiheit verzichtet, den Schutz der Person und des Eigentums gegen die Mord- und Raubgelüste seiner Mit- menschen — die organisierte Zwangsarbeit gewährt in nördlichen Gegenden dem Menschen, der auf seine Zeit und Arbeitskraft verzichtet, Schutz vor dem Verhungern und Erfrieren. — Diese beiden Institutionen begnadigen den Europäer, der von Natur aus als überzählig dem Tode verfallen wäre, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit; um sein Leben zu fristen, muß er seine Freiheit hingeben. Als Staats- bürger ist er eingesperrt in den engen Käfig seiner Rechte und Pflichten — als Zwangsarbeiter ist er ein- gespannt in das harte Joch seiner Arbeitsleistung. Lehnt 70 er sich gegen den Staat auf — so droht ihm der Galgen; lehnt er sich gegen die Arbeit auf — so droht ihm der Hungertod. — 4. ANARCHIE UND MUSSE Staat und Arbeit geben beide vor, Ideale zu sein; sie verlangen von ihren Opfern Ehrfurcht und Liebe. Sie sind aber keine Ideale: sie sind schwer zu ertragende soziale und klimatische Notwendigkeiten. Seit es Staaten gibt, träumt die Sehnsucht des Men- schen von Anarchie, vom idealen Zustande der Staats- losigkeit — seit es Arbeit gibt, träumt die Sehnsucht des Menschen von M u ß e, vom Idealzustand der freien Zeit. Anarchie und Muße sind Ideale — nicht Staat und Arbeit. Anarchie ist in einer dichtbevölkerten Gesellschaft, die nicht auf hoher ethischer Stufe steht, undurch- führbar. Ihre Verwirklichung müßte den letzten Rest an Freiheit und Lebensmöglichkeit, den der Staat seinen Bürgern reserviert, vernichten. In der allgemeinen Panik kollidierender Egoismen würden die Menschen einander erdrücken. Statt zur Freiheit müßte Anarchie zur ärgsten Unfreiheit führen. Bei allgemeiner Muße müßten in einem nördlichen Weltteil innerhalb Monate die Mehrzahl der Menschen verhungern oder erfrieren. Not und Elend würden ihren Gipfel erreichen. — Einsiedler-Anarchien herrschen in Wüsten und Schnee- feldern unter Eskimos und Beduinen; Muße herrscht in dünnbevölkerten und fruchtbaren Südländern. — 71 5. ÜBERWINDUNG VON STAAT UND ARBEIT Zwangsstaat und Zwangsarbeit, die bei- denBeschiitzer und Zwingherrn des Kultur- menschen, können durch keine politische Revolution beseitigt werden; nur durch Ethik und Technik. Bevor nicht Ethik den Zwangsstaat überwunden hat, bedeutet Anarchie allgemeinen Mord und Raub — bevor nicht Technik die Zwangsarbeit überwunden hat, be- deutet Muße allgemeinen Hunger- und Kältetod. Nur durch Ethik kann sich der Bewohner übervöl- kerter Länder aus der Tyrannei der Gesellschaft erlösen, nur durch Technik kann sich der Bewohner kälterer Zonen aus der Tyrannei der Naturgewalten erlösen. Die Mission desStaates ist, durch Förderung der Ethik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Anarchie zu führen — die Mission der Arbeit ist, durch Förderung der Technik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Muße zu führen. Nicht die freiwillige Menschengemeinschaft ist Fluch — sondern nur der Zwangsstaat; nicht die freiwillige Arbeit ist Fluch — sondern nur die Zwangsarbeit. Nicht Zügellosigkeit ist Ideal - — sondern Freiheit: nicht Müßiggang ist Ideal — sondern Muße. Zwangsstaat und Zwangsarbeit sind Dinge, die überwunden werden müssen: aber sie können nicht überwunden werden durch Anar- chie und Muße, bevor nicht Ethik und Technik ausge- reift sind; um dahin zu gelangen, muß der Mensch den Zwangsstaat ausbauen, um die Ethik zu fördern — die Zwangsarbeit ausbauen, um die Technik zu fördern. 72 Der Weg zur ethischen Anarchie führt über Staatszwang — der Weg zur techni- schen Muße führt über Arbeitszwang. Die Kurve der Kulturspirale, die aus dem Paradiese der Vergangenheit in das Paradies der Zukunft führt, nimmt folgenden Doppellauf: N aturanarchie — Übervölkerung — Zwangsstaat — Ethik — Kulturanarchie; Naturmuße — Nordwanderung — Zwangs- arbeit — Technik — Kulturmuße. Wir befinden uns heute in der Mitte dieser Kurven, von beiden Paradiesen weit entfernt: daher unser Elend. Der moderne Durchschnittseuropäer ist nicht mehr Naturmensch — aber noch nicht Kulturmensch; nicht mehr Tier — aber noch nicht Mensch; nicht mehr Teil der Natur — aber noch nicht Herr der Natur. — 6. ETHIK UND TECHNIK EthikundTechniksindSch western: Ethik beherrscht die Naturkräfte in uns, Technik beherrscht die Naturkräfte u m uns. Beide suchen die Na- tur zu bezwingen durch gestaltenden Geist. Ethik sucht durch heroische Verneinung den Men- schen zu erlösen: durch Resignation — Technik durch heroische Bejahung: durch Tat. Ethik kehrt den Machtwillen des Geistes nach innen: sie will den Mikrokosmos erobern. — Technik kehrt den Machtwillen des Geistes nach außen: sie will den Makrokosmos erobern. Weder Ethik noch Technik allein kann den nordi- schen Menschen erlösen: denn eine darbende und frie- rende Menschheit kann durch Ethik weder gesättigt 73 noch erwärmt werden — eine böse und begehrliche Menschheit durch Technik weder vor sich selbst ge- schützt noch befriedigt werden. Was nützt den Menschen alle Sittlichkeit, wenn sie dabei verhungern und erfrieren? Und was nützt den Menschen aller technische Fortschritt, wenn sie ihn da- zu mißbrauchen, einander zu schlachten und zu verstüm- meln? Kultur-Asien leidet mehr an Übervölkerung als an Frost: es konnte daher leichter auf Technik verzich- ten und sich seiner ethischen Entwicklung hingeben als Europa, wo Ethik und Technik einander ergänzen müssen. — 74 III. ASIEN UND EUROPA 1. ASIEN UND EUROPA Asiens Größe liegt in seiner Ethik — Europas Größe in seiner Technik. Asien ist der Lehrmeister der Welt in der Selbst- beherrschung. — E u r o p a ist der Lehrmeister der Welt in der Natur- beherrschung. In Asien lag der Schwerpunkt der sozialen Frage in Übervölkerung — in Europa im Klima. Asien mußte vor allem versuchen, ein friedliches Zu- sammenleben zwischen einer Überzahl von Menschen zu ermöglichen: das konnte es nur durch Erziehung des Menschen zur Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung, durch Ethik. Europa mußte vor allem versuchen, die Schrecken des Hungers und der Kälte zu bannen, die seine Bewoh- ner ständig bedrohten: das konnte es nur durch Arbeit und Erfindung, durch Technik. — Es gibt zwei Grundwerte des Lebens: Harmonie undEnergie; auf sie sind alle übrigen Werte zuriick- zuführen. Asiens Größe und Schönheit beruht auf Harmonie. 75 Europas Größe und Schönheit beruht auf Energie; Asien lebt im Raume: sein Geist ist beschaulich, in sich gekehrt, ruhig und geschlossen; es ist weiblich, pflanzenhaft, statisch, apollinisch, klassisch, idyllisch — - Europa lebt in der Zeit: sein Geist ist tätig, nach außen gerichtet, bewegt und zielstrebig; es ist männlich, tierhaft, dynamisch, dionysisch, romantisch, heroisch. Asiens Symbol ist das allumfassende Meer, der Kreis — Europas Symbol ist der vorwärtsstrebende Strom, die Gerade. Hier enthüllt sich der tiefste Sinn des kosmischen Svmboles Alpha und Omega. In der Zeichensprache vermittelt es uns jene mystische, immer wiederkehrende P o 1 a r i tä t von Kraft und Form, von Zeit und Raum, von Mensch und Kosmos, die sich hinter der Seele Europas und Asiens verbirgt: das große Omega, der Kreis, dessen weites Tor dem Kosmos zu offensteht — ist ein Sinnbild der gött- lichen Harmonie Asiens; das große Alpha, ein nach oben weisender spitzer Winkel, der das Omega durchstößt — ist ein Sinnbild der menschlichen Aktivität und Zielstrebigkeit Europas, die mit der ewigen Ruhe Asiens bricht. A und S sind auch im Freud’schen Sinne unverkennbare Symbole des männlichen und des weiblichen Geschlech- tes: die Vereinigung dieser Zeichen bedeutet Zeugung und Leben und offenbart den ewigen Dualismus der Welt. Die gleiche Symbolik liegt wahrscheinlich auch den Ziffern 1 und 0 zugrunde: das endliche Eins als Protest gegen die unendliche Null — Ja gegen Nein. — 76 2. KULTUR UND KLIMA Die Seele Asiens und Europas ist hervor- gegangen aus dem asiatischen und europäi- schen Klima. Asiens Kulturzentren liegen in warmen — Europas Kulturzentren in kalten Gegenden. Das ergab ihre gegensätzliche Einstellung zur Natur: während sich der Südländer als Kind und Freund seiner freigebig spen- denden Natur fühlen darf — ist der Nordländer gezwun- gen, in hartem Kampfe alles, was er zum Leben braucht, einem geizigen Boden abzuringen; so steht er vor der Wahl: entweder Herr oder Knecht der Natur zu werden — auf jeden Fall aber ihr Gegner. Im Süden war die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur friedlich-harmonisch — im Norden war sie kriegerisch-heroisch. Europas Dynamik erklärt sich dadurch, daß es das nördliche Kulturzentrum der Erde ist. Seit zehntausenden von Jahren stellen Kälte und Karg- heit des Bodens den Europäer vor die Wahl: „Arbeite oder stirb!“ Wer nicht arbeiten wollte oder konnte, mußte verhungern oder erfrieren. Durch viele Geschlech- ter rottete der nordische Winter systematisch die schwa- chen, passiven, trägen und beschaulichen Europäer aus und züchtete so einen harten, tätigen, heroischen Menschenschlag. Seit prähistorischer Zeit ringt die weiße, länger noch die blonde Menschheit mit dem Winter, der sie ge- bleicht, zugleich aber gestählt hat. Dieser vorzeitlichen Abhärtung hat es der Europäer zu verdanken, daß er seine Gesundheit und Tatkraft durch all seine Kultur- sünden hindurch bis heute bewahrt hat. 77 Der weiße Mensch ist ein Sohn des Win- ters, der Sonnenferne: um die Kälte zu überwinden, mußte er Muskeln und Geist zu Höchstleistungen an- spannen und selber neue Sonnen schaffen; mußte die ewig feindliche Natur überwinden, umschaffen, unter- werfen. Unter diesem Zwang, zwischen Tat und Tod zu wäh- len, entstand am Nordrande jeder Kultur ihr stärkster, heroischster Typus: in Europa der Germane (Nor[d]- manne), in Asien der Japaner, in Amerika der Azteke. — Die Hitze zwingt den Menschen, seine Aktivität auf ein Minimum zu beschränken — die Kälte zwingt ihn, seine Aktivität auf ein Maximum zu steigern. Stets hat der aktive, heroische Mensch des Nordens den passiven, harmonischen Süden besiegt und erobert: dafür hat dann der kultiviertere Süden den barbari- schen Nordmenschen assimiliert und zivilisiert — bis er schließlich selbst durch einen neuen Norden erobert, barbarisiert und regeneriert wurde. Die meisten kriegerischen Eroberungen in der Geschichte gehen von Nordvölkern aus und richten sich gegen den Süden — die meisten geistig-reli- giösen Störungen gehen von den Südvölkern aus und wenden sich gegen Norden. Europa ist religiös von Juden, — - militärisch von Ger- manen erobert worden: in Asien siegten die Religionen Indiens und Arabiens: — während dessen politische Vormacht Japan ist. Die aktiven Völker wärmerer Zonen (Araber. Türken, Tartaren, Mongolen) stammen aus Wüsten oder Steppen: hier war an Stelle des nordischen Winters die Dürre des Bodens ihr Zuchtmeister: aber auch hier vollzog sich 78 zwangsläufig der Sieg des heroischen Men- schen über den idyllischen, des aktiven über den passiven, des hungrigen über den satten. — 3. DIE DREI RELIGIONEN Indiens Hitze, die jede Tätigkeit lähmt, schuf dessen beschauliche Mentalität; Europas Kälte, die zur Tätigkeit zwingt, schuf dessen aktive Mentalität; Chinas mittlere Temperatur, die einen har- monischen Wechsel von Tätigkeit und Reschaulichkeit verlangt, schuf dessen harmonische Mentali- tät. Diese drei T emperaturen haben drei religiöse Grundtypen gezeugt: den beschaulichen, he- roischen und harmonischen Typus. Die heroische Religion und Ethik des Nordens kommt zum Ausdruck in der Edda sowie in der Welt- anschauung des europäischen und japanischen Ritter- tums, und erlebt ihre Auferstehung in der Lehre Nietz- sches. Ihre höchsten Tugenden sind Tapferkeit und Tat- kraft. ihr Ideal ist der Kampf und der Held: Siegfried. Die b e s c h a u 1 i c h e Religion und Ethik des Sü- dens findet ihre Vollendung im Buddhismus. Ihre höch- sten Tugenden sind Entsagung und Milde, ihr Ideal ist der Friede und der Heilige: Buddha. Die harmonische Religion und Ethik der Mitte entfaltete sich im Westen in Hellas, im Osten in China. Sie fordert weder die Askese des Kampfes noch der Ent- sagung. Sie ist optimistisch und diesseitig; ihr Ideal ist der edle Mensch: der Weise Konfuzius, der Künstler 79 Apollon. Das griechische Ideal des apollinischen Men- schen steht in der Mitte zwischen dem germanischen Helden Siegfried und dem indischen Heiligen Buddha. — Alle religiösen und ethischen Gebilde sind Kombina- tionen aus diesen drei Grundtypen. Jede Religion, die sich ausbreitet, muß sich diesen klimatischen Forderun- gen anpassen. So nähert sich das orientalische Christen- tum der Südreligion, das katholische der Mittelreligion, das protestantische der Nordreligion. Das gleiche gilt vom Buddhismus in Ceylon, China und Japan. — Das Christentum hat unserer Kultur die asiati- schen Werte des Südens übermittelt; die Renaissance hat uns die antiken Werte der Mitte übermittelt; das Rittertum hat uns die germanischen Werte des Nordens übermittelt. — 4. HARMONIE UND KR A F T Europas Kultunverte sind gemischt — sein Geist vor- wiegend nordisch. An Güte und Weisheit ist der Orientale dem Europäer überlegen — an Tatkraft und Klugheit steht er ihm nach. Die europäische Ehre ist ein heroischer Wert — die orientalische Würde ein harmonischer. Dauernder Kampf härtet, dauernder Friede mildert das Herz. Darum ist der Orientale milder und sanfter als der Europäer. Dazu kommt, daß die soziale Vergan- genheit der Inder, Chinesen, Japaner und Juden um ein vielfaches älter ist als die der Germanen, die noch vor 2000 Jahren in Anarchie lebten: so konnten die Asiaten ihre sozialen Tugenden besser und länger entwickeln als die Europäer. 80 Der Güte des Herzens entspricht die Weisheit des Geistes. Weisheit beruht auf Harmonie — Klugheit auf Schärfe des Geistes. Auch Weisheit ist eine Frucht des reiferen Südens, die im Norden selten ist. Selbst die Philosophen Europas sind selten weise, seine Ethiker selten gütig. Noch die antike Kultur war reicher an weisen Männern, deren Gesamtpersönlichkeit den Stempel geklärter Geistigkeit trug — während dieser Typus im modernen Europa (unter Christen) beinahe ausgestorben ist. Auch das hängt mit der kulturellen Jugend der Germanen zu- sammen und mit der Leidenschaftlichkeit des europäi- schen Geistes. Dazu kommt, daß im christlichen Mittel- alter die Klöster mitten in einer kriegerischen und tätigen Welt die einzigen Asyle waren für beschauliche Weis- heit: dorthin zogen sich die Weisen zurück und starben, als Opfer des Keuschheitsgelübdes, aus. Die europäischen Christusbilder blicken ernst und traurig — während die Buddhastatuen lächeln. Die Denker Europas sind tiefernst — während die Weisen Asiens lächeln: denn sie leben in Harmonie mit sich, der Gesellschaft und der Natur, nicht im Kampfe; beginnen jede Reform an sich, statt an anderen und wirken so mehr durch ihr Beispiel als durch Bücher. Jenseits des Denkens finden sie ihre Kindlichkeit wieder — während Europas Denker früh vergreisen. Und dennoch ist Europa auf seine Art ebenso groß wie Asien: aber seine Größe liegt weder in der Güte noch in der Weisheit — sondern in der Tatkraft und im Erfindergeist. Europa ist der Held der Erde; auf jeder Kampffront der Menschheit steht es an der Spitze der Völker: in Jagd, Krieg und Technik hat der Euro- 6 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 81 päer mehr geleistet als irgendein historisches Kulturvolk vor oder neben ihm. Er hat fast alle gefährlichen liere in seinen Ländern ausgerottet; hat fast alle dunkel- farbigen Völker besiegt und unterworfen, und schließ- lich durch Erfindung und Arbeit, durch Wissenschaft und Technik eine solche Macht über die Natur errungen, wie nie und nirgends zuvor für möglich gehalten wurde. Asiens W e 1 1 m i s s i o n ist die Erlösung der Menschheit durch Ethik — EuropasWeltmission ist die Befreiung der Menschheit durch Technik. Europas Symbol ist nicht der Weise, nicht der Heilige, nicht der Märtyrer — sondern der Held, der Kämpfer, Sieger und Befreier. — 82 IV. EUROPAS TECHNISCHE WELT- MISSION 1. DER EUROPÄISCHE GEIST Mit der Neuzeit beginnt die große Kulturmission Europas. Das Wesen Europas ist der Wille, die Welt durch Taten zu verändern und zu verbessern. Europa strebt bewußt aus der Gegenwart in die Zukunft; es be- findet sich im Zustande ständiger Emanzipation, Refor- mation, Revolution; es ist neuerungssüchtig, skeptisch, pietätlos und ringt mit seinen Gewohnheiten und Tradi- tionen. In der jüdischen Mythologie entspricht der europäi- sche Geist Luzifer — in der griechischen Prome- theus: dem Lichtbringer, der den göttlichen Funken zur Erde trägt, der sich auflehnt gegen die himmlisch- asiatische Harmonie, gegen die göttliche Weltordnung, der Fürst dieser Erde, der Vater des Kampfes, der Tech- nik, der Aufklärung und des Fortschrittes, der Führer des Menschen in seinem Ringen gegen die Natur. Der Geist Europas hat den politischen Despotismus ge- brochen, und die Gewaltherrschaft der Naturkräfte. Der Europäer ergibt sich nicht in sein Schicksal, sondern sucht es durch Tat und Geist zu meistern: als A k t i v i s t und als Rationalist. 6 * 83 2. HELLAS ALS VOR-EUROPA Hellas war der Vorläufer Europas; es emp- fand zuerst den Wesensunterschied zwischen sich und Asien und entdeckte seine aktivistisch-rationalistische Seele. Sein Olymp war nicht ein Paradies des Friedens — sondern eine Stätte des Kampfes; sein höchster Gott war ein pietätloser Rebell. Hellas stürzte seine Könige und Götter — und setzte an deren Stelle den Staat des Bürgers und die Religion des Menschen. Diese europäische Periode Griechenlands begann mit dem Sturze der Tyrannen und schloß mit der asiatischen Despotie Alexanders und der Diadochen; fand eine kurze Fortsetzung im republikanischen Rom um sich dann endgültig an das römische Kaiserreich zu verlieren. Alexander der Große, die hellenistischen Könige und römischen Kaiser waren Erben der asiatischen Idee des Großkönigtums. Das römische Kaiserreich unterschied sich in keiner wesentlichen Hinsicht von den orienta- lischen Despotien Chinas, Mesopotamiens, Indiens und Persiens. — Im Mittelalter war Europa eine geistige Kulturprovinz Asiens. Es war beherrscht von der asiatischen Religion Christi. Asiatisch war seine religiöse Kultur, seine mystische Grundstimmung, seine monar- chische Staatsform und der Dualismus von Päpsten und Kaisern, Mönchen und Rittern. Erst mit der Emanzipation Europas vom Christentum — die mit Renaissance und Reformation begann, in der Aufklärung ihre Fortsetzung und in Nietzsche ihren Höhepunkt fand — - kam Europa wieder zu sich und trennte sich geistig von Asien. — 84 Die europäische Kultur ist die Kultur der Neuzeit. — 3. DIE TECHNISCHEN GRUNDLAGEN EUROPAS Die Welt Philipps II. bedeutet in keiner wesentlichen Hinsicht einen Kulturfort- schritt gegenüber der Welt Hammurabis: weder in der Kunst, noch in der Wissenschaft, noch in der Politik, noch in der Justiz, noch in der Verwaltung. In den dreieinhalb Jahrhunderten, die zwischen uns und Philipp liegen, hat sich die Welt gründlicher ge- ändert als in den vorhergehenden dreieinhalb Jahr- tausenden. Es war die Technik, die Europa aus seinem asiati- schen Dornröschenschlaf des Mittelalters weckte. Sie hat Rittertum und Feudalismus durch die Erfindung der Feuerwaffe — Papsttum und Aberglauben durch Er- findung des Buchdruckes besiegt; durch Kompaß und Schiffstechnik hat sie dem Europäer die fremden Welt- teile erschlossen, die sie dann, mit Hilfe des Pulvers, er- obert hat. Der Fortschritt der modernen Wissenschaften ist von der Entwicklung der Technik nicht zu trennen: ohne Teleskop gäbe es keine moderne Astronomie, ohne Mikroskop keine Bakteriologie. Auch die moderne Kunst steht in engstem Zusam- menhänge mit der Technik: die moderne Instrumental- musik, die moderne Architektur, das moderne Theater ruhen teilweise auf technischer Grundlage. Die Wirkung der Photographie auf die Porträtmalerei wird sich eben- falls verstärken: denn, da die Photographie in der S5 Reproduktion der Gesichtsformen unübertrefflich ist, wird sie die Malerei zwingen, sich auf ihr eigenstes Feld zurückzuziehen und das Wesen, die Seele des Menschen festzuhalten. — Eine ähnliche Wirkung wie die Photo- graphie auf die Malerei könnte die Kinematographie auf das Theater ausüben. Die moderne Strategie hat sich unter dem Einfluß der Technik gründlich geändert. Aus einer psychologi- schen Wissenschaft ist Kriegskunst vorwiegend zu einer technischen geworden. Die heutigen Kriegsmethoden unterscheiden sich von den mittelalterlichen wesentlicher als diese von der Kampfesweise der Naturvölker. Die ganze Politik der Gegenwart steht im Zeichen der technischen Entwicklung: Demokratie, Nationalis- mus und Volksbildung lassen sich auf die Erfindung des Buchdruckes zurückführen; Industrialismus und kolo- nialer Imperialismus. Kapitalismus und Sozialismus sind Folgeerscheinungen des technischen Fortschrittes und der durch ihn bedingten Umstellung der Weltwirtschaft. Wie der Ackerbau eine patriarchalische, das Handwerk eine individualistische Mentalität schafft — so schafft die gemeinsame, organisierte Industiearbeit die soziali- stische Mentalität: die technische Organisation der Arbeit spiegelt sich wieder in der sozialistischen Organisation der Arbeiter. Endlich hat der technische Fortschritt den Euro- päer selbst verändert: er ist hastiger, nervöser, unbe- ständiger, wacher, geistesgegenwärtiger, rationalistischer, tätiger, praktischer und klüger geworden. Streichen wir all diese Folgeerscheinungen der Tech- nik von unserer Kultur ab, so steht das. was übrig bleibt, in keiner Hinsicht höher als die alt-ägyptische und alt- babvlonische Kultur — in mancher Hinsicht sogar tiefer. 