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Fauna Arctica.

Eine Zusammenstellung der arktischen Tierformen,

mit besonderer Berücksichtio-ung des Spitzbergen-Gebietes auf Grund der Ergebnisse der Deutschen Expedition in das Nördliclie Eismeer

im Jahre 1898.

Unter Mit-wirkung zahlreicher Fachgenossen

herausgegeben von

Dr. Fritz Römer und Dr. Fritz Sehaudinn

in Frankfurt a. M. in Berlin.

Erster Band.

Mit 10 Tafeln, 2 geograph. Karten und 50 ^ Abbildungen im Text.

\

Jena,

Verlag von Gustav Fischer. 1900.

Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis.

I. Lieferung, ausgegeben im Januar 1900.

Seite

Römer, Fritz, und Schaudinn, Fritz, Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. Mit

2 Karten und 12 Abbildungen im Text 1—84

Schulze, Franz Eilhard, Die Hexactinelliden. Mit Tafel I-IV , 85—108

Thiele, J., Proneomenia thulensis nov. spec. Mit Tafel V 109 116

Linstow, O. von. Die Nematoden. Mit Tafel VI und VII 117-132

Ludwig, Hubert, Arktische und subarktische Holothurien 133 178

II. Lieferung, ausgegeben im August 1900.

Kükenthal, W., Die Wale der Arktis. Mit 12 Abbildungen im Text 179—234

Schäffer, Caesar, Die arktischen und subarktischen Collembola 235—258

Grieg, James A., Die Ophiuriden der Arktis. Mit 5 Textfiguren 259—286

Weltner, W., Die Cirripedien der Arktis. Mit Tafel VIII und 1 Textfigur 287-312

Doflein, F., Die dekapoden Krebse der arktischen Meere. Mit 1 Kartenskizze im Text 313—362

III. Lieferung, ausgegeben im Dezember 1900.

Lohmann, Hans, Die Appendicularien. Mit 5 Textfiguren 363 378

May, Walter, Die arktische, subarktische und subantarktische Alcyonaceenfauna. Mit 5 Textfiguren 379 408

Zimmer, Carl, Die arktischen Cumaceen. Mit 9 Textfiguren 409—444

Ludwig, Hubert, Arktische Seesterne 445—502

Bidenkap, Olaf, Die Bryozoen. I. Teil : Die Br3'ozoen von Spitzbergen und König-Karls-Land.

Mit Tafel IX und X 503-540

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Fauna Arctica

Eine Zusammenstellung der arktischen Tierformen.

mit besonderer Berücksichtigung- des Spitzbergen-Gebietes auf Grund der Ergebnisse der Deutschen Expedition in das Nördliche Eismeer

im Jahre 1898.

Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen

herausgegeben von

Dr. Fritz Römer und Dr. Fritz Sehaudinn

in Breslau in Berlin.

Erster Band.

Erste Lieferung.

- c

Mit 7 Tafeln, 2 geograph. Karten

'i und 12 Abbildungen im Text.

I. Fritz Römer und Fritz Sehaudinn, Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

Mit 2 Karten und I2 Abbildungen im Text. II. Franz Eilhard Schulze, Die Hexactinelliden. Mit 4 Tafeln.

III. Johannes Thiele, Proneomenia thulensis nov. spec. Mit 1 Tafel.

IV. Otto von Linstow, Die Nematoden. Mit 2 Tafeln.

V. Hubert Ludwig, Arktische und subarktische Holotlnirien.

Jena,

Verlag von Gustav Fischer. 1900.

Ausgegeben im Januar 1900.

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

Von

Dr. Fritz Römer

in Breslau

und

Dr. Fritz Schaudinn

in Berlin.

Mit 2 Karten und 12 Abbildungen im Text.

Fauna Arctica.

I. Einleitung.

Die deutsche Expedition in das Nördliche Eismeer im Jahre 1898, welche die Veranlassung zur Herausgabe des vorliegenden Werkes gegeben hat, war ein Privatunternehmen, das ursprünglich nurjagd- und Sportzwecken dienen sollte, aber durch die namhaften Beiträge opferwilliger Teilnehmer die Ausführung zoologischer Arbeiten ermöglichte und daher vorwiegend den Charakter einer zoologischen Forschungs- reise erhielt.

Der Unternehmer der Expedition, welcher auch die erste Anregung zu derselben gab, war Herr Theodor Lerner, der schon vorher als Tourist und Geschäftsmann Spitzbergen wiederholt bereist hatte und auf Grund seiner dort gesammelten Erfahrungen auf den Gedanken kam, eine Gesellschaftsreise in die Eisgefilde des Nordmeeres zu veranstalten, welche eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern weiter in die Schönheiten und Geheimnisse der arktischen Welt einführen sollte, als die bekannten Touristenfahrten des Kapitän Bade und der Hamburg-Amerikanischen Paket fahrtgesellschaft.

Die beiden Herausgeber dieses Buches haben auf das dankenswerte Anerbieten des Herrn Theodor Lerner, im Auftrage ihrer vorgesetzten Behörden, die Vertretung der Zoologie während der Expedition übernommen, nachdem ihnen von der Leitung derselben die Gewähr erfolgreichen Arbeitens durch Ver- fügung über das nötige Schiffsgerät und die Arbeitskräfte, sowie durch Einfluß auf die Kursrichtung des Schiffes gegeben war.

Unsere Beteiligung wurde durch die gütige Gewährung eines längeren Urlaubes seitens des König- lichen Ministeriums und durch die liberale Bewilligung einer vollständigen Ausrüstung seitens der Direktionen des Königlichen Museums für Naturkunde und des Königlichen Zoologischen Institutes zu Berlin ermöglicht. Hierfür, sowie für die vielseitigen Ratschläge bei den Reisevorbereitungen sind wir den beiden Direktoren, Herrn Geheimrat Professor Möbius und Herrn Geheimrat Professor F. E. Schulze, zu großem Danke verpflichtet. Nicht minder gebührt unser Dank Herrn Professor Haeckel in Jena für die Gewährung eines namhaften Beitrages aus der Paul von Ritter- Stiftung.

Große Verdienste um das Zustandekommen unserer Reise und um die Festlegung der zoologischen Aufgaben erwarb sich Herr Professor Kükenthal in Breslau, der mit dem reichen Schatz seiner arktischen Erfahrungen uns mit Rat und That zur Seite stand. Während der Reise hat sich die Leitung der Expedition, insbesondere der nautische Führer unseres Dampfers „Helgoland", Herr Korvettenkapitän a. D. Rüdiger, den durch die zoologische Forschung bedingten technischen Arbeiten, welche nicht geringe Anforderungen an das Kommando des Dampfers und die Kräfte der Besatzung stellten, mit Umsicht und Interesse bereitwilligst unterzogen. Auch verdient die freudige und thatkräftige Hilfe, mit der Steuerleute, Maschinisten und Mannschaften unsere Arbeiten unterstützten, mit Dank hervorgehoben zu werden.

4 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Dem liebenswürdigen Entgegenkommen aller unserer Reisegefährten, namentlich der jagdkundigen Herren, verdanken wir manche Bereicherung unserer Sammlungen.

Da es nicht möglich ist, alle Förderer unseres Unternehmens einzeln aufzuführen, so müssen wir mit der Versicherung schließen, daß Sie alle unseres aufrichtigsten Dankes gewiß sein dürfen.

II. Plan des Werkes.

Die Erforschung der arktischen Fauna ist in den letzten Jahrzehnten durch mehrere zoologische Expeditionen gefördert worden. Die Verarbeitung des gesammelten Materiales ist aber in Reisewerken und Zeitschriften so zerstreut, daß eine Benutzung der Resultate, besonders für tiergeographische Zwecke, sehr erschwert ist. Dieser Mangel macht sich gerade jetzt bemerkbar, wo die Frage nach den Beziehungen der arktischen zur antarktischen Fauna im Tagesinteresse steht. Es dürfte daher durchaus zeitgemäß sein, das im arktischen Gebiet bisher Geleistete zusammenzufassen, um so eine Basis für den Vergleich mit dem in nächster Zeit zu erforschenden antarktischen Gebiet zu gewinnen.

Als sich nach unserer Heimkehr bei der ruhigen Winterarbeit des Auspackens und Sortierens ein Ueberblick über den Umfang und den Wert des gesammelten Materiales gewinnen ließ, reifte in uns der Entschluß, der Bearbeitung der Reiseresultate einen erweiterten Rahmen zu geben und sie, wenn möglich, zur Grundlage für die Aufstellung dieser fehlenden Uebersicht der arktischen Fauna zu machen. In diesem Gedanken wurden wir von verschiedenen Specialkennern arktischer Tiergruppen, welche unsere Sammlungen durchsahen, bestärkt.

Da die Bearbeiter für die specielle Untersuchung den größten Teil der arktischen Litteratur heran- ziehen müssen, so dürfte diese Zusammenstellung keine wesentliche Mehrarbeit erfordern, während der Wert der Abhandlungen bedeutend erhöht wird. Wir richteten daher an alle Fachgenossen, welche an der Bearbeitung unserer Reiseausbeute teilnehmen wollten, die Aufforderung, an ihre Abhandlungen anzuschließen :

i) eine Aufzählung aller bisher aus den arktischen Gebieten bekannten Tierformen der von ihnen übernommenen Gruppe, mit Litteraturnachweis ;

2) eine Vergleichung der Formen innerhalb der verschiedenen arktischen Gebiete (für die Frage der Cirkumpolarität) ;

3) einen Vergleich der arktischen Formen mit den antarktischen.

Alle Mitarbeiter erklärten sich hierzu bereit, wofür ihnen unser verbindlichster Dank gebührt. Wir hoffen, daß hierdurch die Brauchbarkeit des Buches erheblich erhöht werden wird, zumal auch für manche Tiergruppen eine Ergänzung unseres Materiales aus den noch nicht bearbeiteten Beständen anderer Expeditionen und Museen von den Herren Bearbeitern beabsichtigt ist.

Der Ausführung unseres Planes konnten wir um so eher näher treten, als wir bei Herrn Dr. Gustav Fischer, Jena, welcher den Verlag des Werkes bereitwilligst übernahm, lebhaftes Interesse und allseitige Förderung unserer Pläne fanden.

Von einer Anordnung der Arbeiten in systematischer Reihenfolge mußte im Interesse der schnelleren Veröffentlichung abgesehen werden. Die Drucklegung erfolgt deshalb in der Reihenfolge des Einganges der Manuskripte in Form von Lieferungen.

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

III. Reisebericht.

Das Expeditionsschiff, der von der Oldenburgischen Hochseefischerei -Gesellschaft in Geestemünde gecharterte Fischdampfer ,,Helgoland", war trotz seiner Kleinheit ein durchaus seetüchtiges Fahrzeug. Es bewährte sich sowohl auf hoher See, als auch im Eise. Gerade seine geringen Dimensionen und die dadurch bedingte Manövrierfähigkeit erleichterten das Vordringen in schmale Lücken und Rinnen des Fest- eises, sowie die Bewegungen zwischen den Schollen des Treibeises.

Von der Wahl eines sonst für Polarfahrten empfohlenen hölzernen Schiftes, das dem Eisdruck zwar besseren W^iderstand bietet, dafür aber schwerer beweglich ist, konnte abgesehen werden, weil eine Forcierung des Eises und eine Uebervvinterung nicht beabsichtigt wurde. Ueberdies hat sich unser kleiner Stahldampfer in den allerdings geringeren Pressungen des sommerlichen Treibeises ausgezeichnet bewährt und war auch imstande, nicht zu schwere Eisbarrikaden zu durchbrechen, eine Arbeit, welche die Fisch- dampfer ja in jedem Winter auf der Elbe- und Weserniündung zu leisten haben.

Für zoologisches Arbeiten kann man sich keinen besseren Dampfer wünschen, weil die Technik der Hochseefischerei einen ähnlichen Apparat verlangt, wie die zoologischen Meeresuntersuchungen. Für die Schleppnetzarbeiten fällt die erwähnte leichte Manövrierfähigkeit sehr ins Gewicht. Der geringe Tiefgang, welcher eine Annäherung an die Küsten bis auf 5 m Tiefe zuließ, ermöglichte eine bequeme Erforschung der flachen Buchten und Sunde des durchfahrenen Gebietes. Für den Fang und die Beobachtung der pelagischen Organismen ist die geringe Bordhöhe besonders vorteilhaft.

Eine Dampfwinde mit dem nötigen Zubehör und Nebenapparaten war bereits auf der „Helgoland" vorhanden, und so bedurfte es nur der Anschaffung eines stärkeren Drahtseiles, wovon die Fischdampfer, die ihre Schleppnetze selten über 100 Faden Tiefe herablassen, keinen größeren Vorrat haben. Es wurde daher eine Stahldraht-Trosse mit Hanfseele von 2500 m Länge gekauft. Für die Untersuchung der Boden- fauna wurden folgende Netze mitgenommen: i) Dredgen; ein gröfSerer viereckiger Trawl, mehrere schwere dreieckige Dredgen von 75 cm Seitenlänge, diverse kleinere Handdredgen verschiedener Größe, Hanf- quasten, sog. Schwabber, etc. ; 2) Fischnetze ; eine kleine Kurre, Buttnetz, Heringsnetz, diverse Handnetze, Reusen, Angelgeräte u. s. w. Für die Plankton-Forschungen: zwei große Helgoländer Brutnetze, ApsTEiN'sche Eimernetze und mehrere kleinere Gazenetze von verschiedener Form und Größe. Für die Planktonfänge in geringer Tiefe war noch eine Handwinde eingerichtet, welche auf der Reeling aufgeschraubt war. Die Lotungen wurden mit der SiGSBEE'schen Patentlotmaschine vorgenommen.

Als Laboratorium hatten wir den im Vorderschiff gelegenen sogen. Fischraum, sonst der Auf- bewahrungsort der Fisch- und Eisvorräte, eingerichtet, der mit Schiebladen, Tischchen und Borden reichlich versehen worden war.

Die Teilnehmer an der Expedition waren, außer dem Unternehmer Herrn Theodor Lerner und dem Schiffskommandanten, Herrn Korvettenkapitän a. D. Rüdiger, die Herren Königl. Forstassessoren BRtJNiNG und v. Krosigk, der Großherzogl.-mecklenburgische Jagdjunker v. Strahlendorf, der Tiermaler Professor Richard Friese, der Schriftsteller Reinhold Cronheim und der Schiffsarzt Dr. med. L. Brühl, Assistent am Physiologischen Institut der Universität Berlin, mit dem wir das Laboratorium teilten, und dessen wissenschaftliche Thätigkeit auf bakteriologischem, physiologischem und hygienischem Gebiete sich mit unseren Aufgaben vielfach berührte.

D FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Die Besatzung des Schiffes bestand aus 2 Steuerleuten, 3 Maschinisten, i Heizer, 4 Matrosen, i Hand- werker, I norwegischen Eislotsen und i norwegischen Harpunier.

Bei der Fahrt von Geeste münde nach Tromsö mußte gleich am Anfange der Reise unser Dampfer eine Probe seiner Seetüchtigkeit ablegen. Die Wogen der Nordsee warfen ihn arg umher und unterzogen auch unsere Laboratoriumseinrichtung einer harten Prüfung auf Festigkeit und richtige Ver- stauung der Gerätschaften. Wenn dies Examen auch gut bestanden wurde, so war doch ein mehrtägiger Aufenthalt in Bergen notwendig geworden, um kleineren Schäden abzuhelfen und Unvollkommenheiten in der Bepackung auszugleichen. In Tromsö, dem Ausgangspunkt aller Eismeerfahrten, erhielt die „Helgoland" ihre letzte arktische Ausrüstung. Hier kamen der Eislotse Sören Johannesen, einer der bekanntesten Eismeer- fahrer, und der Harpunier Claus Thue an Bord, die Eistonne oder das sog. Krähennest, ein weithin sichtbares Erkennungszeichen aller Eismeerschitfe, wurde an der Spitze des Vormastes befestigt, die schweren Fangboote an Deck gebracht und die Kohlenvorräte für eine möglichst lange Ausdehnung der Fahrt in so reicher Menge aufgenommen, daß nicht nur alle Bunker gefüllt waren, sondern auch das ganze Deck mit Kohlensäcken beladen war, so daß der ohnehin schon enge Raum noch mehr beschränkt wurde.

Während wir die ruhige Fahrt zwischen den schützenden Schären der norwegischen Küste und über den glatten Spiegel des West-Fjordes dazu benutzen konnten, alles für die zoologische Fischerei vorzubereiten, Konservierungsflüssigkeit zu mischen, Journale einzurichten, Netze und andere Fanggeräte zu probieren, war uns der Aufenthalt in Bergen und Tromsö sehr gelegen, um in den reichen Sammlungen arktischer Tiere, welche sich in den dortigen Museen befinden, unsere Kenntnisse zu erweitern und die Zwecke und Ziele unserer Reise mit den dortigen Kollegen zu besprechen, die uns noch mancherlei guten Rat mit auf den Weg geben konnten. In Bergen erregten die Sammlungen der Norske-Nordhavs-Expedition unser besonderes Interesse, deren Publikationen uns für die Dauer der Reise von den Herren Kollegen Appelöff, Brunchorst und Grieg gütigst überlassen wurden; in Tromsö machten uns die Herren Kollegen Sparre Schneider und Bidenkap auf mancherlei wichtige Einzelfragen aus der arktischen Fauna aufmerksam. Wir sind allen diesen Herren für die uns entgegengebrachte Kollegialität und Freundschaft zu vielem Dank verpflichtet.

Am 8. Juni wurde Tromsö bei herrlichem Sonnenschein verlassen, und es begann die eigentliche Eismeerfahrt. Bevor wir die hohe See erreichten, brachte ein Aufenthalt in der Walstation des Kapitäns Morton Ingebrigtsen, der durch die erste Expedition Kükenthal's im Jahre 1886 auch in wissenschaftlichen Kreisen bekannt geworden ist, ein anatomisches Intermezzo. Die Thranfabrik liegt auf der Insel Rolf so im Trold-Fjord, und es kündete schon bei der Einfahrt in die allseitig von steilen Bergen eingeschlossene Bucht ein schauderhafter Thrangeruch die kommenden Genüsse an. Fast vollständige Skelette und faulende Kadaver lagen im flachen Wasser des Strandes, und ganze Berge gebleichter Walgebeine verliehen dem öden, steinigen Gestade ein gespensterhaftes Aussehen.

Bei Besichtigung der Fabrikanlage hörten wir, daß der Besitzer mit einem seiner Waldampfer auf dem Meere sei und wahrscheinlich schon in der Nacht mit einem Fang zurückkommen würde. Am anderen Morgen wurden auch richtig kurz nacheinander 3 große Finwale, Balaenoptera musculus, eingeschleppt. Bei einem 22 m langen Weibchen konnten wir den ganzen Vorgang der Bearbeitung mitmachen, und diese anatomische Riesensektion lieferte für unsere Sammlungen allerhand wertvolles histologisches und morpho- logisches Untersuchungsmaterial von äußeren und inneren Körperteilen.

Der ganze Kadaver wurde bei hohem Wasserstand möglichst weit auf das Land gesetzt, so daß er bei eintretender Ebbe trocken lag. Dann begann die Arbeit des Abspeckens. Mehrere Abspecker, „Flenser" genannt, kletterten in langen Stiefeln und thrandurchtränkten Anzügen auf dem Körper des Wales umher

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

und schnitten mit meterlangen Messern große Speckseiten aus, die mit Handwinden und Ketten auf einer schrägen Holzbahn in die im Fabrikgebäude befindlichen Thrankessel befördert wurden. Hier wird der Thran langsam ausgekocht und aus den Ueberresten, sowie den zerkleinerten Knochen Guano fabriziert, während das Fleisch gedörrt und zu Futtermehl verarbeitet wird.

Nachdem die eine Seite des Riesentieres von der Haut und der darunter liegenden, mehr als hand- breiten Speckschicht befreit war, wurde der Bauch aufgeschnitten, wobei jeder Schnitt von einem Fauchen und Zischen der aus dem Inneren entweichenden, nicht besonders wohlriechenden Gase begleitet wurde. Unsere Seeleute, die sonst nicht gerade empfindliche Naturen sind, litten bei dem Anblick und den unbe- schreiblichen Gerüchen an permanenter Seekrankheit. Es war dies einer der wenigen Fälle, wo die Zoologie als tertia gaudens triumphieren konnte.

Als der Brustkasten geöffnet war, konnten wir mit langen Gummistiefeln einsteigen und unser Laboratorium darin aufschlagen ; mit Spirituslampe, Pincetten und kleinen Deckgläschen versehen, wateten wir bis über das Knie in dem dort ange- sammelten Blute und fertigten Ausstrich- präparate desselben an !

Besonders erwähnenswert ist noch die Untersuchung des Mageninhaltes, der aus ca. 2 cbm kleiner Planktonkrebse be- stand (2 3 cm lange Reste von roten, nicht mehr bestimmbaren Decapoden). In der Litteratur finden wir nur, daß die Nah- rung der Finwale fast ausschließlich aus Fischen besteht.

Das Fleisch des Finwales wird von den Walarbeitern gern gegessen ; auch auf der „Helgoland" gab es abends „Deut- sches Beefsteak vom Wal", das aber bei dem hohen Seegang der nächsten Nacht von den meisten Herren bald wieder dem Meere zurückgegeben wurde. Es schmeckt übrigens ähnlich wie Rindfleisch und durchaus nicht thranig.

Die Ueberfahrt zur Bären-Insel war bei bewegter See und starkem Nordwest wenig angenehm. Unser kleiner Fischdampfer schlingerte und stampfte gewaltig und konnte nur mit halber Kraft fahren, damit nicht die hoch über das Deck gehenden Wellen den dort lagernden Kohlen und Kisten gefährlich würden. Meist waren wir in unsere Kojen verbannt, nur alle 4 Stunden wurde die eintönige Fahrt durch Planktonfänge unterbrochen, wozu der Dampfer jedesmal stoppen mußte. Die Ausführung der regelmäßigen Fänge und die Konservierung kostete nicht geringe Ueberwindung.

Der Seegang erlaubte nur die Anwendung der kleinen ApsTEiN'schen Netze. Eine oberflächliche Untersuchung lehrte, daß wir uns bald nach der Entfernung von der Küste im kalten Wasser des östlichen Polarstromes befanden , was schon die grüne Farbe des Meeres vermuten ließ. Die Hauptmasse der pelagischen Organismen bestand aus Diatomeen und Algen, welche als grüner Schleim die Maschen des Netzes verstopften. Nur wenige größere Tiere waren darin enthalten. Die Temperatur des Wassers und der Luft, welche in der Nähe der norwegischen Küste noch 6 resp. 7" C betragen hatte, nahm allmählich immer mehr ab und erreichte vor der Bären-Insel den Nullpunkt, was uns veranlaßte, auch allmählich unsere Kleidung dem arktischen Klima anzupassen.

Fig. I. VValstation auf Rolfsö im Trold-Fjord. Im Vorder- grunde ein Finwal, der gerade abgespeckt wird. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.)

8 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Der Wind flaute langsam ab; nur hin und wieder gingen noch kurze Schneeböen nieder, und die See wurde ruhiger. Dafür hüllte uns aber bald ein dichter Nebel ein, der in der Nähe der Bären-Insel fast zu den regelmäßigen Begleitern der Polarfahrer gehört und wohl seine Ursache in dem Zusammentreffen des von Süden nach Norden sich ausbreitenden warmen Golfstromwassers mit dem von Nordosten kommenden kalten Polarstrom hat. So war unsere Hoffnung, dem Bären-Eiland, das schon so mancher Expedition in Eis und Nebel verborgen geblieben ist, einen Besuch abstatten zu können, gering, obwohl schon immer zahlreichere Vorboten der ersten Station des Eismeeres bei unserem Schiff auftauchten. Zu- nächst waren es nur wenige Sturmvögel, Fulmarus glacialis, die, mit ihrem geräuschlosen Fluge im Nebel wie große dunkle Eulen aussehend, unsere Masten umkreisten. Diese ersten echten Bürger der Arctis treiben sich am weitesten auf dem offenen Meere umher, um ihre Nahrung zu suchen. Bald gesellte sich zu ihnen die Bürgermeistermöve, Larus glaucus, die größte Möve des Nordens, und die Stummelmöve, Rissa tridactyla, welche mit ihrem wenig melodischen Geschrei schon etwas Leben in das Nebelmeer brachte. Je mehr wir uns der Bären-Insel näherten, um so zahlreicher wurden die Ansammlungen ihrer Bewohner, die hier weit draußen die Nahrung für ihre Brut herbeiholten. Die anfangs nur kleinen Trupps der Alken und Lummen, die zu beiden Seiten des Schiffes auf den Wellen schaukelten, wurden immer größer; kleine Krabbentaucher, Mergulus alle, verschwanden, blitzschnell untertauchend, vor dem Bug des Schiffes oder schwirrten wie die Bienen dicht über der Wasserfläche davon. Aus der Ferne tönte das Gekrächze und Geschrei der Felsenbewohner zu uns herüber.

Am Morgen des 12. Juni wurden wir für die Leiden der Ueberfahrt reichlich belohnt, da die Luft klarer wurde und schließlich die Sonne durchbrach. Sie beleuchtete rosig die vor uns liegenden Zacken und Spitzen des Felseneilandes und die Schneekuppe des 500 m hohen Elendberges. Die Insel lag gänzlich eisfrei vor uns, und wir konnten wirklich, nachdem ein Boot zur Ablotung der Tiefen voraus- geschickt war, bis auf 800 m an dieselbe herankommen und in einer Tiefe von 8 m vor Anker gehen !

Die Bären-Insel oder „Björnö" der Norweger von ihrem Entdecker Barents nach einem bei seinem ersten Besuch im Jahre 1596 dort erlegten, 12 Fuß langen Eisbären „het Beyren Eilandt" benannt führt heute ihren Namen nicht mehr mit vollem Recht, weil nur noch im Winter ein Bär über das Eis von Spitzbergen sich gelegentlich hierher verirrt. Man kann sich kaum einen öderen und trostloseren Flecken Erde vorstellen, als dieses unwirtliche, von Stürmen umtobte, meist mit dichten Nebeln bedeckte Felseneiland. Fast ringsumher fallen seine Küsten steil zum Ocean ab, und ihre bizarren Formen zeigen die Spuren der rastlosen Thätigkeit des Meeres und Eises.

Die ganze Insel stellt ein zusammenhängendes, tafelförmiges Plateau dar, welches von Süden nach Norden sich allmählich abflacht. Der Südrand, mit 100—200 m hohen, senkrechten Abhängen aus dem Meere aufsteigend, wird von zwei größeren Kuppen überragt, dem westlichen, etwa 400 m hohen Vogelberg und dem östlichen, pyramidenförmigen, in mehreren Etagen bis über 500 m sich erhebenden Elendberg (Mt. Misery der englischen Karten). Im Norden ragt der Rand der Insel hingegen nur 40—50 m über den Meeresspiegel hervor.

Die Geologie dieses schon zum Spitzbergen-Gebiet gerechneten Plateaus (es ist mit demselben submarin durch die flache Spitzbergen-Bank verbunden) ist bereits vor langer Zeit der Gegenstand der bekannten Untersuchungen von Keilhau und Leopold von Buch gewesen. In neuerer Zeit haben be- sonders die schwedischen Expeditionen die Kenntnis derselben gefördert, deren jüngste unter der Führung von Nathorst, eines ausgezeichneten Geologen, gleichzeitig mit uns die Insel besuchte und, wie verlautet, reiches und wichtiges geologisches Material sammelte. Unser Ankerplatz lag in dem gegen Nord- und Westwinde geschützten kleinen Südhafen, dessen Eingang von einem portalartig durchbrochenen, malerischen

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

Felsen, ,,dem Bürgermeisterthor" so genannt nach den zahlreichen auf demselben brütenden Bürgermeister- möwen (Larus gJaucus) eingeengt wird. Hier an der Südseite zeigt die Küste die phantastischste Kon- figuration, hier hat das Meer seine nagende Thätigkeit am gründlichsten vollführt und zahlreiche Höhlen, grottenartige Hallen und Gewölbe in die senkrechten Wände gewaschen; Schutthalden und Trümmerhaufen zeugen von den gewaltigen Einstürzen der unterspülten, überhängenden Vorsprünge; abgesprengte, hoch- ragende Felsnadeln, wie der „Stappen" im Süden und der „Sylen" im Westen, stehen wie riesige einsame Wächter vor der Küste und erinnern an unser heimatliches Helgoland.

Diese wilde Scenerie ist das Paradies der Vögel, welche schon bei unserer Anfahrt die Nähe der Insel verkündeten. Hier erblicken sie zu Tausenden zuerst das Licht der Welt, hier genießen sie ihre Liebes- und Elternfreuden, erziehen ihre Jungen und finden, wenn sie den Tod herannahen fühlen, ihre letzte Ruhestätte. Nicht Tausende, nein Millionen suchen alljährlich, wenn die Sonne die kalte Polarnacht ver- scheucht, durch Eis, Sturm und Nebel, von unwiderstehlichem Drang getrieben, diese unwirtliche Stätte ihrer Geburt wieder auf, zu der schon viele Generationen ihrer Vor- fahren gewandert sind.

Die Süd- und Westabhänge des Vogelberges auf der Bären-Insel sind wohl die reichsten Brutstätten arktischer Vögel, die überhaupt im Spitzbergengebiet ge- funden werden ; die unermeßlichen Massen derselben lassen hier auch nicht im ent- ferntesten eine Schätzung ihrer Zahl zu. Der Vergleich mit Bienen- und Mücken- schwärmen, welchen die Schilderer arkti- scher Vogelberge gebrauchen, um eine Vor- stellung von der Menge zu geben, genügt nicht. Hier müssen nicht Beispiele aus dem Tierleben, sondern aus der anorganischen Welt herbeigezogen werden. Schnee und Hagelfälle, Sturmessausen und Lawinenstürze sind bessere Vergleichsobjekte.

Am besten haben uns die einfachen kurzen Worte Faber's, des größten Meisters unter den ark- tischen Vogelbiologen, gefallen, die keine Uebertreibung enthalten, wenn er sagt: „Sie (die Vögel) ver- bergen die Sonne, wenn sie auffliegen, sie bedecken die Felsen, wenn sie sitzen, sie übertönen das Donnern der Brandung, wenn sie schreien, sie färben die Felsen weiß, wenn sie brüten." Schier unerschöpflich erschienen uns die Gründe des Vogelberges. Wir fuhren mit dem Boot unter seinen steilen Abhängen dahin und feuerten einen Schreckschuß nach dem anderen ab, aber immer wieder löste sich eine Vogel- lawine vom Berg und stürzte sausend ins Meer ; die Felsen schienen trotzdem schließlich ebenso bevölkert wie zuvor, weil immer neue Scharen aus den Löchern, Spalten und Ritzen hervorkrochen. Von ihrem Instinkt oder ihrer Klugheit sicher geleitet, haben die Vögel sich zu ihren Wohnplätzen die klimatisch günstigste Stelle der ganzen Insel ausgesucht. Hier an den Südwestabhängen sind sie gegen die kalten Nord- und Ostwinde geschützt, außerdem trifft der von Süden kommende warme Golfstrom hier zuerst das Gestade und macht den Vögeln ihr Nahrungsgebiet, das Meer, vom Eise frei, während im Osten und Norden unter der Einwirkung des kalten Polarstromes häufig noch im Hochsommer die Küste vom Eise blockiert werden soll.

Fauna Arctica. 2

Fig. 2. Südküste der Bären -In sei. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.)

lO FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Während die meisten Vogelberge in Spitzbergen eine mehr homogene Bevölkerung aufweisen, indem nur wenige nahe verwandte Arten auf ihnen brüten, sind die Bewohner der Bären-Insel eine recht gemischte Gesellschaft. Während unseres dreitägigen Aufenthaltes lag unser Schiff gerade inmitten dieses Vogel- eldorados; wir hatten daher reichlich Gelegenheit, das Leben und Treiben der einzelnen Arten kennen zu lernen. Unsere biologischen Notizen hierüber werden weiter unten im Zusammenhang mit den späteren Beobachtungen in Spitzbergen mitgeteilt werden. Hier wollen wir nur die einzelnen Rangklassen des unge- heuren Vogelstaates kurz Revue passieren lassen.

Die Proletarier, welche das Hauptkontingent der Felsenbewohner stellen, mit den kleinsten und engsten Wohnungen, den schmälsten Vorsprüngen, Ritzen und Spalten zufrieden sein müssen und nicht einmal die Mittel zu einem einfachen Nest für ihr einziges, unbeholfenes Junge haben, sondern ihr Ei auf den kahlen Felsen legen, sind die Lummen und Alke {Uria grylle, TJria brünnichü, Älca torda). Nähert man sich aus der Ferne mit dem Boot einem der prachtvollen, vorn offenen, gewölbten Felsendome, so erinnert das ganze Bild, welches sich uns darbietet, an eine Riesenapotheke. Wie dort die weißen Salbentöpfe in Reih und Glied dicht gedrängt alle Regale und Borde bedecken, so sitzen hier die Lummen und Alke auf allen Vorsprüngen, Rändern, Gesimsen und Erkern, von den untersten von der Brandung umtosten Klippen bis hinauf zum überhängenden Felsendach in „drangvoll fürchterhcher Enge", und alle wenden, hoch auf- gerichtet, ihre volle leuchtend-weiße Unterseite dem Meere zu, jederzeit bereit, sich, wenn Gefahr droht, in dasselbe zu stürzen. An der Art, wie die Vögel sich auf das Wasser werfen, kann man schon aus der Ferne die Alke von den Lummen unterscheiden ; während die letzteren sich mit dem Bauch auf die Wasserfläche werfen, stürzen sich die Alke direkt vom Fluge auf dem Kopf ins Meer und beginnen das Schwimmen mit einem Untertauchen.

Die Tordalke und die „dummen Lummen" {Uria troile v. brünnichü) halten gern auf den Felsen Siesta, sie sitzen hier stundenlang und unterhalten sich lebhaft miteinander, spielen und schnäbeln sich, nur selten wird ein kleiner Streit ausgefochten. Die Rotges {Uria troile) hingegen, die von unserer Mannschaft wegen der roten Beine „Franzosen" genannt wurden, sind fleißiger. Unaufhörlich schwirren sie in schnur- geradem Fluge zwischen dem Meere und ihren hoch im Felsen gelegenen Brutstätten auf und nieder; ihr Flug hat uns am meisten an das Burren eines Käfers erinnert. Mehr vielleicht paßt dieser Vergleich auf die noch kürzer beflügelten kleinen Krabbentaucher, die „Alkekonge" der Norweger {Mergulus alle), die zierlichsten und behendesten Taucher des Vogelberges. Dieselben haben ihre Nistplätze in den engsten, unzugänglichsten Felsenspalten und sind viel spärlicher als die bisher genannten vertreten. Bei unserem Besuch der Bären-Insel wurden sie nur selten zu Hause angetroffen. Sie brüteten augenscheinlich noch nicht in großer Zahl, sondern trieben sich in kleinen Trupps auf dem Meere umher, wo sie zierlich nickend umherschwammen, nach Krebsen tauchten und ihre Liebesspiele trieben. Nur abends kehrten sie zum Felsen zurück, um zu ruhen.

Etwas abseits von diesen gewöhnlichen Mitbürgern des Vogelstaates hält sich der philiströse, ewig mit den wichtigsten Problemen beschäftigte Papageientaucher {Mormon arcticus) auf, der als Vertreter des weniger zahlreichen Mittelstandes gelten kann. Er brütet im Grunde der feuchten Felsenhöhlen und Grotten, auf Gesimsen und Vorsprüngen und ist der Komiker unter den arktischen Vögeln, nicht allein wegen seines schnurrigen Aussehens, sondern auch wegen seines lächerlichen Gebahrens. Das geschäftige Nicken, Drehen und Wenden des abenteuerlichen Kopfes macht thatsächlich den Eindruck, als wenn er fortwährend mit seinem „Bruder Innerlich" lebhaft debattierte. Er karrikiert den zerstreuten Gelehrten. Zu diesen 5 Tauchern gesellen sich nun noch einige Möwen, als Aristokraten des Vogelberges. Die Stummelmöwe {Bissa iridactyla), welche auf den schönsten und breitesten Gesimsen ihre hochgetürmten, weichen Moosnester

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. II

baut und der Tyrann der Felsenhöhle, der Bürgermeister (Larus glaucus), der hier im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit die niedrigen vom Meere bespülten Schutthalden und den flachen Sandstrand bevor- zugt und sich mit seinen großen Tangnestern recht breit macht. Die zahlreichen Vogelknochen in den ausgewürgten Gewöllen, welche an seinen Nistplätzen umherlagen, lehrten uns, daß er unter den jüngeren und schwächeren Mitbürgern arg gewütet hatte. Etwas abseits als Einsiedler, meist auf dem Gipfel abge- stürzter Trümmerhaufen saßen die Sturmvögel (Fulmarus glacialis), die treuesten Brüter unter den nordischen Vögeln, auf ihren Nistplätzen. Wenn man das einzige große weiße Ei derselben haben wollte, mußte man die sich heftig zur Wehr setzende Mutter mit Gewalt herunterdrängen. Auch die Dunenjungen, die sehr lange im Nest verbleiben und von den Alten gefüttert werden, sind schon verteidigungsfähig, indem sie dem frechen Eindringling mit Eleganz im hohen Bogen den übelriechenden, thranigen, grünen Kropfinhalt entgegenspucken, und sie trafen meist gut.

Außer diesen 8 Vogelarten haben wir keine weiteren Bewohner des Vogelfelsens gefunden ; die meisten von ihnen waren mitten im Brutgeschäft begriffen, nur wenige bereiteten sich erst dazu vor oder waren, wie einzelne Möwen, schon damit fertig. Für unsere Sammlungen konnten wir ein reiches Material an Eiern, Serien von Embryonen, Dunenjungen und biologischen Objekten, wie Nestmaterial, Gewölle etc. sammeln. Am ersten Tage unseres Aufenthaltes waren wir zunächst ganz von dem reichen Vogelleben gefesselt und vermochten uns nicht von dem Felsen zu trennen. Der zweite Tag war aber einer größeren Exkursion zur Untersuchung des Innern der Insel gewidmet. Dort hatten wir das sprühende Leben gesehen, hier trat uns der öde, eisige Tod entgegen!

Die steile Beschaffenheit der Küste macht eine Besteigung des Inselplateaus nur an wenigen Stellen möglich ; wir mußten daher lange ratlos in unserem Boote umherfahren, bis wir endlich im Osten unseres Hafens in einer zweiten Bucht einen flachen Strand fanden, zu dem sich ein Bach eine schmale Thalrinne durch die Uferfelsen gefressen hatte. Hier war der Aufstieg möglich. Die Mündung des Flüßchens, welches zur Zeit der ersten Schneeschmelze wohl ein recht stürmischer Geselle sein muß, bildet ein kleines Delta und war jetzt schon arm an Wasser. Aus dem Schwemmland ragten überall die vermoderten Skelette zahlreicher Walrosse, als stumme Zeugen der Metzeleien, welche vor langen Jahren an diesem öden Gestade sich abgespielt hatten. Noch i8l8 erlegte Buchan's Expedition hier binnen 7 Stunden über 900 Walrosse, und Keilh.^u berichtet, daß im Winter 1824—25 gegen 700 derselben der Habgier des Menschen zum Opfer fielen. Seitdem haben diese Riesen des Nordens, welche im 9. Jahrhundert noch die norwegischen Küsten bevölkerten, dieses Gebiet ganz verlassen und sich in die nördlichsten unzugänglichen Buchten und Fjorde Spitzbergens zurückgezogen.