86 DerTechnikalsoverdanktEuropaseinen Vorsprung vor allen anderen Kulturen. Erst durch sie wurde es zum Herrn und Führer der Welt. Europa ist eine Funktion der Technik. Amerika ist die höchste Steigerung Europas. — 4. TECHNISCHE WELTWENDE Das technische Zeitalter Europas ist ein weltgeschichtliches Ereignis, dessen Bedeutung mit der Erfindung der Feuerung in der menschlichen Urzeit zu vergleichen ist. Mit der Erfindung des Feuers begann die Geschichte der menschlichen Kultur, begann die Menschwerdung des Tiermenschen. Alle folgenden geistigen und materiellen Fortschritte der Menschheit bauen sich auf diese Entdeckung des Ur-Europäers Prometheus auf. Die Technik bezeichnet einen ähnlichen Wende- punkt in der Menschheitsgeschichte wie das Feuer, ln Zehntausenden von Jahren wird die Geschichte eingeteilt werden in eine vor-technische und in eine nach-technische Ep o c h e. Der Europäer, — der bis dahin längst ausgestorben sein wird — wird von jener künftigen Menschheit als Vater der technischen Weltwende wie ein Erlöser gepriesen werden. Die Wirkungsmöglichkeiten des technischen Zeit- alters, an dessen Beginn wir stehen, sind unübersehbar. Es schafft die materiellen Grundlagen für alle kommen- den Kulturen, die sich durch ihre veränderte Basis wesentlich von allen bisherigen unterscheiden werden. Alle bisherigen Kulturen, von der altägyptischen und chinesischen bis zu der des Mittelalters, waren einander in ihrem Ablauf und in ihrer Entfaltung so ähnlich, weil 87 sie auf den gleichen technischen Voraussetzungen ruhten. Von der ägyptischen Frühzeit bis zum Ausgange des Mittelalters hat die Technik keinen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen. Die Kultur, die aus dem technischen Zeit- alter hervorgehen wird, wird ebenso hoch über der antiken und mittelalterlichen stehen — wie diese über den Kulturen der Steinzeit. — 5. EUROPA ALS KULTURTANGENTE Europa ist kein Kulturkreis — es ist eine Kulturtangente: die Tangente zum großen Kreis- läufe der orientalischen Kulturen, die entstanden, blühten und vergingen, um an anderer Stelle verjüngt wieder aufzuerstehen. Diesen Kulturkreislauf hat Europa gesprengt und in dessen Bahn eine Richtung getragen, die unbekannten Lebensformen entgegenführt. Innerhalb der orientalischen Kulturen des Ostens und des Westens war alles schon dagewesen: die technische Kultur Europas aber ist etwas Niedagewesenes, etwas wahrhaft Neues. Europa ist ein Übergang zwischen dem in sich geschlossenen Komplex aller bisheri- gen historischen Kulturen und den Kultur- formen der Zukunft. Ein Zeitalter, das dem europäischen an Bedeutung und Dynamik vergleichbar ist, dessen Spuren wir aber verloren haben, muß der altbabylonischen, altchinesi- schen und altägyptischen Kultur vorausgegangen sein. Dieses prähistorische Vor-E uropa hat das 88 Fundament geschaffen für alle Kulturen der letzten Jahrtausende; wie das moderne Europa war es eine Kulturtangente, die sich losgelöst hatte vom Kreisläufe der prähistorischen Vor-Kulturen. Der Ablauf der großen Weltgeschichte setzt sich zusammen aus asiatischen Kul- turkreisläufen und europäischen Kultur- tangenten. Ohne diese Tangenten (die nur im geisti- gen, nicht im geographischen Sinne europäisch sind) gäbe es nur Entfaltung, nicht Entwicklung. Nach einer langen Periode der Reife löst sich immer wieder ein geniales Volk aus dem Dunkel der Zeiten, sprengt den natürlichen Kulturablauf und hebt die Menschheit auf eine höhere Stufe. Erfindung e n. nicht Dichtungen oder Religionen, bezeichnen diese Jäten der Kulturentwicklung: die Er- findung der Bronze, des Eisens, der Elektrizität. Diese Erfindungen bilden das ewige Vermächtnis eines Zeit- alters an alle kommenden Kulturen. Von der Antike wird nichts übrig bleiben — während die Neuzeit die Kultur bereichert durch die Bezwingung der Elektrizität und anderer Naturkräfte: diese Erfindungen werden den Faust überleben, die Göttliche Komödie und die Ilias. Mit dem Mittelalter schloß der Kulturkreis des Eisens — mit der Neuzeit beginnt der Kulturkreis der Maschine: hier beginnt nicht eine neue Kultur — son- dern ein neues Zeitalter. Schöpfer dieses technischen Zeitalters ist das geniale Promethiden-Volk der germanisierten Europäer. Auf ihrem Erfindergeist beruht die moderne Kultur ebenso wie auf der Ethik der Juden, der Kunst der Hellenen und der Politik der Römer. — 89 6. LIONARDO UND BACON Zu Beginn des technischen Zeitalters haben zwei große Europäer den Sinn Europas vorausgeahnt: Lionardo da Vinci und Baconvon Verulam. Lionardo widmete sich technischen Aufgaben mit der gleichen Leidenschaft wie künstlerischen. Sein Lieb- lingsproblem war der Menschenflug, dessen Lösung un- sere Zeit staunend miterlebt hat. In Indien soll es Joghis geben, die durch Ethik und Askese die Schwerkraft aufheben und in der Luft schweben können; in Europa bezwang der Erfindergeist von Ingenieuren und dessen Materialisation: das Flugzeug, die Schwerkraft auf technischem Wege. Levitation und Flugtechnik stellen symbolisch den asiatischen und europäischen Weg zur Macht und Freiheit des Men- schen dar. — Bacon war der Schöpfer der kühnen technischen Utopie „Nova Atlantis". Ihr technischer Charakter unterscheidet sie wesentlich von allen vorhergehenden Utopien; von Platon bis Morus. Der Wandel des mittelalterlich-asiatischen Denkens in ein neuzeitlich-europäisches drückt sich aus in dem Gegensatz von Morusethisch-politi scher „Uto- pia“ und Bacons technisch-wissenschaft- 1 i c h e r „N o v a A 1 1 a n t i s“. Morus sieht noch in sozial- ethischen Reformen den Hebel der Weltverbesserung — Bacon in technischen Erfindungen. Morus war noch Christ — Bacon schon Europäer. — 90 V. JAGD — KRIEG — ARBEIT 1. MACHT UND FREIHEIT Der beschauliche Mensch lebt im Frieden mit seiner Umwelt — der tätige in dauern- dem Kriegszustände. Um sich zu erhalten, durch- zusetzen und zu entfalten muß er ständig fremde und feindliche Kräfte abwehren, vernichten, versklaven. Der Lebenskampf ist ein Kampf um F r e i h e i t und Macht. Siegen heißt: seinen Willen durchsetzen. Des- halb ist nur der Sieger frei, nur der Sieger mächtig. Zwischen Freiheit und Macht läßt sich keine Grenze ziehen: der Vollgenuß der eigenen Freiheit verletzt fremde Interessen: Macht ist die einzige Sicherung unge- hemmter Freiheit. Der Kampf der Menschheit um Freiheit fällt zu- sammen mit ihrem Kampfe um Macht. In dessen Ver- lauf hat sie den Erdball erobert und bezwungen: das Tierreich durch Jagd und Viehzucht — das Pflan- zenreich durch Ackerbau — das Mineralreich durch Bergbau — die Naturkräfte durch Technik. Aus einem unscheinbaren, schwachen I ier hat sich der Mensch zum Herrn der Erde aufgeschwungen. — 91 2. J A G D Die erste Phase des menschlichen Kampfes war das Zeitalter der Jagd. In hunderttausenden von Jahren währenden Kämpfen hat der Mensch die Herrschaft über die Tierwelt er- rungen. Dieser siegreiche Kampf des relativ schwachen Menschen gegen alle ausgerotteten und noch vorhan- denen größeren und wilderen Tierarten ist in seiner Großartigkeit zu vergleichen mit der Eroberung der an- tiken Welt durch das kleine latinische Dorf Rom. Der Mensch siegte über alle Hörner und Zähne, Pranken und Krallen seiner physisch besser gerüsteten Rivalen einzig durch die Waffe seines überlegenen Ver- standes, der sich im Laufe dieses Kampfes ständig ge- schärft hat. Die Ziele des menschlichen Kampfes gegen seine tieri- schen Feinde waren defensiv und offensiv: Abwehr und Versklavung. Zuerst begnügte sich der Mensch damit, die feind- lichen Tiere unschädlich zu machen durch Abwehr und Vertilgung; später begann er sie zu zähmen und sich ihrer zu bedienen. Er verwandelte Wölfe in Hunde, Büffel in Rinder, wilde Elefanten, Kamele, Renntiere, Esel, Pferde, Lamas, Ziegen, Schafe und Katzen in zahme. So unterwarf er sich aus der Schar vorzeitlicher Rivalen ein Heer von Tiersklaven, ein Arsenal von leben- den Maschinen, die in seinen Diensten arbeiteten und kämpften, seine Freiheit mehrten und seine Macht. — 3. KRIEG Um die errungene Macht zu behaupten und zu mehren, ging der Mensch dazu über, seine Mitmenschen 92 mit den gleichen Methoden zu bekämpfen wie die Tier- welt. Das Zeitalter der Jagd wandelte sich in ein Zeit- alter des Krieges. Der Mensch rang mit dem Men- schen um die Verteilung der von der Tierwelt eroberten Erde. Der Stärkere wehrte den Schwächeren ab, ver- tilgte oder versklavte ihn: Krieg war eine Spezial- form der Jagd, Sklaverei eine Spezialform der Tierhaltung. Im Kampfe um Macht und Frei- heit siegte der stärkere, kühnere und klügere Mensch über den schwächeren, feigeren, dümmeren. Auch der Krieg schärfte den Menschengeist, stählte die Menschen- kraft. — 4. ARBEIT Auf die Dauer konnten weder Jagd noch Krieg allein den Menschen ernähren: er mußte wieder einen Front- wechsel vornehmen, und den Kampf aufnehmen gegen die leblose Natur. Das ZeitalterderArbeit begann. Noch brachten Kriege und Jagdabenteuer Ruhm und Sensationen — aber der Schwerpunkt des Lebens ver- schob sich nach der Arbeit. w T eil nur sie ihm die Nah- rung brachte, deren es zu seiner Erhaltung bedurfte. Die Arbeit war eine Spezialform des Krieges — die Technik eine Spezial form der Sklaverei: statt Menschen wurden Naturkräfte besiegt und versklavt. Durch Arbeit bekämpfte der Mensch den Hunger: er unterwarf sich den Boden und die Feldfrüchte und ern- tete ihren Ertrag. Durch Arbeit bekämpfte der Mensch die Winterkälte: er baute Häuser, wob Stoffe, fällte Holz. So schützte er sich durch Arbeit vor den feindlichen Naturgewalten. — 95 5. DER KRIEG ALS ANACHRONISMUS Jagd, Krieg, Arbeit gingen so vielfach in einander über, daß es unmöglich ist, sie chronologisch von ein- ander zu trennen. Früher lief das Zeitalter der Jagd durch Jahrtausende parallel mit dem des Krieges — wie heute das Zeitalter des Krieges parallel läuft mit dem der Arbeit; aber der Schwerpunkt der Kampffront ver- schob und verschiebt sich beständig. Während ursprüng- lich die Jagd im Mittelpunkte menschlicher Tätigkeit stand, trat in der Folge der Krieg an ihre Stelle und zu- letzt die Arbeit. Der Krieg, der einst für den Kulturfortschritt wesent- lich und notwendig war, hat diese Bedeutung verloren und ist zu einem gefährlichen Kulturschädling ge- worden. Heute bezeichnen nicht Kriege die Etappen des Fortschrittes — sondern Erfindungen. Die Entscheid ungs kämpfe der Mensch- heit um Freiheit und Macht spielen sich heute an der Front der Arbeit ab. In einer Zeit, da der Weltkrieg nur mehr Historiker interessieren wird, wird unsere 1 Jahrhundertwende ruhmvoll dastehen als Geburtsstunde des Menschenfluges. Wie im Zeitalter des Krieges sich die Jagd als Ana- chronismus erhielt - — so erhält sich im Zeitalter der Arbeit der Krieg als Anachronismus. Aber in dieser Epoche ist jeder Krieg Bürgerkrieg, weil er sich gegen Mitkämpfer richtet und die gemeinsame Arbeitsfront verwirrt. ,, Im Zeitalter der Arbeit ist die Verherrlichung des | Krieges ebenso unzeitgemäß, wie in der Kriegsepoche f die Verherrlichung der Jagd. Ursprünglich war der •S 94 Drachen- und Löwentöter der Held; dann war es der Feldherr; schließlich ist es der Erfinder. L a v o i s i e r hat für die menschliche Entwicklung mehr geleistet, als Robespierre und Bonaparte zu- sammen. Wie in der Jagdepoche der Jäger herrschte, in der Kriegsepoche der Krieger — - so wird im Zeitalter der Arbeit der Arbeiter herrschen. — 6. T ECHNIK Das Zeitalter der Arbeit zerfällt in das des Acker- baues und der Technik. Als Ackerbauer ist der Mensch der Natur gegenüber vorwiegend defensiv — als Techniker offensiv. Die Methoden der Arbeit entsprechen denen des Krie- ges und der Jagd: Abwehr und Versklavung. Die Epoche des Ackerbaues beschränkt sich darauf, Hunger und Kälte abzuwehren — während die Technik dazu übergeht, die ehemals feindlichen Naturkräfte zu ver- sklaven. Der Mensch herrscht heute über Dampf und Elektrizität und über ein Sklavenheer von Maschinen. Mit ihnen wehrt er sich nicht nur gegen Hunger und Kälte. Naturkatastrophen und Krankheiten — sondern unternimmt es sogar, gegen die Schranken von Raum, Zeit und Schwerkraft anzugehen. Sein Kampf um Frei- heit von den Naturkräften geht über in ein Ringen um Macht über die Naturkräfte. — t Technik ist praktische Anwendung der Wissen- i schaft zur Beherrschung der Natur; zur Technik im weiteren Sinne gehört auch Chemie als Atom-Technik und Medizin als organische Technik. Technik vergeistigt die Arbeit: dadurch 95 mindert sie die Arbeitslast und steigert sie den Arbeits- ertrag. Technik beruht auf heroischer, aktivisti- scher Einstellung zur Natur; sie will sich nicht dem Willen der Naturkräfte fügen, sondern ihn beherr- schen. Der Wille zur Macht ist die Triebfeder des technischen Fortschrittes. In den Natur- kräften sieht der Techniker Zwingherrn, die zu stürzen, Gegner, die zu besiegen, Bestien, die zu zähmen sind. — Die Technik ist ein Kind des europäischen Geistes. — 96 VI. DER FELDZUG DER TECHNIK 1. EUROPAS MASSENELEND Durch die Bevölkerungzunahme wird die Lage des Europäers immer verzweifelter; trotz aller bisherigen Fortschritte der Technik befindet er sich noch in einem recht erbärmlichen Zustande. Die Gespenster des Hun- gers und des Erfrierens hat er zurückgedrängt — aber um den Preis seiner Freiheit und seiner Muße. Die furchtbare Zwangsarbeit beginnt für den Europäer im siebenten Lebensjahr mit dem Schulzwange und endet gewöhnlich erst mit dem Tode. Seine Kindheit wird ver- giftet durch die Vorbereitung zum Lebenskämpfe, der in den folgenden Jahrzehnten seine ganze Zeit und Per- sönlichkeit. seine Lebenskraft und Lebensfreude ver- schlingt. Auf Muße steht Todesstrafe; der vermögens- lose Durchschnittseuropäer steht vor der Wahl: ent- weder bis zur Erschöpfung zu arbeiten oder samt seinen Kindern zu verhungern. Die Hungerpeitsche treibt ihn an, trotz Erschöpfung, Ekel und Erbitterung weiterzu- arbeiten. Die europäischen Völker haben zwei politische Ver- suche unternommen, diesen erbärmlichen Zustand zu verbessern: Kolonialpolitik und Sozial is- m u s. — Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 97 2. KOLONIALPOLITIK Die erste Form der Kolonialpolitik besteht in der Eroberung und Besiedelung dünnbevölkerter Erdstriche durch Nationen, die an Übervölkerung leiden. Die Auswanderung ist tatsächlich imstande, Län- der vor Übervölkerung zu retten und Menschen, denen das europäische Gedränge unerträglich wird, ein freies und menschenwürdiges Dasein zu sichern. Die Auswan- derung bietet noch vielen Menschenmillionen einen Aus- weg aus der europäischen Hölle und sollte daher auf jede Weise gefördert werden. — Die zweite Form der Kolonialpolitik be- ruht auf Ausbeutung wärmerer Erdstriche und farbiger Völker. Menschen südlicher Rassen werden durch europäische Kanonen und Gewehre aus ihrer goldenen Muße aufgescheucht und gezwungen, im Dienste Europas zu arbeiten. Der ärmere aber stärkere Norden plündert systematisch den reicheren aber schwä- cheren Süden; er raubt ihm Reichtum, Freiheit und Muße und verwendet diesen Raub zur Mehrung des eigenen Reichtums, der eigenen Freiheit und der eigenen Muße. Diesem Hilfsmittel des Raubes, der Ausbeutung und der Sklaverei haben einige europäische Völker einen Teil ihres Wohlstandes zu verdanken, der sie in die Lage ver- setzt, das Los ihrer einheimischen Arbeiter zu ver- bessern. — Auf die Dauer muß dieses Hilfsmittel versagen: denn seine unausbleibliche Folge ist ein ungeheurer Sklavenaufstand, der die Europäer aus den farbigen Kolonien wegfegen und damit Europas tropi- sche Kulturbasis stürzen wird. — 98 Auch die Auswanderung ist nur ein provisori- sches Hilfsmittel: heute schon sind einige Kolo- nien ebenso dichtgedrängt wie ihre Mutterländer und nähren das gleiche Elend. Die Zeit muß kommen, da es keine menschenleeren Gebiete auf Erden mehr geben wird. Bis dahin müssen neue Mittel gefunden werden, um dem europäischen Verhängnis entgegenzutreten. — 3. SOZIALPOLITIK Den zweiten Versuch, das europäische Massenelend zu lindern, unternimmt der Sozialismus. Der Sozialismus will die europäische Hölle bannen durch gleichmäßige Verteilung der Arbeitslast und des Arbeitsertrages. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich das Los der europäischen Massen durch vernünftige Reformen wesentlich verbessern ließe. Wenn aber der soziale Fort- schritt nicht getragen wird durch einen Aufschwung der Technik, kann er das soziale Elend nur lindern, nicht beheben. Denn die Arbeitslast, die zur Fütterung und Wärmung der vielzuvielen Europäer nötig ist, ist groß; der Arbeits- ertrag, den das rauhe und nicht genügend fruchtbare Europa auch bei intensivster Ausnützung abwirft, rela- tiv klein, so daß auch bei gerechtester Verteilung auf jeden Europäer sehr viel Arbeit und sehr wenig Lohn fiele. Beim heutigen Stande der Technik würde sich das Leben in einem sozialistischen Europa in die Doppel- tätigkeit auflösen: arbeiten um zu essen und essen um zu arbeiten. Das Gleichheitsideal wäre erreicht: aber von Freiheit, Muße und Kultur wäre -• 99 Europa ferner denn je. Um die Menschen zu befreien, ist Europa einerseits zu barbarisch, andererseits zu arm. Das Vermögen der wenigen Reichen, auf alle verteilt, würde spurlos verschwinden: die Armut wäre nicht ab- geschafft, sondern verallgemeinert. Der Sozialismus ist allein nicht im- stande, Europa aus seiner Unfreiheit und seinem Elend zu Freiheit und Wohlstand zu führen. Weder Stimmzettel noch Aktien könnten den Kohlenarbeiter dafür entschädigen, daß er sein Leben in Höhlen und Schächten verbringen muß. Die meisten Sklaven orientalischer Despoten sind freier als dieser freie Arbeiter eines sozialisierten Werkes. Der Sozialismus verkennt das europäische Problem, wenn er in der ungerechten Verteilung das Grundübel der europäischen Wirtschaft sieht, statt in der ungenügenden Produktion. Die Wurzel des europäischen Elends liegt in der Notwendigkeit der Zwangsarbeit — nicht in der Ungerechtigkeit ihrer Verteilung. Der Sozialismus irrt, wenn er im Kapitalis- mus die letzte Ursache der furchtbaren Zwangsarbeit sieht, unter der Europa stöhnt; denn in Wahrheit fließt nur ein sehr geringer Teil der europäischen Arbeitsleistung den Kapitalisten und ihrem Luxus zu: der allergrößte Teil dieser Arbeit dient dazu, einen unfruchtbaren Weltteil in einen frucht- baren zu verwandeln, einen kalten in einen warmen und auf ihm eine Menschen zahl zu erhalten, die er auf natürlichem Wege nicht ernähren könnte. Der Winter und die Übervölkerung Europas sind härtere und grausamere Despoten, als sämtliche Kapi- talisten: aber nicht die Politiker führen die europäische 100 Revolution gegen diese unbarmherzigen Zwingherrn sondern die Erfinder. — 4. TECHNISCHE WELTREVOLUTION Der koloniale Imperialismus ebenso wie der Sozialismus sind Palliative, nicht Heilmittel der europäischen Krankheit; sie können die Not lindern, nicht bannen; die Katastro- phe aufschieben, nicht verhüten. Europa wird sich ent- scheiden müssen, entweder seine Bevölkerung zu dezi- mieren und Selbstmord zu begehen — oder durch groß- zügige Steigerung der Produktion und \ ervollkomm- nung der Technik zu genesen. Denn nur dieser Weg kann die Europäer zu Wohlstand. Muße und Kultur führen, während die sozialen und kolonialen Rettungs- wege schließlich in Sackgassen münden. Europa muß sich darüber klar sein, daß der tech- nische Fortschritt ein Befreiungskrieg allergrößten Stiles ist gegen den härtesten, grau- samsten und unbarmherzigsten Tyrannen: die nordische Natur. . ....... Von dem Ausgange dieser technischen Welt- revolution hängt es ab. ob die Menschheit die sich einmal in Äonen bietende Gelegenheit: Herrin über die Natur zu werden — nützt, oder ob sie diese Gelegen- heit. vielleicht für immer, ungenützt vorüber gehen läßt. — ^ Vor hundert Jahren etwa eröffnete Europa die Offensive gegen die übermächtige Natur, gegen die es sich bis dahin nur verteidigt hatte. Es be- gnügte sich nicht mehr damit, von der Gnade der Nat Urgewalten zu leben: sondern es begann, seine Feinde zu versklaven. 101 Die Technik hat begonnen, das Sklavenheer der Haus- tiere zu ergänzen und das Sklavenheer der Schwer- arbeiter zu ersetzen durch Maschinen, die betrieben werden von Naturkräften. — 5. DIE ARMEE DER TECHNIK Europa (und mit ihm Amerika) hat zu diesem größten und folgenschwersten aller Kriege den Erdball mobilisiert. Die Fronttruppen des weltumspannenden Arbeits- heeres, das gegen die Willkür der Naturkräfte kämpft, sind die Industriearbeiter; ihre Offiziere Inge- nieure, Unternehmer, Direktoren, ihren Ge- neralstab bilden die Erfinder, ihren Train Rauern und Landarbeiter, ihre Artillerie die Maschinen, ihre Schützengräben R erg werke, ihre Forts Fa- hr i k e n. Mit dieser Armee, deren Reserven er allen Weltteilen entnimmt, hofft der weiße Mensch die Tyrannis der Natur zu brechen, ihre Kräfte dem Menschengeiste zu unterwerfen und so den Menschen endgültig zu be- freien. — 6. DER ELEKTRISCHE SIEG Die technische Armee hat ihren ersten entscheidenden Sieg davongetragen über einen der ältesten Wider- sacher des Menschengeschlechtes: den Blitz. Seit jeher hat der elektrische Funke als Blitz den Menschen bedroht, verwundet, getötet; hat seine Häuser verbrannt und sein Vieh erschlagen. Diesem tückischen Feinde, der ihm nie in irgend einer Weise half, war der Mensch durch hunderttausende von Jahren preisge- geben: bis Benjamin Franklin durch Erfindung 102 des Blitzableiters seine Schreckensherrschaft über den Menschen brach. Der elektrische Funke als Geißel der Menschheit war damit abgewehrt. Aber der weiße Mensch begnügte sich nicht mit diesem Abwehrsiege: er ging zur Offensive über und erreichte es, in einem Jahr- hundert diesen Feind in einen Sklaven, dieses gefähr- lichste Raubtier in sein nützlichstes Haustier zu ver- wandeln. Heute beleuchtet der elektrische Funke, der einst un- sere Vorväter mit Entsetzen erfüllt hat, unsere Zimmer, kocht unseren Tee, bügelt unsere Wäsche, heizt unsere Zimmer, läutet unsere Glocken, befördert unsere Briefe (Telegramme), zieht Bahnen und Wagen, treibt Ma- schinen — ist also, mit einem Worte, unser Bote, Brief- träger, Dienstmann, Koch, Heizer, Beleuchter, Arbeiter, Lastträger und sogar unser Henker geworden. Was heute der elektrische Funke in Europa und Amerika im Dienste des Menschen leistet, wäre selbst durch Ver- doppelung der menschlichen Arbeitszeit nicht entfernt zu ersetzen. So wie diese ehemals feindliche Naturkraft nicht nur zurückgeschlagen wurde, sondern sich in den unent- behrlichsten und nützlichsten Diener des Menschen ver- wandelt hat — so werden dereinst auch die Fluten des Meeres und die Gluten der Sonne, Stürme und Über- schwemmungen aus Feinden zu Sklaven des Menschen werden. Aus Giften werden Heilmittel, aus tödlichen Bazillen Schutzimpfungen. Wie der Mensch der Urzeit wilde Tiere gezähmt und unterworfen hat — so zähmt und unterwirft der Mensch der Neuzeit wilde Natur- kräfte. Durch solche Siege wird sich der nordische Mensch 103 einst Freiheit, Muße und Kultur erobern: nicht durch Entvölkerung oder Entsagung, nicht durch Krieg und Revolution — sondern durch Erfindung und A r- b e i t, durch Geist und Tat.- — 7. DER ERFINDER ALS ERLÖSER In unserer europäischen Geschichts- epoche ist der Erfinder ein größerer Wohl- täter der Menschheit als der Heilige. Der Erfinder des Automobils hat mehr Gutes für die Pferde getan und ihnen mehr Leiden erspart als sämtliche Tierschutzvereine der Welt. Das Kleinauto ist im Begriffe, Tausende von ost- asiatischen Kulis aus ihrem Zugtierdasein zu erlösen. Die Erfinder des D i p h t e r i e- und Blattern- serums haben mehr Kindern das Leben gerettet, als alle Säuglingsheime. Die Galeerensklaven verdanken der neuzeitlichen Schiffstechnik ihre Befreiung, während durch die Einführung der Petroleum feuerung die moderne Technik die Schiffsheizer aus ihrem Höllenberufe zu er- lösen beginnt. Der Erfinder, der, etwa durch A t o m Zertrüm- merung, einen praktischen Kohlenersatz schafft — wird für die Menschheit mehr geleistet haben als der er- folgreichste soziale Reformator: denn er wird die Mil- lionen Kohlenarbeiter aus ihrem menschenunwürdigen Dasein erlösen und einen großen Teil der menschlichen Arbeitslast tilgen — während heute kein kommunisti- scher Diktator es vermeiden könnte. Menschen zu jenem unterirdischen Grubenleben zu verurteilen. Der Chemiker, dem es gelingt. Holz genießbar zu 104 machen, würde die Menschheit aus dem Sklavenjoche des Hungers befreien, das sie länger und grausamer drückt als jede menschliche Gewaltherrschaft. Weder Ethik, noch Kunst, noch Religion, noch Politik werden den paradiesischen Fluch tilgen sondern Technik. Der organischen Technik, der M e- d i z i n. ist es Vorbehalten, den Erbfluch der Frau zu bannen: „Du sollst unter Schmerzen Deine Kinder ge- bären ; der anorganischen T e c h n i k ist es Vorbehalten, den Erbfluch des Mannes zu bannen: ,.Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen“. In vieler Hinsicht gleicht unser Zeitalter dem Beginn der römischen Kaiserzeit. Damals hoffte die Welt auf Erlösung durch das Friedensreich der pax romana. Die erholfte Y\ eltwende kam — - aber von ganz anderer Seite: nicht von außen — sondern von innen; nicht durch Politik — sondern durch Religion; nicht durch Cäsar Augustus — sondern durch Jesus Christus. Auch wir stehen vor einer Weltwende; die Mensch- heit erwartet heute von der sozialistischen Aera den An- bruch des goldenen Zeitalters. Die erhoffte Weltwende wird, vielleicht, kommen: aber nicht durch Politik sondern durch lechnik: nicht durch einen Revolutionär — sondern durch einen Erfinder: nicht durch Lenin sondern durch einen Mann, der vielleicht heute schon irgendwo namenlos lebt und dem es eines Tages gelingen wird, durch Erschließung neuer, ungeahnter Energie- quellen die Menschheit aus Hunger, Frost und Zwangs- arbeit zu erlösen. — 105 VII. ENDZIEL DER TECHNIK 1. KULTUR UND SKLAVEREI Jede bisherige Kultur war auf Sklaverei gegründet: die Antike auf Sklaven, die mittel- alterliche auf Leibeigene, die neuzeitliche auf Pro- letarier. — Die Bedeutung der Sklaven beruht darauf, daß sie durch ihre Unfreiheit und Mehrarbeit Raum schaffen für die Freiheit und Muße einer Herren käste, die Vorbedingung jeder Kulturbildung ist. Denn es ist nicht möglich, daß die gleichen Menschen die ungeheuere physische Arbeit leisten, die zur Ernährung, Kleidung und Behausung ihrer Generation erforderlich — - und zu- gleich die ungeheure Geistesarbeit, die zur Schaffung und Erhaltung einer Kultur nötig ist. Überall herrscht Arbeitsteilung: damit das Ge- hirn denken kann, müssen die Eingeweide verdauen; ohne daß ihre Wurzeln in der Erde wühlen, kann keine Pflanze zum Himmel blühen. Träger jeder Kultur sind entfaltete Menschen. Entfaltung ist unmöglich ohne eine Atmosphäre von Freiheit und Muße: auch das Gestein kann nur in flüssigem, freiem Zustande auskristallisieren; wo es eingeschlossen, unfrei ist, muß es amorph bleiben. Die kulturbildende Freiheit und Muße 106 weniger konnte nur geschaffen werden durch Knechtschaft und Überarbeitung vieler. In nördlichen und übervölkerten Strichen war das göttliche Dasein von Tausenden immer und überall aufgebaut auf einem tierischen Dasein von Hundert- tausenden. Die Neuzeit mit ihren christlichen, sozialen Ideen stand vor der Alternative: entweder auf Kultur zu ver- zichten — oder die Sklaverei beizubehalten. Gegen die erste Eventualität sprachen ästhetische — gegen die zweite ethische Bedenken: die erste widerstrebte dem Geschmack, die zweite dem Gefühl. Westeuropa entschied sich für die zweite Lösung: um den Rest seiner bürgerlichen Kultur zu erhalten, be- hielt es im Industrieproletariate in verkappter Form die Sklaverei bei — während Rußland sich anschickt, zur ersten Lösung zu greifen: es befreit seine Proletarier, bringt aber dieser Sklavenbefreiung seine ganze Kultur zum Opfer. Beide Lösungen sind in ihrer Konsequenz uner- träglich. Der Menschengeist muß nach einem Aus- weg aus diesem Dilemma suchen: er findet ihn in der Technik. Sie allein kann zugleich die Sklaverei brechen und die Kultur retten. 2. DIE MASCHINE Endziel der Technik ist: Ersatz der Sklavenarbeit durch Maschinenarbeit; Erhebung der Gesamtmenschheit zu einer Herrenkaste, in deren Dienst ein Heer von Naturkräften in Maschinengestalt ar- beitet. 107 Wir befinden uns auf dem Wege zu diesem Ziele: früher mußten fast alle technischen Energien von Men- schen- oder Tiermuskeln erzeugt werden — heute werden sie vielfach durch Dampfkraft, Elektrizität und Motorkraft ersetzt. Immer mehr fällt dem Menschen die Rolle eines Regulators von Energien zu — statt der eines Erzeugers. Gestern noch zog der Arbeiter als Kuli die Kultur vorwärts — morgen wird er deren Chauffeur sein, der beobachtet, denkt und lenkt, statt zu laufen und zu schwitzen. Die Maschine ist die Befreiung des Men- schen aus dem Joche der Sklavenarbeit. Durch sie kann ein Hirn mehr Arbeit leisten und mehr Werte schaffen als Millionen Arme. Die Maschine ist mate- rialisierter Menschengeist, gefrorene Mathe- matik. das dankbare Geschöpf des Menschen, gezeugt aus der Geisteskraft des Erfinders, geboren aus der Muskelkraft der Arbeiter. Die Maschine hat eine doppelte Aufgabe: die Pro- duktion zu mehren und die Arbeit zu ver- mindern und zu erleichtern. Durch Mehrung der Produktion wird die Maschine die Not brechen — durch Min- derung der Arbeit die Sklaverei. Heute darf der Arbeiter nur zum geringsten Teile Mensch sein — - weil er zum größten Teile Maschine sein muß: in der Zukunft wird die Maschine das Maschinelle, das Mechanische der Arbeit übernehmen und dem Menschen das Menschliche, das Organische überlassen. So eröffnet die Maschine die Aussicht auf Vergeistigung und Individualisierung der menschlichen Arbeit: ihre freie und schöpferi- sche Komponente wird wachsen gegenüber der auto- 108 matisch-mechanischen — die geistige gegenüber der materiellen. Dann erst wird die Arbeit aufhören, den Menschen zu entpersönlichen, zu mechanisieren, zu ent- würdigen; dann erst wird die Arbeit dem Spiel, dem Sport und der freien schöpferischen Tätigkeit ähnlich werden. Sie wird nicht, wie heute, eine Geisel sein, die alles Menschliche unterdrückt — sondern ein Hilfsmittel gegen Langeweile, eine Zerstreuung und eine körper- liche oder geistige Übung zur Entfaltung aller Fähig- keiten. Diese Arbeit, die der Mensch als Hirn seiner Ma- schine leisten wird und die auf Herrschaft ge- gründet ist, wird anregen statt abzustumpfen, erheben statt herabzudrücken. — 3. ABBAU DER GR OS STADT Neben diesen beiden Aufgaben: Linderung der Not durch Steigerung der Produktion und Abbau der Sklaverei durch Minderung und Individualisierung der Arbeit — hat die Maschine noch eine dritte Kultur- mission: die Auflösung der modernen Groß- stadt und die Zurückführung des Menschen in die Natur. — Der Ursprung der modernen Großstadt fällt in eine Zeit, da das Pferd das schnellste Verkehrsmittel war und es noch keine Telephone gab. Damals war es not- wendig, daß die Menschen in nächster Nähe ihrer Ar- beitsstätten und infolgedessen auf einen engen Raum zu- sammengepfercht lebten. Die Technik hat diese Voraussetzungen geändert: Schnellbahn, Auto, Fahrrad und Telephon erlauben es heute dem Arbeiter, viele Kilometer von seinem Bureau entfernt zu wohnen. Für den Bau 109 und die Anhäufung von Zinskasernen be- steht keine Notwendigkeit mehr. Künftig werden die Menschen die Möglichkeit haben, nebenein- ander zu wohnen statt übereinander, in Gärten gesunde Luft zu atmen, und in hellen geräumigen Zimmern ein gesundes, reinliches, menschenwürdiges Leben zu führen. Elektrische und Gasöfen werden (ohne die Mühe des Heizens und der Beschaffung des Brennmateriales) vor der Winterkälte schützen, elektrische Lampen vor den langen Winternächten. Der Menschengeist wird über den Winter triumphieren und die nördliche Zone ebenso wohnlich machen, wie die gemäßigte. Die Entwicklung zur Gartenstadt hat bereits begonnen: die Reichen verlassen die Zentren der Groß- städte, die sie früher bewohnten, und siedeln sich an deren Peripherie oder in deren Umgebung an. Die neu entstehenden Industriestädte dehnen sich in die Weite statt in die Höhe. — Auf höherer Ebene werden die Städte der Zu- kunftin der Anlage etwas Ähnlichkeit haben mit denen des Mittelalters: wie dort um einen riesigen Dom die niedrigen Bürgerhäuschen gruppiert waren — so werden einst um einen riesigen Wolkenkratzer (der alle öffentlichen und privaten Bureaus umfassen und Waren- und Speisehaus sein wird) sich die niedrigen Häuser und weiten Gärten der Gartenstadt ausdehnen. In Fa- briksstädten wird die F abrik jene zentrale Kathedrale der Arbeit sein: die Andacht des Menschen in diesen Kathedralen der Zukunft wird Arbeit für die Gemein- schaft sein. Wer nicht beruflich an die Stadt gefesselt sein wird, wird auf dem Lande leben, das durch Fernleitungen und drahtlose Verbindungen an den Bequemlichkeiten, 110 Tätigkeiten und Zerstreuungen der Städte teilnehmen wird. Es wird eine Zeit kommen, in der die Menschen nicht mehr verstehen werden, wie es einmal möglich war, in den Steinlabyrinthen zu leben, die wir heute als moderne Großstädte kennen. Ihre Ruinen werden dann bestaunt werden, wie heute die Behausungen der Höhlenbe- wohner. Die Ärzte werden sich die Köpfe zerbrechen, wie es vom hygienischen Standpunkte überhaupt mög- lich war, daß Menschen in solcher Abgeschlossenheit der Natur, Freiheit, Licht und Luft, in einer solchen Atmo- sphäre von Ruß, Rauch, Staub und Schmutz überhaupt leben und gedeihen konnten. — Der kommende Abbau der Großstadt als Folge des Aufschwunges der Verkehrstechnik ist eine not- wendige Voraussetzung wirklicher Kultur. Denn in der unnatürlichen und ungesunden Atmosphäre der heutigen Großstadt werden die Menschen systema- tisch an Leib, Seele und Geist vergiftet und verkrüppelt. Die Großstadtkultur ist eine Sumpfpflanze: denn sie wird getragen von degenerierten, krankhaften und deka- denten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig in diese Sackgassen des Lebens geraten sind. — 4. DAS KULTURPARADIES DES MILLIONÄRS Die Technik ist in der Lage, dem modernen Menschen mehr Glücks- und Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten als vergangene Zeiten ihren Fürsten und Königen. Freilich ist heute noch, zu Beginn der technischen Weltperiode, die Zahl derjenigen, denen die Erfindun- 111 gen der Neuzeit unbeschränkt zur Verfügung stehen, gering. Ein moderner Dollar millionär kann sich mit allem Luxus, allem Komfort, aller Kunst und aller Schönheit umgeben, die die Erde bietet. Er kann alle Früchte der Natur und Kultur genießen, kann, ohne zu arbeiten, leben, wo und wie es ihm gefällt. Durch Tele- phon und Auto kann er nach Wahl mit der Welt ver- bunden oder von ihr geschieden sein; er kann als Ein- siedler in der Großstadt leben oder in Gesellschaft auf seinem Landsitz; braucht weder unter dem Klima zu leiden noch unter der Übervölkerung; Hunger und Frost sind ihm fremd; durch seine Aeroplane ist er Herr der Luft, durch seine Jacht Herr der Meere. In vieler Hin- sicht ist er freier und mächtiger als Napoleon und Cäsar. Sie konnten nur Menschen beherrschen — aber nicht über Ozeane fliegen und über Kontinente sprechen. Er hingegen ist Herr der Natur. Naturkräfte bedienen ihn als unsichtbare, mächtige Diener und Geister. Mit ihrer Hilfe kann er schneller und höher fliegen als ein Vogel, schneller über die Erde rasen als eine Gazelle und unter Wasser leben wie ein Fisch. Durch diese Fähig- keiten und Gewalten ist er freier sogar als der Einge- borene der Südsee und hat den paradiesischen Fluch überwunden. Auf dem Umwege über die Kultur ist er in ein vollkommeneres Paradies heimgekehrt. — Die Grundlage zu so vollkommenem Leben hat die Technik geschaffen. Für einige Auserwählte hat sie aus den nordischen Urwäldern und Sümpfen Kultur- paradiese gemacht. In diesen Glückskindern kann der Mensch ein Versprechen des Schicksals an seine Kindeskinder sehen. Sie sind die Vor- hut der Menschheit auf ihrem Wege in das Eden der 112 Zukunft. Was heute Ausnahme ist, kann, bei weiterem technischen Fortschritte, Regel werden. Die Technik hat die Tore des Paradieses gesprengt; durch den schmalen Eingang sind bisher nur wenige geschritten: aber der Weg steht offen und durch Fleiß und Geist kann einst die ganze Menschheit jenen Glücks- kindern folgen. Der Mensch braucht nicht zu verzwei- feln: niemals war er seinem Ziele so nahe wie heute. Vor wenigen Jahrhunderten war der Besitz eines Glas- fensters, eines Spiegels, einer Uhr, von Seife oder Zucker ein großer Luxus: die technische Produktion hat diese einst seltenen Güter über die Massen verstreut. Wie heute jedermann eine Uhr trägt und einen Spiegel besitzt — so könnte vielleicht in einem Jahrhundert jeder Mensch ein Auto, seine Villa und sein Telephon haben. Der Wohlstand muß umso schneller steigen und umso allgemeiner werden, je rascher die Produktions- ziffern steigen im Verhältnis zu den Be- völkerungsziffern. Es ist das Kulturziel der Technik, einst allen Men- schen die Lebensmöglichkeiten zu bieten, über die heute jene Millionäre verfügen. Deshalb kämpft die Technik gegen die Not — nicht gegen den Reichtum; gegen Knechtschaft — nicht gegen Herrschaft. Ihr Ziel ist Ver- allgemeinerung des Reichtums, der Macht, der Muße, der Schönheit und des Glückes: nicht Proletari- sierung, sondern Aristokratisierung der Menschheit ! — 8 Condenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 113 VIII. DER GEIST DES TECHNISCHEN ZEITALTERS 1. HEROISCHER PAZIFISMUS Das Paradies der Zukunft läßt sich nicht durch Putsche erschleichen — - es läßt sich nur durch Arbeit erobern. — Der Geist des technischen Zeitalters ist heroisch- pazifistisch: heroisch, weil Technik Krieg mit verändertem Objekt ist — p a z i f i s t i s c h. weil sich sein Kampf nicht gegen Menschen richtet, sondern gegen Naturgewalten. — Das technische Heldentum ist unblutig: der technische Held arbeitet, denkt, handelt, wagt und dul- det, nicht um seinen Mitmenschen nach dem Leben zu trachten, sondern um sie aus dem Sklaven joch von Hunger, Kälte, Not und Zwangsarbeit zu erlösen. Der Held des technischen Zeitalters ist ein friedlicher Held der Arbeit und des Geistes. — Die Arbeit des technischen Zeitalters ist Askese: Selbstbeherrschung und Entsagung. In ihrer heutigen Form und ihrem heutigen Ausmaße ist sie kein Ver- gnügen, sondern ein hartes Opfer das wir unseren Mitmenschen und Nachkommen darbringen. 114 Askese heißt Übung: sie ist der griechische Aus- druck für das, was auf englisch Training heißt; durch diese Übersetzung verliert der Begriff Askese seinen pessimistischen Charakter und wird optimistisch- h e r o i s c h. Die optimistische, lebensbejahende Askese des tech- nischen Zeitalters bereitet ein Reich Gottes auf Erden vor: sie rodet die Erde zum Paradiese; zu diesem Zwecke versetzt sie Berge, Flüsse und Seen, wickelt den Erdball in Kabel und Schienen, schafft aus Urwäldern Plantagen, aus Steppen Ackerland. Wie ein überirdi- sches Wesen verändert der Mensch die Erdoberfläche nach seinen Bedürfnissen. — 2. DER GEIST DER TRÄGHEIT Im Zeitalter der Arbeit und Technik gibt es kein größeres Laster als Trägheit — wie es im Zeitalter des Krieges kein größeres Laster als Feigheit gab. Die Ü berwindung der Trägheit ist die Häupt- ern: gäbe des technischen Heroismus. Wo das Leben sich als Energie manifestiert ■ — steht die Trägheit im Zeichen des Todes. Der Kampf des Lebens gegen den Tod ist ein Kampf der Tatkraft gegen die Trägheit. Der Sieg des Todes über das Leben ist ein Sieg der Trägheit über die Tatkraft. Die Boten des Todes sind Alter und Krankheit: in ihnen ge- winnt die Trägheit Übermacht über die Lebensenergie: Züge, Glieder, Bewegungen werden schlaff und hängend, Lebenskraft, Lebensmut und Lebensfreude sinken, alles neigt sich zur Erde, wird müde und träge — bis der Mensch, der nicht mehr vorwärtsschreiten und sich 115 nicht mehr aufrechthalten kann, als Opfer der Trägheit ins Grab sinkt: dort triumphiert die Trägheit über das Leben. Alle jungen Blüten streben, der Schwer- kraft entgegen, zur Sonne: alle reifen Früchte fallen, von der Schwerkraft über- wältigt, zur Erde. — Symbol des technischen Sieges über die Schwerkraft, des triumphalen Menschenwillens und Menschengeistes über die Trägheit der Materie ist der fliegende Mensch. Wenige Dinge sind so erhaben und so schön wie er. Hier vermählen sich Dichtung und Wahrheit, Romantik und Technik, die Mythen von Daedalus und Wieland mit den Visionen Lionardos und Goethes; durch Taten von Technikern werden die kühnsten Dichter - träu ae Wirklichkeit: auf Flügeln, die sein Geist und sein Wille gespannt haben, erhebt sich der Mensch über Raum, Zeit und Schwerkraft, über Erde und Meer. — 3. SCI ÖN HEIT UND TECHNIK Wer an den Schönheitswert der Technik noch zweifelte, muß angesichts des fliegenden Menschen verstummen. Aber nicht nur das Flugzeug schenkt uns neue Schönheit: auch Automobil, Motorboot, Schnellzugslokomotive, Dynamomaschine sind in Tätigkeit und Bewegung von eigener, spezifischer Schönheit. Weil aber diese Schönheit dynamisch ist, kann sie nicht, wie die statische Schönheit der Land- schaft, von Pinsel, Griffel und Meißel festgehalten werden: deshalb existiert sie nicht für Menschen ohne originalen Schönheitssinn, die der Kunst als Wegweiserin im Irrgarten der Schönheit bedürfen. 116 Ein Ding ist schön durch die Ideale der Harmonie und Vitalität, die es uns vermittelt und die Impulse, die es uns nach diesen Richtungen gibt. So schafft sich jede Kultur ihre eigenen Symbole der Kraft und Schönheit: der Grieche steigerte seine eigene Harmonie an Statuen und Tempeln; der Römer steigerte seine Kraft und Tapferkeit an den Zirkuskämpfen seiner Raubtiere und Gladiatoren; der mittelalterliche Christ vertiefte und ver- klärte seine Seele durch Einfühlung in die Passion im Meßopfer und Altarsakramente; der Bürger der Neuzeit wuchs an den Helden seiner Theater und Romane; der Japaner lernte Grazie, Anmut und Schicksals- ergebung von seinen Blumen. — In einer Zeit rastlosen Fortschrittes mußte das Schön- heitsideal dynamisch werden — und mit ihm sein Sym- bol. Der Mensch des technischen Zeitalters ist ein Schüler der Maschine, die er geschaffen hat: von ihr lernt er unermüdliche Tätigkeit und gesam- melte Kraft. Die Maschine als Geschöpf und Tempel des heiligen Menschengeistes symbolisiert die Überwin- dung der Materie durch den Geist, des Starren durch die Bewegung, der Trägheit durch die Kraft: das Sichaufreiben im Dienste der Idee, die Menschheitsbe- freiung durch die Tat. — Die Technik hat dem kommenden Zeitalter eine neue Ausdrucksform geschenkt: das Kino. Das Kino steht im Begriffe, das Theater von heute, die Kirche von gestern, Zirkus und Amphitheater von vorgestern abzu- lösen und im Arbeitsstaate der Zukunft eine führende Kulturrolle zu spielen. 117 Bei all seinen künstlerischen Mängeln beginnt heute schon der Film ein neues Evangelium unbewußt in die Massen zu tragen: das Evangelium der Kraft und der Schönheit. Er verkündet, jenseits von Gut und Böse, den Sieg des stärksten Mannes und der schön- sten Frau — ob nun der Mann, der seine Rivalen an Körper-, Willens- oder Geisteskraft überragt, Abenteurer oder Held, Verbrecher oder Detektiv ist, und ob die Frau, die reizvoller oder edler, graziöser oder selbstloser ist als die anderen, Hetäre oder Mutter ist. So predigt die Leinwand in tausend Variationen den Männern: „Seid stark!