Das Ziel unserer Wanderung war zunächst der Gipfel des Vogelberges, welchem wir seines zoologischen Interesses wegen dem geologisch wichtigeren Mt. Misery den Vorzug gaben. (Letzterer wurde von unseren Jägern erstiegen, während ein dritter Teil der Reisegenossen das an der Ostseite gelegene Grab eines Russen und die traurigen Ueberreste einer Hütte, welche er bewohnt hatte, aufsuchten.) Der Hauptzweck unserer Exkursion war die Untersuchung der Süßwasserteiche, welche in großer Zahl das Plateau der Insel bedecken. Fünf größere Gewässer wurden aufgenommen, geraessen und abgefischt ; das größte derselben, welches in einem Querthal, etwa in der Mitte zwischen Mt. Misery und dem Vogelberg gelegen ist und von einem starken Schmelzwasserbach gespeist wird, war ungefähr looo m lang, 500 m breit und 2 3 m tief; es dürfte auch im kältesten Winter nicht bis zum Boden ausfrieren. Die Fauna dieser Seen ist recht ärmlich, von größeren Organismen wurden außer Mückenlarven nur Copepoden und Daphniden erbeutet ; die reichere mikroskopische Tierwelt (Rotatorien, Tardigraden, Nematoden etc.), über die später im Zusammenhang mit unseren Resultaten in Spitzbergen berichtet werden soll, zeigte schon bei

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flüchtiger Durchmusterung große Uebereinstimmung mit unserer einheimischen, namentlich unter den genauer untersuchten Protozoen wurde kein einziger FremdUng angetroffen, ein Ergebnis, welches nicht wunderbar erscheint, wenn man bedenkt, daß alle die zahlreichen Wasservögel, welche als Hauptverbreiter der Urtiere gelten müssen, bei ihrem Frühjahrszuge eine regelmäßige Verbindung mit den Gewässern des Festlandes herstellen. Manche Süßwasserteiche waren dicht bedeckt mit Scharen von Möwen (meist Bissa tridadyla). Es blieb uns unklar, was diese großen Meeresvögel hier suchen (Nahrung enthalten die Tümpel nicht). Sie schienen nur zu spielen, zu baden und ihre Toilette zu machen, worauf zahlreiche Federn am Rande hinwiesen. Von den wenigen Mückenlarven und kleinen Krebschen, welche die Seen bewohnen, können kaum einige Strandläufer ihren Hunger stillen. Insektenfressende Vögel können hier nicht leben. So fanden wir auch einen Brachvogel (Numeiiius pJiaeopus), der sich wohl hierher verirrt hatte, in der Nähe eines Baches verendet vor, er war noch ganz frisch, aber so stark abgemagert, daß er fast nur aus Haut und Knochen bestand. Die Strandläufer {Tringa striata), welche hier recht häufig sind und nach den Angaben der Autoren sonst auch nur animalische Kost genießen, haben sich hier wie in Spitzbergen an vegetabilische Nahrung gewöhnt. Wir können die Angaben A. Walter's, welcher auf Spitzbergen nur kleine Algen im Magen dieser Vögel fand, bestätigen, auch auf der Bären-Insel besteht die Hauptnahrung der Tringen in den langen, grünen Fadenalgen, welche den Boden aller Teiche bedecken und in den Bächen alle Steine überziehen. Die einzigen Insekten, welche auf der Bären-Insel in größerer Anzahl zu beobachten sind, finden sich auf der Oberfläche der Schneewasser und kleinen Rinnsale, es sind die Gletscherflöhe (Poduriden) oder Springschwänze, doch scheinen dieselben von den Strandläufern als Nahrung verschmäht zu werden. Wir fanden diese Vögel paarweise fast an jedem Tümpel und man konnte an den Zärtlichkeitsbeweisen des Männchens erkennen, daß sie sich in der Vorbereitung zum Brüten befanden. Auf einigen Teichen schwammen große Eistaucher (Colymhus septentrionalis), die aber sehr scheu erschienen und schon lange, ehe wir auf Schußweite herankamen, sich hoch in die Lüfte erhoben. Ganz abseits von den Bewohnern des Vogelberges hat die Raubmöwe (Lestris parasitica) ihre Nistplätze. Sie bevorzugt das Innere der Insel und die Nähe des Süßwassers, und wir konnten mehrere Pärchen in ihren Liebesspielen beobachten ; das Männchen führt einen schönen Balztanz aus, kollert sich dabei auf und schleift die herab- hängenden Flügel auf dem Boden, ähnlich wie die Truthähne. Ein Vogel, dessen Weibchen wir geschossen hatten, war nicht von der Leiche fortzutreiben, er balzte fortwährend um sie herum, stieß sie mit dem Schnabel und wußte offenbar nicht, was die starre Ruhe seiner Gattin zu bedeuten hatte.

Hier in den Schluchten des Vogelberges lernten wir außer der Raubmöwe noch einen zweiten gefähr- licheren Feind seiner Bewohner kennen, den Eisfuchs {Canis lagopus), das einzige Säugetier, welches mit Sicherheit als Bürger dieses Eilandes angesprochen werden kann. In den Felsen wurde ein Bau desselben gefunden, die Mutter, welche ganz abgemagert vom Säugen war, fiel uns zur Beute, außer ihr wurden noch 3 weitere Füchse gesehen, so daß dieser ruppige freche Geselle, bei dessen komischem Anblick man sich eines lauten Lachens nicht erwehren kann, hier keine Seltenheit ist. Der Mageninhalt der erlegten Füchsin, die schon ihr dunkles Sommerkleid angelegt hatte, lehrte, daß sie erfolgreiche Vogeljagd gehalten hatte. Renntiere fehlen auf der Bären-Insel vollständig, und es weisen auch keinerlei Spuren auf ein früheres Vor- kommen hin. Der Eisbär hingegen besucht die Insel von Spitzbergen aus, so noch im Winter 1897/98, denn wir fanden Spuren und frische Losung desselben auf dem Plateau.

Im Gegensatz zu dem Wasserreichtum ist der Pflanzenwuchs der Insel recht spärlich, nur wenige Blütenpflanzen, Moose und Gräser geben den öden, gelben und grauen Schutthalden und kahlen Felsplatten hier und da ein farbiges Gewand. Nur in der Nähe der Teiche ist eine etwas üppigere Moos- und Grasvegetation.

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Während unserer Wanderung brannte die Sonne recht kräftig, so daß es uns in der dicken Polar- kleidung viel zu warm wurde ; der Himmel war klar blau, wie wir überhaupt während unseres ganzen Auf- enthaltes an dieser so verrufenen Insel keine Spur von Nebel bemerkten. Dieses Glück ließ uns auch vom Gipfel des Vogelberges einen umfassenden Rundblick genießen. Die ganze Insel mit ihrem aus der Vogel- perspektive geradezu labyrinthischen Netz von Süßwasserteichen und Bächen (über 50 größere Teiche wurden gezählt) schwamm in einer blauen Krystallschale, weil der Ocean sich ringsum zu dem Horizont zu erheben schien. Natürlich waren unsere Ferngläser zumeist nach Norden gerichtet, nach dem Ziel unserer Fahrt. Die klare Luft ließ, soweit das bewaffnete Auge reichte, nirgends eine Spur von Eis erkennen, und wir konnten hoffen, eine gute Strecke ungehindert vordringen zu können. Bei unserer weiteren Wanderung erreichten wir etwa die Mitte der Insel und kehrten dann auf einem beschwerlichen Wege in einem steilen Flußthal, über zahlreiche Thäler und Abhänge, durch Wasser und Schnee, zum Strande zurück. Der nächste Tag wurde zur Beobachtung und Konservierung des gesammelten Materials benutzt und vor allem auch etwas mehr Aufmerksamkeit der marinen Fauna zugewendet. Wir fischten öfter Plankton zu ver- schiedenen Tageszeiten, dredgten auch unseren ganzen, etwa 1300 m langen und 800 m breiten Hafen ab und untersuchten die Litoralfauna der Südküste. Sie erwies sich als nicht sehr reich, nur Crustaceen . (Krabben und viele Amphipoden) wurden in größerer Menge gefunden.

Am Mittwoch, den 15. Juni, wurde die Weiterfahrt nach Spitzbergen angetreten, und zum ersten Male rasselte auf der Höhe des Nordkaps der Bären-Insel die Dampfwinde, als ein Zug mit der großen Dredge in 29 m Tiefe unternommen wurde. Derselbe machte uns mit einigen typischen Vertretern der arktischen Bodenfauna bekannt, und wir hatten gleichzeitig Gelegenheit, die Schwierigkeiten, mit welchen die Schlepp- netz-Arbeiten auf dem felsigen Boden des Spitzbergengebietes verbunden sind, kennen zu lernen. Die Dredge kam total verbogen an Deck und war bis zum Rande mit großen Steinen und Balanidenschalen angefüllt. Alles war neugierig um uns versammelt, als wir begannen, aus dem unscheinbaren Geröll und Schmutz die farbenprächtigsten Organismen mit Hilfe der Dampfspritze herauszuspülen. Die prachtvoll orangefarbene Synascidie {Synoecum turcjens), welche schon der alte Nordpolfahrer Phipps im Jahre 1773 entdeckt hatte, dann aber erst KtJKENTHAL 1889 im Spitzbergengebiet wiederfand, war in großen Klumpen vertreten.

Auf dem felsigen Untergrund überwogen überhaupt die festsitzenden Organismen ; Hydroiden, Bryozoen , Kalkschwämme und Balaniden bilden da unten üppige Rasen. Auf ihnen bewegen bunte Schlangensterne ihre langen Arme in mäandrischen Windungen, träge Pantopoden stolzieren dort umher und tragen auf ihren langen Beinen ganze Museen von kleineren Organismen mit sich herum. Auf den zierlichen Polypenstöcken weiden schön gefärbte und abenteuerlich gestaltete Mollusken, behende Würmer, mit schillernden Elytren geschmückt, suchen in dem dichten Bryozoenwalde geschäftig ihre Nahrung, und gepanzerte, stachelige Krebse lauern mit gestielten Augen auf Beute. Die Farbe, welche sich als Grundton in verschiedenen Abstufungen bei diesen mannigfachen Tierformen wiederholt und der ganzen Lebens- gemeinschaft ein charakteristisches Gepräge giebt, ist das Orangegelb.

Wurstförmige Konglomerate, die sich bei näherer Untersuchung als mit kleinen Steinchen und Schalentrümmern inkrustierte Synascidien ergaben, fanden sich zahlreich in dem Geröll. Die Beobachtung und die Bergung dieser Schätze beschäftigte uns bis in die Nacht hinein.

Das große Ereignis des nächsten Tages, von allen gefürchtet, aber doch sehnsüchtig erwartet, war die erste Begegnung mit dem Eise. Das Südkap Spitzbergens und die hochragenden weißen Gipfel des Schneegebirges waren schon lange sichtbar, als die ersten kleinen Schollen am Schiff vorbeitrieben. Wir steuerten auf den Stör- Fjord, dicht am Südkap vorbei; als wir uns auf der Höhe desselben befanden,

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schoben sich die Eisflarden dichter zusammen, und in wenigen Stunden befanden wir uns mitten in der arktischen Welt. Die ersten hochnordischen Tiere, die Elfenbeinmöwen (Gavia alba), umkreisten erwartungs- voll unsere Masten ; die Bewohner des Eises, die Robben, erhoben neugierig aus den Spalten und Rissen desselben ihre großen dunklen Augen. Noch hatten wir uns nicht satt gesehen an dem ewig wechselnden Spiel der tanzenden, drängenden und berstenden Schollen, an den leuchtenden Farben des weiß und blau schimmernden Eises, als auch schon der Herrscher dieser Gefilde, der „Lensmann (d. h. der Amtmann) von Spitzbergen", uns seine Aufwartung machte. Ganz unvermutet tauchten vor uns 2 kräftige Eisbären auf, die eine Eisscholle erkletterten, das Wasser aus ihrem elfenbeinfarbenen Pelz schüttelten und uns neugierig beäugten. Nach kurzer Zeit lagen beide, von den Kugeln unserer Jäger gestreckt, auf der Scholle und färbten mit ihrem dunklen Blute den glitzernden Schnee.

Auch einige Robben, Phoca harhata, die auf dem Eise Siesta hielten, fielen uns zur Beute, und es konnte bei herrlichem Sonnenschein das erste Schlachtfest gefeiert werden, dessen Eindrücke trotz seiner späteren häufigen Wiederkehr ihren Reiz nicht verloren, jetzt waren die norwegischen Harpuniere in ihrem Element. Mit großen Messern, die jeder Fangsmann an der Seite trägt, wird kunstgerecht der Bauchschnitt ausgeführt, und nach kurzer Zeit sind die Eisbären wie die Robben aus der Decke geschlagen. Dann traten die Zoologen als Nachrichter in ihre Rechte. Mit Säge, Scheren, Meißeln und Pincetten wurden die Kadaver zerlegt und ihrer edelsten Teile beraubt, die in das Laboratorium wanderten, während Schinken und Rücken der Eisbären für die Küche in den Schiffswanten aufgehängt wurden. Kein Winkel der Bauch- und Brust- höhle entging den kritischen Blicken der Zoologen ; die tiefsten Gründe des Verdauungskanales wurden entleert zum Entsetzen der umstehenden Menge, zur Freude der gierigen Eismöwen, welche rings um die Richtstätte auf den Eisblöcken lauerten und sich schon um die Beute zankten, die sie noch gar nicht besaßen. Selbst die idyllische Ruhe der Parasiten im Darme der Robben wurde rücksichtslos gestört!

Nachdem wir dieses erste arktische Ereignis bei frohem Becherklang, im Schnee sitzend, gebührend gefeiert hatten, nahm der Eislotse seinen hohen, luftigen Sitz in der Beobachtungstonne am Mast wieder ein und weiter ging es nach seinem Kommando durch schmale Spalten und Rinnen des Eises in den Stor- Fjord. Dieses erfolgreiche erste Debüt erwies sich als ein gutes Omen für die ganze Fahrt in diesem Gewässer. Tag und Nacht brannte die Sonne, und die Temperatur stieg mittags im Schatten bis auf +6" C. In Zickzacklinie, bald hier eine große Scholle umfahrend, bald dort Treibeismassen durchbrechend, dringt das Schiff immer weiter nach Norden vor. Größere Eisberge, Kinder von den gewaltigen Gletschern an der Westküste des Stor-Fjordes, treiben am Schiff vorüber, und die Passage wird manchmal unheimlich eng. Oft muß auch für kurze Zeit an einem gestrandeten Eisberge festgemacht werden. Die Treibeismassen prallen dann an diesen natürlichen Eisbrecher und fließen ohne Gefahr für das dahinter liegende Schiff rechts und links vorbei. Das Treibeis ist lose und nur zusammengeschoben, und nach einigem Lawieren an der Eisbarriere entlang gelingt es immer wieder, einen Ausweg zu finden. Es wehen andauernd nördliche Winde, welche das Eis aus dem Fjord heraus nach Süden auseinandertreiben und so die Gefahr aus- schließen, daß sich hinter dem Schiff eine undurchdringliche Eisbarrikade bildet.

Wir gelangen nach verschiedenen Kreuz- und Querfahrten glücklich bis zum nördlichsten Punkte des Stor-Fjordes, an den Eingang in die Ginevra-Bay. Diese Bucht selbst ist ebenso wie die W. Thymen- Straße, durch welche beiden Meerengen der Stör- Fjord mit der Olga-Straße in Verbindung steht, noch von dichtem Festeise bedeckt.

Ueberall, wo es die Eisverhältnisse gestatteten, wurde gedredgt und vertikal wie horizontal Plankton gefischt. An 6 größeren Stationen konnten wir einen guten Ueberblick über die Fauna dieses Meeres-

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abschnittes gewinnen , in dem bisher noch wenig zoologisch gearbeitet worden war , weil die meisten Expeditionen wegen der ungünstigen Eisverhältnisse hier nicht vordringen konnten.

Die Angaben Heuglin's, daß die mittlere Tiefe des Stör -Fjordes 70 80 Fuß nicht übersteigt, bestätigten unsere Lotungen nicht. Wir fischten an der Disco-Bai auf 65 m und am Eingange in die Ginevra-Bucht sogar auf iio m Tiefe. Der Meeresboden bestand meist aus feinem blauen oder gelben Schlick mit wenig abgerollten Steinen ; in der Litoralzone wurde felsiger Boden mit Laminarien getroffen. Der weiche Grund ließ uns auch einen Schleppzug mit der Fischkurre angebracht erscheinen; wir fingen dabei zwar keine Fische, gelangten aber dafür in den Besitz tadellos erhaltener, schön gefärbter Alcyonaceen-Stöcke und riesiger Euryaliden (Schlangensterne).

Die Charaktertiere der Grundfauna des Stor-Fjordes sind außer verschiedenartigen Alcyonaceen die schönen großen Comatuliden (Äntedon), welche dichte Rasen auf dem weichen Mud bilden.

Die Planktonfänge waren im ganzen Gebiet besonders reich an gelbbraunen Appendicularien (OiJcopleura) mit breiten, rotgesäumten Ruderschwänzen, deren Größe (mehrere Centimeter) uns auffiel.

So verlief die fast lo-tägige Fahrt durch die Eisfelder des Stor-Fjordes äußerst ergebnisreich und befriedigend, zumal auch die verschiedenen zoologischen Arbeiten durch Seegang nicht beeinträchtigt wurden, denn die schweren Treibeis- massen ließen keine Bewegung des Meeres aufkommen. Im Laboratorium standen überall Schalen und Töpfe mit allerhand Material gefüllt, und die ersten reifen Früchte konnten bald schon inTuben und Blechkästen verpackt werden.

Die Landschaftsbilder , welche wir in diesen ereignisreichen arktischen Sommertagen genossen, sind unvergeß- lich ! Die Luft war wunderbar klar nur einmal ist in dieser Zeit Nebel zu verzeichnen gewesen so daß sich die scharfen Konturen der Bergspitzen und Felswände in dem rotgelben Farbenton, der namentlich in den Abendstunden, wenn jene eigentümliche Ruhe über den arktischen Gefilden lagerte, den lebhaftesten und doch zartesten Glanz annahm, weithin scharf abhoben. Jede Schätzung der Entfernungen war bei der Klarheit und dem Glänze der Luft unmöglich.

Der Charakter der Küsten des Stor-Fjordes ist sehr verschieden. Im Westen, auf dem Ostufer von Groß-Spitzbergen, erhebt sich das schier endlose Gewirr der scharf ansteigenden Gipfel und Zacken des spitzbergischen Schneegebirges mit echt alpinem Charakter. Ueber allen Bergen thront gleich links am Eingang in den Stor-Fjord in feierlicher Majestät der gewaltige Stock des 1500 m hohen Horn-Sund-Piks. Zwischen den einzelnen Bergen liegen weite Schneefelder, die sich nach oben zu dem das ganze Innere des Landes überziehenden Inlandseise vereinigen, nach unten aber als gewaltige Gletscher zum Meere hinabfließen. Berge und Thäler sind in ewigem Eis und Schnee vergraben, und nirgends erfreut ein Fleckchen dunkler Erde das Auge.

Die Ostseite des Stor-Fjordes sieht dagegen ganz anders aus; die Küste von Barents-Land und noch mehr von Edge-Land stellt ein fast vollkommen ebenes Hochplateau von auffallender Gleich- mäßigkeit dar, in welches die im Sommer herabstürzenden Schmelzwasser zahlreiche Erosionsfurchen und

Fig. 3. Gletscher im Stor-Fjord (Mohn-Bai), vom Meere aus gesehen. (Nach einer Photographie von Prof. Richard Friese.)

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Einschnitte ijegraben haben. In großer Regelmäßigkeit, fast völh'g gleich geformte Grate zwischen sich fassend, ziehen diese Rinnsale und Thäler bis zum Meere herab. Auf diesen nach Süden und Westen gelegenen Hängen hat die Tag und Nacht gleichmäßig wirkende Frühlingssonne bereits allen Schnee weg- getaut; nur in den tiefen Furchen liegt noch schmutziger Schnee, wodurch die Berge regelmäßig gestreift aussehen.

Den obersten steilen Rand des Bergplateaus krönt ein mehrere Meter mächtiges Band von dunklem Hyperit, das eine gleichmäßige senkrechte Säulenbildung zeigt und zahllosen Vögeln als Brutplatz dient. Der Fuß der Berge ist von Gesteinstrümmern überlagert, die Schuttkegel der Verwitterungsmassen, welche von oben herunterkamen, und nur hier und da ragt aus ihnen noch anstehendes Gestein hervor.

Diesen Schottermassen ist dann an der Westküste von Edge-Land, namentlich in der ganzen Disco-Bai, ein 1—2 Meilen breites, niedriges Schwemmland vorgelagert, welches um diese Zeit schon mit einer dichten Pflanzendecke überzogen war. Kleine Moose, manche Gräser, Ranunculaceen, auch ein niedriger Mohn, Papaver nudicaulc, und verschiedene Saxifraga-Arten blühten hier schon in zartgefärbten Rasen. Unzählige Schneebäche durchfurchen dieses flache Land entweder in tiefen, stellenweise noch mit Schnee überbrückten Rinnen, welche dem ahnungslosen Wanderer zuweilen ein kühles Bad bereiten, oder in allgemeinen Ver- sumpfungen und teichartigen Ansammlungen von großer Ausdehnung, welche Wassermassen alle dem Vorland große Mengen von Schlamm und Geröll zuführen.

Zahlreiche Renntiere weideten auf diesen grünen Flächen. Eine Jagd auf dieselben war in dem sumpfigen Boden, in dem jeder Schritt große Anstrengung erforderte und allerhand Ueberraschungen brachte, nicht gerade einfach, wenn auch die Renntiere selbst ohne alle Scheu sind und ohne jegliche Jagd- kunst erlegt werden können. Dieses Waidwerk ist daher nicht weiter rühmlich, denn die Tiere sind geradezu neugierig naiv und entbehren jedes Jagdreizes. So war es denn keine besondere Leistung, daß an der Disco-Bai und am Cap Lee auf zwei Streifzügen mehrere Dutzend erlegt wurden, welche die Vorratskammer in den Wanten neben den Eisbärenschinken aufnahm. Das Fleisch wurde bei seiner Zartheit und seinem Wohlgeschmack äußerst gern gegessen, während wir dem grobfaserigen und thranigen Eisbärenbraten keinen besonderen Geschmack abgewinnen konnten.

Bei unseren Kreuz- und Querfahrten im Stor-Fjord und bei der schnellen Fahrt unseres Rückzuges war das Dredgen und Planktonfischen, besonders aber die Verwertung des Materials oft recht anstrengend. Wegen des Eises konnte nie lange gestoppt werden, und es mußte oft die ganze Nacht mit fieberhafter Hast gearbeitet werden, um gleich morgens für die Beute der nächsten Station das Laboratorium wieder frei zu haben. Uns war es daher immer ein freudiger Augenblick, wenn die Ankerkette rasselte und wir einige Zeit der Ruhe an Land genießen konnten. Diese Pausen der Laboratoriumsarbeit wurden stets durch Beob- achtungen der Landfauna und durch Jagden verschönert. Solche „biologischen Feiertage" hatten wir an der Bären-Insel, der Walter-Thymen-Straße und in der Disco-Bai genossen und wir waren auch nach den Arbeits- tagen des Stor-Fjordes froh, uns wieder einmal einen ganzen Tag lang an dem Leben und Treiben der Vogel- welt zu erfrischen. Am 23. Juni gelangten wir in die Deevie-Bai, deren Bodenfauna schon von Kijkenthal als besonders reich geschildert wird, was wir bestätigen konnten. Hier steuerten wir zwischen zahllosen kleinen Schären und Inseln dahin, welche als Archipel der „Tausend-Inseln" dieser Bucht vorgelagert sind. Die Fülle des Vogellebens auf diesen Eilanden bildet ein würdiges Seitenstück zu dem Felsenleben auf der Bären-Insel. Im ganzen arktischen Gebiet findet man nur zwei Sorten großer Vogelkolonien, die Vogelberge und Vogelholme, die ersteren steile Felsen mit Lummen und Möwen als Charaktertieren, letztere kleine flache Inseln mit Enten und Gänsen als Hauptbewohnern. Diese beiden Arten von Brutplätzen stehen in einem gewissen Gegensatz, insofern als die Bewohner der einen nicht auf den anderen zu finden sind, und umge-

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kehrt. Man kann daher fast alle arktischen Vögel in die Gruppen der Felsen- und Inselbrüter einteilen. Wir gingen am Abend an der Berentine-Insel, die zwischen Whales-Point und den König-Ludwigs-Inseln liegt, vor Anker. Die Veranlassung, gerade dieses 'Eiland aufzusuchen, war eine hohe Steinvarde, welche sich auf dem Gipfel derselben erhob, oder vielmehr die Geschichte derselben. Sie rührte nämlich von unserem verehrten Freunde Prof. Kükenthal her, der sie hier im Jahre 1889 als Erinnerung an die Stunden der Not mit seiner Mannschaft errichtet hatte. Hier war sein Schiff „Berent ine" gestrandet, und er hätte mit seinem Reisegenossen Walter wohl lange auf diesem öden Felsen sitzen können, wenn nicht ein zufällig vorbeifahrendes Fangschiff sie aufgenommen hätte. Neben der Varde fanden wir noch eine kleine Hütte, in welcher 1894 drei Norweger überwintert hatten. Sie erlegten hierbei 36 Eisbären und viele Füchse, deren Skelette überall auf der Insel umherlagen.

Die Berentine-Insel (von den norwegischen Fangschiffern früher „Lucia"-Insel benannt) ist ebenso wie die meisten der „Tausend-Inseln", von denen wir noch einige zum Vergleich besuchten, nur wenige Meter über der Flutgrenze erhaben und mißt nur einige hundert Meter im Durchmesser. Auf fast allen diesen Inseln finden sich kleine Süßwassertümpel, die von der Schneeschmelze herrühren und am Ende des Sommers oft schon ausgetrocknet sind. Meist sind die abgewaschenen glatten Felsen kahl oder an einzelnen Stellen mit scharfzackigen Gesteinstrümmern übersät, nur in der Nähe der Süßwasserlachen, findet sich eine dünne Humusschicht mit spärlicher Moosvegetation. Solange diese Inseln noch mit Eis umgeben und durch das- selbe mit dem Festland verbunden sind, findet man keine brütenden Vögel auf ihnen, die Norweger sagen, weil sie den Fuchs fürchten, der über das Eis zu ihren Brutplätzen gelangen könnte. Auch wir fanden während der ganzen Reise keine Ausnahme von dieser Regel. Vielleicht ist es aber nicht der Fuchs allein, sondern auch die durch das Eis erschwerte Nahrungszufuhr, welche die Vögel von den vereisten Inseln abhält. Die Bewohner aller der zahlreichen Vogelholme, welche in ebenso reicher Menge hier in horizontaler Ebene die Felsen bevölkern, wie die Lummen die Vogelberge in vertikaler, sind die Eiderenten {Somateria molUssima und spectaUUs) als Hauptmasse, Bernikelgänse (Beniicla hrenta), Strandläufer {Tringa striata), Schwimmschnepfen {Phalaropus fulicarius) und Seeschwalben {Sterna arctica). Alle diese Vögel wohnen hier einträchtig bei einander und suchen in den flachen Sunden und Buchten der Inseln ihre Nahrung. Wegen der kostbaren Eiderdunen werden die Vogelinseln von den Fangschiffern besucht, und sie können auf einer Insel oft mehrere Säcke voll sammeln. Die Nester sind an manchen Stellen so dicht gedrängt, daß man sich beim Gehen vorsehen muß. Auf der Berentine-Insel lernten wir auch einen Konkurrenten der Fang- schiffer im Eiersammeln kennen, nämlich den Eisbären, welchen wir beim Eierschlecken ertappten. Er hatte schon arge Verwüstungen auf den Brutplätzen angerichtet; für das viele gestörte Familienglück erreichte ihn nun bald die Strafe. Das kolossale Rührei, das wir in seinem Magen fanden, bewies, daß er auch an diesem Tage gut gefrühstückt hatte.

Am interessantesten von den hier lebenden Vögeln waren uns die kleinen, zierlichen Schwimm- schnepfen {Phalaropus fulicarius), von denen nur die Männchen brüten, während die Weibchen in kleinen Trupps auf den Eisschollen in der Brandung des Sundes oder auf den Süßwasserteichen ihre Freiheit genießen. Auch über das Leben der anderen Inselbewohner sammelten wir Notizen, und zahlreiche Eier und Embryonen wanderten in unsere unersättlichen Gläser und Kisten.

Hiermit war die Untersuchung des Stor-Fjords abgeschlossen; wir konnten mit den Resultaten, be- sonders aber mit den Eisverhältnissen recht zufrieden sein; im Jahre 1889 z. B. konnte Ktjkenthal in diesen Fjord überhaupt nicht hineingelangen, und 1893 wurden 3 Fangschiffe im Eingang desselben im Juni vom Eise eingeschlossen und kamen erst im September wieder los.

Fauna Arctica. 3

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Nunmehr sollte der Kurs auf Ostspitzbergen und König-Karls-Land, das Hauptziel unserer Reise, gerichtet werden, aber schon am nächsten Morgen finden wir vor der Halbmond-Insel einen Gürtel dichten Packeises, dem wir weit südlich um die Menke-Inseln herum ausweichen müssen. Von Fangschiffen, die wir hier trafen, erfuhren wir, daß der Weg nach Osten noch nicht eisfrei sei. Der Walroßfänger „Anna" aus Tromsö lavierte bereits 3 Wochen an dieser Eiskante, ohne weiter östlich zu gelangen. Auch unser Dampfer sieht nirgends die Möglichkeit durchzukommen, wir steuern südöstlich auf die Hope-Insel zu immer am Eise entlang, finden aber auch hier alles verbarrikadiert und müssen unsere Absicht, schon jetzt, Ostspitzbergen zu erreichen, vorläufig aufgeben. Der schon seit mehreren Tagen wehende Südwind, welcher uns zu schleuniger Flucht aus dem Stor-Fjord veranlaßt hatte, hielt hier alles Eis an der Küste fest. Es ließ sich zwar erwarten, daß ein kräftiger Nord-Ostwind in kurzer Zeit die Bahn frei machen würde, wir wollten aber nicht die Zeit unthätig zubringen und beschlossen daher, zunächst West-Spitzbergen zu be- suchen und hier im Bereich des Golfstroms möglichst weit nach Norden vorzudringen. Das Schiff wendet sich nach Westen, muß aber sehr weit südlich ausholen, denn der Eingang des Stor-Fjords, in den wir noch vor II Tagen flott hineindampfen konnten, war jetzt durch dichtes Treibeis verschlossen; nun freuten wir uns , der Gefahr des Eingeschlossenwerdens rechtzeitig entgangen zu sein , und dankten unserem vor- sichtigen Kapitän, während wir uns vorher nur ungern von diesem schönen Fjord getrennt hatten. Wie anders waren die Eisverhältnisse hier um dieselbe Zeit im Jahre 1889, wo Kükenthal schon Mitte Juni in die Olgastraße eindrang!

Ueber die Fahrt um das Südkap und an der Westküste von Spitzbergen entlang, die in stetem Sturm und Nebel erfolgte, bei den schlechten Tiefenangaben der Seekarten nicht ungefährlich war und der Schiftsführung und Mannschaft große Anstrengungen brachte, können wir nicht viel berichten. Zoologische Untersuchungen waren draußen auf offener See wegen des hohen Wellenganges sehr erschwert und schienen uns hier auch nicht so notwendig, weil auf den größeren Tiefen dieses Gebietes die Nord- havsexpedition schon gedredgt hatte. Wir wandten daher unser Hauptinteresse den Buchten und Fjorden zu, in welchen bisher weniger zoologisch gearbeitet war.

Am 27. Juni mußten wir vor dem Sturm zunächst in den Bel-Sund (Van Keulen-Bai) einlaufen und hatten hier Gelegenheit, das Vogelleben dieser an Gletschern und Schneebergen reichen Bucht kennen zu lernen; auf den üppigen sumpfigen Graswiesen, welche am Fuße des Gebirges den flachen, breiten- Strand bedecken, fanden wir die ersten Graugänse {Änser irachyrhynchus) brütend, während die Strandfelsen von Möven, Lummen und Papageientauchern wimmelten. Bei der Ausfahrt aus dieser Bucht war kaum ein größerer Dredgezug auf 150 m beendet, als ein schwerer Südsturm unser kleines Fahrzeug ergriff. Alles flüchtete in die Kojen, und es begann eine Fahrt, wie wir sie bisher noch nicht erlebt hatten. Die Tonnen und Kisten führten auf Deck einen wüsten Tanz auf, der Sturm heulte in der Takelage, und eine Sturzsee nach der anderen ging über den Dampfer weg und füllte sogar das Krähennest am Vormast mit Wasser. An Schlaf war nicht zu denken, in der Koje mußte man sich feststemmen, um nicht heraus- geworfen zu werden. Im Laboratorium riß sich alle Augenblicke ein Gegenstand los und sauste mit fürchterlichem Spektakel durch den Raum. Wir waren froh, als der Dampfer um Prinz-Karls-Vorland herum war und in der Kings-Bai in ruhigem Wasser vor Anker gehen konnte.

Dieser unfreiwillige Aufenthalt war uns Zoologen höchst willkommen, wir konnten die Netze und Reusen, die auf dem felsigen Boden schon arg mitgenommen waren, ausbessern und erneuern und, als der heftige Regen aufhörte, auch wieder der Landfauna nachspüren. Wir fanden nach 2-stündiger Bootsfahrt durch die tanzenden Gletschereisblöcke, die in langem Zuge aus der Bai ins Meer hinaustrieben, am Grunde des Fjords einige kleine Vogelinseln, sehr malerisch vor einem mächtigen Gletschermassiv gelegen, welches

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mit 6 Armen ins Meer herabfiel. Hier konnten wir uns überzeugen, daß das Vogelleben dasselbe war wie auf den Tausend-Inseln, welches typisch für das ganze Spitzbergengebiet zu sein scheint.

In dem gemeinsamen Ausgang der Kings- und Cross-Bai ist auf den Seekarten eine Tiefe von 250 Faden angegeben, die in dem sonst sehr flachen Wasser dieser Küste (einige Seemeilen draußen sind nur 25 27 Faden verzeichnet) uns sehr merkwürdig erschien. Hier wollten wir die Netze herablassen, da wir aber nur bei ruhigem Wetter erwarten konnten, die Stelle zu finden, blieben wir vor Anker, bis der Sturm abflaute, was am nächsten Morgen eintrat (30. Juni). Wir loteten in Kreuz- und Querfahrten den ganzen Eingang ab, mußten aber lange vergeblich suchen, so daß schon Zweifel an der Richtigkeit der Kartenangabe auftauchten. Immer betrug die Tiefe nur 60—80 m. Endlich zeigte der Zeiger der Lotmaschine 250 m an, was sofort das Signal zum Auswerfen der Dredge war, aber kaum hatte das Netz Boden gefaßt und die Schraube des Dampfers ein paar Schläge vorwärts gemacht, als das Drahtseil plötzlich einen Ruck erhielt und die nur lose angestellte Dampfwinde rapid zu laufen begann. Der Trawl war plötzlich einen steilen Abhang herab- gesaust und schleppte jetzt auf 395 m Tiefe. Die weiteren Lotungen ergaben, daß hier ein rundes, enges Loch steil in den flachen Meeresboden eingesenkt ist. Sehr überraschend war das Resultat, die Dredge enthielt viel blauen Schlick mit abgerollten vulkanischen Steinen bis zu Kopfgröße, von Tieren aber nur ganz wenige Formen, meist ausgestorbene Wurmröhren und vereinzelte Echinodermen. Besonders auffallend war aber der intensive Schwefelwasserstoffgeruch, den der Schlamm verbreitete. Unser Eislotse Johannesen, ein durchaus einwandsfreier Beobachter, dem die arktische Geographie manche Aufklärung verdankt, erzählte nun, ohne unsere Dredgeresultate zu kennen, daß er vor längeren Jahren als Fangschiffer an dieser Stelle bei ganz ruhiger See, als er gerade mit seinen Gefährten beim Mittagsmahle in der Kajüte saß, in großen Schrecken versetzt sei, weil das Meer plötzlich hoch aufbrauste, Strudel bildete, und sein Schiff furchtbar umherwarf. Wir können diese Erscheinung nur als Seebeben deuten, und ist die Annahme, daß dieses tiefe Loch einen submarinen erloschenen Krater darstellt, namentlich im Hinblick auf die Dredgeergebnisse sehr naheliegend. Unseres Wissens sind vulkanische Erscheinungen bisher nicht im Spitzbergengebiet bekannt geworden.

Bei der Weiterfahrt tauchten rechts an der Küste die „sieben Eisfelder" auf, breite, gewaltige Gletscher, welche aus dem ewigen Hochlandseis mit senkrechten Wänden zum Meer herabziehen und durch braune Felspartien in fast gleichmäßigen Abständen voneinander getrennt werden. Weiter ging es an der von Expeditionen und Touristenschiffen häufig besuchten Magdalenen-Bai vorüber, durch das Süd- gat in die Smerenburg-Bai, deren Küsten mit ihrer wilden Hochgebirgsnatur zu den schönsten Land- schaften Spitzbergens gehören. Bei unserem Besuch reichte der Schnee noch bis zum Meere herab, zackige Berge wechseln mit breiten Gletschern ab, deren blauschimmernde Spalten, Eisgrotten und Kaskaden vom glatten Meere wiedergespiegelt werden. Am Südostende dieser Bucht, dicht vor einem Gletscher, dessen „Kälber" unter Donnern und Krachen das Meer aufwühlten, erbeuteten wir eine reiche Fülle von Boden- und Planktontieren. Die Dredge war gefüllt mit vielen Braunalgen und Kalkalgen, an deren leuchtende rote Farbe die meisten auf ihnen lebenden Organismen gut angepaßt waren, so daß die ganze Fauna, in allen Nuancen von Rot und Braun, ein prächtiges Farbenbild lieferte.

Ein kürzerer Aufenthalt im Virgo-Hafen galt dem Besuch des Ueberwinterungshauses des Herrn Pike auf der Dänen-Insel, von wo aus Andree 1897 seine kühne Ballonfahrt antrat. Das Ballon- haus hatte den Stürmen des zweiten Winters nicht Stand gehalten und lag als wüster Trümmerhaufen am Strande. Da hier von den schwedischen Begleitern Andree's auch zoologische Untersuchungen angestellt waren, brauchten wir uns nicht lange aufzuhalten und konnten weiterdampfen.

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FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Immer noch befanden wir uns im Bereich des warmen Golfstromwassers, wie nicht nur die Temperatur des Wassers (+ 3,4"), sondern auch die Zusammensetzung der Planktonfauna lehrte. Das Meer war, soweit man blicken konnte, eisfrei, und wir erreichten am l. Juli ohne Schwierigkeit die abenteuerlich gestaltete Mof fen- In sei bei schönstem Sonnenschein.

Dieses kleine Eiland, dessen Gestalt auf den Karten nicht richtig angegeben ist, stellt einen flachen (kaum 2 m hohen), fast kreisförmigen Steinwall dar, welcher nur nach Nord-Nord-West einen schmalen Eingang hat. Die Insel hat die größte Aehnlichkeit mit einem Atoll. Die Lagune, welche der an den meisten Stellen kaum 60 100 Schritt breite Landring umschließt, ist so flach, daß sie eben noch mit einem Boot befahren werden kann. Walroßknochen und zwei Bärenskelette zeugten von dem Besuch der Fang- schiffer, die auch in diesem Jahre hier schon gehaust hatten, denn die zahlreichen Eiderentennester waren fast sämtlich ihrer Dunen und Eier beraubt, und die trauernden Mütter saßen einsam auf den kahlen Trümmern des Strandes. Am Ufer lag viel Treibholz, über dessen Herkunft wir durch 3 dazwischen gefundene hohle Glaskugeln, wie sie die Lofotenfischer als Schwimmer an ihre Netze befestigen, Auskunft erhielten. Der Golfstrom hatte sie von der norwegischen Küste hier in den höchsten Norden Spitzbergens geführt.

Sie boten eine willkommene Bestätigung der Anschauungen, welche wir uns über die Herkunft der hier beobachteten Planktonorganismen gebildet hatten.

Mit der Moflfen-Insel war der 80. Grad N. Br. überschritten. Mit Voll- dampf ging es weiter zu den nördlichsten Inseln des ganzen Spitzbergen-Archipels, der Ross- und Kleinen Tafel-Insel, wo dichtes Packeis uns das schon früher erwartete gebieterische Halt! zurief; hier- zu kam noch dichter Nebel, welcher die Fahrt in unbekannten Gewässern nicht gerade behaglich machte. Die beiden Inseln sind hohe, aus porphyrischem Granit aufgetürmte Felsen, nur durch einen schmalen und flachen Sund getrennt; das Gestein ist dicht mit Granaten erfüllt. Auf der nördlicheren Ross-Insel zeigt der kahle, vom Eise geglättete Fels nur in einzelnen Spalten eine dünne Humusschicht, während die Tafel-Insel an der Südseite einige grüne Thäler besitzt, in denen unser Eislotse Johannesen noch vor wenigen Jahren Renntiere geschossen hatte.

Mit dem Dampfer konnten wir des dichten Eises wegen nicht an die Inseln herankommen und mußten mit dem Boot noch einige Kilometer uns zwischen den Schollen im Zickzack hindurchzwängen. Auch der Aufstieg auf die stark mit Schnee verwehte Ross-Insel war nicht ganz leicht. Wir teilten uns die Arbeit, indem einer die Insel erkletterte, um die Vogelfauna festzustellen, während der andere die Lebewelt der Meerenge zwischen den Inseln und der Litoralzone mit Handdredgen untersuchte, soweit es zwischen den drängenden Eisschollen möglich war. Unsere Jäger stellten inzwischen den zahlreichen Robben nach, welche das Eis bevölkerten. Auch auf diesen kahlen Felseninseln haben noch eine Anzahl Vögel ihren Wohnsitz. Es wurden folgende Arten beobachtet: l) Plectrophanes nivalis, 2) üria gryUe v. mandti, 3) Uria hrünnichii, 4) Mergulus alle, 5) Larus glaucus, 6) Rissa tridactyla, 7) Gavia alba (in der Mauser), 8) Fulmarus glacialis, 9) Somateria niollissima, 10) Bernicla hrenta, li) Harelda glacialis.

Fig. 4. Ross-Insel und Kleine Tafel-Insel, die beiden nörd- lichsten Inseln des Spitzbergen- Archipels. (Nach einer Photographie von Professor Richard Friese.)

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 21

Lange durfte unsere Exkursion nicht ausgedehnt werden, denn von Norden her schoben sich immer schwerere Eismassen um die Inseln zusammen und drohten uns den Rückweg abzuschneiden. Schon das Einbooten war schwierig gewesen, noch mehr aber war es die Rückkehr zum Dampfer. Dieser hatte bei dem Druck des Eises seine Position nicht hahen können und war westlich ausgewichen. Bei dem dichten Nebel konnten wir unsere Fahrtrichtung nur nach den fortwährend ertönenden Signalen der Dampfpfeife wählen und uns erst nach langen Kreuz- und Querfahrten durch die Schollen hindurcharbeiten.

Am Nachmittage versuchte Kapitän Rüdiger noch einen Vorstoß nach Norden bis auf 80° 48' N. Br. ; hier wurde das Eis immer fester und dichter und zwang energisch zur Umkehr. Ein Schleppzug mit dem viereckigen Trawl auf 85 m Tiefe machte uns noch mit einer reichen Bodenfauna bekannt. Der Untergrund war felsig und besonders reich an Echinodermen, die durch zahlreiche Seesterne, Seeigel und Holothurien vertreten waren.