“ den Frauen: „Seid schön!“ Diese massenpädagogische Mission, die im Kino schlummert, zu läutern und auszubauen, ist eine der größten und verantwortungsvollsten Aufgaben der heutigen Künstler: denn das Kino der Zukunft wird fraglos auf die proletarische Kultur einen größeren Ein- fluß haben, als das Theater auf die bürgerliche. - 4. EMANZIPATION Der Kultus des technischen Zeitalters ist ein Kultus der Kraft. Für die Entfaltung der Harmonie fehlt Zeit und Muße. In ihrem Zeichen wird einst das goldene Zeitalter der Kultur stehen, das dem eisernen Zeitalter der Arbeit folgen wird. Bezeichnend für die dynamische Einstellung unserer Epoche ist ihr männlich-europäischer Cha- rakter. Die männlich-europäische Ethik Nietz- sches bildet den Protest unseres Zeitalters gegen die weiblich-asiatische Moral des Christentums. Auch die Emanzipation der Frau ist ein Sym- 118 ptom für die Vermännlichung unserer Welt : denn sie führt nicht den weiblichen Menschentypus zur Macht — sondern den männlichen. Während früher die weibliche Frau durch ihren Einfluß auf den Mann teil- nahm an der Weltbeherrschung — schwingen heute Männer beiderlei Geschlechtes das Zepter der wirtschaftlichen und politischen Macht. Die Frauen- emanzipation bedeutet den Triumph des Mannweibes über die wirkliche, weibliche Frau; sie führt nicht zum Siege — sondern zur Abschaffung des Weibes. Die Dame ist schon im Aussterben: die Frau soll ihr folgen. — Durch die Emanzipation wird das weibliche Geschlecht, das bisher teilweise enthoben war, für den technischen Krieg mobilisiert und eingereiht in die Armee der Arbeit. — Die Emanzipation der Asiaten vollzieht sich unter den gleichen Bedingungen wie die Emanzipation der Frauen; sie ist ein Symptom für die Europäi- sierung unserer Welt: denn sie führt nicht den orientalischen Typus zum Siege — sondern den euro- päischen. Während früher der orientalische Geist durch das Christentum Europa beherrschte — teilen sich heute weiße und farbige Europäer in der Weltherr- schaft. Das sogenannte Erwachen des Orients bedeutet den Triumph des gelben Europäers über den wahren Orientalen; es führt nicht zum Siege — sondern zur Vernichtung der orientalischen Kultur. Wo im Osten das Blut Asiens siegt, siegt mit ihm der Geist Europas: der männliche, harte, dynamische, zielstrebige, tatkräftige, rationalistische Geist. Um am Fortschritte teilzunehmen, muß Asien seine harmonische Seele und Kultur gegen die europäisch-vitale vertauschen. — Die Emanzipation der Asiaten bedeutet ihren Eintritt in die europäisch- 119 amerikanische Armee der Arbeit und ihre Mobilisierung für den technischen Krieg. Nach dessen siegreicher Beendigung wird Asien wieder asiatisch, die Frau wieder weiblich sein können: dann werden Asien und die Frau die Welt zu reinerer Harmonie erziehen. Bis dahin aber müssen die Asiaten die europäische Uniform tragen — die Frauen die männliche. — 5. CHRISTENTUM UND RITTERTUM Wer unter Kultur HarmoniemitderNatur ver- steht, muß unsere Epoche barbarisch nennen — wer unter Kultur Auseinandersetzung mit der Natur versteht, muß die spezifische, männlich-euro- päische Form unserer Kultur würdigen. Der christlich- orientalische Ursprung der europäischen Ethik ließ sie den ethischen Wert des technischen Fortschrittes ver- kennen; erst unter der Perspektive Nietzsches erscheint das heroisch-asketische Ringen des technischen Zeit- alters um Erlösung durch Geist und Tatkraft als gut und edel. Die Tugenden des technischen Zeitalters sind vor allem: Tatkraft, Ausdauer, lapter- keit, Entsagung, Selbstbeherrschung und Solidarität. Diese Eigenschaften stählen die Seele zum unblutigen, harten Kampf der sozialen Arbeit. DieEthikderArbeit knüpft an die r i 1 1 e r 1 i c h e Ethik des Kampf es an: beide sind männlich, beide nordisch. Nur wird sich diese Ethik den neuen Verhält- nissen anpassen und an die Stelle der überlebten Ritter- ehre eine neue Arbeitsehre setzen. Der neue Ehr- begriff wird auf Arbeit beruhen — die neue Schande 120 auf Faulheit. Der faule Mensch wird als Deserteur der Arbeitsfront betrachtet und verachtet werden. Die Ob- jekte der neuen Heldenverehrung werden Erfinder sein, statt Feldherrn: Werte-Schöpfer statt Werte-Zer- störer. Aus der christlichen Moral wird die Ethik der Arbeit den Geist des Pazifismus und des S o z i a 1 i s- m u s übernehmen: weil nur der Friede für die technische Entwicklung produktiv — der Krieg destruktiv ist, und weil nur der soziale Geist der Zusammenarbeit aller Schaffenden zum technischen Siege über die Natur führen kann. — 6. DIE BUDDHISTISCHE GEFAHR Jede passivistische und lebensfeindliche Propaganda, die sich gegen die technische und industrielle Entwick- lung richtet — ist Hochverrat an der Arbeits- armee Europas: denn sie ist Aufforderung zum Rückzug und zur Fahnenflucht während des Entschei- dungskampfes. — Tolstoianer und Neo-Buddhisten machen sich dieses Kulturfrevels schuldig: sie fordern die weiße Menschheit auf, kurz vor ihrem Endsiege vor der Natur zu kapitulieren, das von der Technik eroberte Gelände zu räumen und freiwillig zur Primitivität des Acker- baues und der Viehzucht zurückzukehren. Müde des Kampfes wollen sie, daß Europa künftig in seiner ärm- lichen Natur ein ärmliches, kindliches Dasein fristet — statt sich durch höchste Anspannung des Geistes, des Willens und der Muskeln siegreich eine neue Welt zu schaffen. Was in Europa noch lebensfähig und lebenstüchtig ist, lehnt diesen Kulturselbstmord ab: es fühlt die 121 Einzigartigkeit seiner Lage und seine Verantwor- tung vor der künftigen Menschheit. Eine Waffenstreckung der Technik würde die Welt in den asiatischen Kulturkreislauf zurückwerfen. Hart vor ihrem Ziele würde die technische Weltrevolu- tion, die Europa heißt, zusammen brechen und eine der größten Menschheitshoffnungen begraben. Das Nordland Europa, das von seinem heroischen Schaffen lebt, muß den entnervenden Geist des Bud- dhismus abwehren. Japan muß, je mehr es sich indu- strialisiert, vom Buddhismus innerlich abrücken; so müßte Europa, je mehr es sich innerlich dem Buddhis- mus hingibt, seine technische Mission vernachlässigen und verraten. Der Buddhismus ist eine wunder- bare Krönung reifer Kulturen — aber ein gefährliches Gift für werdende Kulturen. Seine Weltanschauung taugt für das Alter, für den Herbst — wie die Religion Nietzsches für Jugend und Frühling — der Glaube Goethes für die Blüte des Sommers. — Der Buddhismus würde die Technik ersticken — und mit ihr den Geist Europas. — Europa soll seiner Mission treu bleiben und nie die Wurzeln seines Wesens verleugnen: Heroismus und Rationalismus, germanischen Willen und helle- nischen Geist. Denn das Wunder Europa entstand erst aus der Vermählung dieser beiden Elemente. Der blinde Tatendrang der nordischen Barbaren wurde sehend und fruchtbar durch die Berührung mit der mittelländischen | Geisteskultur: so wurden aus Kriegern Denker, aus 1 Helden Erfinder. Der Mystizismus Asiens bedroht Europas gei- stige Klarheit — der Passivismus Asiens bedroht 122 seine männliche Tatkraft. Nur wenn Europa diesen Ver- suchungen und Gefahren widersteht und sich auf seine hellenischen und germanischen Ideale besinnt — wird es den technischen Kampf zu Ende kämpfen können, um einst sich und die Welt zu erlösen. — 123 IX. STINNES UND KRASSIN 1. WIRTSCHAFTSSTAATEN Stinnes ist der Führer der kapitalistischen Wirtschaft Deutschlands — Krassin der Führer der kommunistischen Wirtschaft Rußlands. Im Folgen- den gelten sie als Exponenten der kapitalistischen und der kommunistischen Produktion, nicht als Persönlich- keiten. — Seit dem Zusammenbruch der drei großen europäi- schen Militärmonarchien gibt es in unserem Weltteile nur noch Wirtschaftsstaaten: wirtschaftliche Probleme stehen im Zentrum der inneren und äußeren Politik: Merkur regiert die Welt; als Erbe des Mars — als Vorläufer Apollons. Die Wandlung vom Militärstaate zum Wirtschafts- staat ist der politische Ausdruck der Tatsache, daß an Stelle der Kriegsfront die Arbeitsfront in den Vordergrund der Geschichte gerückt ist. Dem Zeitalter des Krieges entsprachen Militärstaaten — dem Zeitalter der Arbeit entsprechen Wirtschaftsstaaten. Der kommunistische wie der kapitalisti- sche Staat sind Arbeitsstaaten: nicht mehr 124 Kriegsstaaten — noch nicht Kulturstaaten. Beide stehen im Zeichen der Produktion und des technischen Fort- schrittes. Beide werden von Produzenten be- herrscht. wie einst die Militärstaaten von Militärs: der kommunistische von den Führern der Industriearbeiter — der kapitalistische von den Führern der Industriellen. Kapitalismus und Kommunismus sind ebenso wesensverwandt, wie Katholizis- mus und Protestantismus, die sich durch Jahr- hunderte für extreme Gegensätze hielten und mit allen Mitteln blutig bekämpften. Nicht ihre Verschiedenheit, sondern ihre Verwandtschaft ist die Ursache des erbit- terten Hasses, mit dem sie einander verfolgen. Solange Kapitalisten und Kommunisten auf dem Standpunkte stehen, es sei erlaubt und geboten, Men- schen totzuschlagen oder auszuhungern, weil sie andere wirtschaftliche Grundsätze vertreten — befinden sich beide praktisch auf einer sehr niedrigen Stufe der ethischen Entwicklung. Theoretisch sind freilich die Voraussetzungen und Ziele des K o m m unis m u s ethischer als die des Kapitalismus, weil sie von objektiveren und gerechteren Gesichtspunkten aus- gehen. Für den technischen Fortschritt sind aber ethische Gesichtspunkte nicht maßgebend: hier ist die Frage ent- scheidend. ob das kapitalistische oder das kommunistische System rationeller und geeigneter ist, den technischen Befreiungskampf gegen die Naturgewalten durchzuführen. — 2. DAS RUSSISCHE FIASKO Der Erfolg spricht für Stinnes, gegen Krassin: die kapitalistische Wirtschaft blüht, während die kommu- 125 nistische darniederliegt. Aus dieser Feststellung auf den Wert der beiden Systeme zu schließen, wäre einfach - — aber ungerecht. Denn es darf nicht übersehen werden , unter welchen Begleitumständen der Kommunismus die russische Wirtschaft übernommen und geführt hat: nach einem militärischen, poli- tischen und sozialen Zusammenbruch, nach Verlust wichtigster Industriegebiete, im Kampfe gegen die ganze Welt, unter dem Druck jahrelanger Blockade, dauernden Bürgerkrieges und der passiven Resistenz der Bauern, der Bürger und der Intelligenz; dazu trat noch die kata- strophale Mißernte. Wenn man all diese Umstände, so- wie die geringere organisatorische Begabung und Bil- dung des russischen Volkes in Rechnung zieht — so kann man nur darüber staunen, daß sich noch Reste einer russischen Industrie erhalten haben. Die Mißerfolge des fünfjährigen Kommunismus unter diesen erschwerenden Umständen an den Erfolgen des ausgereiften Kapitalismus messen zu wollen, wäre eben- so ungerecht, wie ein neugeborenes Kind mit einem er- wachsenen Manne zu vergleichen und daraufhin fest- zustellen, das Kind sei ein. Idiot — während in ihm, viel- leicht, ein werdendes Genie schlummert. — Selbst wenn der Kommunismus in Rußland zusam- \ menbricht, wäre es ebenso naiv, die soziale Revolution 1 damit für abgetan zu erklären — wie es nach dem Zu- \ sammenbruch der hussitischen Bewegung töricht ge- wesen wäre, die Reformation für erledigt zu halten: denn nach wenigen Jahrzehnten erschien Luther und führte viele der hussitischen Ideen zum Siege. — 126 3. KAPITALISTISCHE UND KOMMUNISTISCHE PRODUKTION Der wesentliche Vorsprung der kapitalisti- schen Wirtschaft liegt in ihrer E r f a h r u ng. Sie beherrscht alle Methoden der Organisation und Produk- tion. alle strategischen Geheimnisse im Kampfe zwischen Mensch und Natur und verfügt über einen Stab ge- schulter Industrieoffiziere. Der Kommunismus dagegen sieht sich gezwungen, mit einem unzureichenden Generalstab und Offizierskorps neue Kriegspläne zu entwerfen, neue Organisations- und Produktionsmetho- den zu versuchen. Stinnes kann auf eingefahrenen Ge- leisen vorwärtsdringen — während Krassin Pfadfinder sein muß im Urwald der wirtschaftlichen Revolution. — Durch Konkurrenz. Gewinn und Risiko ver- wendet der Kapitalismus einen unübertrefflichen Motor, der den Wirtschaftsapparat in ständiger Bewegung er- hält: den Egoismus. Jeder Unternehmer, Erfinder, In- genieur und Arbeiter sieht sich im kapitalistischen Staate gezwungen, seine Kräfte aufs höchste anzu- spannen. um nicht von der Konkurrenz überrannt zu werden und zugrunde zu geben. Die Soldaten und Offi- ziere der Arbeitsarmee müssen vorrücken, um nicht unter die Räder zu kommen. In der freien Initiative des Unternehmens liegt ein weiterer Vorzug des Kapitalismus, dem die Technik viel zu verdanken hat. Eines der schwierigsten Probleme des Kommunismus liegt in der Vermeidung des wirt- schaftlichen Bürokratismus, von dem er ständig bedroht ist. — Der technische Hauptvorzug des Kommu- nismus liegt darin, daß er die Möglichkeit hat, sämt- 127 liehe produktive Kräfte und Naturschätze seines Wirt- schaftsgebietes zusammenzufassen und nach einem ein- heitlichen Plane rationell zu verwenden. Damit erspart er all die Kräfte, die der Kapitalismus auf die Abwehr der Konkurrenz verschwendet. Die prinzipielle Plan- mäßigkeit der kommunistischen Wirtschaft, die es heute unternimmt, das russische Riesenreich nach einem einheitlichen Plane rationell zu elektrifizieren, bedeutet technisch einen wesentlichen Vorzug gegenüber der kapitalistischen Produktionsanarchie. Die kommunistische Arbeitsarmee kämpft unter einheit- lichem Kommando geschlossen gegen die feindliche Natur — während die zersplitterten Arbeitsbataillone des Kapitalismus nicht nur gegen den gemeinsamen Feind kämpfen, sondern zum Teil auch gegeneinander, zur Niederwerfung der Konkurrenten. Krassin hat außerdem seine Armee fester in der Hand als Stinnes^ denn die Arbeiter der Stinnesarmee sind sich darüber klar, daß ein Teil ihrer Arbeit der Berei- cherung eines fremden, feindlichen Unternehmers dient — während die Arbeiter der Krassinarmee sich bewußt sind, daß sie für den kommunistischen Staat arbeiten, dessen Teilhaber und Stützen sie sind. Stmn es er- scheint seinen Arbeitern als Unterdrücker und Gegner - Krassin als Führer und Ver- bünd e t e r. Deshalb kann es Krassin wagen, Streiks zu verbieten und Sonntagsarbeit einzuführen — während dies für Stinnes unmöglich wäre. Die Stinnesarmee ist zersetzt durch wachsende Unzu- friedenheit und Meuterei (Streik) - während die Kras- sinarmee trotz ihrer materiellen Not von einem idealen Ziele getragen wird. Kurz: der Krieg gegen die atur kräfte ist in Rußland Volkskrieg — in Europa und 128 Amerika ein dynastischer Krieg von Industrie- königen. — Die Arbeit des kommunistischen Arbeiters ist ein Kampf für seinen Staat und seine Staatsform — die Arbeit des kapitalistischen Arbeiters ein Ringen um sein Leben. Hier ist die Haupttriebfeder der Arbeit der Egoismus — dort der politische Idealismus: beim heutigen Stande der Ethik ist, leider, Egoismus ein stärkerer Motor als Idealismus und damit der Kampfwert der kapitalistischen Arbeitsarmee größer als der der kommunistischen. Der Kommunismus verfügt über einen rationelleren Wirtschaftsplan — der Kapitalismus über einen stär- keren Arbeitsmotor. Der Kapitalismus wird nicht an seinen techni- schen. sondern an seinen ethischen Defekten scheitern. DieUnzufriedenheitderStinnes- armee wird sich auf die Dauer nicht durch Maschinen- gewehre niederhalten lassen. Der reine Kapitalismus gründet sich auf die Unselbständigkeit und Unwissen- heit der Arbeiter — wie der militärische Kadavergehor- sam auf die Unselbständigkeit und Unwissenheit der Soldaten. Je selbständiger, selbstbewußter und gebilde- ter die Arbeiterklasse wird — desto unmöglicher wird es für Privatleute sein, sie für ihre Privatinteressen arbeiten zu lassen. — Die Zukunft gehört Krassin — über die Wirt- schaft der Gegenwart entscheidet das russische Experiment. Darum liegt es im eigensten Interesse der ganzen Welt, dieses Experiment nicht nur nicht zu stören, sondern nach Kräften zu fördern: denn nur dann wäre dessen Ausgang eine Antwort auf die Frage, ob der Kommunismus fähig ist, die heutige Wirtschaft zu 9 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 129 reformieren — oder ob ihm das notwendige Übel des Kapitalismus vorzuziehen ist. — 4. SÖLDNER UND SOLDATEN DER ARREIT Dem Kapitalismus entsprach im Zeitalter des Krieges das Söldnerheer — dem Kommunismus das Volks- heer. Zur Söldnerzeit konnte sich jeder reiche Privatmann ein Kriegsheer anwerben und ausrüsten, das er besoldete und befehligte — so wie sich heute jeder reiche Privat- mann ein Arbeitsheer anwerben und ausrüsten kann, das er besoldet und befehligt. Vor drei Jahrhunderten spielte Wall enstein eine analoge Rolle in Deutschland, wie heute Stinnes: mit Hilfe seines Vermögens, das er im böhmischen Kriege vermehrt hatte, und der Armee, die er mit demselben warb und unterhielt, wurde Wallenstein aus einem Privatmanne zur mächtigsten Persönlichkeit des Deut- schen Reiches — wie heute Stinnes durch sein Ver- mögen, das er im Weltkriege vermehrt hat, sowie durch Presse und Arbeitsarmee, die er mit demselben wirbt und unterhält, zum mächtigsten Manne der deutschen Repu- blik geworden ist. — Im kapitalistischen Staate ist der Ar- beiter Söldner, der Unternehmer Kondot- tiere der Arbeit — im kommunistischen Staate ist der Arbeiter Soldat eines Volks- heeres, das staatlich angestellten Generä- len untersteht. Wie damals die Kondottieri mit dem Blute ihrer Söldner Fürstentümer eroberten und Dyna- stien gründeten — so erobern die modernen Kondottieri 130 mit dem Schweiße ihrer Arbeiter Reichtümer und Macht- stellungen und gründen Plutokraten-Dynastien. Wie einst jene Söldnerführer — so verhandeln heute Indu- striekönige als gleichberechtigte Faktoren mit Regierun- gen und Staaten: sie lenken die Politik durch ihr Geld, wie einst jene durch ihre Macht. Die Reform der Arbeitsarmee, die der Kom- munismus durchführt, entspricht in allen Einzelheiten der Heeresform, die alle modernen Staaten durch- gemacht haben. Die H eeresrefo rm hat die Söldnerheere durch Volksheere ersetzt: sie hat die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, das Heerwesen verstaatlicht, private An- werbungen verboten, die Landsknechtführer durch staatlich angestellte Offiziere ersetzt und die Wehrpflicht ethisch verherrlicht. Der Arbeitsstaat führt die gleichen Reformen in der Arbeitsarmee ein: er proklamiert die allgemeine Arbeitspflicht, verstaatlicht die Industrie, verbietet pri- vate Unternehmungen, ersetzt die Privatunternehmer durch staatlich angestellte Direktoren und verherrlicht die Arbeit als sittliche Pflicht. — Stinnes und Krassin sind beide Befehlshaber ge- waltiger Arbeitstruppen, die gegen den gemeinsamen Feind kämpfen: die nordische Natur. Stinnes führt als moderner Wallenstein ein Söldnerheer — Krassin als Feldmarschall eines Arbeits- staates ein Volksheer. Während diese beiden Feldherrn sich für Gegner halten, sind sie Verbün- dete, marschieren getrennt, schlagen vereint. — 9 * 131 5. SOZIALER KAPITALISMUS LIBERALER KOMMUNISMUS Wie die Regeneration des Katholizismus eine Folge der Reformation war, so könnte die Rivalität des Kapita- lismus und Kommunismus beide befruchten: wenn sie, statt einander durch Mord, Verleumdung und Sabotage zu bekämpfen, sich darauf beschränken würden, durch kulturelle Leistungen ihren höheren Wert zu erweisen. Keine theoretische Rechtfertigung des Kapitalismus wirbt stärker für dieses System als die unbestreitbare Tatsache, daß das Los der amerikanischen Arbeiter (von denen manche im eigenen Auto zur Fabrik fahren) praktisch ein besseres ist als das der russischen, die mit ihren Mitarbeitern gleichmäßig hungern und verhun- gern. Denn Wohlstand ist wesentlicher als Gleichheit: besser, alle werden wohlhabend und wenige reich — als daß allgemeines, gleichmäßiges Elend herrscht. Nur Neid und Pedanterie können sich gegen dieses Urteil stemmen. Am besten freilich wäre universeller, allgemeiner Reichtum — aber der liegt in der Zukunft, nicht in der Gegenwart: ihn herbei- führen kann nur die Technik, nicht die Politik. — Der amerikanische Kapitalismus ist sich bewußt, daß er sich nur durch großzügiges soziales Wirken behaupten kann. Er betrachtet sich als Ver- walter des nationalen Reichtums, den er zur Förderung von Erfindungen, zu kulturellen und huma- nitären Zwecken verwendet. Nur ein sozialer Kapitalismus, der so unter- nimmt, sich mit der Arbeiterschaft auszusöhnen, hat Aussicht auf Bestand: nur ein liberaler Kommu- nismus, der es unternimmt, sich mit der Intelligenz 132 auszusöhnen, hat Aussicht auf Bestand. Den ersten Weg versucht England, den zweiten neuerdings Rußland. Gegen den Widerstand der Offiziere einen Krieg zu führen, ist auf die Dauer ebenso unmöglich, wie gegen den Widerstand der Mannschaft. Das gilt auch von der Arbeitsarmee: sie ist auf sachverständige Führer ebenso angewiesen, wie auf willige Arbeiter. Krassin hat erkannt, daß es für den Kommunismus notwendig ist, vom Kapitalismus zu lernen. Deshalb fördert er neuerdings die private Initiative, ernennt zu Leitern der Staatsbetriebe energische und sachverstän- dige Ingenieure mit weitestgehenden Vollmachten und Gewinnbeteiligung und ruft einen Teil der vertriebenen Industriellen zurück; schließlich unterstützt er den schwachen Arbeitsmotor Idealismus durch Egoismus, Ehrgeiz und Zwang und sucht durch