Trotz der hohen Breite und der Fülle des Eises lag die Wasserwärme noch über dem Gefrierpunkt, allerdings nur noch wenige Zehntel Grade. Die Lufttemperatur maß zwischen 3 und 4" C. Das Plankton zeigte dieselbe Zusammensetzung wie an der Westküste von Spitzbergen.

Bevor wir den Versuch, nach Osten vorzudringen, ausführten, genossen wir am Eingange der noch mit Treibeis bedeckten Riips-Bai einen herrlichen Ruhetag (Sonntag den 3. Juli) bei schönstem Sommer- wetter, das uns die hohe Breite, in der wir uns hier befanden (801/2° N. Br. !), fast vergessen ließ. Am Mittage zeigte das Thermometer im Schatten 11,5" C, eine der höchsten Temperaturen, welche in Nord- Spitzbergen je beobachtet worden ist.

Der Dampfer lag am Eise befestigt, über dessen weißer, weit ausgedehnter Fläche die Luft unter den heißen Strahlen der Sonne zu flimmern schien. Hinter uns lag das blaue Meer, dessen glänzender Spiegel auch nicht von der kleinsten Welle gekräuselt wurde. Die fernen Gletscher und Firne der Küste waren in ein rosiges Licht getaucht, und eine Ruhe lag über der ganzen Natur, so feierlich, wie sie nur die nicht vom Menschen entweihte Einsamkeit der Arctis zu bieten vermag. Nur die Möwen unterbrachen hier und da mit einem heiseren Schrei diese Stille. Und wenn der Mitternachtssonne rosige Strahlen die ganze Landschaft mit zartestem Purpur übergießen, dann verstummen auch die Tiere. Selbst der hastende Mensch, der mit seinen realen Wünschen und Gefühlen in diese Zauberwelt der Natur eingedrungen ist, wird von ihrer Allmacht zum Schweigen gezwungen, und die Märchenbilder der Jugend von den Gefilden der Seligen tauchen wieder auf.

Die Sonntagsfeier der Zoologen war eine stille Bootsfahrt über die klaren Tiefen des Fjordes. Stundenlang konnten wir, über den Rand des Bootes gebeugt, dem geheimnisvollen Treiben der pelagischen Tierwelt zuschauen. Orangefarbene Flossenschnecken (Clio borealis) tummeln sich als Schmetterlinge des Meeres zwischen glockenförmigen Medusen. Langsam ziehen flimmernde Ctenophoren ihre schillernden Bahnen und schleppen rotleuchtende Fäden in eleganten Windungen nach sich. Dazwischen huschen korallenrote Krebschen hin und her, und pfeilschnell schießen glashelle Sagitten durch das Getümmel. Wie weißliche Flocken steigen die Appendicularien in ihren großen Gallertgehäusen auf und nieder, und irisierende Würmer schlängeln sich behende zwischen ihnen durch. Ungern nur stört der Mensch dieses mannigfaltige Leben, denn schnell ist der Zauber entschwunden, wenn die rohe Hand des Konservators mit ihren Giften dazwischengreift. Bis lange nach Mitternacht waren wir mit dem Betäuben und Fixieren, Zeichnen und Registrieren dieser Planktonfülle beschäftigt.

Die Mannschaft belustigte sich damit, auf den Eishügeln Speck zu braten, um durch den Duft die lüsternen Eisbären anzulocken. Eine Mutter mit zwei großen Jungen ging auch richtig in diese Falle und wurde dicht beim Schiff erlegt. Die Reisegefährten kehrten von einem Jagdausflug mit robbenbeladenem

22 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Boot zurück, ein reiches Material für unseren allverehrten Professor Friese, und die steigende Sonne sah ihn noch auf einem kleinen Feldstühlchen sitzend die auf einer Eisscholle lagernde Jagdbeute malen.

Wenige Meilen hinter Cap Platen verhinderte das Eis ein weiteres Vordringen nach Osten. Die Dove-Bai war noch blockiert, und Karl Xll-Inseln lagen unerreichbar vor uns. Die Bodenfauna zeigte eine interessante Uebereinstimmung mit derjenigen der Smerenburg-Bai; dieselben roten Kalkalgen, die den ihren Farben angepaßten Tieren als Zufluchtsstätte dienen, füllten den Netzsack. Zum ersten Male wurde auch ein schön gefärbter Tintenfisch, eine Rossia-Ait, erbeutet.

Fangschiffe, mit denen hier am Nordcap Spitzbergens Besuche ausgetauscht waren, hatten berichtet, daß die Hinlopen-S traße bis zu ihrem südlichen Eingang vollständig passierbar sei, und da uns daran lag, die zoologisch wenig erforschte Meerenge, welche die Faunengebiete von Nord- und Ost-Spitzbergen verbindet, kennen zu lernen, so ging es mit Volldampf um die große Stern-Insel herum an der Murchison- Bai vorbei in die Hinlopen-Straße hinein, die wirklich bis Cap Tor eil eisfrei war.

Hier waren wir in Gebieten, deren Tierreichtum durch Kükenthal 1889 festgestellt war. Von unserem Ankerplatz hinter der kleinen Be hm -In sei unternahmen wir noch an demselben Abend Boots- fahrten an der den südlichen Zugang zur Hinlopen-Straße versperrenden Eiskante entlang und fischten mit Planktonnetzen und Dredgen aus der reichen Fauna dieser Gegend viele interessante Stücke. Zum ersten Male machten wir auch die Bekanntschaft von Walrossen und Weißwalen {Beluga leucas), von welch' letzteren eine Herde von über 100 Stück sich hier herumtummelte.

Aber unseres Bleibens war hier nicht lange! Die starke Gezeitenströmung, welche die Straße entlang geht, trieb die Eisschollen hin und her; immer dichter wurden sie um unseren kleinen Dampfer zusammengeschoben und drohten ihn auf die Felsen des Eilandes zu pressen. Eintretender Nordwind machte die Situation noch kritischer, und wir konnten froh sein, als wir am anderen Nachmittag in der Lomme-Bai hinter der Foot- Insel, vor Sturm und Eis geschützt, einen sicheren Ankerplatz gefunden hatten. Die Meeresfauna dieser Bucht, welche von den hier eingeschlossenen Gletschern mit Schlamm und Geröll überschüttet wird, erwies sich als arm. Nur selten enthielt die Dredge Lebewesen. Bei der Ausfahrt aus der Lomme-Bai, die landschaftlich einen hochalpinen Charakter trägt, Schnee- felder und Gletscher wechseln mit Felszacken und Schutthalden, hatten wir zur Linken den mächtigen Gletscherstock des ca. 20 Meilen langen Ice-Cap, das auf seiner ganzen Länge mit steilen blauen Wänden jäh in das Meer abfällt, vor uns lag die flache Küste von Nord-Ost-Land, die sich nur wenig über das Niveau des Meeres erhebt. Dieser nördliche Teil der Hinlopen-Straße ist zoologisch gänzlich unbekannt; auch die Tiefenangaben der Seekarten erwiesen sich als falsch. Vor dem Ice-Cap, wo die englische Seekarte 22 Faden verzeichnet, loteten wir 450 m, eine Tiefe, die nach Norden noch zunahm und am Cap Verleegen Hook sogar 480 m erreichte. Zwei Dredgezüge auf dieser tiefen Rinne förderten einen fabelhaften Tier- reichtum zu Tage, dessen Charakter, wie im ganzen Norden Spitzbergens, von den Echinodermen bestimmt wird. Namentlich ein Seestern (Ctenodisciis) war in Hunderten von Exemplaren vertreten; die Astrophyten erreichten enorme Größen. Zu unserer besonderen Freude fanden wir hier auch in dem feinen blauen Schlicke, einen kleinen Alcyonaceenstock fest umklammernd, ein Exemplar des seltenen Urmollusken, Pro- neomeiiia, von dem bisher überhaupt erst 5 Individuen in arktischen Meeren gesammelt worden sind. Es schien uns wegen seiner von Proneomenia sluiteri abweichenden Form einer neuen Art anzugehören. Stufen- fänge mit dem großen Planktonnetz ergaben das interessante Resultat, daß sich am Grunde dieser Rinne ein schmaler Ast des kalten Polarstromes (gekennzeichnet durch den Diatomeenreichtura) nach Süden erstreckt, während in den oberen Wasserschichten nur die für das wärmere Golfstromwasser charakteristischen Tiere gefunden wurden.

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 23

Nach einem kurzen erfolgreichen Jagdaufenthalt in der Wiide-Bai, die als guter Renntier- platz von allen Besuchern gerühmt wird, mußten wir zur Advent-Bai im Eis-Fjord eilen, weil wir hier einer Verabredung gemäß mit dem Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt -Aktiengesellschaft, der „Auguste Viktoria", am 12. Juli zusammentreffen sollten, um unsere Kohlenvorräte zur Weiterreise nach Ost-Spitzbergen zu ergänzen, wodurch uns ein zeitraubender Abstecher nach Tromsö erspart blieb.

Von dieser Fahrt ist außer Sturm, der uns noch einen ganzen Tag an der Amsterdam-Insel festhielt und jede Arbeit unmöglich machte, nichts zu berichten.

Wie anders nahm sich die Advent -Bai jetzt aus als in den Beschreibungen Kükenthal's von 1886, der hier mit dem Besitzer des Fangschiffes „H vidfisken", Morton Ingebrigtsen, innerhalb einiger Tage über 50 Weißwale erlegte ! In den wenigen Jahren hatte diese Bucht ein ganz civilisiertes Gewand angelegt !

Am Strande des Hafens auf einer langen, niedrigen Landzunge erhebt sich ein Hotel, ein Holzhaus in freundlichem Stil, welches eine norwegische Dampfer-Gesellschaft, die während des kurzen Sommers jede Woche Scharen von Touristen hierher führt, eingerichtet hat. Seit 2 Jahren befindet sich in dem Hotel auch eine sommerliche Poststation, und im Jahre 1897 erschien sogar eine Zeitung in drei verschiedenen Sprachen, deutsch, norwegisch und englisch, die nördlichste Zeitung der Welt !

Außer der „Auguste Viktoria", deren Gastfreundschaft uns schöne Tage bereitete, lag hier bei unserer Ankunft ein deutsches Kriegsschiff in voller Besatzung, S. M. S. „Olga", mit der Expedition des Deutschen Seefischerei-Vereins an Bord, welche die Erforschung der Fischgründe im westspitzbergischen Meere und bei der Bären-Insel zur Aufgabe hatte. Eine englische Yacht, mehrere kleine norwegische Touristenschifife und Galeassen vervollständigten dieses internationale Hafenbild.

In kameradschaftlichem Verkehr mit den Herren der „Olga" und in gemeinsamer Arbeit mit dem Kollegen Hartlaub aus Helgoland, dem Zoologen der Fischerei-Expedition, verliefen die wenigen Tage der Erholung schnell und angenehm, bis am 15. Juli die „Helgoland" die Anker lichtete zur Fahrt in die ostspitzbergischen Gewässer, für die wir unser Laboratorium neu in Stand gesetzt hatten.

Doch nicht so schnell, wie gehofft, sollten wir dieses Hauptziel unserer Reise erreichen. Um das Südcap Spitzbergens tobte ein orkanartiger Süd-Ost, vor dem sich das Schiff nur mit Mühe in den Horn- Sund retten konnte. Hier lagen wir zwar vor der brausenden See geschützt, dafür drohte aber dem Schifft und seiner Ankerkette eine beständige Gefahr durch die kurzen Sturzböen, die von den hohen Berten niedersausten, und durch die schweren Eisblöcke, welche die gewaltigen Gletscher aus dem Hintergrunde der Bucht in endloser Folge in das Meer hinaussandten.

Für unsere Planktonsammlung war der dreitägige Aufenthalt im Horn-Sund durchaus nicht ungünstig. Der Golfstrom hatte eine Fülle pelagischer Organismen in diese Sackgasse hineingetrieben, die trotz des von den Gletschern verunreinigten Wassers und trotz des geringen Salzgehaltes gut erhalten blieben. Gerade die zartesten Medusen, Catablema campanula, Codonium princeps, Hippocrene supercüiaris, waren in schönen und großen Exemplaren vertreten.

Die Fahrt um das Südcap herum über den Eingang des Stor-Fjordes erfolgte noch bei starker Dünung, an dem Archipel der Tausend-Inseln umhüllte uns dichter Nebel, das Meer blieb aber vorläufig noch voll- kommen eisfrei. An der Küste von Edgeland tauchten die hohen Abstürze des riesigen St. Johns-Gletschers, welcher den ganzen südöstlichen Rand dieser Insel bedeckt, hin und wieder aus dem Nebelmeer auf, und auch die kleinen Ryk-Ys-Inseln wurden gesehen. Der Kurs war nach Nord-Ost auf Gap Hammerfest, die Südspitze von Schwedisch-Vorland gerichtet, und wir durchquerten die Olgastraße in ihrer ganzen Breite (in ihrer Mitte wurde mit geringem Erfolg auf 290 m Tiefe gedredgt).

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FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Am 23. Juli morg^ens sahen wir endlich Land vor uns; es wurde zunächst eine kleine Insel bestiegen, um über die Lage Klarheit zu gewinnen. Nach dem Besteck hätten wir schon viel früher Cap Hammerfest erreichen müssen, und die Konfiguration des vor uns liegenden Landes stimmte auch gar nicht mit den Be- schreibungen dieses Vorgebirges überein. Die Ortsbestimmung des Kapitäns Rüdiger bewies nun, daß wir, wenn die Karte richtig wäre, quer durch den südlichen Teil von Schwedisch-Vorland durchgefahren sein müßten. Die Lösung dieses Rätsels ergab die spätere Untersuchung, die feststellte, daß Cap Hammerfest ca. 15 Meilen nördlicher liegt und Schwedisch-Vorland um die Hälfte zu lang auf den Karten gezeichnet ist. Wir befanden uns, wie bald erkannt wurde, im Süden der Jena-Insel, welche hier eine große halbkreisförmige Bucht umschließt. In der Mitte derselben liegen außer vielen kleinen Schären zwei größere Felseninseln. Die zuerst gesehene, etwa i Seemeile im Durchmesser, erhielt den Namen „Helgo- land"-In sei, es war die, auf welcher wir, wie oben erwähnt, landeten. In geringer Entfernung, südlich von ihr, liegt das zweite schmale, dafür aber längere (ca. 2 Seemeilen), flache Felseneiland, welches „T irpi tz"-In sei genannt wurde. Für unseren Kapitän Rijdiger begann nun die geographische Aufgabe.

Er hat das Verdienst, als erster die Zahl, Lage und den Umfang der Inseln des König Karl-Archipels definitiv festgestellt zu haben. Wie KtJKENTHAL schon 1889 richtig vermutete, sind nur drei größere Inseln vorhanden, von Westen nach Osten gezählt, Schwedisch-Vorland, Jena- Insel, Abel-Insel. Die beiden öst- lichen Inseln der Karte, welche die Kapitäne Andreasen und Johannesen gesehen haben wollen, existieren nicht. Bei unseren Kreuz- und Querfahrten in diesem Gebiet haben wir alle drei Inseln langsam umfahren, und Kapitän Rüdiger hat eine fliegende Aufnahme derselben gemacht und über seine Resultate schon einen vorläufigen Bericht verötfent- licht. Die geographische Forschung war nicht unsere Aufgabe, und wir wollen auch nicht hierüber berichten, weil Herr Kapitän Rüdiger eine ausführliche Bearbeitung seiner Ergebnisse plant. Er war als Schiffsführer zu sehr in Anspruch genommen, verfügte außerdem nur über wenig Instrumente und Hilfs- kräfte und konnte daher nicht alle Details der Geographie dieses Gebietes feststellen. Die schwedische Expedition unter Nathorst, welche nach uns König Karls-Land besuchte, verfügte über reichere Arbeits- kräfte und Mittel und war daher in der Lage, auch den Einzelheiten ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ihre Resultate sind von Nathorst bereits veröffentlicht; die der Publikation beigegebene Specialkarte giebt eine gute Uebersicht über die Topographie dieses Gebietes. Mit der Erforschung der König Karls-Inseln ist das letzte größere Rätsel der Geographie des Spitzbergengebietes gelöst.

Nachdem wir unseren ersten Beobachtungspunkt, die Helgoland -Insel, verlassen hatten, fuhren wir am Nachmittag des 23. Juli an der Südküste der Jena-Insel entlang. Während die Olga-Straße fast ganz eisfrei gewesen war, fanden wir die breite Südbucht dieser Insel noch ganz mit Treibeismassen vollgestopft, die uns viel zu schaften machten. Ein starker östlicher Wind setzte ein und schob die Schollen in der

Fig. 5. Der Dampfer „Helgoland-' im Treibeis in der Süd- bucht d er J ena-Insel. (Nach einer Photographie von Forstassessor BrüNING.)

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

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Bucht dichter zusammen; wir mußten bald die weitere Fahrt aufgeben und hinter einem hohen, auf dem Meeresgrunde in einer Tiefe von 50 m feststehenden Eisberge unseren Dampfer vermittelst Eisanker fest- legen ; hinter diesem natürlichen Eisbrecher waren wir sicher geborgen. Er war uns auch noch in anderer Hinsicht von Vorteil, als er uns ausgezeichnetes frisches Wasser zur Auffüllung unserer Tanks lieferte. In den Thälern dieser schwimmenden Eisgebirge sammeln sich nämlich kleine Schmelzwasserteiche an, deren

oberflächliche Schichten aus dem schönsten, bakterienfreien Süßwasser bestehen, indem das schwerere Salz-

# wasser zu Boden sinkt.

Der westliche Teil der Jena-Insel stellt ein Hochplateau dar, aus dessen Fläche mehrere höhere Berge als Kuppen hervorragen, die östliche Seite ist flacher und zum größten Teil vereist, nur ganz im Osten ragt ein höherer Berg (Johnsen's Berg der schwedischen Karte) als brauner Felsenkegel aus der weißen Schneefläche hervor. Diese beiden so verschiedenartig aussehenden Teile sind durch ein ganz flaches Schwemmland verbunden, welches sich von Süden nach Norden in 2-3 Seemeilen Breite quer durch die Insel erstreckt. Dieser Teil ist so niedrig, daß er vom Schiff" aus einen Sund vortäuschen konnte, und es schien uns zunächst wichtig, an Land zu kommen, um diese Frage zu entscheiden. Der umsetzende Gezeitenstrom lockerte das Eis in der Nacht etwas, so daß wir um 2 Uhr unser Boot fertig machen konnten, um zu landen. Gleich beim ersten Be- treten der Insel wurden wir von 3 Bären empfangen, einer Mutter mit 2 Jungen , erstere und ein Junges wurden erlegt und das zweite gefangen. Dasselbe hat, in einer Kiste auf Deck untergebracht, noch so manche Nacht unseren Schlaf durch sein klägliches Geheul gestört (es blieb leider nicht allein , sondern wurde noch hier in König -Karls -Land durch 3 weitere Genossen zu einem Heulquartett ver- stärkt). Es war ein kläglicher Anblick, wie das kleine Vieh nicht von der ge- fallenen Mutter zu trennen war und ihr warmes Blut leckte, als wenn es dasselbe stillen wollte. Daß die Annahme derartiger Gefühlsregungen verfrüht war, mußten wir mit Schaudern wahrnehmen, denn bald darauf verschlang das kleine Ungeheuer das Fleisch seiner Mutter mit größtem Appetit.

Nachdem wir unser Boot auf das Land gezogen hatten, begaben wir uns auf die Wanderung, deren Ziel zunächst der vermeintliche Sund war. Der Strand der Südbucht ist ein schmales Flachland, aus dem sich das Hochplateau der Insel fast senkrecht erhebt. Es wird von flach ausgebreiteten Decken basaltischer Eruptiv-Gesteine gebildet, welche auf horizontal gelagerten Sedimentärschichten von mergeligen Kalken und Sandsteinen liegen. Wir erkannten bald, daß sich diese Strandebene nach Nordosten in das niedrige, oben erwähnte Alluvialland fortsetzte, welches sich nur wenige Fuß über dem Meeresspiegel erhebt und wohl früher vom Meere bespült war, wie einzelne subfossile Muscheln und viele Treibholzstücke vermuten lassen. Es ist ein sumpfiger und lehmiger Schwemmboden, zum Teil mit üppiger Grasvegetation, in dem wir oft bis über die Kniee einsanken. In zahlreichen Bächen, Tümpeln und Teichen, die labyrinthisch die

Fauna Arctica. 4

Fig. 6. Auf dem Plateau der Jena-Insel. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.)

26 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

ganze Ebene durchziehen, hat sich das Schmelzwasser, das von den steilen, zum Teil noch mit Schnee bedeckten Abhängen des westlichen Gebirgsstockes herabströmt, angesammelt. Hier waren die Brutplätze der Strandläufer, die schon flügge Junge hatten. Die senkrechten Abstürze des von schönen Diabassäulen gekrönten Felsenplateaus dagegen wurden von zahlreichen Möwen und Lummen bevölkert.

Nachdem wir die Insel fast bis zur Nordküste durchquert hatten, wurde der Aufstieg auf das Hoch- land versucht; nach beschwerlichem Marsche über scharfkantiges basaltisches Geröll, entdeckten wir eine sanft ansteigende Schneehalde, welche bequem hinaufführte. Zahlreiche frische Bärenspuren zeigten, daß diese Tiere ihren Wechsel auch über das Hochplateau hatten. Auf der Höhe des Schneefeldes fanden wir sogar das Skelett einer Robbe, die von den Bären (vielleicht zur Fütterung ihrer Jungen) hinaufgeschleppt war. Vom Bergeshang genossen wir bei herrlichem Sonnenschein einen prachtvollen Blick über die ganze Ost- seite der Insel : Vor uns in der Tiefe die braune Ebene mit ihren zahlreichen Teichen und Bächen, in denen sich der blaue Himmel widerspiegelte, dahinter die sanft ansteigende glitzernde Schneedecke, welche den mittleren Teil der Insel überzieht und in der Ferne von der braunen Pyramide des Johnsen -Berges überragt wird, deren Spitze eine Nebelhaube krönt; rechts und links das blaue Meer mit seinen Eisbergen und Schollen. Schon hier konnten wir feststellen, daß weit nach Norden keine großen Eismassen vorhanden waren, und daß eine Umfahrung der Insel möglich sein würde. Nur die beiden Buchten im Süden und Norden der flachen Landenge waren noch mit Festeis bedeckt. Das Hochplateau, aus dem sich hinter uns ein steiler Kegel (der Haarfagreh äugen) erhob, war ein ödes, fast ganz vegetationsloses Trümmermeer, dessen Einförmigkeit nur durch einige Süßwasserbecken unterbrochen wurde.

Von unserer hohen Warte machten wir die erfreuliche Entdeckung, daß die Inhaber der Tatzen, deren Abdrücke wir in reicher Zahl im Schnee gesehen hatten, nicht fern waren. In beträchtlicher Anzahl bevölkerten die Bären das Eis, welches die Südbucht bedeckte, und bei unserer Rückkehr war eine Jagd auf dieselben mit Erfolg gekrönt. Mit 3 kräftigen Bären im Schlepptau kehrten wir zum Dampfer zurück. Hierbei ist es uns auch zum ersten und einzigen Male passiert, daß ein Bär einen Angriff wagte, während sie sich sonst stets recht feige zeigten und meist schon auf weite Entfernung flüchteten. Das Motiv war die Mutterliebe. Einer von uns hatte einer Bärenmutter das einzige Junge weggeschossen und dabei diese selbst verwundet, was sie veranlaßte, gegen den Schützen Front zu machen. Diesem wäre es beinahe schlecht gegangen, er brach dicht vor der Bärin durch das Eis und versank, wobei er das Gewehr verlor; als er sich wieder herausgearbeitet hatte, mußte er mit dem Jagdmesser als einziger Wafte auf das wütende Tier losgehen, das zum Glück durch den Blutverlust infolge der Wunde schon stark geschwächt war. Er erhielt aber doch noch einen kleinen Prankenschlag, den er eine Zeitlang nicht vergessen konnte, und zog es daher vor, Fersengeld zu geben. Die Bärin bheb bei ihrem toten Jungen; erst später wurde ihr von den herbei- eilenden Gefährten der Garaus gemacht. Während der nächsten Tage blieb der Dampfer noch hier liegen, weil dichter Nebel eingetreten war, und es wurden zur Erforschung der Insel verschiedene ähn- liche Landtouren unternommen wie die eben geschilderte. Für unsere Jäger waren die Exkursionen auf dem Eise fast stets mit Erfolg gekrönt, weil die Bären hier beinahe herdenweise vorkamen ; so wurden auf einer Bucht (Victoria- Bai) im Osten unseres Ankerplatzes nicht weniger als 14 Stück an einem Nachmittage gesehen. Die thranigen Tatzen der Bären und der reiche Mageninhalt bewiesen, daß sie hier keinen Hunger zu leiden hatten ; wir sahen auch zahlreiche Robben (meist Phoca annellata, weniger P. harbatn) überall an ihren Löchern im Eise liegen.

Am 28. Juli dampften wir nach Osten weiter, mußten aber schon am Südost-Cap (Tömmernäs) wieder wegen dichten Nebels Halt machen. Dredgen und Planktonnetze waren in diesen ganz unerforschten Ge- wässern fortwährend in Thätigkeit. Nicht nur während der Fahrt des Dampfers wurde gefischt, sondern auch bei Exkursionen vom Boot aus. Bei den Ankerplätzen benutzten wir mit Vorliebe die Zugkraft treibender

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 27

Eisschollen, an denen das Netzseil befestigt wurde. Der ganze Meeresboden im Gebiet der König-Karls- Inseln ist aber so mit Felszacken und großen Steinen besät, und die Tiefen wechseln so rapid, daß das Arbeiten mit Grundnetzen hierdurch viel schwieriger ist als im übrigen Spitzbergengebiet und die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit erfordert. Trotzdem kamen die Dredgen meist ganz verbogen und zerbrochen herauf, so daß unsere Maschinisten stark mit den Reparaturen in Anspruch genommen wurden. Die Kurre für Fischfang konnte hier gar nicht in Anwendung kommen.

Als es aufklarte, wurde ein Versuch gemacht, die östliche Eisgrenze durch einen Vorstoß nach Nord- osten auf Franz-Josephs-Land zu festzustellen. Die Lotungen ergaben, daß hier die Tiefe rapid zunimmt, was uns auf die Vermutung brachte, daß zwischen Spitzbergen und Franz-Josephs-Land eine tiefe Rinne verläuft, die von der großen NANSEN'schen Tiefe sich nach Süden abzweigt und allmählich in die flache Barents-See verstreicht. Leider kamen wir nicht weit genug, um diese Ansicht zu bestätigen ; ein heftiger Nordsturm und Nebel zwangen uns zur Umkehr.

In den nächsten Tagen wurde die Jena-Insel von Norden her langsam umfahren und hierbei wieder- holt Station an Land gemacht. Eine der schönsten Nächte dieser Fahrt haben wir in der Nordbucht verlebt. Unser Ankerplatz lag neben einer langen, flachen Landzunge, die sich an dem Nordostrande der Bucht ins Meer erstreckt. Bei herrlichem Mitternachtssonnenschein wurde eine Wanderung quer über die Insel nach Süden unternommen, wobei wir mancherlei Vögel beobachten konnten, auch eine Eisbären -Mutter mit 2 Jungen wurde in ihrem Nachtlager überrascht. Sie hatte sich an einer steilen Schneehalde, die von der wärmenden Sonne gerade beschienen wurde, ein weiches Bett gescharrt. Wir haben in König-Karls-Land häufig die Beobachtung gemacht, daß die Bären nur am Tage die Küste und das Baieneis besuchen, zur Nacht aber auf das Gebirge gehen, um zu schlafen.

Nachdem der völlig eisfreie Bremer -Sund passiert war, wurde am Cap Altmann, welches einen schmalen, niedrigen Landzipfel darstellt und sich nach Süden in eine Reihe kleiner Felseneilande auflöst. Halt gemacht und zur Erinnerung an die erste Umfahrung der Jena-Insel in einer Steinvarde eine Urkunde niedergelegt. Auf unserem alten Ankerplatz in der Südbucht trafen wir 2 Fangschiffe an, die, seitdem wir ihn verlassen, hier angekommen waren und auch bereits noch 9 Bären erlegt hatten, nachdem uns selbst die Jena-Insel schon 27 Stück geliefert hatte, ein Beweis für den fast unerschöpflichen Reichtum dieses Gebietes an Eisbären. Hier führte uns die Mannschaft das interessante Schauspiel einer Walroßjagd vor. Die beiden Kapitäne der Fangschiffe waren gerade bei uns (es war Sonntag Nachmittag) zur Kaffeevisite an Bord, da meldete der wachthabende Mann eines der Schifte ein Walroß. Sofort war ein Boot bemannt, vorn kniet auf einer kleinen Plattform der Harpunier mit Gewehr und Harpune bewaffnet, lautlos rudert die aus 3 Matrosen bestehende Mannschaft, seinen Winken gehorchend, zu der Stelle, wo das Walroß zuerst gesehen war. Plötzlich taucht der abenteuerliche Kopf des Ungeheuers vor dem Boote auf, ein Schuß aus der alten Donnerbüchse des Harpuniers hat getroffen, hoch springt das blutende Tier unter furchtbarem Gebrüll aus dem Wasser empor, um sofort wieder unterzutauchen. Das Boot folgt seiner roten Spur, und sobald der Riesenleib emporkommt, um Atem zu schöpfen, fährt ihm die Harpune in das Fleisch ; die Leine derselben wird schnell vorn am Bootsknopf befestigt, und das gequälte Tier saust mit dem Boot im Schlepptau fort, bis seine Kräfte erlahmen und ihm mit der Lanze der Garaus gemacht wird. Nicht selten greifen die Walrosse das Boot an und können dann recht gefährlich werden ; so hatte bei einem anderen Fangsmann, dessen Schiff wir besuchten, ein solcher wütend gewordener Riese mit seinen Hauern die Seitenwand eines Bootes glatt durchschlagen. Zwei kreisrunde Löcher in den dicken Brettern zeugten von der gewaltigen Kraft, mit der der Schlag geführt war.

Am 2. August wurde die östlichste der drei Inseln, die Abel-Insel, welche wahrscheinlich noch keines Menschen Fuß betreten hat, besucht und umfahren. Sie stellt das ödeste Eiland dar, welches wir bisher

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gesehen haben, eigentlich ist sie nur ein großer, flacher Steinhaufen, lauter Geröll, nur an wenigen Stellen treten ein paar niedrige anstehende Diabassäulen zu Tage. Wenige Moose und Flechten (keine Phanerogamen wurden gefunden) bildeten den einzigen Schmuck der braunen Felsentrümmer, die an anderen Stellen noch mit Schneefeldern bedeckt waren. Hier und da unterbrach ein Schmelzwassertümpel die Einöde. Von uns wurde aber diese kahle Steinwüste gleich, nachdem wir sie betreten, mit Jubel begrüßt, denn wir entdeckten auf ihr einen ausgedehnten Brutplatz der Elfenbeinmöwe {Gavia alba), von der bisher trotz ihrer Häufigkeit nur wenige Brutplätze bekannt geworden sind. Sie brütete hier auf dem flachen Boden mit zahlreichen Meer- schwalben und Eiderenten zusammen, was um so merkwürdiger ist, als sie seither nur als Felsenbrüter in Gesellschaft anderer Möwen {Rissa tridactyla, Larus glaucus) beobachtet war. Von den Eiern, die bisher nur selten nach Europa gekommen waren, wurde noch eine beträchtliche Anzahl gefunden, meist waren aber schon Dunenjunge vorhanden, von denen die verschiedensten Altersstadien gesammelt werden konnten.

Nun galt es noch, die dritte Insel zu untersuchen; wir fuhren zurück, an der Nordküste der Jena- Insel zum zweiten Male entlang, durch den Bremer-Sund nach Cap Weißenfels, dessen Name uns wieder an Kükenthal's Arbeiten in diesem Gebiete erinnerte. Wir konnten auch seine Beobachtungen über diesen

Teil von König -Karls -Land bestätigen. Die ganze östliche Seite der Insel ist ein mooriges, von Schneewasserbächen durchzogenes Flachland, aus dem als isolierte Inseln hier und da niedrige Sand- dünen hervorragen. In einer der letzteren fanden wir, im Triebsand fast ganz verschüttet, das schön gebleichte vollständige Skelett eines riesigen Bären ; es muß ein alter Bursche gewesen sein, denn die Zähne waren zum Teil schon stark ab- gekaut. Der sehr gut erhaltene Schädel war noch um mehrere Centimeter länger als der des größten von uns erlegten Bären. An den Süßwassertümpeln, welche sich in reicher Menge fanden, hatte sich ein buntes Vogelleben entwickelt: Eisenten (Harelda glacialis), Taucher {Colynibus septeHirionalis), Eidergänse {Somafcria molUssima), Bernickelgänse {Bernicla brenta), Graugänse (Anser brachy- rhynchus) wurden in ihrer Umgebung beobachtet. Aus dieser breiten Strandebene erhebt sich ziemlich steil ein zusammenhängender Gebirgsstock bis zur Höhe von 150 230 m, der in Gestalt eines schmalen Hoch- plateaus die ganze Insel von Süden nach Norden durchzieht und außerordentlich an die Sargdeckel-ähnlichen Küstengebirge von Edge- und Barents-Land erinnert, mit denen er auch geologisch große Uebereinstimmung zeigt. Im Nordwesten findet sich wieder eine ähnlich flache Strandebene dem Gebirge vorgelagert wie im Osten, während im Süden, Südwesten und Norden das Plateau verbreitert ist und meist steil zum Meere abfällt. In den Spalten und Klüften und auf den Basaltsäulen dieser Abhänge brüten zahlreiche Lummen und Möwen (unter ihnen auch vereinzelt die Elfenbeinmöwe, Gavia alba).

Nachdem wir die Insel rings umfahren und auch einen Abstecher nach der Mitte des Bremer-Sundes gemacht hatten, um hier zu dredgen, waren unsere Arbeiten im Gebiete der König-Karls-Inseln beendet. Dieselben waren für uns Zoologen recht erfolgreich gewesen. Mit einem Ring von 9 größeren Dredge- stationen und vielen kleineren Schleppnetzzügen hatten wir die Inselgruppe umzogen und eine reiche Fauna gefunden, deren Zusammensetzung im wesentlichen mit der Fauna der Küste Ost- Spitzbergens und der Olga-Straße übereinstimmte. Neu hinzugekommen waren nur reiche Mengen von Kieselschwämmen

Fig. 7. Diabasgeröll auf der Abel-Insel. Dazwischen brütende Elfenbeinmöwen. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.)

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 29

(Tetraxonia), die in jenen Gebieten nur spärlich vertreten waren. Die Planktonfauna war ebenso wie im ganzen übrigen Osten eine Mischung von Golf- und Polarstromtieren. Was endlich die Landtiere anbetriift, so hatten wir auch keinen wichtigen Vertreter der übrigen Spitzbergen-Fa^na vermißt. Im ganzen können wir die Ansicht Kükenthal's, „daß die König-Karls-Inseln in jeder Hinsicht als zur Spitzbergengruppe gehörig anzusehen sind", nur vollständig bestätigen.

Am 5. August wurde König-Karls-Land verlassen und der Kurs nach Nord-Ost-Land, auf Cap Mohn, gerichtet. In flotter Fahrt ging es jetzt einem neuen, selbstgewählten Ziel entgegen: der Festlegung der Eisgrenze im Nordosten von Spitzbergen.

Unterwegs schon konnten wir einige Erkundigungen darüber einziehen, denn unweit Cap Mohn kreuzte mit seiner Galeasse der Tromsöer Fangschiffer Andreasen, dessen Name mit der Geschichte von König-Karls-Land innig verknüpft ist. An diesem im Eismeer ergrauten Kapitän, der mehr als 30 Sommer seines Lebens in den unwirtlichen Gefilden des Nordens zugebracht hat, bewunderten wir nicht nur den gewissenhaften Geographen, sondern auch den scharfsinnigen Beobachter und Biologen, der uns manch Interessantes aus dem reichen Schatz seiner Tierkenntnisse mitteilen konnte.

Ueber die Ostküste von Nord-Ost-Land, von Cap Mohn bis Cap Smyth, erstreckt sich ein einziger großer Gletscher, während der fast zweitägigen Fahrt sah das Auge nichts als Eis und Schnee und immer wieder Eis und Schnee. Ununterbrochen zieht zur Linken die blinkende Gletscherwand, die, vielfach zer- klüftet und zerrissen, Schluchten- und spaltenreich, mit 50 60 m hohen Wänden jäh in das Meer hinabstürzt. Ueber dem Gletscher erhebt sich ein einziges weißes Schneefeld, das nach dem Inneren des Landes zu, soweit das Auge schweift, in derselben schaurigen Oede und melancholischen Einsamkeit weiterzieht. Nirgends ein Berg, nirgends ein Stückchen dunkles Land oder ein Streifen Küste; überall derselbe schreckliche Riese, der jeden Eindringling weit von sich fernhält.

Ein ewiges Knistern und Knacken, Donnern und Dröhnen begleitet unsere Fahrt, denn fortwährend stößt das Gletschergebirge, dem aus dem Inlandseise immer neue Nahrung zuströmt, Eismassen ab, die mit Gepolter und Krachen in das Meer stürzen. Das Wasser spritzt hoch auf, und alles in nächster Nähe gerät in Bewegung und ins Schaukeln. Ueberall treiben sich unter dem Gletscher dessen Kinder als Eisberge umher, von dem Dampfer in respektvoller Entfernung gemieden. Manche phantastischen Formen giebt es darunter. Die Sonne und die See nagen Tag und Nacht an diesen Blöcken und arbeiten langsam, aber ständig an ihrer Zerstörung. Riesigen Pilzen gleich, von der steten Bewegung der See unterwaschen und zerfressen, schwimmen sie dahin, eine große Gefahr für die Fahrzeuge. Durch das Auftauen oder das Bersten wird der Schwerpunkt einer solchen Eismasse, die oft Tausende von Kubikmetern mächtig sein kann (wir sahen Eisberge von 20 30 m Höhe und 700—800 m Seitenlänge), verändert. Der Block stürzt plötzlich mit ungeheurer Gewalt um, taucht auf und nieder, dreht und wendet sich und wühlt das Meer weithin auf. Schon manches Schiff, das einem Eisberge zu nahe gekommen, ist bei einer solchen Katastrophe mit Mann und Maus untergegangen.

Auch für unseren kleinen Dampfer verlief diese Fahrt an der Eisküste entlang nicht ohne Gefahr, da mehrfach starker Nebel einfiel und die Aussicht verhinderte. So war der Dampfer einmal der Gletscher- wand sehr nahe gekommen, die plötzlich hoch über dem Schiff in erschreckender Mächtigkeit und Nähe aus dem Nebel auftauchte. Doch gelang es noch im letzten Moment das Steuer zu wenden und mit Voll- dampf rückwärts zu gehen, so daß wir mit dem bloßen Schrecken davonkamen.

Ohne auf eine größere Eisbarriere zu stoßen, wurde am 7. August an der Ostseite der großen Insel, Stor-oe oder Great-Insel, Anker geworfen, deren Lage Kapitän Rüdiger etwa 20 Seemeilen nördlicher konstatierte, als auf der englischen Seekarte verzeichnet ist. Die südwestliche Hälfte dieses einsamen

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Ländchens erscheint als ein einheitliches Bergmassiv, dessen abgerundete Gipfel gleichmäßig mit einer Eis- kalotte bedeckt waren. Nach dem Meere zu endet sie in Gletscherabbrüchen, nach dem Inneren der Insel fällt sie als Schneefeld sanft ab. Die kleinere nordöstliche Hälfte ist ein niedriges Flachland, meist mit Geröll und Steinwällen bedeckt, aus denen nur selten ein Stückchen anstehendes Gestein, säulenförmiger Diabas, herausragt. Fast gänzlich kahl und vegetationsarm ist die schneefreie Steinwüste; die niedrigen, flachen Mulden und Einsenkungen sind mit Schmelzwasser gefüllt, welches in Gestalt von Bächen, Tümpeln und selbst größeren Seen etwas Abwechselung in dieses Trümmerfeld bringt.

Die ungünstige Lage dieser Insel, an der Eiswüste des Nord-Ost-Landes, die wohl nur selten so eisfrei sein dürfte wie in diesem Jahre, ließ nicht eine besonders reiche Fauna erwarten. Um so mehr waren wir überrascht, hier die stark besetzten Nistplätze fast aller arktischen Inselbrüter vorzufinden. Die Seen waren bevölkert mit zahlreichen Eistauchern, Cdlymbus septentrionalis, die schon ihre Jungen in der Taucherkunst anleiteten ; ungeheure Scharen von Seeschwalben, Sterna arctica, brüteten um diese Zeit noch auf den mit niedrigem Moos bewachsenen Strandwällen. Zwischen diese Seeschwalben, die sonst keine fremden Vögel

unter sich dulden , mischte sich eine kleine, zierliche Möwe mit blaugrauem Rücken, schwarzen Flügelspitzen und schwarzem Kopf, die ganz das Ge- bahren und die Flugweise der See- schwalben angenommen hatte. Es ge- lang uns, 3 Exemplare derselben zu er- legen, die sich als die seltene See- schwalbenmöwe , Xema sabinei (Sab.), herausstellten, die bis dahin noch nicht mit Sicherheit als Bewohnerin des Spitz- bergengebietes nachgewiesen war. Sie gehört nebst der noch selteneren Rosen- möwe zu den nördlichsten Erdbewohnern. Die übrigen Vögel der Great- Insel waren die allbekannten Vertreter, die uns schon allenthalben auf der Reise begegnet waren.