dieses ge- mischte System die Arbeitsleistung des russischen Prole- tariats zu steigern. Nur diese kapitalistische Methoden können den Kom- munismus retten: denn er hat erkennen gelernt, daß der Winter und die Dürre grausamere Despoten Rußlands sind als sämtliche Zaren und Großfürsten: und daß der entscheiden- dere Befreiungskrieg ihnen gilt. Darum stellt er heute die Bekämpfung der Hungersnot, die Elektrifizierung und den Wiederaufbau der Industrie und des Eisen- bahnwesens in den Mittelpunkt seiner Gesamtpolitik und opfert sogar diesen technischen Plänen eine Reihe politischer Grundsätze. Er weiß, daß sein wirtschaft- licher Erfolg oder Mißerfolg den politischen bestim- men wird und daß es von ihm abhängt, ob die russi- sche Revolution schließlich zur Welterlösung führt — oder zur Weltenttäuschung. — 133 Die Abschaffung des Privateigentums muß beim heutigen Stande der Ethik an unüberwindlichen psychologischen Widerständen scheitern. Dennoch bleibt der Kommunismus ein Wendepunkt in der wir - schaftlichen Entwicklung vom Unternehmer- zum Ar- beiterstaate - und in der politischen Entwicklung vom unfruchtbaren System der plutokratischen Demokratie zu einer neuen sozialen Aristokratie geistiger Men- sehen. — 6 TRUST UND GEWERKSCHAFTEN Solange der Kommunismus sich als unreif erweist die Führung im technischen Befreiungskämpfe zu über- nehmen werden Krassin und Stinnes sich yer- s t ä n d i g e n n, ü s s e n. Diesen Weg, der zur Zusammen- arbeit führt statt zur Gegeneinanderarbeit, werden die fanatischen Dummköpfe des Kapitalismus wie des Kom- munismus von sich weisen: nur die hellsten Kopte ben der Lager werden sich begegnen in der Erkenntnis, d et besser ist, die Weltkultur durch einen Verständigungsfrieden zu retten, durch einen Vernichtungss.eg zu zerst - r e n. Dann werden aus den Kondottien der Wirtschatt Generäle werden, aus Söldnern der Wirtschaft Soldaten. in der roten Wirtschaft von morgen kann es ebensowenig Gleichheit geben zwischen Führern un ‘ i * führten, wie in der roten Armee von heute, aber d künftigen Industriellen werden nicht mehr unverant- wortlich sein wie heute, sondern sich der Gesa ” verantwortlich fühlen. Die unproduktiven Kapitalist (Schieber) werden aus dem Wirtschaftsleben ebenso ver- * schwinden wie einst die dekorativen Hofgenerale ausdei 134 Armee. Wie dies heute schon vielfach der Fall ist, wird der produktive Kapitalist zum intensivsten Arbeiter seiner Fabrik werden müssen. Durch ein gleichzeitiges Sinken seines übermäßigen Gewinnes wird ein gerechter Ausgleich eintreten zwischen seiner Arbeit und seinem Einkommen. Zwei wirtschaftliche Kraftgruppen be- ginnen sich in den kapitalistischen Arbeitsstaaten in der Führung der Wirtschaft zu teilen: die Vertreter der Unternehmer und der Arbeiter — Trusts und G e- w er k schäften. Ihr Einfluß auf die Politik ist im Wachsen und wird die Parlamente an Bedeutung über- flügeln. Sie werden einander ergänzen und kontrollieren wie einst Senat und Tribunat. Oberhaus und Unterhaus. Die Bezwingung der Naturkräfte und die Eroberung der Naturschätze werden die Trusts leiten — die Verteilung der Beute werden die Gewerkschaften kontrollieren. Auf dem gemeinsamen Boden der Produktionssteige- rung und der Vervollkommnung der Technik werden sich Stinnes und Krassin begegnen: denn sie sind Gegner in der Frage der Verteilung — Bundesgenossen in der Frage der Erzeugung: gegeneinander kämpfen sie in der Frage der Wirtschaftsmethode — mit ein- ander im Menschheitskriege gegen die N a t u r k r ä f t e. — 135 X. VOM ARBEITSSTAAT ZUM KULTUR- STAAT 1. KINDERKULT Unsere Epoche ist gleichzeitig die Kampf- epoche der Technik und die V orbereitungs- epoche der Kultur. Sie stellt an uns die Doppel- forderung: 1. Ausbau des Arbeitsstaates. 2. Vorbereitung des Kulturstaates. Die erste Aufgabe stellt die Politik in den Dienst der Technik — die zweite in den Dienst der Ethik. Nur der Blick auf das kommende Zeitalter der Kultur gibt der leidenden und kämpfenden Menschheit des technischen Zeitalters die Kraft, den Kampf mit den Naturgewalten bis zum Siege fortzusetzen. Die Mehrarbeit, die der moderne Mensch gegenüber dem mittelalterlichen leistet, ist sein Vermächtnis an den Menschen der Zukunft; durch diese Mehrarbeit häuft er ein Kapital an Erkenntnissen, Maschinen und Werten an, dessen Zinsen einst seine Enkel genießen werden. Die Teilung der Menschheit in Herren und Sklaven, in Kulturträger und Zwangsarbeiter, wird auch heute an- erkannt: aber diese Kasten beginnen sich aus dem Sozialen ins Zeitliche zu verschieben. Wirsindnicht 136 die Sklaven unserer Zeitgenossen — son- dern unserer Enkel. Statt eines nebenein- ander bestehenden Herren- und Sklavenstandes setzt unsere Kulturauffassung eine nacheinander beste- hende Sklaven- und Herrenepoche. Die Arbeitswelt von heuteerrichtetdieGrundlagender Kul- turwelt von morgen. Wie einst die Kulturmuße der Herren aufgebaut war auf der Überarbeitung der Sklaven — so wird die Kulturmuße der Zukunft aufgebaut sein auf der Über- arbeitung der Gegenwart. Die jetzige Menschheit steht im Dienste der kommenden; wir säen, auf daß andere ernten; unsere Zeit arbeitet, forscht und ringt — damit eine künftige Welt in Schönheit erstehen kann. So tritt an die Stelle des östlichen Ahnen-Kultes ein westlicher Kinder-Kult. Er blüht im kapitalistischen wie im kommunistischen Arbeitsstaate: in Amerika wie in Rußland. Die Welt kniet vor dem Kinde als Idol, als Versprechen einer schöneren Zukunft. Es ist zum Dogma geworden, bei aller Wohltätigkeit zuerst des Kindes zu gedenken. Im kapitalistischen Westen arbeiten sich die Väter zu Tode, um ihren Kindern reichere Lebensmög- lichkeiten zu hinterlassen — im kommunistischen Osten lebt und stirbt eine ganze Generation im Elend, um ihren Nachkommen eine glücklichere und gerechtere Zukunft zu sichern. Die Pietät des europäischen Zeitalters ist nach vorwärts gerichtet. Der westliche Kinder-Kult wurzelt im Entwick- lungsglauben. Der Europäer sieht im späteren das bessere, höherentwickelte; er glaubt, daß seine Enkel der Freiheit würdiger sein werden als er und seine Zeit- genossen: er glaubt, daß die Welt vorwärtsgeht. Während der Orientale die Gegenwart schwebend sieht, im Gleich- 137 gewicht zwischen der Vergangenheit und der Zukunft — erscheint sie dem Europäer als rollende Kugel, die sich immer schneller von ihrer Vergangenheit loslöst, um einer unbekannten Zukunft zuzueilen. DerOrientale steht jenseits der Zeit; der Europäer geht mit der Zeit: er stößt die Vergangenheit ab und um- armt seine Zukunft. Seine Geschichte ist eine stete Ab- rechnung mit der Vergangenheit und ein Drängen nach Zukunft. Weil er das Vorwärtsschreiten der Zeit mit- erlebt, bedeutet Stillstand für ihn Rückschritt. Er lebt in der heraklitischen Welt des Werdens — der Orientale in der parmenidischenWeltdesSeins. Infolge dieser Einstellung ist unser Zeitalter nur aus der Perspektive des kommenden zu werten. Es ist eine Zeit der Vorbereitung und des Kampfes, der Unreife und des Überganges. Wir sind ein junges Ge- schlecht. das über die Brücke zweier Welten schreitet und am Beginn eines unbetretenen Kulturkreises steht: so erleben wir unser stärkstes Gefühl im \ orwärts- dringen, im Wachsen und Kämpfen — nicht im fried- lichen Genuß orientalischer Reife. Nicht Lust ist unser Ziel — sondern Freiheit; nicht Be- schaulichkeit ist unser Weg — sondern rp ^ p 2. ARBEITSPFLICHT Der Ausbau des Arbeitsstaates ist die eine Kulturpflicht unseres Zeitalters. Der Arbeitsstaat ist die letzte Etappe des Menschen auf seinem Wege in das Kulturparadies der Zukunft. Den Arbeitsstaat ausbauen, heißt: alle erfaßbaren Arbeitskräfte der Natur und des Menschen aut ratio- nellste Weise in den Dienst der Produktion* und des technischen Fortschrittes stellen. — 138 In einer Epoche, die an den Grundlagen kommender Kulturen baut, hat niemand ein Recht auf Muße. Die allgemeine Arbeitspflicht ist eine ethische und technische Pflicht zugleich. Ein ideales Programm für den Ausbau des Arbeits- staates hat Popper - Lyn keus entworfen in seinem Werke: „Die allgemeine Nährpflicht.“ Er fordert darin, daß an die Stelle der Wehrpflicht eine allgemeine, obligatorische Arbeitsdienstpflicht tritt, diese würde mehrere Jahre dauern und den Staat in die Lage setzen, jedem seiner Mitglieder zeitlebens ein Existenz- minimum an Nahrung, Wohnung, Kleidung, Heizung und ärztlicher Pflege zu garantieren. Dieses Programm könnte das Elend und die Sorge brechen und zugleich die Diktatur der Kapitalisten und Proletarier. Die Klas- senunterschiede würden durch die allgemeine Arbeits- pflicht ebenso aufhören, wie durch die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht im Kriege der Gegensatz zwischen Berufssoldaten und Zivilisten. — Die Abschaf- 'V ■** - - fung des Proletariates aber ist ein erstrebenswerteres Ideal als dessen Herrschaft. — Die allgemeinste Zwangsarbeit ist der Preis, den Popper-Lvnkeus für die Beseitigung des Elends und der Sorge fordert. Diese Zwangsarbeit durch Förderung der Technik und Verbesserung der Organisation auf ein Mi- nimum zu reduzieren und schließlich durch freiwillige Arbeit zu ersetzen — bildet den zweiten Programmpunkt des Arbeitsstaates. Die Hoffnung, die Lenin in „Staat und Revolu- tion“ äußert, die Menschheit würde auch nach Abschaf- fung der Zwangsarbeit freiwillig weiter arbeiten, ist für den Nordländer keine Utopie. Denn der rastlose Euro- päer und Amerikaner findet in der Untätigkeit keine 139 Befriedigung; durch mehrtausendjährigen Zwang ist ihm Arbeit zur zweiten Natur geworden: er braucht sie, um seine Kräfte zu üben und das Gespenst der Langeweile zu bannen. Sein Ideal ist tätig, nicht beschau- lich. Aus diesem Grunde — nicht aus Habsucht — arbeiten die meisten Millionäre des Westens rastlos weiter, statt ihren Reichtum sorglos zu genießen; aus dem gleichen Grunde betrachten auch viele Angestellten ihre Pensionierung als Schicksalsschlag, weil sie die ge- wohnte Arbeit dem erzwungenen Müßiggang vor- ziehen. — Beim heutigen Stande der Technik wäre diese frei- willige Arbeit noch unzureichend zur Bannung der Not: noch sind viel Überarbeitung und Zwangsarbeit not- wendig. um den Weg freizumachen für eine schöne und freie Arbeit der Zukunft. Diesen Weg in die Zukunft bahnen die Erfinder. Ihr unermüdliches und stilles Schaffen ist wesentlicher und bedeutsamer für die Kultur als das laute Treiben der Politiker und Künstler, die sich in den Vordergrund der Weltarena drängen. Die moderne Gesellschaft ist verpflichtet, auf jede erdenkliche Weise ihre Erfinder und deren Tätigkeit zu fördern: ihnen müßte sie die Vor- zugsstellung gewähren, die das Mittelalter seinen Mön- chen und Priestern einräumte und ihnen so die Möglich- keit bieten, ohne Sorgen ihre Erfindungen auszubauen. Wie die Erfinder die wichtigsten Persön- lichkeiten unserer Epoche sind, so sind die Indu- striearbeiter deren wichtigster Stand: denn sie bilden den Vortrupp im Kampfe des Menschen um die Erdherrschaft und gebären die Gebilde, die von Er- findern gezeugt werden. — 140 3. PRODUZENTEN- UND KONSUMENTEN- STAAT * Eine weitere Pflicht des Arbeitsstaates ist die H e- bung des allgemeinen Wohlstandes durch Steigerung der Produktion. Sobald mehr Lebensmittel auf den Markt geworfen werden, als verzehrt werden können — hört der Hunger auf und der selige Naturzustand der Brotbaumländer kehrt auf höherer Stufe wieder. Nur wenn eine Stadt mehr Wohnungen baut, als sie Familien beherbergt, bannt sie die Wohnungsnot, die sie durch Zwangseinquartierungen nur lindert, verteilt und verschiebt. Nur wenn ebensoviele Autos erzeugt werden wie Taschenuhren, wird jeder Arbeiter Autobesitzer sein: nicht, indem Volkskommissäre sich in beschlagnahmte Autos von Bankdirektoren setzen. J ( ur durch Produktion, nicht durch Kon- fiskation kann sich der Wohlstand eines Volkes dauernd heben. — Im kapitalistischen Staate ist die Produktion abhängig von der Preisbildung. Wenn es im Inter- esse der Preisbildung liegt, ist der Produzent ebenso ent- schlossen, Waren zu vernichten wie zu erzeugen, die Technik zu hemmen wie zu fördern, die Produktion zu drosseln wie zu steigern. Steht die technische und kultu- relle Entwicklung im Einklang mit seinen Interessen, so ist er bereit, sie zu fördern — stehen sie zu einander im Widerspruch, so entscheidet er sich unbedenklich für den Gewinn gegen die Technik, Produktion und Kultur. Es liegt im dauernden Interesse der Produ- zenten, daß die Nachfrage immer das Angebot iiher- 141 steigt — - während es im Interesse der Konsu- menten liegt, daß das Angebot die Nachfrage über- steigt. Der Produzent lebt von der Not des Konsumenten: die Getreideproduzenten leben davon, daß Menschen hun- gern; die Kohlenproduzenten leben davon, daß Men- schen frieren. Sie haben ein Interesse daran, Hunger und Frost zu verewigen. Das Getreidekapital wäre entschlos- sen, die Erfindung eines Brotersatzes — das Kohlen- kapital, die Erfindung eines Kohlenersatzes zu sabo- tieren; sie würden gegebenenfalls versuchen, die betref- fende Erfindung aufzukaufen und zu vernichten. Die Arbeiter der betreffenden Produktionszweige wären mit ihren Unternehmern solidarisch, um nicht Arbeit und Einkommen zu verlieren. Die industriellen Unternehmer und Arbeiter sind an der Preissteigerung ihrer Industrieartikel interessiert, — die Landwirte und Landarbeiter an der Preissteigerung ihrer Bodenprodukte. Als Produzenten gehen die Wünsche der Menschen auseinander — während als Konsumenten alle Menschen das gleiche, gemein- same Ziel haben: Reduktion der Preise durch Steigerung der Produktion. Ein weiterer Unfug des Produzentenstaates ist die Reklame. Sie ist eine notwendige Folge des Konkur- renzkampfes und besteht in der Erhöhung der Nachfrage durch künstliche Weckung der menschlichen Begehr- lichkeit. Dieses Zurschaustellen und Aufdrängen des Luxus, der die Begehrlichkeit weckt, ohne sie je befrie- digen zu können — wirkt heute als Hauptursache des allgemeinen Neides, der allgemeinen Unzufriedenheit und Verbitterung. Kein Großstädter kann alle ausgestellten Waren kaufen, die 142 in den Auslagen seine Augen blenden: er muß sich also immer arm fühlen, gemessen an diesen au fgestap eiten, ausgestellten Reichtümern und Genüssen. Die seelischen Verheerungen, welche die Reklame anrichtet, lassen sich nur beseitigen durch Abschaffung der Konkurrenz; der Konkurrenzkampf wieder läßt sich nur beseitigen durch eine Abkehr vom Kapitalismus. Trotz der großartigen Förderung, die das technische Zeitalter dem Kapitalismus verdankt, darf es nicht blind werden gegen die Gefahren, die von dieser Seite drohen: es muß rechtzeitig ein besseres System zur Durchführung bringen, das die Fehler des Kapitalismus vermeidet. Der Rivale und Erbe des kapitalistischen Unterneh- merstaates, der kommunistische Arbeiter staat, übernimmt einen Teil der Fehler seines Vorgängers: denn auch in ihm herrscht eine Produzenten- gruppe, auch er ist ein Produzentenstaat. Der Kulturstaat der Zukunft hingegen wird Konsu- mentenstaat sein: seine Produktion wird von den Konsumenten kontrolliert werden — nicht, wie heute, der Konsum durch die Produzenten. Es wird nicht dem Gewinn — sondern der allgemeinen Wohlfahrt und Kultur zuliebe produziert werden: nicht um der Produ- zenten. sondern um der Konsumenten willen. Es ist die künftige Mission des Parlamentes, die übereinstimmenden Interessen aller Konsumenten zu vertreten und zu verteidigen gegen die divergierenden Interessen der Produzentengruppen, deren Sprachrohr heute noch die Abgeordneten und Parteien sind. 4. REVOLUTION UND TECHNIK Der wirtschaftliche Umsturz, der die heutige Produktionsanarchie Europas zu neuer Ordnung um- 143 schaffen soll, darf seine produktive Mission nie vergessen und muß sich hüten, in die destruktiven Methoden Rußlands zu verfallen. Denn Europa ist durch seine Nordlage und Übervölkerung mehr als jeder andere Erdteil auf organisierte Arbeit und indu- strielle Produktion angewiesen. Es kann nicht einmal vorübergehend von den Almosen seiner geizigen Natur leben; alles, was es erreicht hat, verdankt es den Taten seiner Arbeitsarmee. Deren radikale Desorganisation durch Krieg oder Anarchie bedeutet den Kulturtod Europas: denn durch einen vorübergehenden Still- stand der europäischen Produktion müßten mindestens hundert Millionen Europäer verhungern; eine solche Katastrophe könnte Europa, dem die Widerstandskraft Rußlands fehlt, nicht überleben. — Die Ethik fordert vom kommenden Um- sturz Europas, daß er das menschliche Leben schont und heiligt — : die Technik fordert vom kommenden Um- sturz Europas, daß er das menschliche Schaffen schont und heiligt. Wer einen Menschen mutwillig tötet — frevelt am heiligen Geiste der Gemeinschaft; wer eine Maschine mutwillig zerstört — frevelt am heiligen Geiste der Arbeit. Dieses doppelten Frevels hat sich im höchsten Grade schuldig gemacht der Kapitalismus im Weltkriege, der Kommunismus in der russischen Revolution. Beide kannten weder Ehrfurcht vor menschlichem Leben noch vor menschlichem Schaffen. Wenn Europa belehrbar ist, kann es von der russi- schen Revolution lernen, welche Methoden es nicht anwenden darf; denn an ihr hat es ein warnendes Beispiel für die Bedeutung der Technik und für die 144 Rache, die sie an ihren Verächtern nimmt. Rußlands Machthaber wähnten, ihr Land und die Welt mit ethi- schen Zielen und militärischen Mitteln allein erlösen zu können — statt durch Arbeit und Technik. Sie haben die Industrie und Technik ihres Landes der Politik zum Opfer gebracht. Während sie aber nach den Sternen der Gleichheit griffen, verloren sie den Boden der Produk- tion unter ihren Füßen — und stürzten so in den Ab- grund des Elends. Um sich aus diesem Abgrund, in dem Rußlands Völker verkommen, zu retten, sehen sich die Kommunistenführer gezwungen, ihre kapitalistischen Todfeinde zu Hilfe zu rufen gegen die übermächtige rus- sische Natur, die einst Napoleons große Armee zer- schmettert hat und heute den Bolschewismus mit dem gleichen Verhängnis bedroht. Folgt Europa dem destruktiven Beispiel der russischen Revolution, so riskiert es, statt zu einer neuen, nach- kapitalistischen Ordnung durchzudringen, in die Primi- tivität vorkapitalistischer Barbarei zurückzusinken und gezwungen zu sein, noch einmal die kapitalistische Epo- che zu durchleben. Seine Geistesklarheit möge es vor diesem tragischen Schicksal bewahren: sonst ergeht es ihm wie einem Patienten, der in der Narkose an Herz- schwäche stirbt — während an ihm eine geniale Opera- tion vollzogen wird. Denn der Herzschlag Europas ist die Technik: ohne Technik kann es nicht leben — auch unter der freiesten Verfassung. Bevor an die Güterver- teilung geschritten werden kann, muß die Gütererzeu- gung gesichert werden: denn was nützt Gleichheit, wenn alle verhungern? Und was schadet Ungleichheit, wenn niemand Not leidet? Die europäische Revolution müßte ihre Pro- duktion vervielfachen, statt sie zu vernichten — ihre 10 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 145 Technik beleben, statt sie zu zerstören. Nur dann hätte sie Aussicht auf Erfolg und auf dauernde Verwirklichung ihrer ethischen Ideale. Die technische Organisation und der Maschinenpark Europas bilden das Fundament seiner künftigen Kultur; versucht Europa, diesem Kulturbau das politische Dach aufzusetzen, bevor dessen technische Grundmauern stehen — stürzt der Bau zusammen und begräbt unter seinen Trümmern die leichtfertigen Baumeister mitsamt den bedauernswerten Bewohnern. — 5. GEFAHREN DER TECHNIK Wohin ethische Forderungen führen, wenn sie blind sind gegen technische Notwendigkeiten — hat der Ver- lauf der russischen Revolution gezeigt; wohin technische Fortschritte führen, wenn sie blind sind gegen ethische Notwendigkeiten — hat der Ver- lauf des Weltkrieges gezeigt. Technik ohne Ethik muß ebenso zu Kata- strophen führen, wie Ethik ohne Technik. Wenn Europa in ethischer Hinsicht keine Fortschritte macht, muß es aus einem Weltkriege in den anderen taumeln: diese werden um so fürchterlicher sein, je höher sich inzwischen die Technik entwickelt. Euro- pas Zusammenbruch ist also unvermeid- lich. wenn nicht sein ethischer Fortschritt Schritt hält mit dem technischen. Dennoch wäre es ebenso lächerlich und feige, wegen der Möglich- keit technischer Kulturkatastrophen die Technik als solche zu bekämpfen und zu verdammen — wie es lächerlich und feige wäre, wegen der Möglichkeit von Eisenbahnunfällen die Eisenbahn zu vermeiden und zu verpönen. 146 Während Europa den Arbeitsstaat ausbaut, darf es nie vergessen, den Kulturstaat vorzu bereiten. Die Träger der ethischen Entwicklung: Lehrer und Priester, Künstler und Schriftsteller — bereiten den Men- schen auf den großen Festtag vor, der das Ziel der Tech- nik ist. Ihre Bedeutung ist ebenso groß, wie die der Inge- nieure, Chemiker, Ärzte: diese gestalten den Leib der kommenden Kultur — jene die Seele. Denn Technik ist der Leib, Ethik die Seele der Kultur. Hier liegt ihr Gegensatz — hier ihre Verwandtschaft. — Ethik lehrt den Menschen den rechten Gebrauch der Macht und Freiheit, die ihm Technik gewährt. Ein Mißbrauch der Macht und Freiheit ist für den Menschen verhängnisvoller als Ohnmacht und Unfreiheit: durch die menschliche Bosheit könnte das Leben in der künf- tigen Periode der Muße noch schrecklicher werden als in der gegenwärtigen Periode der Zwangsarbeit. Von der Ethik hängt es ab, ob die Technik den Menschen in die Hölle führt oder in den Himme 1. Die Maschine trägt einen Januskopf: geistvoll gehand- habt. wird sie Sklavin des Zukunftsmenschen sein und ihm Macht. Freiheit. Muße und Kultur sichern — geist- los gehandhabt. wird die Maschine den Menschen ver- sklaven und ihm den Rest seiner Macht und Kultur rauben. Gelingt es nicht, die Maschine zu einem Organ des Menschen zu machen — so muß der Mensch zu einem Bestandteil der Maschine herabsinken. Technik ohne Ethik ist praktischer Materia- lismus: er führt zum Untergang des Menschlichen im Menschen, und zu seiner Verwandlung in eine Maschine; er verleitet den Menschen, sich zu veräußerlichen und seine Seele an Dinge hinzugeben. Aller technische 10 * 147 Fortschritt aber wird schädlich und wertlos, wenn der Mensch, indes er die Welt erobert, seine Seele verliert: dann wäre es besser, er wäre Tier geblieben. Wie unter Kriegsvölkern Heere und Kriege notwendig waren zur Erhaltung der Freiheit und der Kultur — so sind in armen und übervölkerten Erdteilen Arbeit und Technik notwendig zur Erhaltung des Lebens und der Kultur. Die Armee muß aber politischen Zielen dienst- bar bleiben — die Technik ethischen. Eine Technik, die sich von der Ethik emanzipiert und sich für einen Selbstzweck hält, ist ebenso verhängnisvoll für die Kultur, wie für einen Staat eine Armee, die sich von der Politik emanzipiert und sich für einen Selbstzweck hält: ein führerloser Industrialismus muß die Kultur ebenso in den Abgrund reißen — wie ein führerloser Militaris- mus den Staat. Wie der Körper Organ der Seele ist, so muß sich die Technik der ethischen Führung unter- werfen; sie muß sich hüten, in den Irrtum zu verfallen, den die Kunst bei der Proklamierung des l'art pour l’art begangen hat; denn weder Kunst noch Technik, noch Wissenschaft, noch Politik sind Selbstzweck: sie alle sind nur Wege, die zum Menschen führen — zum starken, voll- endeten Menschen. - — 6. ROMANTIK DER ZUKUNFT In harten und schweren Zeiten wächst die Sehnsucht und mit ihr die Romantik. Auch unsere Zeit hat eine Romantik geboren: überall regt sich die Sehnsucht nach fremden, schöneren Wel- ten, die uns hinweghelfen sollen über das graue Einerlei 148 unserer Arbeitstage. Die Pflegestätten moderner Roman- tik: Kinos, Theater und Romane sind wie Fen- ster, aus denen die Zwangsarbeiter des europäischen Zuchthauses hinausblicken können ins Freie. — Die moderne Romantik hat vier Hauptformen: Die Romantik der Vergangenheit, die uns zu- rückversetzt in buntere und freiere Epochen unserer Geschichte; die Romantik der Ferne, die uns den großen Osten und den wilden Westen erschließt; die R om antikdes Okkulten, die eindringt in die verschlossensten Bezirke des Lebens und der Seele und den öden Alltag mit Wundern und Geheimnissen erfüllt; die R o m a n t i k der Zukunft, die den Menschen über das trostlose Heute hinwegtröstet durch den Aus- blick auf ein goldenes Morgen. Spengler, Kayserling und Steiner kommen dieser modernen Romantik entgegen; Spengler erschließt uns die Kulturen der Vergangenheit — Kayserling die Kulturen der Ferne — Steiner das Reich des Okkulten. Die große Wirkung, die diese Männer auf das deutsche Geistesleben ausüben, ist teilweise zurückzuführen auf die romantische Sehnsucht des schwergeprüften deut- schen Volkes, das in die Vergangenheit, in die Ferne und zum Himmel blickt, um dort Trost zu finden. — In die Vergangenheit, in die Ferne und ins Jenseits führt die Phantasie — in die Zukunft die Tat. Daher wirkt weder Historismus, noch Orientalismus, noch Ok- kultismus als die eigentlich treibende Kraft unserer Zeit — sondern die Romantik der Zukunft: sie hat die Idee des Zukunftsstaates geboren und damit die Weltbewegung des Sozialismus: sie hat die Idee des 149 Übermenschen gezeugt und damit die Umwertung der Werte eingeleitet. Marx, der Verkünder des Zukunftsstaates und Nietzsche, der Verkünder des Übermenschen sind beide Romantiker der Zukunft. Sie verlegen das Paradies weder in die Vergangenheit — noch in die Ferne — noch in das Jenseits: sondern in die Zukunft. Marx predigt das kommende Weltreich der Arbeit — Nietzsche das kommende Weltreich der Kultur. Alles, was sich heute mit dem Ausbau des Arbeitsstaates befaßt, muß Stellung nehmen zum Sozialismus — alles, was sich heute mit der Vorbereitung des Kultur- staates befaßt, muß Stellung nehmen zum Übermen- schen. Marx ist der Prophet des Morgen — Nietzsche der Prophet des Übermorgen. Alle großen sozialen und geistigen Ereignisse im heu- tigen Europa knüpfen irgendwie an das Werk dieser beiden Männer an: die soziale und politische Weltrevolu- tion steht im Zeichen Marx' — die ethische und geistige Weltrevolution steht im Zeichen Nietzsches. Ohne diese beiden Männer wäre das Antlitz Europas ein anderes. — Marx und Nietzsche, die Verkünder des sozialen und des individualen Zukunftsideales, sind beide Euro- päer, Männer, Dynamiker. Aus der Fixierung ihrer Ideale in die Zukunft ergeben sich Wille und Notwendig- keit, sie durch Taten zu verwirklichen. Ihre dynamischen Ideale enthalten Forderungen: sie wollen den Men- schen nicht nur belehren, sondern bezwingen; sie drehen seinen Blick nach vorwärts und wirken so als Um- schöpfer der Gesellschaft und des Menschen. In ihrer Polarität spiegelt sich das Wesen des europäischen Geistes und die Zukunft des europäischen Schicksals. — Das höchste, letzte Ideal europäischer Zukunfts- 150 romantik ist: nicht Abkehr — sondern Riickkehrzur Natur auf höherer Ebene. Im Dienste dieses Ideales steht die Kultur, die Ethik und die Technik. Nach hunderttausenden von Kriegsjahren soll der Mensch wieder Frieden schließen mit der Natur und heimkehren in ihr Reich; aber nicht als ihr Geschöpf — sondern als ihr Herr. Denn der Mensch steht im Begriffe, die Ver- fassung seines Planeten zu stürzen: gestern war sie anar- chisch, morgen soll sie monarchisch werden. Eines unter den Milliarden Geschöpfen greift nach der Krone der Schöpfung: der freie, entfaltete Mensch als königlicher Gebieter der Erde. — 151 PAZIFISMUS 19 2 4 Den toten, lebenden, kommenden Helden des Friedens! 1. ZEHN JAHRE KRIEG Der Friede, der vor zehn Jahren in Trümmer ging, ist bis heute nicht wiederhergestellt. Auf die fünfjährige Kriegsperiode folgte für Europa eine fünfjährige Halbkriegsperiode. In diese Periode fällt der russisch-polnische und der griechisch-türkische Krieg, die Ruhrbesetzung, die Kämpfe in Oberschlesien, Litauen, Westungarn, Fiume, Korfu, die Bürgerkriege in Deutschland, Italien, Spanien, Ungarn, Irland, Griechenland, Bulgarien und Albanien, das Umsichgreifen der politischen Morde und der Völkerverhetzung, der Zusammenbruch von Wäh- rungen und die Verarmung ganzer Völker. Dieses schlimmste Jahrzehnt europä- ischer Geschichte seit der Völkerwanderung bildet eine schlimmere Anklage gegen den Krieg, als Pazifisten sie jemals Vorbringen konnten und können: dennoch ist dieser Angeklagte weder an seiner Freiheit, noch an seiner Ehre, noch an seinem Leben bestraft worden, sondern läßt sich überall als Triumphator feiern, diktiert die europäische Politik und bereitet sich vor, von neuem über die Völker Europas herzufallen, um sie endgültig zu vernichten. Denn es ist zweifellos, daß infolge der Fortschritte der Kriegstechnik, insbesondere der Giftfabrikation und der Aviatik, der nächste europäische Krieg diesen Erdteil nicht schwächen, sondern vernichten würde. Zu dieser Gefahr, die ihn persönlich unmittelbar be- trifft, muß jeder Europäer Stellung nehmen. Erscheint sie ihm unabwendbar, so bleibt als einzige logische Konsequenz die Auswanderung nach einem fremden 155 Erdteil. Erscheint sie ihm abwendbar, so bleibt als Pflicht der Kampf gegen die Kriegsgefahr und deren Träger: die Pflicht zum Pazifismus. Europäer zu bleiben, ist heute nicht nur ein Schicksal — sondern auch eine verantwortungsvolle Aufgabe, von deren Lösung die Zukunft aller und jedes Einzelnen abhängt. * Pazifismus ist heute in Europa die ein- zige Realpolitik. Wer von einem Kriege das Heil hofft, gibt sich romantischen Illusionen hin. Die Mehrzahl der europäischen Politiker scheint dies zu erkennen und den Frieden zu wünschen — und mit ihnen die überwältigende Mehrzahl der Europäer. Diese Tatsache kann den Pazifisten nicht beruhigen, der sich daran erinnert, daß dies auch 1914 der Fall war; auch damals wollten die meisten Staatsmänner und die Majorität der Europäer den Frieden: und den- noch brach, gegen ihren Willen, der Krieg aus. Dieser Kriegsausbruch erfolgte durch einen inter- nationalen Staatsstreich der kriegsfreund- lichen Minoritäten gegen die kriegsfeindlichen Majori- täten Europas. Dieser Staatsstreich, von langer Hand vorbereitet, er- griff einen günstigen Anlaß, überrumpelte durch Lügen und Schlagworte die ahnungslosen Völker, deren Schicksal nun durch Jahre jenen Minoritäten preis- gegeben blieb. So kam es zum Weltkrieg durch die Entschlossenheit der Militaristen und die Schwäche der Pazifisten. So- lange dieses Verhältnis bleibt, kann täglich ein neuer europäischer Krieg ausbrechen. Denn heute wie damals steht eine kleine aber tatkräftige Kriegsminorität einer großen aber energielosen Friedensmajorität gegenüber; sie spielt mit dem Krieg, statt ihn zu zerstampfen; sie besänftigt die Kriegshetzer, statt sie niederzuwerfen und schafft so die gleiche Lage wie 1914. ♦ 156 Der Pazifismus vergißt, daß ein Wolf stärker ist als tausend Schafe und daß die Zahl in der Politik wie in der Strategie nur dann entscheidet, wenn sie gut ge- führt und gut organisiert ist. Dies ist der Pazifismus heute so wenig wie vor zehn Jahren: wäre er dies schon damals gewesen, so wäre der Krieg nicht ausgebrochen; wäre er dies heute, so wäre Europa vor einem neuen Kriege sicher. Die Ohnmacht des Pazifismus liegt heute wie damals darin, daß zwar sehr viele den Frieden wünschen, aber sehr wenige ihn wollen; daß viele den Krieg fürchten — aber nur wenige ihn bekämpfen. 157 2. KRITIK DES PAZIFISMUS Die passive Kriegsschuld trifft den europäischen Pazifismus. Seine schlechte Führung, seine Schwäche und Charakterlosigkeit hat die Kriegshetzer ermutigt, den Krieg zu beginnen. Die Anhänger des Friedensgedankens, die 1914 für ihr Ideal nicht rechtzeitig und nicht stark genug eingetreten sind, sind mitverantwortlich am Kriegsausbruch. Wenn aber heute, nach dieser Erfahrung und Er- kenntnis, ein Gegner des Krieges bei jener Passivität be- harrt, so ladet er eine noch schwerere Schuld auf sich, indem er dem Zukunftskrieg indirekt Vorschub leistet. Ein reicher Pazifist, der heute den Frieden nicht finanziert, ist ein halber Kriegshetzer. Ein pazifistisch gesinnter Journalist, der heute den Frieden nicht propagiert — ist ebenfalls ein halber Kriegshetzer. Ein Wähler, der aus innerpolitischen Motiven einen Kandidaten wählt, von dessen Friedenswillen er nicht überzeugt ist — unterschreibt damit sich und seinen Kindern ein halbes Todesurteil. Die Pflicht jedes Pazifisten ist: im Rahmen seiner Möglichkeiten den drohenden Zukunftskrieg zu ver- hindern; tut er nichts nach dieser Richtung, so ist er entweder kein Pazifist oder pflichtvergessen. * Der Pazifismus hat aus dem Kriege nichts ge- lernt: er ist heute wesentlich der gleiche wie 1914. Wenn er seine Fehler nicht erkennt und sich nicht 158 wandelt, wird der Militarismus auch in Zukunft über ihn hinwegschreiten. Die Hauptfehler des europäischen Pazi- fismus sind: Der Pazifismus ist unpolitisch: unter seinen Führern sind zu viele Schwärmer, zu wenig Politiker. Darum baut der Pazifismus vielfach auf Illusionen, rechnet nicht mit gegebenen Tatsachen, nicht mit der menschlichen Schwäche, Unvernunft und Bosheit: so zieht er aus falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse. Der Pazifismus ist uferlos; er versteht es nicht, seine Ziele zu beschränken; er erreicht nichts, weil er alles zugleich will. Der Pazifismus ist weitsichtig; er ist vernünftig im Ziel — aber unvernünftig in den Mitteln. Er richtet sein Wollen auf die Zukunft — und überläßt die Gegen- wart den Intriguen der Militaristen. Der Pazifismus ist planlos: er will den Krieg ver- hindern, ohne ihn zu ersetzen; seinem negativen Ziel fehlt das positive Programm einer aktiven Weltpolitik. Der Pazifismus ist zersplittert; er hat Sekten, aber keine Kirche; seine Gruppen arbeiten isoliert, ohne einheitliche Führung und Organisation. Der Pazifismus pflegt Anhängsel, statt Mittelpunkt politischer Programme zu sein; ihr Mittelpunkt ist eine innerpolitische Einstellung, während ihr Pazifismus mehr taktisch als prinzipiell ist. Der Pazifismus ist inkonsequent; er hält sich meist bereit, einem „höheren Ideal“, das heißt einem ge- schickten Schlagwort gegenüber kritiklos zurückzu- treten, wie er dies 1914 getan hat und auch künftig zu tun bereit wäre. * Das größteÜbel d e s P a z i f i s m u s sind die Pazifisten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich unter ihnen die besten und bedeutend- sten Männer unserer Zeit finden. Diese sind von der folgenden Kritik ausgenommen. 159 Die meisten Pazifisten sind Phantasten, welche die Politik und deren Mittel verachten, statt sie zu be- treiben; darum werden sie, sehr zum Schaden ihres Zieles, politisch nicht ernst genommen. Viele Pazifisten glauben, die Welt durch Predigen zu ändern — statt durch Handeln: sie kompromittieren den politischen Pazifismus, indem sie ihn mit religiösen und methaphysischen Spekulationen durchsetzen. Meist ist die Furcht vor dem Kriege die Mutter des Pazifismus. Erstreckt sich diese Furcht vor der Gefahr auch auf das sonstige Leben der Pazifisten, so verhindert es sie, sich für den Friedensgedanken zu exponieren. Die Tapferkeit und Opferwilligkeit der Pazifisten ist seltener als die der Militaristen; viele er- kennen die Kriegsgefahr — aber wenige bringen persön- liche oder materielle Opfer, um sie abzuwenden. Statt Kämpfer — sind sie Drückeberger des Pazi- fismus, die anderen den Kampf überlassen, an dessen Früchten sie teilnehmen. Viele Pazifisten sind sanfte Naturen, die nicht nur den Krieg scheuen — sondern auch den Kampf gegen den Krieg; ihr Herz ist rein, aber ihr Wille schwach und daher ihr Kampfwert illusorisch. Die meisten Pazifisten sind überzeugungs- schwach — wie die meisten Menschen; unfähig, einer Massensuggestion im entscheidenden Augenblick zu trotzen — sind sie Pazifisten im Frieden, Militaristen im Kriege. Nur eine feste Organisation, geführt von einem starken Willen, kann sie dauernd in den Dienst des Friedens zwingen. 160 3. RELIGIÖSER UND POLITISCHER PAZIFISMUS Der religiöse Pazifismus bekämpft den Krieg, weil er unsittlich — der politische Pazifismus, weil er u n- rentabel ist. Der religiöse Pazifismus sieht im Krieg ein V e r- brechen — der politische Pazifismus eine Dumm- heit. Der religiöse Pazifismus will den Krieg abschaffen durch Änderung des Menschen-der poli- tische Pazifismus will den Krieg verhindern durch Änderung der Verhältnisse. — Beide Formen des Pazifismus sind gut und berech- tigt: gesondert dienen sie dem menschlichen Frieden und Fortschritt; nur in ihrer Vermischung schaden sie einander mehr, als sie einander nützen. Hingegen sollen sie einander bewußt unterstützen: es ist also selbstver- ständlich. daß der politische Pazifist sich auch ethischer - rgumente bedient, um die Werbekraft seiner Propa- ganda zu stärken; und daß der religiöse Pazifist im Ent- scheidungsfall die pazifistische Politik unterstützen wird — statt der militaristischen. In seinen Methoden muß sich aber der praktische I azifismus vom ethischen Pazifismus emanzipieren: sonst bleibt er unfähig, den Kampf gegen den Militaris- mus erfolgreich zu führen. In der Politik haben sich die machiavellisti- sehen Methoden des Militarismus besser bewährt als II Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 161 die tolstoischen Methoden des Pazifismus, der in- folgedessen 1914 und 1919 kapitulieren mußte. Will künftig der Pazifismus siegen, so muß er von seinen Gegnern lernen und seine tolstoischen Ziele mit machiavellistischen Mitteln verfolgen: er muß von Räubern lernen, wie man mit Räubern umgeht. Denn wer unter Räubern im Sinne der Gewaltlosigkeit seine Waffe wegwirft, hilft damit nur den Räubern, nur der Gewalt, nur dem Unrecht. Darum muß der politische Pazifist die Tatsache aner- kennen, daß in der Tagespolitik die Gewaltlosigkeit der Gewalt nicht gewachsen ist; daß nur der auf Gewalt ver- zichten kann, der, wie einst das Christentum, mit Jahr- hunderten rechnet. Das kann aber Europa nicht: siegt hier der Friede nicht bald, so werden in 300 Jahren nur noch chinesische Archäologen seine Kirchhofsruhe stören. Es genügt also nicht, daß der europäische Friede siegt: siegt er nicht bald, ist sein Sieg illusorisch. * Wer ein Spiel erfolgreich spielen will, muß sich den Spielregeln unterwerfen. Die Spielregeln der Politik sind: List und Gewalt. Will der Pazifismus in die Politik praktisch ein- greifen, so muß er sich dieser Mittel zur Bekämpfung des Militarismus bedienen. Erst nach seinem Siege könnte er die Spielregeln ändern und Recht an die Stelle von Macht setzen. Solange jedoch in der Politik Macht vor Recht geht, muß der Pazifismus sich auf Macht stützen. Überläßt er die Macht den Kriegsfreunden, während er sich selbst nur auf sein gutes Recht stützt — so leistet er, aus Prinzipienreiterei, nur dem Zukunfts- kriege Vorschub. Ein Politiker, der keine Gewalt anwenden will, gleicht einem Chirurgen, der nicht schneiden will: hier wie dort kommt es darauf an, das richtige Maß zu finden zwischen zu viel und zu wenig: sonst stirbt der Patient, statt zu genesen. 162 Politik ist die Lehre von der Eroberung und dem richtigen Gebrauch der Macht. Der innere Frieden aller Länder wird aufrechterhalten durch Recht und Ge- walt: Recht ohne Gewalt müßte sofort zu Chaos und Anarchie führen, also zur schlimmsten Form der Gewalt. Das gleiche Schicksal droht dem internationalen Frieden — wenn sein Recht keine Stütze in einer inter- nationalen Machtorganisation findet. Der Pazifismus als politisches Programm darf also keinesfalls die Gewalt ablehnen: nur muß er sie g e g e n den Krieg einsetzen — statt für den Krieg. c> * Das Mißtrauen der friedliebenden Massen in die poli- tische F iihrung der Pazifisten, das scheinbar paradox ist, erklärt sich daraus, daß die meisten Pazifisten das ABC der Politik nicht beherrschen. Denn wie wir in einem Prozeß unsere Vertretung lieber einem geschickten Anwalt anvertrauen, als einem ungeschickten — auch wenn dieser noch so gütig ist: so legen auch die Völker ihr Schicksal lieber in geschickte, als in gütige Hände. Die Pazifisten werden erst dann das politische Ver- trauen der Massen erobern, wenn sie, nach den Worten der Bibel, nicht nur sanft sind wie die Tauben — son- dern auch klug wie die Schlangen; wenn sie nicht nur edler in den Zielen — sondern auch geschickter in den Mitteln sind, als ihre militaristischen Rivalen. 11 * 163 4. REFORM DES PAZIFISMUS Die neue Zeit fordert einen neuen Pazifismus. Staatsmänner sollen an seine Spitze treten, statt Träumer; Kämpfer sollen seine Reihen füllen, statt Nörgler! Nur ein staatskluger Pazifismus kann die Massen überzeugen — nur ein heroischer Pazi- fismus kann sie hinreißen! Die neuen Pazifisten sollen Optimisten des Willens sein — aber Pessimisten der Erkenntnis. Sie sollen die Gefahren, die dem Frieden drohen, weder übersehen noch übertreiben — sondern: bekämpfen. Die Be- hauptung: „Ein neuer Krieg ist unmöglich,“ ist ebenso falsch wie die Behauptung: „Ein neuer Krieg ist unver- meidlich.“ Ob die Kriegsmöglichkeit sich in Kriegswirk- lichkeit verwandeln wird oder nicht, hängt in erster Linie von der Tatkraft und Umsicht der Pazifisten ab. Denn Krieg und Frieden sind keine Naturereignisse — sondern Menschenwerk. Darum muß der Pazifist dem Frieden gegenüber fol- genden Standpunkt einnehmen: „Der Friede ist bedroht; Der Friede ist möglich; Der Friede ist wünschenswert: Schaffen wir also den Frieden!