Von Säugetieren wurden hier Walrosse, Robben, Eisbären und Füchse beobachtet, dagegen keine Renntiere oder deren Spuren. Am Strande und selbst noch weiter einwärts einige Meter über der Strand- linie lagen mächtige Walknochen, Rippen und Wirbel, die wir überhaupt fast an keiner Insel des Spitz- bergischen Archipels vermißt haben.

Während des kurzen Aufenthaltes an der Great-Insel fiel bei der Schiffsführung die Entscheidung, von Süden aus eine Umschiffung des Nord-Ost-Landes zu versuchen, ein Wagnis, dessen Schwierigkeiten und Gefahren Herr Kapitän Rüdiger in seinem in der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin gehaltenen Vortrag ausführlich geschildert hat (Verhandlungen dieser Gesellschaft, 1898, No. 8 und 9). Es gelang über Erwarten glücklich! Die ganze Nacht hindurch mußten wir uns durch breite Packeisstreifen durch- arbeiten. Die Eisschollen kratzen, ritzen und sägen unaufhörlich an dem eisernen Schiffsrand. In den Kojen dröhnt und kracht es, als sollte das ganze Schiff zerdrückt werden. An Schlaf ist nicht zu denken. Alles ist auf der Kommandobrücke versammelt, um dem aufregenden Schauspiel beizuwohnen. Als wir noch mitten im Eise waren, verspürten wir plötzlich etwas Dünung, welche gegen alle Gewohnheit mit Freuden begrüßt wurde, weil sie bewies, daß vor uns eisfreies Wasser sein mußte.

Fig. 8. Südost-Küste der Great-Insel. Strand mit Treibholz und Walknochen; im Hintergrunde die Eiskalotte mit Gletscherabbruch. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.)

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Gegen Mittag des 8. August kamen Karl XII. Inseln in Sicht, die wir am 4. Juli schon einmal vom Cap Platen aus von der anderen Seite gesehen hatten. Wir sind also um ganz Spitz- bergen herumgekommen, die erste Umsegelung dieser Inselgruppe durch ein deutsches Schiff!

An demselben Abend noch wurde der 81. Grad überschritten, dessen Erreichung durch eine Dredge- station auf 195 m Tiefe gefeiert wurde.

Unser Bestreben war jetzt, soweit es die Eisverhältnisse zuließen, nach Norden vorzudringen, um die große Tiefe aufzusuchen, welche, wie Nansen's Expedition festgestellt hat, nördlich von Spitzbergen und Franz-Josephs-Land nach dem Atlantischen Ocean hinzieht. Da aber das inzwischen eingetretene schlechte Wetter ein erfolgreiches Ar- beiten an der Festeiskante nicht erwarten ließ, so mußte erst zu einer kleinen Bucht an der Nordseite der M arten s- Insel, die zur Gruppe der Sieben-Inseln gehört, zurückgefahren werden.

Zwei Tage dauerte dieser Auf- enthalt, von dem als einziges wichtiges Ereignis die Erlegung eines Renntieres berichtet werden kann, das nördlichste Renntier, welches wir überhaupt antrafen.

Am 10. August ging die Fahrt aus diesem Hafen in gerader Richtung nach Norden. Wiederum waren wir in der Nähe der Roß-Insel; wo uns noch vor einem Monat das Festeis zur Umkehr zwang , war jetzt dank der Sonne und des zehrenden Golfstrom- wassers keine Spur von Eis zu sehen. Noch fehlte der Eisblink, der Wieder- schein des Treibeises am Horizont, der bei klarem Wetter schon viele Meilen vorher die Lage des Eises verrät. So überschritten wir abends zum dritten Male den 81. Grad n. Br. ohne jedes Hindernis. Noch betrug die Wasser- temperatur + 3,6° C. Der Charakter des Planktons war noch dieselbe Mischfauna von Warm- und Kalt- wassertieren, welche wir im ganzen Osten Spitzbergens getroffen hatten. Genau auf 81 " n. Br. und auf 21 " ö. L. wurde wiederum bei 140 m Tiefe gedregt und auch der Charakter der Bodenfauna stimmte mit dem der übrigen Stationen aus dem nordspitzbergischen Gebiet überein.

Allmählich aber näherten wir uns größerer Tiefe; stündliche Lotungen zeigten eine langsame Zunahme von 150 650 m. Hier wurde die Dredge wieder heruntergelassen, und in der kurzen Schleppzeit von 25 Minuten steigerte sich die Tiefe bis auf looo m. Als auf Si " 32' die Festeiskante erreicht war, konnten wir mit dem noch vorhandenen Lotdraht (der Vorrat war durch öfteren Verlust von mehreren

Fig. 9. Trei bende Eisschollen (Meereis). (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.)

Fig. IG. Stran debene der Martens-Ins el. Im Vordergrund Treib- holz und Waltischknochen. (Nach einer Photographie von Prof. R. Friese.)

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hundert Metern arg verringert worden) keinen Grund mehr erreichen. Erst etwas weiter südwesthch fanden wir mit 1130 m den Rand der Tiefe wieder, die sich bis auf 19" ö. L. immer noch über looo m hielt. Die Station 43 auf 81" 14' n. Br. und 18" 50' ö. L. war erst wieder flacher (680 m).

Die 4 Dredge-Stationen am Abhang dieser steil nach Norden abfallenden Tiefe sind die Glanz- nummern unserer gesamten marinen Forschung. Sie führten zu der Entdeckung einer Fauna, welche von der des ganzen übrigen Spitzbergengebietes gänzlich abweicht. Nur ganz vereinzelte Vertreter der Flach- wasserfauna Spitzbergens kehrten hier wieder, die meisten Formen waren uns neu. Die Charaktertiere dieser typischen Tiefseefauna waren die Spongien, besonders Tetraxmiier und Hexactinelliden. Der Boden bestand aus einem dichten Filz von allerhand Schwammnadeln, der von riesigen Foraminiferen bevölkert wurde. Dichter feiner Schlick erfüllte die Lücken dieses Maschenwerkes. Zierliche Pennatuliden und bunte ÄlcyonidenStöckchen trugen an den Stielen kolbige Anschwellungen, wodurch sie vor dem Einsinken in den lockeren Schlamm geschützt sind.

Auch das Plankton zeigte plötzlich eine ganz andere Zusammensetzung. Es überwogen in diesen Stationen an der Festeiskante nördlich des 81. Grades alle diejenigen Tiere, welche als typische Leitformen arktischer Gewässer angesehen werden, Diphyes arctica, eine hochnordische Siphonophore, welche wir bisher nur wenige Male bei König-Karls-Land erbeutet hatten, Krohnia hamata, ein Pfeilwurm der arktischen Hochsee, den wir nur in wenigen schlecht erhaltenen Exemplaren an der Westküste von Spitzbergen zu Gesicht bekommen hatten, hauptsächlich aber die Diatomeen, welche für kaltes Wasser ja besonders charakteristisch sind.

Die Wassertemperatur war auch allmählich unter den Gefrierpunkt gesunken, das specifische Gewicht des Meerwassers betrug 1,0275, was bewies, daß wir die letzten Ausläufer des Golfstromes überholt hatten und im Bereich der kalten Polarströmung uns befanden. Die nördlichste Planktonstation, No. 71 am II. August um 4 Uhr morgens, lag auf 81" 32' n. ßr. und 20" 53' ö. L. bei 0,8" C Oberflächentemperatur und 1,2" C Luftwärme. Es war ein Tiefenfang aus 1150 m, den wir dadurch bewerkstelligten, daß ein kleines ApsTEiN'sches Eimernetz an der Lotleine befestigt wurde.

Für einen Dredgezug war auf dem nördlichsten Punkte, der erreicht wurde, nicht genug freies Wasser. Die nördlichste Dredge-Station lag auf 81 '^ 22' n. Br. und 21** 21' ö. L. Ueber der großen Tiefe waren Stufenfänge geplant, um einen Einblick in die vertikale Verbreitung der Plankton-Organismen in den verschiedenen Meerestiefen zu erhalten. Ein großes Helgoländer Brutnetz wurde dazu, mit den nötigen Gewichten beschwert, an die Drahttrosse befestigt und zunächst über einer geloteten Tiefe von iioom 1050 m tief hinuntergelassen. Das Aufwinden geschah recht langsam und vorsichtig in möglichst gleichmäßigem Tempo. Die letzten 50 m des Drahtseiles waren aber schon mit gelbem Schlamm bedeckt, der nichts Gutes bedeutete. Der Dampfer mußte mit der großen Eisscholle, an welcher er mittels eines kleinen Ankers festgemacht war, auf geringere Tiefe getrieben sein. Das Netz war auf Grund geraten und konnte nach unserer Meinung nur total zerrissen an die Oberfläche kommen. Doch die Sache lief glücklicher ab, als wir erwartet hatten. Das Planktonnetz war mitsamt dem in sein unteres Ende eingebundenen Glashafen völlig intakt und bis zum Rande mit einem gelben Schlamm gefüllt. In diesem weichen Schlick saß eine Menge der schönsten Schwämme, kindskopfgroße Geodien, becherförmige Hexactinelliden und viele andere kleinere Spongien. Da es gefährlich war, das schwer belastete Netz an Bord zu heben, so wurde ein Boot flott gemacht, Schalen und Wannen mit verschiedenen Flüssigkeiten hineingesetzt, und dann die Schwämme, die in dem weichen Schlamm wohl erhalten waren, direkt aus dem Meerwasser in die Konser- vierungsmittel gebracht. So war aus dem geplanten Planktonfang ein Dredgezug geworden, welch glück- lichem Zufall wir eine Fülle gut erhaltener Tiefseeschwämme verdanken. Die ganze Nacht hatten wir mit

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dem reichhaltigen Material zu thun, und erst am anderen Morgen konnten die eigentlichen Planktonstufen- fänge gemacht werden. Inzwischen förderte eine Dredge aus looo m Tiefe weitere Tiefseetiere zu Tage! Während dieser dreitägigen, ergebnisreichen Arbeit bewegten wir uns an der Festeiskante entlang zwischen 21'' 21' ö. L. und 18« 50' ö. L. Hier waren wir in einer ganz neuen Welt, an dem „ewigen Eise"! Obschon wir bei der jena-Insel und am Nordost-Land Eisflächen von gewaltiger Ausdehnung kennen gelernt hatten, so war der Anblick, der sich uns hier bot, doch überwältigend. Soweit das Auge reichte, breitete sich vor uns ein einziges, unabsehbares Packeisfeld aus, unendlich und undurchdringbar in zauberischer Stille und Feierlichkeit. Das waren keine einförmigen, schneebedeckten Flächen mehr, das waren wild übereinander und durcheinander geschobene, zerbrochene oder hoch aufgetürmte Schollen. Dazwischen einzelne bergartige Eismassen, die einen großen Särgen nicht unähnlich, die anderen Berg- zacken vergleichbar, durch ihre riesigen Dimensionen ebenso imponierend wie durch die Mannigfaltigkeit und Abwechselung in ihren Formen. Ihre krystallblaue Farbe, die von dem weißen Meereise lebhaft absticht, kennzeichnet schon ihre Herkunft von den Gletschern des Festlandes. Andere wiederum sind von schmutziger Farbe, mit Moränenschutt und Schlamm untermischt, der oft in regelmäßigen Schichten abgelagert ist, so daß man Inseln vor sich zu haben glaubt.

Eisiger Nordwind weht über die endlose Eisfläche, alles mit seiner schneidenden Kälte durch- dringend. Das Netz, das aus dem Wasser heraufgezogen wird, ist alsbald mit Eiskrystallen überzogen; jedes Gefäß gefriert unter den Händen, und alles Wasser, was auf Deck kommt, wird zu einer Eiskruste. Der kalte Schlamm in der Dredge, aus dem die einzelnen Tiere in stundenlanger Arbeit vorsichtig ausge- sucht werden müssen, erstarrt beständig.

Aber alle diese Mühseligkeiten werden reichlich gelohnt durch den fesselnden Anblick der zauberischen arktischen Pracht und durch die Fülle neuer Eindrücke, welche uns die unentweihte Natur hier bietet. Es wäre eine schwierige Aufgabe, die Herrlichkeit dieser Bilder in Worten auch nur annähernd getreu wieder- zugeben !

Am 12. August bogen wir langsam wieder nach Süden um. Die. Abnahme der Kohlenvorräte mahnte zur Rückkehr. Zuvor wollten wir aber noch die Lücke, welche wir bei der Untersuchung der Olga-Straße an der Westküste gelassen hatten, ausfüllen und die verschiedenen Sunde und Buchten dieses Gebietes abfischen.

Die vollständige Eisfreiheit der Hinlopen-Straße, in der wir bei der Durchfahrt noch unsere früheren Sammlungen ergänzten, lockte zu Seitensprüngen, und es wurde versucht, die Wilhelm-Insel, die im Süden dieser Straße gelegen ist, westlich durch die enge Bismarck-Straße zu umfahren, was vorher, soweit bekannt, noch nicht geschehen sein dürfte. Hier befanden wir uns mitten in dem Forschungs- gebiet der ersten deutschen Polarexpedition vom Jahre 1868, wie die zahlreichen deutschen Namen der Inseln, Berge und Gletscher auf der Karte bewiesen.

Bei der Durchfahrt durch die Bismarck-Straße, die ohne Hindernisse gelang, erlebten wir in jähem Wechsel einen der schönsten und einen der häßlichsten Tage unserer ganzen Reise. Bei der Einfahrt lachte herrlicher Sonnenschein und vergoldete die prachtvolle hochalpine Landschaft mit ihren Schneegipfeln und Gletschern mit beinahe südlicher Glut, bei der Ausfahrt verhüllte dichtes Schneegestöber all diese Schön- heit, und ein eisiger Wind pfiff die schmale Straße entlang und mahnte daran, daß der arktische Sommer zu Ende ging. Dick beschneit standen wir auf Deck an der Dredge und bemühten uns vergeblich, die ungeheure Fülle von Tieren, welche dieselbe hier heraufgebracht hatte, zu bergen. Wir hatten nirgends im ganzen Spitzbergengebiet eine solche Mannigfaltigkeit und dabei einen so fabelhaften Individuen- Fauna Arctica. 5

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Fig. II. Gletscher in der Bismarck-Straße. Aus der Vogel- perspektive. (Nach einer Photographie von Forstassessor Brüning.)

Reichtum gefunden, wie gerade in den Straßen Ost-Spitzbergens (Hinlopen-Straße, Bismarck-Straße, Helis- Sund und Walter-Thymen-Straße). Wir erklären uns diese Thatsache folgendermaßen: Der wechselnde Gezeitenstrom, welcher in reißender Schnelligkeit diese Straße durchzieht, ist ein guter Futtermeister der Bodenfauna, denn er führt in seinem flachen und engen Bett eine unglaubliche Menge von pelagischen Lebewesen über den Boden hin und her, so daß die dort lebenden Tiere Ueberfluß an Nahrung haben. Bei der starken Strömung können sich aber nur festsitzende Organismen gut halten und herrschen daher auch vor. Dicht gedrängt sitzen die Actinien auf jedem Felsvorsprung und Stein ; die ganze Dredge ist mit Hydroiden und Bryozoen bis zum Rande vollgefüllt, die dort unten einen undurchdringlichen Wald bilden

müssen, denn der schwere Trawl war nicht bis zum Boden durchgedrungen, er enthielt keine Grundprobe.

Die weitere Fahrt durch das vor dem Ausgang der Straße gelegene Insel- gewirr und zwischen den vielen von dem majestätischen Hochstetter-Gletscher ent- sendeten Eisbergen, von denen manche in dem flachen Sunde gestrandet waren, war nicht gerade angenehm, zumal an- fangs das Schneegestöber und nach seinem Aufhören dichte Nebel die Er- kennung des Fahrwassers erschwerten. Als schließlich bei sinkendem Barometer Sturm in Aussicht stand, war es ratsam, schleunigst die freie Olga-Straße aufzu- suchen.

Unser nächster Ankerplatz lag recht geschützt an der Ostseite der Insel, welche den Helis-Sund in der Mitte ein- engt und in zwei Arme teilt. Dieselbe war noch nicht benannt und erhielt von Kapitän Rüdiger den Namen ,,Küken- thal- Insel". Es ist ein nach Osten mit senkrechten Basaltsäulen ins Meer abfallendes, ziemlich langgestrecktes Felseneiland, das sich nach Westen, nach der Ginevra-Bai zu, sanft abflacht und hier zahlreiche flache Buchten aufweist; einige Süßwasserteiche bedecken das Plateau. Die Felsen fanden wir von zahlreichen Vögeln, Möwen und Lummen, bevölkert, die hier ihre Brutplätze hatten. Am Eingang des nördlichen Armes des Helis-Sundes liegt eine zweite, kleinere Felseninsel, welche denselben wieder in zwei Straßen spaltet.

Der Helis-Sund wird wegen seiner reißenden Strömung von den Fangschiftern gefürchtet. Auch unser Eislotse Johannesen, der ihn einmal befahren hatte, schilderte uns seine Strudel mit schrecklichen Farben und wäre nicht zu bewegen gewesen, noch einmal das Wagnis zu unternehmen. Unsere zwei jungen Matrosen waren wagehalsiger und begleiteten uns beide auf der Fahrt durch den nördlichen Arm des Sundes. Unser kleines Ruderboot fing zwar in der Mitte des Stromes arg zu tanzen an, doch

Fig. 12. Helis-Sund mit Kükenthal- Insel. Im Hintergrunde die Ginevra-Bai. (Nach einer Photographie von Forstassessor Brüning.)

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war die Sache lange nicht so schlimm, wie uns berichtet war, so daß wir ohne Schaden hin- und zurück- kamen. Wir überzeugten uns, daß der Strom, welcher in der That mit rapider Schnelligkeit durch die beiden Meerengen saust, nur ein Gezeitenstrom ist, der alle 6 Stunden umsetzt. Bei der Rückfahrt benutzten wir das stille Wasser bei seiner Kenterung, und es machte da gar keine Schwierigkeit, den Sund zu durch- kreuzen. Der Nordstrand desselben, der zu Groß-Spitzbergen gehört, war von zahlreichen Renntieren be- völkert, von denen wir einige erlegten. Die Fauna dieser Meeresstraße war wieder ebenso reich wie die der Bismarck-Straße.

Die W.- Thymen- Straße, deren Eisdecke am 17. Juni noch die Durchfahrt aus dem Stor-Fjord verwehrt hatte, bot jetzt kein Hindernis mehr. Wir dampften bis zum Cap Lee, dredgten in der Mitte der Straße, kehrten aber wieder um, weil der Rückweg nicht durch den uns schon bekannten Stor-Fjord, sondern östlich um Edge-Land herum an den Rj^k-Ys-Inseln vorbei genommen werden sollte. Doch hätte beinahe noch die Thymen - Straße als Rückzugslinie gewählt werden müssen, weil nördlich der Ryk- Ys-Inseln große Treibeisfelder lagen, welche die Passage sehr beengten. Nachdem wir lange Zeit am Durch- kommen gezweifelt hatten, gelang es schließlich durch einen gewaltsamen Durchbruch. Auch hier ging der arktische Sommer schon zu Ende, denn die Temperatur des Meeres und der Luft sank bereits unter den Gefrierpunkt, und zwischen den Eisschollen bildete sich überall neues Eis. Die zoologischen Arbeiten an den Ryk-Ys-Inseln mußten deshalb beschleunigt werden. Ueber den Habitus der ganzen Ostküste von Barents- Land und Edge-Land, sowie über die erwähnten kleinen Inseln vor dem mächtigen König-Karls-Gletscher brauchen wir hier nichts zu berichten, da Kükenthal dieses ganze Gebiet eingehend geschildert hat.

Am 19. August sahen wir an Cap Stone-Vorland zum letzten Male die Mitternachtssonne, die nur noch wenige Minuten über dem Horizont stand.

Die kahle, steile Hoffnungs-Insel, deren Ost- und Südseite von hellem Sonnenschein beleuchtet war, während an der Nordseite dichter Nebel lagerte, blieb rechts liegen, wir steuerten auf die Spitz- bergen-Bank, deren Fischreichtum von den norwegischen Fangschiffern gerühmt wird. Der auf der Seekarte verzeichnete Sand- und Shell -Grund und die geringe Meerestiefe, die stellenweise mit nur 30 und 20 Faden angegeben ist, schien ein für die Kurrenfischerei günstiges Terrain zu sein, daher wurde, sobald eine Tiefe von 65 m mit geeignetem Grund getroifen war, die Kurre in die Tiefe gelassen. Nach einer Stunde Schleppzeit war der Netzsack schon bis zum Rande voll. Die ganze Schiffsmannschaft mußte zum Ueberholen des Netzes aufgeboten werden, doch bestand der Fang nicht aus Fischen, sondern aus vielen Centnern von Seegurken, Cucumaria frondosa. Nur wenige größere Dorsche und einige Balaniden- kolonien waren dazwischen. Weitere Kurrenzüge konnten nicht gemacht werden, denn das Barometer war in starkem Sinken, und vor uns stand eine Nebelbank, die nichts Gutes ahnen ließ. Noch waren die See- gurken nicht über Bord geschaufelt, da begannen auch schon die Stampfbewegungen des Schiffes. Bald brach der Sturm los, die Seen gingen über Deck und zum Ueberfluß kam auch noch Nebel auf. Jede Arbeit, ja jeder Aufenthalt an Deck, war unmöglich geworden.