“ * Der neue Pazifismus muß seine Ziele beschrän- ken, um sie zu erreichen und nur das fordern, was er entschlossen ist, durchzusetzen. Denn das Reich des Frie- dens läßt sich nur schrittweise erobern und ein 164 Schritt vorwärts in der Wirklichkeit gilt mehr als tausend Schritte in der Phantasie. Uferlose Programme locken nur Phantasten — wäh- rend sie Politiker abstoßen: ein Politiker kann aber für den Frieden mehr tun, als tausend Phantasten! * Die Pazifisten aller Nationen, Parteien und Welt- anschauungen müssen in der internationalen Politik eine Phalanx bilden mit einheitlicher Führung und gemein- samen Symbolen. Eine Fusion so vieler divergierender Gruppen ist un- möglich und unzweckmäßig — aber ihre Koopera- tion ist möglich und notwendig. Der Pazifismus muß von jedem Politiker Klarheit f oi dem über seine Stellung zu Krieg und Frieden In dieser Lebensfrage hat jeder Wähler ein Recht, 'den Standpunkt seines Kandidaten genau zu kennen, zu wissen, unter welchen präzisen Umständen dieser für den Krieg stimmen würde und welche Mittel er an- wenden will, um den Krieg zu verhindern. Nur wenn die Wähler auf diese Weise in die Außen- politik eingreifen, statt sich wie bisher mit Phrasen und Schlagwörtern abspeisen zu lassen — könnten die Par- lamente zu Spiegelbildern des Friedenswillen werden, der die Massen der Arbeiter, Bauern und Bürger aller bationen beseelt. * Der neue Pazifismus muß vor allem auch d i e P a z i- fisten reformieren. Der Pazifismus kann nur siegen, wenn die Pazifisten bereit sind, im Kampf um den Frieden Opfer zu bringen an Ehre, Geld und Leben; wenn die zahlkräf- tigen Pazifisten zahlen — die tatkräftigen handeln. Solange die Massen in den Militaristen, die täglich be- reit sind, ihr Leben für ihr Ideal hinzugeben, Helden 165 sehen — in den Pazifisten aber Schwächlinge und Feig- linge, wird die Begeisterung für den Krieg stärker sein, als die Begeisterung für den Frieden. Denn die Überzeugungskraft liegt in den Dingen — die Begeisterungskraft aber in den Me n s c h e n. Diese Kraft, zu begeistern, wird um so stärker sein, je mehr die Pazifisten Kämpfer, Apostel, Helden und Märtyrer ihrer Idee werden — statt deren Anwälte und Nutznießer. — 166 5. WELTFRIEDEN UND EUROPA- FRIEDEN Die Ziele des religiösen Pazifismus sind absolut und einfach — die Ziele des politischen Pazifismus relativ und vielfältig. Jedes politische Problem fordert eine be- sondere Stellungnahme des Pazifismus. Es gibt drei Haupttypen des Krieges: der A n- g r i f f s-, Verteidig ungs- und Befreiungs- krieg. Alle Pazifisten sind Gegner des Eroberungskrieges; der Weg zu seiner Bekämpfung ist klar vorgezeichnet: gegenseitige Versicherung von Staaten zur gemein- samen Abwehr des Friedensbrechers. Eine solche Or- ganisation, wie sie heute der Völkerbund im Garantie- pakt plant, wird in Zukunft die Völker vor Eroberungs- kriegen schützen und ihnen zugleich individuelle Ver- teidigungsaktionen ersparen. Viel schwieriger ist das Problem des Befreiungs- krieges. Denn dieser ist in der Form ein An- griffskrieg — im Wesen aber ein Ver- teidigungskrieg gegen eine erstarrte Eroberung. Ein Pazifismus, der Befreiungskriege unmöglich macht, ergreift damit die Partei der Unterdrücker. Anderseits wäre die internationale Legitimierung des Befreiungs- krieges ein Freibrief für Eroberungskriege. Denn die Befreiung unterdrückter Völker und Klassen bildet den beliebtesten Vorwand aller Erobe- rungskriege; und da es überall Völker, Volkssplitter, Rassen und Klassen gibt, die sich unterdrückt fühlen oder es wirklich sind, wäre heute ein Pazifismus, der den Befreiungskrieg gestattet, praktisch illusorisch. * 167 Zwei Theorien stehen sich also hier gegenüber: der konservative Pazifismus saturierter Völker, deren Ziel die Bekämpfung jedes Friedensbrechers, die Erhaltung des Status quo und der gegenwärtigen Herr- schaftsverhältnisse ist — und der revolutionäre Pazifismus, dessen Ziel ein letzter Weltkrieg zur Befreiung aller unterdrückten Klassen, Völker und Rassen und damit die Vernichtung jeder künftigen Kriegsursache und die Begründung der pazifistischen Weltrepublik ist. Der konservative Pazifismus hat seine Zentrale im Genfer Völkerbund — der revolutionäre in der Moskauer Internationale. * Der Genf er Pazifismus will heute den Frieden erhalten, ohne die Konfliktstoffe zu beseitigen, die zu einem Zukunftskrieg zu führen drohen; der Mos- kauer Pazifismus will die internationale Explo- sion beschleunigen, um wenigstens für die Zukunft ein gesichertes Friedensreich zu errichten. Es ist zu fürchten, daß Genf zu schwach sein wird, um den Frieden zu erhalten — und Moskau zu schwach, ihn zu errichten. Darum bedrohen beide Tendenzen in ihrem Radikalismus den Weltfrieden. Ein teilweiser Ausweg aus diesem Dilemma ist ein evolutionärer Pazifismus, dessen Ziel ein schrittweiser Abbau der nationalen und sozialen Unter- drückung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Frie- dens ist. Dieser Pazifismus, der wie ein schmales Seil über einen doppelten Abgrund führt, erfordert das höchste politische Geschick der Führer und ein großes politisches Verständnis der Völker. Dennoch muß er von allen versucht werden, die ehrlich den Frieden wollen. * Die beiden schwierigsten Friedensprobleme der Zu- kunft sind: das indische und das australische Problem. In der indischen Frage (die ein Spezial- 168 fall der allgemeinen Kolonialfrage ist) stehen sich der Wille der indischen Kulturnation zur politischen Unab- hängigkeit und der Wille Großbritanniens, es in seinem Staatsverbande zu halten, scheinbar unversöhnlich gegenüber. Diese Lage reizt die asiatischen (und halb- asiatischen) Völker, sich eines Tages mit Indien zu einem großen Befreiungskämpfe zu vereinigen. Die australische Frage (die ein Spezialfall der pazifischen Einwanderungsfrage ist) dreht sich um die Aussperrung der Mongolen aus den angelsächsischen Siedlungsgebieten. Der starke Bevölkerungszuwachs der Mongolen steht in keinem Verhältnis zu ihrem Mangel an Siedlungsgebieten und droht eines Tages zu einer Explosion im pazifischen Ozean zu führen, wenn ihnen kein Ventil geöffnet wird. Anderseits wissen die weißen Australier, daß eine Zulassung der Mongolen sie binnen kurzem in die Minorität drängen würde. Welche Lösung dieses Problem finden wird, wenn einst China ebenso gerüstet sein wird wie Japan, ist unbestimmt. Die friedliche Lösung dieser Weltprobleme bildet eine sehr schwierige Aufgabe der britischen, asiatischen und australischen Pazifisten. Die europäischen Pazifisten jedoch müssen klar erkennen, daß eine kriegerische Lösung die- ser Fragen wahrscheinlicher ist als eine friedliche, daß ihnen aber die Macht und der Einfluß fehlt, diese drohenden Kriege zu verhindern. * Diese Erkenntnis klärt die Mission des europä- ischen Pazifismus: er hat nicht die Macht, den Erdball zu pazifizieren — wohl aber hat er die Macht, Europa den Dauerfrieden zu schenken, indem er die europäische Frage löst und seinen Erdteil davor bewahrt, in jene asiatische und pazifische Zu- kunftskonflikte verwickelt zu werden. Infolgedessen muß der politische Pazifismus Europas seine Ziele beschränken und unterscheiden lernen, was er nur 169 wünschen — und was er auch erreichen kann. Ohne seine Kräfte zu überspannen, muß er zunächst in seinem eigenenErdteil um den Dauerfrieden ringen und es den Amerikanern, Briten, Russen und Asiaten über- lassen, in den ihnen zugefallenen Weltteilen den Frieden zu erhalten. Dabei müssen aber alle Pazifisten der Welt miteinander in ständiger Fühlung bleiben, da viele Probleme (vor allem die Abrüstung), nur inter- national zu lösen sind, und da der internationale Pazifismus versuchen muß, Konflikte zwischen jenen Weltkomplexen zu vermeiden und zu schlichten. Im Verhältnis zu jenen ostasiatischen Kriegsgefahren sind die europäischen Friedensprobleme relativ leicht zu lösen. Kein unüber- windliches Hindernis steht dem euro- päischen Frieden im Weg. Bei einem euro- päischen Kriege könnte niemand etwas gewinnen — aber alle alles verlieren. Der Sieger würde tödlich ver- wundet — der Besiegte vernichtet aus diesem Massen- morden hervorgehen. Deshalb könnte ein neuer europäischer Krieg nur entstehen durch ein Verbrechen der Militaristen, durch den Leichtsinn der Pazifisten und die Dummheit der Politiker. Er kann verhindert werden, wenn in jedem Lande die Kriegshetzer in Schach gehalten werden, die Pazifisten ihre Pflicht erfüllen und die Staatsmänner die Interessen ihrer Völker wahren. * Die Sicherung des Friedens in Europa, das heute zum Balkan der Welt geworden ist, bildet einen wesentlichen Schritt vorwärts zum Weltfrieden. Wie der Weltkrieg von Europa seinen Ausgang nahm — so könnte vielleicht auch der Weltfrieden einst von Europa seinen Ausgang nehmen. Keinesfalls ist an einen Weltfrieden zu denken, bevor nicht der europäische Frieden in einem stabilen System verankert ist. 170 6. REALPOLITISCHES FRIEDENS- PROGRAMM Die europäische Kriegsgefahr gliedert sich in zwei Gruppen: die erste ist in der nationalen Untei- driickung begründet — die zweite in der sozialen. Heute bedrohen die Grenzfragen und die rus- sische Frage den europäischen Frieden. — Das Wesen der Grenz frage ist, daß die meisten europäischen Staaten und \ ölker mit ihren derzeitigen Grenzen unzufrieden sind, da sie den nationalen, wirt- schaftlichen oder strategischen Forderungen der Na- tionalisten nicht entsprechen. Eine friedliche Änderung der heutigen Grenzen ist bei deren gegenwärtigen Bedeutung unmöglich: daher bereiten die Nationalisten jener unzufriedenen Staaten eine gewaltsame Grenz- änderung durch einen neuen Krieg vor und zwingen ihre Nachbarn zu Rüstungen. Die russische Frage wurzelt heute in der Tatsache, daß an der offenen Ostgrenze Europas eine Weltmacht steht, deren Führer es als ihr Ziel bekennen, das bestehende System in Europa gewaltsam zu stürzen. Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützen sie die soziale Irredenta Europas mit Geld und hoffen bald in die Lage zu kommen, diesen Propagandageldern beim Ausbruch der europäischen Revolution Sowjettruppen nachsenden zu können. Aus prinzipiellen Gründen ist Rußland Gegner des heutigen Pazifismus, bekennt sich zu milita- ristischen Methoden und organisiert eine starke Armee, um mit deren Hilfe die Weltkarte, wenigstens in Europa 171 und Asien, gründlich zu ändern. Sobald diese Armee stark genug sein wird, wird sie zweifellos gegen Westen marschieren. * Diese beiden Probleme, die sich an einzelnen Punkten (Bessarabien, Ostgalizien) begegnen, bedrohen täglich den Frieden Europas. Jeder europäische Pazifist muß sich mit ihnen auseinandersetzen und versuchen, sie abzuwenden. Das Pan-Europa-Programm*) ist der ein- zige Weg, diese beiden drohenden Kriege mit real- politischen Mitteln zu verhindern und den euro- päischen Frieden zu sichern. Sein Ziel ist: 1. Sicherung des i n n e r e u r o p ä i s c h e n Friedens durch paneuropäischen Schiedsvertrag, Garantiepakt, Zollbund und Minoritätenschutz. 2. Sicherung des Friedens mit Rußland durch ein paneuropäisches Defensivbündnis, durch gegenseitige Anerkennung, Nichteinmischung und Grenzgarantie, gemeinsame Abrüstung und wirtschaft- liche Zusammenarbeit, sowie durch Abbau der sozialen Unterdrückung. 3. Sicherung des Friedens mit Britan- nien, Amerika und Ostasien durch obligato- rische Schiedsverträge und regionale Völkerbunds- reform. * Das Pan-Europa-Programm ist die einzig mögliche Lösung des europä- ischen Grenzproblems. Denn die Unverein- barkeit aller nationalen Aspirationen, sowie die Span- nung zwischen den geographisch-strategischen, histo- risch-wirtschaftlichen und nationalen Grenzen in Europa macht eine gerechte Grenzführung unmöglich. Eine Veränderung der Grenzen würde *) Siehe: „Pan-Europa“ von R. N. Coudenhove-Kalergi (Pan-Europa- Verlag, Wien). 172 alte Ungerechtigkeiten beseitigen, aber neue an deren Stelle setzen. Darum ist eine Lösung des europä- ischen Grenzproblemsnur durch dessen Ausschaltung möglich. Die beiden Elemente dieser Lösung sind: A. Das konservative Element des territorialen Status quo, das die bestehenden Grenzen stabilisiert und so den drohenden Krieg verhindert; B. das revolutionäre Element der allmählichen Beseitigung der Grenzen in strategischer, wirtschaft- licher und nationaler Hinsicht, das die Keime künftiger Kriege zerstört. Diese Sicherung der Grenzen, verbun- den mit deren Abbau, bewahrt die formale Gliederung Europas, während sie deren Wesen ändert. So sichert sie zugleich den gegenwärtigen und künftigen Frieden, die wirtschaftliche und die nationale Ent- faltung Europas. * Die andere europäische Kriegsgefahr ist die russi- sche. Die russische Militarisierung entspringt einerseits der Furcht vor einer antibolschewistischen Invasion, die durch Europa unterstützt würde — andererseits dem Willen, im Zeichen der sozialen Befreiung einen Angriffskrieg gegen Europa zu führen. Darum muß es das Ziel des europäischen Pazifismus sein, zugleich Rußland vor einem euro- päischen und Europa vor einem russi- schen Angriff zu sichern. Das erste ist nur durch ehrlichen F riedenswillen möglich — das zweite durch militärische Überlegenheit. Diese militärische Überlegenheit kann Europa ohne Steigerung seiner Rüstungen sofort erreichen durch ein paneuropäisches Defensivbündnis. Der europäische Pazifismus darf aber diese mili- tärische Übermacht nicht in ein Wettrüsten ausarten 173 lassen, sondern muß sie zur Basis einer russisch- europäischen Abrüstung und Verständigung machen. % Europa hat nicht die Möglichkeit, die politische Ein- stellung der russischen Machthaber, deren System expansiv ist, zu ändern. Da es dieselben zum Frieden nicht überreden kann, muß es sie zum Frieden zwingen. Wenn ein Nachbar friedlich orientiert ist, der andere kriegerisch, so fordert der Pazifismus, daß die mili- tärische Überlegenheit auf Seiten des Friedens steht. Eine Umkehr dieses Verhältnisses bedeutet den Krieg. Es ist ein Irrwahn vieler Pazifisten, in der eigenen Rüstungsbeschränkung den sicheren Weg zum Frieden zu sehen. Unter Umständen fordert der Friede Abrüstung — unter anderen Um- ständen aber Rüstung. Hätten beispielsweise England und Belgien 1914 über starke Armeen verfügt, so hätte der englische Vermittlungsvorschlag unmittel- bar vor der Katastrophe mehr Aussicht auf Annahme gehabt. Wenn sich heute etwa ein \ olk aus Pazifismus zur Kriegsdienstweigerung bekennt, während sein Nachbar auf die Gelegenheit lauert, es zu überfallen, so fördert es nicht den Frieden, sondern den Krieg. Wenn ein anderes Volk zur Sicherung seines Friedens seine Rüstungen steigert und dadurch einen friedlichen Nachbarn zum Wettrüsten provoziert — so fördert es auch nicht den Frieden, sondern den Krieg. Jedes Friedensproble m fordert eine individuelle Behandlung. Darum kann Eu- ropa heute nicht die gleichen Friedensmethoden gegen- über England und Rußland anwenden. Der Friede mit E n g 1 a n d, dessen Politik stabil und pazifistisch ist, läßt sich auf Verträge stützen — der Friede mit Rußland, das sich in einer Revolution befindet und seine Kriegspläne gegen das europäische System nicht verleugnet, bedarf militärischer Siche- rungen. 174 Es wäre ebenso unpolitisch und unpazifistisch, sich den Sowjets gegenüber auf Verträge zu verlassen — wie England gegenüber auf die Flotte. Hingegen muß der europäische Pazifismus jederzeit bereit sein, einem pazifistischen Rußland, das abrüstet und auf seine Interventionspläne ehrlich verzichtet, ebenso gegenüberzutreten, wie dem pazifistischen England. * Europas Pazifisten dürfen aber nie vergessen, daß Rußland im Namen der sozialen Befreiung rüstet und daß Millionen Europäer eine russische Invasion als Befreiungskrieg auffassen würden. Dieser Krieg wird um so drohender, je mehr diese Überzeugung in den Massen Europas um sich greift. Wie die nationalen Kriegsgefahren dauernd nur gebannt werden können durch einen Abbau der natio- nalen Unterdrückung, kann diese soziale Kriegsgefahr nur gebannt werden durch Abbau der sozialen Unterdrückung. Die soziale Irredenta Europas wird erst dann von der Moskauer Internationale abfallen, wenn ihr der prak- tische Beweis erbracht wird, daß die Lage und die Zukunft der Arbeiterschaft in den demokratischen Ländern eine bessere ist als in den sowjetistisehen. Gelingt dem Kommunismus der Gegenbeweis, so kann keine Außenpolitik Europa vor der Revolution und dem Anschluß an Sowjetrußland bewahren. * Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen Innen- und Außenpolitik, zwischen Freiheit und Frie- den. Da jede Unterdrückung, ob sie nun national oder sozial ist, den Keim eines Krieges in sich birgt, bildet der Kampf gegen die Unter- drückung einen wesentlichen Bestandteil des Kampfes um den Frieden. 175 Jede Unterdrückung zwingt die Unterdrücker zur Aufrechterhaltung einer Militärmacht, die Unter- drückten und deren Verbündete aber zur Kriegshetze. Umgekehrt gibt eine Kriegs- und Rüstungspolitik den staatlichen Machthabern das stärkste Instrument zur innerpolitischen Unterdrückung in die Hand: die Armee. Darum wird der europäische und der Weltfriede erst dann endgültig gesichert sein, wenn die Religionen, Nationen und Klassen auf hören werden, sich unter- drückt zu fühlen. Das ist der Grund, weshalb friedliche Auß e n- politik Hand in Hand geht mit freiheit- licher Innenpolitik - — Kriegspolitik nach außen aber mit Unterdrückung nach innen. 176 7 FÖRDERUNG DES FRIEDENS- GEDANKENS Neben der Erkämpfung seines außenpolitischen Friedensprogrammes soll der Pazifist keine Gelegenheit versäumen, die internationale Zusammenarbeit und Verständigung zu fördern. Dies bestimmt die Einstellung des Pazifismus zum Völkerbund. Der heutige Völkerbund ist als Friedensinstitution sehr unvollkommen; er ist, vor allem, schwer belastet durch die Erbschaft des Krieges, der ihn geboren hat. Er ist schwach, ungegliedert, unzuverläßlich; außerdem ist er ein Torso, so lange die Vereinigten Staaten, Deutschland und Rußland ihm fernbleiben. Dennoch ist der Genfer Völkerbund der erste Entwurf zu einer inter- nationalen Staatenorganisation der Welt, die an die Stelle der bisherigen Staatenanarchie treten soll. Er hat den unermeßlichen Vorteil der Exi- stenz gegenüber allen besseren Institutionen, die nur Projekte sind. Darum muß jeder Pazifist den schwachen, gebrech- lichen, embryonalen Völkerbund unterstützen: er soll ihn kritisieren — aber nicht bekämpfen; an seiner Umgestaltung arbeiten — aber nicht an seiner Zer- störung. * Jeder Pazifist soll dazu beitragen, den dummen Völkerhaß zu beseitigen, der allen schadet und keinem nützt. Dies kann er am besten durch Verbreitung der Wahrheit und durch Bekämpfung der böswilligen und ungebildeten Völkerverhetzung. 12 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 177 Denn eine Hauptursaehe des nationalen Hasses ist, daß die Völker einander nicht kennen und nach den Äußerungen einer chauvinistischen Presse und Literatur nur in Zerrbildern sehen. Um diese Entstel- lungen zu bekämpfen, soll der Pazifismus eine auf- klärende Volksliteratur schaffen, Übersetzungen för- dern, ebenso den Austausch von Professoren, Lehrern, Studenten und Kindern. Durch internationale Vereinbarung soll die chauvi- nistische Hetze gegen fremde Nationen in Schule und Presse rücksichtslos bekämpft werden. Zur Förderung des Friedensgedankens und zur Be- kämpfung der Kriegshetze sollten in allen Staaten Friedensministerien entstehen, die, in stän- digem Kontakt miteinander und mit allen pazifistischen Organisationen des In- und Auslandes, der inter- nationalen Versöhnung dienen. * Eine der wesentlichsten Aufgaben des Pazifismus ist die Einführung einer internationalen Ver- ständigungssprache. Denn, bevor die \ ölker miteinander reden können, läßt sich schwer von ihnen verlangen, daß sie einander verstehen. Eine internationale Verkehrssprache hätte den Zweck, daß daheim jeder Mensch seine Muttersprache spricht, während er sich im Umgang mit Angehörigen fremder Nationen der Verständigungssprache bedient. So brauchte jeder Mensch, der seine Heimat verläßt, nur die eine Verständigungssprache zu beherrschen, wäh- rend er heute im Ausland mehrerer Sprachen bedarf. Als internationale Verkehrssprache kommen nur Esperanto und Englisch in Frage. Welche dieser beiden Sprachen für den internationalen Verkehr gewählt wird, ist belanglos neben der Forderung, daß sich die Welt auf eine dieser beiden Sprachen einigt. * 178 Die englische Sprache hat gegenüber Es- peranto den großen Vorteil, daß sie in Australien, in halb Asien, Afrika und Amerika sowie in großen Teilen Europas bereits die Rolle einer internationalen Ver- kehrssprache übernommen hat, so daß in diesen Ge- bieten ihre offizielle Einführung nur die Sanktion einer bestehenden Übung wäre. Dazu kommt, daß sie in ihrer Zwischenstellung zwischen den germanischen und roma- nischen Sprachen für Germanen wie für Romanen leicht erlernbar ist, ebenso für Slawen, die bereits eine germa- nische oder romanische Sprache beherrschen. Außerdem ist Englisch die Sprache der beiden mächtigsten Reiche der Erde und die verbreitetste Muttersprache der weißen Menschheit. Die Einführung der internationalen Hilfssprache könnte durch einen Vorschlag des Völkerbundes erfol- gen. sie zunächst in allen Mittelschulen und Lehrer- bildungsanstalten der Welt obligatorisch einzuführen und nach einem Jahrzehnt auch in den Volksschulen. * Die Verbreitung der Aufklärung und der Kampf gegen die menschliche Unwissenheit birgt raschere Aus- sichten auf Erfolg der Friedenspropaganda in sich, als die Verbreitung der Humanität und der Kampf gegen die Bosheit. Denn menschliche Überzeugungen wan- deln sich rascher als menschliche In- stinkte. Und die Friedensbewegung hätte es, wenig- stens in Europa, gar nicht nötig, an das menschliche Herz zu appellieren - — wenn sie sich einigermaßen auf den menschlichen Verstand verlassen könnte. Wie die Aufklärung mit Hexenverbrennungen, Folter und Sklaverei fertig geworden ist — so wird sie eines Tages auch mit dem Kriege, jenem Überbleibsel aus einem barbarischen Zeitalter der Menschheit, fertig werden. 12 * 179 Wann dies geschehen wird, ist unbestimmt; daß dies geschehen wird, bestimmt. Das Tempo hängt von den Pazifisten ab. Daß die Menschen nach hunderttausenden von Jahren endlich fliegen gelernt haben, war viel wunderbarer und unwahrscheinlicher, als daß sie eines Tages lernen werden, in Frieden miteinander zu leben. — 180 8. FRIEDENSPROPAGANDA Die Friedenspropaganda ist die not- wendige Ergänzung der Friedenspoli- tik: denn die pazifistische Politik ist kurzfristig — die pazifistische Propaganda langfristig. Die Friedenspropaganda allein ist unfähig, den un- mittelbar drohenden Krieg zu verhindern, da sie zu ihrer Auswirkung mindestens zweier Generationen bedarf; die Friedenspolitik allein ist unfähig, den Dauerfrieden zu sichern, da bei der raschen Entwicklung unseres Zeit- alters der Wirkungskreis der Politik kaum über zwei Generationen reicht. Die Friedenspolitik kann bestenfalls durch großes Geschick ein pazifistisches Provisorium schaffen, um der Friedenspropaganda indessen die Möglichkeit zu bieten, die Völker moralisch abzurüsten und sie davon zu überzeugen, daß der Krieg ein bar- barisches. unpraktisches und veraltetes Mittel zur Aus- tragung internationaler Differenzen ist. Denn, so lange sich diese Erkenntnis nicht inter- national durchgesetzt hat und so lange es Völker gibt, die den Krieg für das geeignetste Mittel zur Durch- setzung ihrer politischen Ziele betrachten, kann sich der Friede nicht auf Abrüstung stützen, sondern nur auf die militärische Überlegenheit der Pazifisten. Völlige Abrüstung ist erst nach dem Siege des F r i e d e n s g e d a n k e n s möglich — so wie die Abschaffung der Polizei erst möglich wäre nach dem Aussterben des Verbrechertums: sonst führt die Abschaffung der Polizei zur Diktatur des Ver- 181 brechens — die Abschaffung der Armee zur Diktatur des Krieges. * Die pazifistische Propaganda richtet sich gegen die Kriegsinstinkte, Kriegsinteressen und Kriegsideale. Der Kampf gegen die Kriegsinstinkte muß geführt werden durch deren Schwächung und Ablenkung sowie durch Stärkung der Gegeninstinkte. Vor allem gilt es die Völker desKriegeszuent- wohnen und so ihre Kriegsinstinkte absterben zu lassen, wie Raucher, Trinker und Morphinisten ihre Neigungen durch deren Nichtausübung ablegen. Das Mittel zur Kriegsentwöhnung ist Friedenspolitik. Der Sport ist sehr geeignet, die menschlichen, ins- besondere die männlichen Kampfinstinkte, von der Kriegseinstellung abzulenken. Es ist kein Zufall, daß die sportliebendsten Völker Europas (Engländer, Skandi- navien zugleich auch die friedlichsten sind. Nur die Jagd bildet hier eine Ausnahme: sie konser- viert die primitivste Kampfesform und stärkt die Mord- instinkte, statt sie abzuleiten. Es hat viel zur Erhaltung des europäischen Militarismus beigetragen, daß in vielen europäischen Ländern die Jagd der Hauptsport der herrschenden Kasten und Männer war: denn die Jagd erzieht leicht zur Mißachtung fremden Lebens und stumpft ab gegen Blutvergießen. * Die Verurteilung des Krieges darf nie ausarten zu einer Verurteilung des Kampfes. Eine solche Entgleisung des Pazifismus würde nur den Militaristen schlagende Gegenargumente in die Hände spielen und den Pazifismus ethisch und biologisch kompromittieren. Denn Kampf und Kampfeswille sind Schöpfer und Erhalter der menschlichen Kultur. Das Ende des 182 Kampfes und das Absterben der menschlichen Kampf- instinkte wäre gleichbedeutend mit dem Ende und Ab- sterben der Kultur und des Menschen. Der Kampf ist gut; nur der Krieg ist schlecht, weil er eine primitive, rohe und veraltete Form des internationalen Kampfes ist — wie das Duell eine primitive, rohe und veraltete Form des gesellschaftlichen. Ziel des Pazifismus ist daher nicht die Abschaffung des Kampfes, sondern die Verfeinerung, Sublimierung und Modernisierung seiner Methoden. * Heutzutage ist die wirtschaftliche Kamp- fesform im Begriffe, die militärische abzulösen: Boykott und Blockade treten an die Stelle des Krieges, der politische Streik an die Stelle der Revo- lution. China hat mit der Waffe des Boykotts mehrere politische Schlachten gegen Japan gewonnen und Gandhi versucht, auf diese unblutige Methode den indischen Befreiungskampf durchzuführen. Eine Zeit wird kommen, in der die nationale Rivalität statt mit Messern und Bleikugeln mit geistigen Waffen ausgefochten werden wird. Statt wettzu- riisten. werden dann die Völker miteinander wetteifern in wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Leistungen, in Gerechtigkeit und sozialer Fürsorge, in Volksgesundheit und Volksbildung und in der Hervor- bringung großer Persönlichkeiten. * Die zweite Aufgabe der Friedenspropaganda bildet der Kampf gegen die Kriegsinteressen. Diese Propaganda besteht darin, den Völkern und Individuen die geringen Chancen des Gewinnes und das ungeheuere Risiko des Verlustes nach- zuweisen mit dem Ergebnis, daß der Krieg gegenwärtig 183 zu einem schlechten, riskanten und unren- tablen Geschäft geworden ist. Was die Völker betrifft, hat Norman Angell*) bereits vor dem Kriege diesen Beweis erbracht und der Weltkrieg hat seine These glänzend bestätigt. Ob vom nationalen Standpunkt aus ein siegreicher Befreiungskrieg Indiens oder eine Eroberung Australiens durch die Mongolen die Opfer aufwiegen würde, mag hier uner örtert bleiben: sicher ist jedoch, daß in einem neuen europäischen Kriege der Sieger, in poli- tischer, wirtschaftlicher und nationaler Hinsicht schwer geschädigt, aus dem Kampfe hervorgehen würde, wäh- rend das besiegte Volk für immer vernichtet wäre. Der mögliche Gewinn steht in keinerlei Ver- hältnis zu den sicheren Verlusten. * Persönlich am Kriege interessiert sind nur ehr- geizige Politiker und Militärs einerseits, die sich Ruhm erhoffen — und habsüchtige Kriegsliefe- ranten anderseits, die sich Geschäfte erhoffen. Diese Gruppen sind sehr klein, aber sehr mächtig. Die erste Gruppe kann in demokratischen Staaten von einem entschlossenen Pazifismus kaltgestellt werden: Politiker, die ihren Ehrgeiz über das Wohl ihrer Völker stellen, sollen als Verbrecher behandelt werden. Von den Offizieren wird oft behauptet, daß ihre kriegerische Einstellung Berufspflicht ist. In Staaten, deren Politik pazifistisch ist, wäre dies ein schwerer Fehler; denn dort gilt die Armee nicht als ein Mittel zur Eroberung, sondern als notwendige Waffe gegen fremden Kriegswillen. Es wäre daher nötig, daß gerade die Offiziere zu Pazifisten erzogen werden, aber zu heroischen Pazi- fisten, die jederzeit bereit sind, ihr Leben für die Erhaltung des Friedens einzusetzen und sich als Kreuz- ritter im Kampfe gegen den Krieg fühlen. *) „Die falsche Rechnung“ von Norman Angell. 184 Die Industriellen, die den Krieg wegen der Kriegs- gewinne herbeisehnen, sollen darauf verwiesen wer- den, daß am Ausgang des nächsten europäischen Krieges wahrscheinlich der Bolschewismus steht. Es erwartet sie also mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50 % am Kriegsende die Expropriation, wenn nicht der Galgen. Das Kriegsgeschäft verliert durch diese Aussicht seinen Reiz. Denn es erscheint immerhin vorteilhafter für die Industrie, sich mit den relativ schmalen aber gefahrlosen Friedensgewinnen zu begnügen, statt nach den fetten aber lebensgefährlichen Kriegsgewinnen zu greifen. Diese Argumentation ist wichtig, weil sie der Kriegs- propaganda ihren goldenen Motor entzieht und der Friedenspropaganda zuführt. * Die Friedenspropaganda muß auch die menschliche Phantasie gegen den Zukunftskrieg mobilisieren. Sie muß die Massen auf klären über die Gefahren und Schrecken, die sie im Kriegsfälle bedrohen: über die neuen Strahlen und Gase, die ganze Städte ausmorden können; über den drohenden Ausrottungskrieg, der sich weniger gegen die Front, als gegen das Hinterland richten würde; über die politischen und wirtschaftlichen Folgen, die ein solcher Krieg für Sieger und Besiegte nach sich ziehen würde. Diese Propaganda muß der schwachen menschlichen Erinnerung und der schwachen menschlichen Phantasie nachhelfen: denn, hätten die Menschen mehr Phantasie — so gäbe es keinen Krieg mehr. Der Wille zum Leben wäre der stärkste Verbündete des Pazifismus. * Die Kriegsinstinkte sind roh und primitiv — die Kriegsinteressen problematisch und gefährlich — - die Kriegsideale verlogen und veraltet. 185 Sie leben von der Fälschung, die Krieg mit Kampf indentifiziert, Krieger mit Helden, Phantasie- losigkeit mit Tapferkeit, Furcht mit Feigheit. Sie stammen aus einer versunkenen Epoche, aus über- wundenen Verhältnissen. Sie wurden einst von einer Kriegerkaste geprägt und von freien Völkern kritiklos übernommen. Einst war der Krieger der Hüter der Kultur, der Kriegsheld der Held an sich, der Krieg das Lebens- element der Völker, deren Schicksal entschieden wurde durch ihre Tapferkeit im Felde. Seither ist der Krieg unritterlich geworden, seine Methoden gemein, seine Formen häßlich; die persönliche Tapferkeit ist nicht mehr entscheidend: an die Stelle der ritterlichen Schönheit eines Massen- turnieres ist die elende Häßlichkeit eines Massen- schlachthauses getreten. Der mechanisierte Krieg von heute hat für immer seine einstige Romantik verloren. Vom ethischen Standpunkt ist der Verteidigungs- krieg organisierte Notwehr — der Angriffs- krieg organisierter Mord. Noch schlimmer: friedliche Menschen werden gewaltsam gezwungen, andere friedliche Menschen zu vergiften und zu zer- fleischen. Die Schuld an diesem angestifteten Massen- mord trifft nicht die Ausführenden, sondern die Anstifter. Diese Anstifter sind in demokratischen Staaten unmittelbar die kriegsfreundlichen Abgeordneten, mittelbar deren Wähler. Wer sich daher scheut, einen Mord zu begehen, soll es sich gut überlegen, wen er als seinen Vertrauensmann ins Parlament schickt! 186 9. NEUES HELDENTUM Die Erneuerung des Heldenideals durch den Pazifismus zerschlägt die Hauptwaffe der militari- stischen Propaganda. Denn nichts gibt dem Militarismus eine stärkere Werbekraft als die Monopolisierung des Heldentums. Der Pazifismus würde durch einen Kampf gegen das Heldenideal Selbstmord begehen; er müßte damit alle seine wertvollen Anhänger verlieren: denn die Ehr- furcht vor dem Heldentum ist das Maß des menschlichen Edelmuts. Der Pazifismus soll in der Heldenverehrung mit dem Militarismus wetteifern und versuchen, ihn im Helden- tum zu übertreffen. Aber zugleich soll er den Helden- begriff aus seiner mittelalterlichen Schale befreien und ihn mit dem ganzen Inhalt einer modernen Ethik er- füllen. Die Erkenntnis muß sich durchringen, daß das Heldentum Christi eine höhere Entwicklungs- form darstellt als das Heldentum des Achilles — und daß die physischen Helden der Vergangenheit nur Vorläufer sind der moralischen Helden der Zukunft. * Kein redlicher Pazifist wird versuchen, den Männern das Heldentum abzustreiten, die über den Wehrzwang hinaus an der Front ihr Leben für ihre Ideale eingesetzt haben; die freiwillig ihr Familienglück, ihre Bequem- lichkeit, ihre Sicherheit und Gesundheit zurückgestellt haben, um ihre Pflicht zu erfüllen. Ihr Heldentum wird durch die Frage, ob sie von falschen oder richtigen 187 Voraussetzungen ausgingen, nicht berührt. Nichts wäre gemeiner als die Verhöhnung dieses Heldentums. Den Gegenpol zu diesen Helden bilden jene Dema- gogen, die in Bureaus, Versammlungen, Redaktions- stuben und Parlamenten zum Kriege hetzten und hetzen, um dann, fern von der Front, den niedrigsten Mißbrauch zu treiben mit fremdem Heldentum. Der Versuch mancher Militaristen, das Heldentum für die Kriegspartei zu monopolisieren, ist ebenso unredlich, wie der Versuch mancher Nationalisten, für ihre Partei das Nationalgefühl zu monopolisieren. Denn, wer sein Volk vor der größten Katastrophe der Weltgeschichte bewahren will, ist mindestens so patrio- tisch wie der, der es durch einen siegreichen Krieg zu neuer Macht zu führen hofft: nur baut dieser auf Irrtum, jener auf Wahrheit. Es gibt heute manche Länder in Europa, in denen es lebensgefährlicher ist, für den Frieden einzutreten als für den Krieg: in diesen Ländern beweisen die Friedens- apostel einen größeren Heldenmut als die Kriegsapostel. Die schwerste und ungerechteste Beleidigung für ein Volk aber ist es, wenn ein Stand, nämlich der Offiziers- stand, den Heldencharakter für sich monopolisiert: denn : es gibt Heldentum in jedem Beruf, stilles und großes Heldentum, ohne Ruhm, ohne Romantik und ohne glänzende Fassade: das Heldentum der Arbeit und des Geistes, das Heldentum der Mutterschaft, das Heldentum der Überzeugung. Und wer die Biographien der großen Künstler, Denker, Forscher, Erfinder und Ärzte studiert, wird verstehen lernen, daß es auch anderes Heldentum gibt, als das der Krieger und Abenteuerer. * Jeder ist ein Held, der sein privates Interesse seinem Ideal zum Opfer 188 bringt: je größer das Opfer, desto größer das Helden- tum. Wer sieh nicht fürchtet, ist nicht heroisch, sondern nur phantasielos. Heroisch handelt nur der, der seinen Idealen zuliebe die Furcht überwindet. Je größer seine Furcht ist — desto größer seine Über- windung und sein Heroismus. * Europa hat sich aus der Herrschaft des Feudalismus befreit — aber nicht aus der Herrschaft der f e u d a 1 e n W e r t e. Dadurch ist das Heldenideal ebenso unzeit- gemäß und morsch geworden wie der Ehrbegriff. Nur eine Erneuerung kann sie retten. Die Ehre eines Menschen und eines Volkes soll unab- hängig werden von fremden Handlungen und einzig bestimmt werden durch eigene Taten. Der Grundsatz muß sich durchsetzen, daß die Ehre einer Nation niemals dadurch verletzt werden kann, daß ihre Fahne irgendwo von Betrunkenen herab- gerissen wird: sondern nur dadurch, daß ihre Richter parteiisch, ihre Beamten bestechlich, ihre Staatsmänner wortbrüchig sind; daß sie ihre besten Söhne verbannt oder ermordet, daß sie schwächere Nachbarn provo- ziert, Minoritäten bedrückt, ihre Verpflichtungen ver- nachlässigt und Verträge bricht. Durch diesen neuen Ehrenkodex werden alle Streitfragen, die wegen Ehrensachen Völker entzweien und in Kriege treiben, von selbst auf hören: denn jedes Volk wird es dann als seine Ehrenpflicht betrachten, einem anderen Genugtuung zu leisten — nicht um dessen Ehre, sondern um die eigene nationale Ehre zu wahren oder wiederherzustellen. Die Form dieser Genugtuung wird dann durch Schiedsgerichte leicht zu bestimmen sein. — * 189 Der Pazifismus muß die gegenwärtige und die kom- mende Generation zum Heldentum der Über- zeugung erziehen. Die Lüge und Gesinnungsfeigheit waren mit schuld am Ausbruch des Krieges, sie haben ihn genährt und erhalten, um ihren Stempel schließlich auch dem Frieden aufzudrücken. Darum ist der Kampf gegen die Lüge auch ein Kampf gegen den Krieg. Das Heldentum des Friedens wird ein Heldentum der Gesinnung, der Überzeugung, der Selbst- beherrschung sein; nur dann kann es über das Helden- tum der Militaristen triumphieren. Dieses Heldentum des Friedens ist schwieriger und seltener als das des Krieges. Es ist schwerer, seinen Leidenschaften zu gebieten, als seiner Mannschaft; schwerer, seinen eigenen Charakter zu disziplinieren, als ein Heer von Rekruten. Und viele, die ohne Bedenken einem Feinde ein Bajonett in den Leib rennen konnten, finden nicht den Mut, ihre Überzeugung einem Freunde gegenüber zu bekennen. Diese moralische Feig- heit ist der Nährboden aller Demagogie, auch der militaristischen: aus Angst, feige zu erscheinen, verleug- nen heute Millionen ihren inneren Pazifismus; e s i s t ihnen lieber, feige zu sein, als für feige zu gelten. Der Sieg des Friedensgedankens hängt also innig zu- sammen mit dem Siege des moralischen Heldentums, das bereit ist, lieber a 1 1 e s zu opfern, als die Überzeugung und sich rein zu halten gegen alle Überredungs-, Erpressungs- und Bestechungsversuche einer unreinen Zeit. * Solche Friedenshelden soll der Pazifismus zunächst in allen europäischen Ländern zu einer freiwilligen Armee des Friedens organisieren. Diese Friedensarmee soll sich aus Helden rekrutieren, die den Krieg als barbarisches und unsinniges Mittel der Politik und als Feind der Menschheit verwerfen 190 und jederzeit bereit sind, für ihren pazifistischen Glauben jedes Opfer zu bringen. Zunächst sollen diese Kämpfer des Friedens als Pro- pagandisten und Agitatoren ihrer Idee die Millionen um sich scharen, die den Frieden wünschen. Die Friedens- armee muß aber auch bereit sein, im entscheidenden Augenblick der Gefahr gegen den Krieg zu marschieren und den Frieden durch ihr tatkräftiges Eingreifen zu retten. An die Spitze dieser Friedensarmee sollen Männer treten, die staatsmännische Einsicht verbinden mit einem unbeugsamen und unerschütterlichen Willen zum Frieden. Nur wenn solche Führer an die Spitze solcher Kämpfer treten, darf Europa hoffen, nie mehr von einem Kriege überrannt und zerstampft zu werden. 191 PAZIFISMUS i Seite 1. Zehn Jahre Krieg 155 2. Kritik des Pazifismus 158 3. Religiöser und politischer Pazifismus . . . . 161 4. Reform des Pazifismus 164 5. Weltfrieden und Europafrieden 167 6. Realpolitisches Friedensprogramm . . . . 171 7. Förderung des Friedensgedankens . . . . 177 8. Friedenspropaganda 181 9. Neues Heldentum 187 IM PANEUROPA-VERLAG, WIEN, HOFBURG, ERSCHIENEN Auslieferungen: Leipzig: E. Krug, Kohlgartenstraße 20; Berlin: Hapke & Schmidt, Berlin W 8, Charlottenstraße Nr. 50/51 PANEUROPA VON R. N. COUDENHOVE-KALERGI 9. bis 11. Tausend INHALT: I. Europa und die Welt VII. Europäische Kriegsgefahr 1. Der Verfall der europäischen Weltherrschaft — 2. Technik und Politik — 3. Weltmächte statt Großmächte — 4. Europas Weltstellung II. Europas Grenzen 1. Europas geographische Grenzen — 2. Europas historische Grenzen — 3. Europas Kultur — 4. Pan* Europa III. Europa und England 1. Kleineuropa oder Großeuropa? — 2. Pan* europa und England — 3. Britisch-Europäische *.• Entente IV. Europa und Rußland 1. Hellas als Warnung — 2. Die russische Gefahr — 3. Europäischer Garantiepakt — 4. Ausgleich und Abrüstung V. Europa und Amerika 1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die uneinigen Staaten von Europa — 2. Panamerika — 3. Panamerika und Paneuropa 1. Kriegsgefahr — 2. Der Zukunflskrieg — 3. Pan- europa und der Friede VIII. Europa nach dem Weltkriege 1. Die Befreiung Osteuropas — 2. Europäische Politik und Wirtschaft — 3. Paneuropa und Versailles. — 4. Die Kleine Entenie IX. Deutschland und Frankreich 1. Europas Zentralproblem — 2. Frankreich am Scheidewege — 3. Deutschland am Scheidewege — 4. Chauvinisten und Europäer X. Die Nationale Frage 1. Das Wesen der Nation — 2. Die europäische Nation — 3. Nation und Grenze XI. Wege zu Paneuropa 1. Pan-Europas Entwicklungsstufen — 2. Pan- europa und die Staaten — 3. Paneuropa und die Parteien — 4. Paneuropas Gegner. — 5. Pan- europäische Union VI. Europa und der Völkerbund Tafeln: 1. Kritik des Völkerbundes — 2. Paneuropa und I. Die Staaten Paneuropas ; II. Die internationalen Völkerbund — 3. Reorganisation des Völkerbundes Komplexe; Ili. Weltkarte Preis; broschiert M 4' — : ö. S 6'50; Schw. Fr. 5'50 Preis; ganzleinen M 6'—; ö. S 10'—; Schw. Fr. 7'50 KRISE DER WELTANSCHAUUNG R. N. COUDENHOVE-KALERGI INHALT: Krise der Weltanschauung — Hyperethik — Ethik der Schönheit — Neo- Aristokratie — Wien als Welthauptstadt — Tschechen und Deutsche — Juden- tum und Pazifismus — Die europäische Frage — Jean Marie Guyau — Heinrich Mann als Politiker — Maximilian Harden — Josef Popper-Lynkeus PREIS: broschiert M 3' — ; ö. S 5‘ — ; Schw. Fr. 3‘75 halbleinen M 4'50; ö. S 7 - — ; Schw. Fr. 5'50 * Soeben erschienen: KAMPF UM PANEUROPA von R. N. COUDENHOVE-KALERGI Aus dem ersten Jahrgang der Zeitschrift »PANEUROPA« INHALT: Das paneuropäische Manifest — Die Paneuropa-Bewegung — Offener Brief an die französische Kammer — Paneuropa und Völkerbund — Deutschlands europäische Sendung — Weltpolitik 1924 Preis broschiert: M 4’—; ö. S 6’50; Schw. Fr. 5' — # ganzleinen: M 6’ — ; ö. S 10' — ; Schw. Fr. 7'50 -k ZEITSCHRIFT PANEUROPA Herausgeber R. N. COUDENHOVE-KALERGI ORGAN DER PANEUROPA-BEWEGUNG Jahres-Abonnement (10 Hefte) ..M 5' — ; ö. S 8’50; Schw. Fr. 6‘50 Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder durch den Paneuropa -Verlag! VOM PANE UROPA - VERLAG ÜBERNOMMEN: ETHIK UND HYPERETHIK R. N. COUDENHOVE - KALERGI INHALT: Ethische Grundfragen — Tugenden — Das Grundprinzip der Moral — Ent- wicklung der sittlichen Wertung — Schönheit — Hyperethik — Sanktionen der Hyperethik — Ethik und Hyperethik — Praktische Hyperethik — Schlußwort PREIS : broschiert M 4' — ; ö. S 650; Sehw. Fr. 5' — ganzleinen M 6' — ; ö. S 10. — ; Schw. Fr. 7’50 * Ferner von Dr. R. N. Coudenbove-Kalergi herausgegeben und eingeleitet: DAS WESEN DES ANTISEMITISMUS von Dr. Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi INHALT: Vorwort des Herausgebers — Vorwort des Verfassers — Semitentum, semitische und jüdische Rasse — Antijudaismus im Altertum — Geschichte des christ- lichen Antisemitismus — Juden in nichtchristlichen Ländern — Anklage gegen die Juden — Antisemitismus im allgemeinen, Judenemanzipation, Judennot, Zionismus — Schlußwort — Nachwort des Herausgebers PREIS : broschiert 4’ — M, 6 50 ö S, 5' — Schw. Fr. ganzleinen 6' — M, .10' — ö S, 7.50 Schw. Fr. PAN EUROPÄISCHE UNION 1. Die Paneuropa-Bewegung ist die überparteiliche Massenbewegung zur Einigung Europas. Die Paneuropäische Union ist Trägerin der Paneuropa-Bewegung. 2. Die Paneuropäische Union bezweckt die Schaffung einer Schwesterorgani- sation zur Panamerikanischen Union, welche an dem Zusammenschluß des amerikanischen Kontinents arbeitet. 3. Ihr Ziel ist der Zusammenschluß aller westlich der U. S. S. R. gelegenen Staaten des europäischen Kontinents zur Sicherung des Friedens, der Gleich- berechtigung und der Zollunion. 4. Die weltpolitischen Richtungen der Paneuropäischen Union sind: a) engstes Einvernehmen mit dem Britischen Reich; b) dauernde Sicherung des russisch-europäischen Friedens und Förderung der russisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen; c) freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Staaten Panamerikas und Ostasiens. 5. Die Paneuropäische Union enthält sich jeder Einmischung in innerpolitische Fragen. 6. Die Paneuropäische Union ist nach Staaten gegliedert; jeder Staat hat sein selbständiges Komitee, das sich autonom finanziert. Das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, das den Zusammenhang aller einzelstaatlichen Unionen aufrecht erhält, befindet sich in Wien. 7. Das Zeichen der Paneuropäischen Union ist ein rotes Kreuz auf goldener Sonne. * Der Eintritt in die Paneuropäische Union steht allen Männern und Frauen, Vereinen und Organisationen offen. Anmeldungen erfolgen mit Angabe des Namens, Berufes und der Adresse an das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, Wien I., Hofburg, oder an das Generalsekretariat des betreffenden Staates. Jahresbeitrag von M 1. — (ö. S 1.50) aufwärts. Abzeichen sind durch das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, Wien I., Hofburg, zu beziehen. Preis M 0.60 (ö. S 1. — ). Beitrittskarten und Beitrittslisten auf Wunsch gratis. TRETET DER PANEUROPÄISCHEN UNION BEI WERBET NEUE PANEUROPÄER!