Als endlich am Morgen des 22. August die norwegische Küste in Sicht kam, da befanden wir uns östlich vom Nordcap. Sturm und Strom hatten das Schiff 66 Meilen nach Osten versetzt, so daß wir ca. 10 Stunden später in Tromsö eintrafen, als berechnet war.

Ein zehntägiger Aufenthalt in Tromsö war notwendig zur Reinigung der Maschine und des ganzen Dampfers, sowie zur Ergänzung der Kohlenvorräte und des Proviants. Auch wir hatten genug mit dem Ver- packen der gesammelten Tiere, Zulöten der Blechkisten, Reparaturen der Netze etc. zu thun.

Am 2. September wurde der zweite Teil der Reise angetreten. Ursprünglich war beabsichtigt, in die Barents-See zu gehen, möglichst weit nördlich vorzudringen und östlich die Gewässer um Nowaja-

5*

36 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Semlja zu besuchen. Die günstigen Eisverhältnisse in Ost - Spitzbergen hatten uns aber zu längerem Auf- enthalt in diesen wenig erforschten Gebieten veranlaßt und daher die erste Reise weit über die vorgesehene Dauer verlängert. Bei der vorgeschrittenen Jahreszeit und der zunehmenden Dunkelheit mußte die zweite Reise nach Osten sehr gekürzt werden, um so mehr, als wir auch unsere Gläser und Kisten ziemlich gefüllt hatten und nicht mehr viel unterbringen konnten.

Schon die Fahrt um das Norde ap und namentlich an der Murmanküste gab uns hinreichend Gelegenheit, die Gewalt der hier tobenden Herbststürme kennen zu lernen. An zoologisches Arbeiten war hier gar nicht zu denken, und wir sahen daher bald ein, daß selbst eine Erreichung von Nowaja- Semlja um diese Jahreszeit für uns ganz zwecklos gewesen wäre. Wir konnten an der ganzen Nordküste Norwegens bei dem anhaltenden Unwetter nur wenige Stichproben der Fauna erhalten.

Als Ziel der Reise wurde Archangel gewählt; es sind von der ganzen Fahrt bis dahin aber nur 2 wichtigere Stationen hervorzuheben, der Besuch von J e r e d i k e (Port Wladimir) und Katharinen- Hafen an der Murmanküste. Port Wladimir ist ein kleiner Fischereihafen, sehr geschützt in einer von hohen Felsen umrahmten Bucht hinter einer Insel gelegen. Hier befand sich vor einigen Jahren eine große Walstation, auf der Klikenthal 1889 noch reiches Material gesammelt hat. Die Gesellschaft, der sie gehörte, hat aber Bankerott gemacht, weil ihre Dampfer keine Wale mehr fanden. Aus den Fang- journalen der Station konnten wir ersehen, daß seit 1890 von Jahr zu Jahr die Wale mehr von der Küste verschwunden sind und sich nach Norden zurückgezogen haben, jetzt läßt sich nur höchst selten einer sehen, während sie früher oft unmittelbar vor der Station im Fjord erbeutet wurden.

In den geschützten Buchten und Sunden der Umgebung dieser Station konnten wir dredgen und Plankton fischen und fanden ebenso wie Kükenthal eine mannigfaltige litorale Fauna ; pelagische Organismen waren hingegen nur sehr spärlich vertreten. Auch während der ganzen Fahrt längs der lapp- ländischen Küste fiel uns die Armut des Planktons auf; hiermit mag vielleicht das Ausbleiben der Heringe in diesem Jahre in Zusammenhang stehen Ein Fischereiunternehmer, Herr Göbel, welcher die Walfabrik in Jeredike in eine Heringsstation umgewandelt hatte, wartete schon seit 4 Wochen vergeblich auf das Erscheinen der Heringszüge, die in sonstigen Jahren schon Ende August ihren Einzug in die Buchten und Sunde Lapplands halten. Auch wir hatten unser Heringsnetz fleißig im Gebrauch, fingen aber auch nur wenige Exemplare.

Wenige Meilen östlich von Jeredike liegt der Kola -Fjord. Eine kleine Seitenbucht desselben wird von der russischen Regierung zu einem Kriegshafen ausgebaut, der den Namen „Katharinen-Hafen" führen soll. Derselbe liegt sehr geschützt zwischen Felsen und besitzt große Tiefe, so daß selbst die größten Kriegsschiffe hier sicher ankern können ; auch bei unserer Ankunft war hier schon ein russischer Kreuzer stationiert, dem die Vermessungen der Murmanküste, die Instandhaltung der Seezeichen und die Fischereipolizei obliegen. Im Katharinen-Hafen vollzog sich im vorigen Sommer ein selten zu beobachtendes Schauspiel, nämlich die Entstehung einer Stadt auf höheren Befehl. In nur zwei Sommern waren schon die riesigen Hafenmolen erbaut worden und eine breite Chaussee, die in mehreren Windungen in die Granitfelsen des steilen Strandes eingesprengt ist und zu der landeinwärts gelegenen Stadt führt. Eine Süßwasserleitung war bereits fertig. Das erste, was man von der hinter Bergen versteckten Stadt sah, war die freundliche, in russischem Blockhausstil erbaute Holzkirche, welche die Spitze eines Felsens recht maleriscl: mit ihren Kuppeln und Thürmchen krönt. Mitten in einem Torfmoor, auf ganz sumpfigem Terrain, wurden meist auf Pfählen oder auf Betonkästen über Steinfundamenten die schmucken Wohnhäuser, ebenfalls aus Holz, erbaut, die mit ihren bunten Dächern und mannigfaltigen Schnitzereien einen recht freundlichen Eindruck machten und auch im Inneren zweckmäßig und geräumig eingerichtet waren. Da an dieser kahlen Felsen-

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. 37

küste natürlich kein Baumaterial vorhanden ist und auch die Unterhaltung vieler Arbeitskräfte hier oben teurer ist als in Archangel, so werden die Häuser in allen ihren Teilen fix und fertig mit Dampfern hierher gebracht, so daß sie nur zusammengesetzt und in einer Reihe nebeneinander gestellt zu werden brauchen, um eine Straße zu bilden. Der Ausbau der letzteren hatte mit dem Häuserbau nicht Schritt halten können, meist waren die Straßen nur durch Bretter, die über das sumpfige Moor die Kommunikation zwischen den einzelnen Häusern ermöglichten, markiert. Das originelle Verfahren, eine Stadt zu bauen, ehe die Ein- wohner da sind, ist echt russisch.

Zunächst wird die Kirche errichtet, und einige Beamte werden hinkommandiert als Grundstock der Bevölkerung, dann die Stadt gebaut und nun erst Kolonisten angezogen, die man durch Steuererlaß, Ge- währung freier Wohnung und womöglich noch durch Verabreichung von Lebensmitteln zu fesseln sucht. Auch durch Verbannte, die wegen leichter politischer Verbrechen in diese Vorstation Sibiriens deportiert werden, wird die Bevölkerung vermehrt.

Für uns hatte diese Stadt noch einen besonderen Anziehungspunkt. Hier war nämlich in diesem Jahre unter Leitung von Professor Knipowitsch aus Petersburg eine biologische Station entstanden, welcher außer der zoologischen Erforschung der benachbarten Teile des Eismeeres die Aufgabe zufällt, die arg darniederliegenden Fischereiverhältnisse an der Murmanküste zu organisieren. Wir fanden zu unserer großen Freude als stellvertretenden Direktor der Anstalt einen Schüler des Berliner zoologischen Institutes, Herrn Dr. L. L. Breitfuss, vor, der uns nicht nur gastlich aufnahm und mit den Einrichtungen und Sammlungen des Institutes bekannt machte, sondern auch bei unseren Meeresuntersuchungen in der Umgegend als liebens- würdiger Führer diente. In dem reichen Material, welches schon während dieses einen Sommers von den Fang- schiffen der Station zusammengebracht war, fanden wir meist alte Bekannte aus Spitzbergen wieder.

Die mit reichen Mitteln und guten Arbeitskräften versehene Anstalt besitzt seit diesem Sommer auch einen großen, für die biologische Meeresforschung auf das modernste ausgerüsteten Dampfer und beabsichtigt in den nächsten Jahren auf demselben Forschungsreisen in die ferner liegenden arktischen Gebiete zu unternehmen.

Von Katharinen-Hafen aus wurde zusammen mit Kollegen Breitfuss eine zweitägige Exkursion nach der östlich von der Kola-Bucht gelegenen Insel Kildin gemacht. Auf derselben befindet sich der durch Knipowitsch bekannt gewordene Reliktensee „Mogilnoje", dessen Fauna wir untersuchen wollten. Der südöstliche Teil der sonst sehr steilen kleinen Insel, der von dem Festland durch einen ca. 2 Seemeilen breiten Sund getrennt ist, stellt ein flaches Vorland dar, das terrassenförmig zum Meere abfällt. Der hier gelegene Reliktensee war ursprünglich eine Bucht der Meerenge, durch eine Hebung des Strandes ist er später durch einen breiten Damm vom Meere abgetrennt worden. Allerhand dunkle Gerüchte über ihn waren uns schon während der Reise zu Ohren gekommen. Er sollte eine unterirdische Verbindung mit dem Meere haben, Ebbe und Flut zeigen und von abenteuerlichen Tieren bevölkert sein.

Wir ankerten in einer kleinen Bucht vor dem Hause des norwegischen Besitzers der Insel, Herrn Eriksen, der hier Fischerei und Viehzucht betreibt. Wenige Minuten hinter seiner Besitzung fanden wir den See. Hinter demselben erhebt sich allmählich das Plateau der Insel, an dem wir schon aus der Ferne regelmäßige, parallele alte Strandlinien bemerkten, welche die periodische Hebung dieses Teiles der Insel beweisen. Vom Meere ist der See durch einen etwa loo m breiten Steinwall getrennt, der an seiner niedrigsten Stelle etwa lo m über den Meeresspiegel sich erhebt. Eine Kommunikation mit dem Meere ist nicht vorhanden. Ausgestellte Flutmarken ergaben, daß von Ebbe und Flut keine Rede sein kann, was uns auch schon deswegen unmöglich erschien, weil der Spiegel des Sees über dem des Meeres gelegen ist.

Zur erfolgreichen Untersuchung des Sees war ein starkes Boot notwendig. Wir mußten daher zunächst mit großer Anstrengung eines unserer schweren Walroßboote über den Strandwall schleppen. Ein zweites

28 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

leichteres Boot wurde uns von Herrn Eriksen freundlichst geliehen. Eine genaue hydrographische Unter- suchung machte uns mit den Tiefen, Temperaturen und dem Salzgehalt bekannt. Das ca. 400 m lange und 200 m breite Becken des Sees flacht sich nach der dem Inneren der Insel zu gelegenen Längsseite langsam ab, während die nach dem Sund zu gelegene Hälfte steiler abfällt und ihre größte Tiefe mit 16 m erreicht. Der Salzgehalt stimmt auf dem Boden mit dem des Meeres überein (ca. 3,5 Proz.), die Oberfläche hingegen ist bis zur Tiefe von 5 m beinahe süß (ca. 0,5 Proz.). Hinsichtlich der Temperaturen fanden wir die merkwürdige Erscheinung, daß die höchste Wärmestufe auf 6V2 m mit 12,2" C lag. Die Temperatur der Ober- fläche maß nur 9,1" und steigerte sich nur ganz allmählich bis auf 9,7" in 6 m Tiefe. Innerhalb eines halben Meters fand sich also ein Sprung von 9,7—12,2". Diese Temperatur erhielt sich bis auf 8 m, nahm dann aber allmählich bis zur Sohle ab, so daß an der tiefsten Stelle (16 m) nur 7,6» beobachtet wurden. Die Erklärung für diese eigentümliche Abstufung der Temperatur erblicken wir darin, daß die sommerliche Sonnenwärme die oberflächlichen Wasserschichten stark erwärmt hatte (bis auf 12" in 8 m Tiefe) und nun die allmähliche Abkühlung infolge des kühleren, regnerischen Herbstwetters von der Oberfläche her begann.

Zur Untersuchung der Fauna wurden 22 Dredgezüge und sehr zahlreiche horizontale, sowie vertikale Planktonzüge, sowie Stufenfänge an den verschiedensten Stellen und in allen Tiefen gemacht und schließlich in 5 Schleppzügen mit einem großen PETTERSEN'schen Trawl der ganze Boden abgefischt. Das über- raschendste Ergebnis fanden wir bei den Planktonzügen, nämlich daß die oberflächlichsten, fast süßen Wasserschichten von Scharen kleiner und großer Medusen (winzige Tiariden, große Cyaneen u. a.) bevölkert waren, daneben fanden sich Süßwasser-Crustaceen, Daphniden und Copepoden. Die Bodenfauna war viel ärmlicher, von Fischen wurden nur zahlreiche kleine Dorsche, deren Gestalt gegenüber den Meeresformen etwas verändert war, sowie Centronoivs guneUus erbeutet, außerdem Polychäten und Ascidien ; die meisten marinen Tiere, welche Knipowitsch noch vor 10 Jahren hier lebend fand, waren inzwischen ausgestorben und wurden nur in Resten der Hartgebilde, also subfossil in den Bodenproben beobachtet. Von eingewanderten Süßwassertieren bemerkten wir außer einigen Protozoen CÄ/rowo»JMS-Larven in großer Menge, die ja auch in unserem größten Reliktensee, der Ostsee, gefunden werden. Die nähere Untersuchung und Verarbeitung des gesammelten Materiales wird zum Gegenstand einer besonderen kleinen biologischen Studie der „Fauna arctica" gemacht werden.

Nachdem wir Kollegen Breitfuss wieder nach Katharinen-Hafen zurückgebracht hatten, ging die Fahrt weiter an der Küste der Halbinsel Kola entlang in das Weiße Meer, dessen gefürchtete Stürme wir gründlich kennen lernen sollten. Dieses flache Meer ist besonders berüchtigt wegen seiner Grundseen, die uns, nachdem wir kaum in dasselbe eingebogen waren, den schwersten Schiffstanz unserer ganzen Reise erleben ließen. Die von hinten hereinbrechenden, haushohen Sturzseen drohten unser Schiftchen zu zer- schmettern ; wir mußten beidrehen und uns einfach als Spielball der Wellen umherwerfen lassen.

Nach diesen Strapazen waren die Tage der Erholung in Archangel um so angenehmer. Hier ver- lebten wir in dem gastlichen Hause eines Landsmannes, des Pastors der dortigen deutschen Gemeinde, Herrn F. Bock, schöne Stunden deutscher Gemütlichkeit und wurden von ihm und anderen Landsleuten in das bunte Leben dieses größten Handelsplatzes des arktischen Rußland eingeführt.

Nachdem wir bei der Rückfahrt das Weiße Meer auch von seiner freundlicheren Seite kennen gelernt hatten es wurden bei herrlichem Sonnenschein einige Dredgezüge ausgeführt kehrten wir längs der norwegischen Küste über Vadsö, Hammerfest, Tromsö in die Heimat zurück. Die Nordsee, die uns bei der Ausfahrt auf eine harte Probe gestellt, wollte sehen, ob wir etwas zugelernt hätten, und trieb es noch ärger als damals. So endete die Reise, wie sie begonnen, mit Sturm!

Einleitung. Plan des Werkes und Reisebericht. 39

Biologisches und Tiergeographisehes aus dem Spitzbergen-Gebiet.

I. Die Meerestiere.

A. Die Bodenfauna.

Eine eingehende zusammenfassende Charakteristik der Bodenfauna der von uns untersuchten arktischen Gebiete sowie eine Feststellung ihrer physikalischen und biocönotischen Lebensbedingungen wird erst möglich sein, wenn unsere in vielen Gruppen recht umfangreichen Sammlungen ihre specielle systematische Durcharbeitung erfahren haben werden. Wir haben daher die Absicht, diese Zusammen- fassung der Untersuchungsresultate, sowohl für das Plankton, wie für das Benthos in einem Schlußkapitel der „Fauna arctica" ausführlich zu behandeln. Im folgenden sollen nur einige Notizen, Beobachtungen und Ideen, die wir während der Reise und beim Sortieren des Materials gewonnen haben, ganz in Kürze mitgeteilt werden. Vielleicht sind einzelne dieser aphoristischen Bemerkungen schon jetzt diesem oder jenem Benutzer und Bearbeiter der „Fauna arctica' willkommen.

Im Spitzbergengebiet wurden 51 Dredgestationen angelegt, an der Murmanküste 8. An vielen der- selben haben wir mehr als einen, oft 5 bis 6 Schleppnetzzüge gemacht. Meist wurde vom Dampfer aus gearbeitet und die große viereckige Dredge (Trawl) nebst Drahtseil und Dampfwinde benutzt; nur in flachen Buchten und an klippenreichen Gestaden, wo der Dampfer nicht hingelangen konnte, ließen wir die kleineren Dredgen vom Boot aus herab und schleppten mit der Hand. Wo es möglich war, nutzten wir die Zugkraft treibender Eisschollen aus, eine zuerst von Kükenthal empfohlene ausgezeichnete Methode der Schleppnetzfischerei. Außer den Dredgen wurden regelmäßig (meist in Verbindung mit ihnen) mehrere (gewöhnlich 4) Schwabber verwendet, die sich ausgezeichnet bewährten und namentlich Echinodermen in reichen Mengen fingen. Auch mit der großen Fischkurre haben wir einige Male wahre Riesenexemplare verschiedener Organismen so schön erhalten heraufbekommen, wie es mit der schweren Dredge nicht der Fall war. Leider kann dieses Fanginstrument nur auf gleichmäßig ebenem Boden mit Erfolg angewendet werden ; da es einen solchen im Spitzbergengebiet nur selten giebt, ist seine Benutzbarkeit sehr beschränkt. Sobald wir vor Anker lagen, wurde die Reuse (Monaco - System) mit Köder (Fleisch oder Speck) herab- gelassen, in der wir namentlich Crustaceen und Gastropoden fingen.

Es dürfte wenige Gebiete geben, in denen der Bodenuntersuchung so viele Hindernisse begegnen, wie in der Spitzbergen-See. Fortwährend wechselnde Tiefe, riesige Felsen und ein mit großen Steinen übersäter Meeresboden stellen große Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Dredgenden, wenn er nicht fortwährend seine Netze verlieren will. Eine der ersten Vorbedingungen zu diesen Arbeiten ist ein auf den leisesten Wink gehorchendes Schilf, das sofort bei jedem Hindernis rückwärts gehen kann. Unser Dampfer „Helgo- land" erfüllte diese Bedingung in hohem Maße. Ferner fanden sich, namentlich im Osten, an vielen Stellen so starke Strömungen, daß die Dredge gar nicht den Boden erreicht, wenn sie nicht sehr beschwert ist. Thut man das aber, so sinkt sie wieder zu tief in den Schlamm und bringt nur diesen, aber keine Tiere herauf. Um das Netz auf den Boden zu bringen, es aber doch so leicht zu machen, daß es nur über die Oberfläche des Meeresboden hingleitet, muß man das beschwerende Gewicht einige Meter vor der Dredge an dem Seil befestigen. Wir benutzten hierzu die langen Maschinenroste, von denen je nach der Tiefe 2 -6 angebunden wurden. Sie bildeten zusammen ein langes, keilförmiges Gewicht,

40

FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

welches den Meeresboden durchfurchte und schon, ehe die Dredge Gefahr lief zerstört zu werden, jedes Hindernis anzeigte. An demselben hatten wir auch Schwabber befestigt, welche die beim Aufwühlen des Bodens aufgestörten, tief im Schlamm sitzenden Tiere fingen. Ueber die Lage der Dredgestationen, ihre Verteilung in der Spitzbergensee, die Meerestiefe und Bodenbeschaffenheit giebt die folgende Liste, welche durch die Karte No. I ergänzt wird, Auskunft.

Verzeichnis der Dredge-Stationen im Nördlichen Eismeer.

Geographische

Datum

Tiefe

des

No.

Ortsangabe

des

Bodenbeschaftenheit

Meeres

Länge

Breite

Fanges

in Metern

,

Bären-Insel. Südhafen

19° 18'

74"

21'

14.

Juni

15

Grober Kies, große Laminarien

2

Bären-Insel, Westseite

18° 14'

74"

36'

15-

?i

29

Grober Kies und einzelne größere Steine, viele Balanidenschalen

3

Stor-Fjord, 13 Seemeilen WSW. von Whales Point

20" 3'

^^0 / /

19'

I / .

5>

52

Gelber Mud mit abgerollten Steinen

4

Stor-Fjord, Cap Lee am Eingang in die W.-Thyinen-Straße

20» 3'

78"

6,5'

18.

)J

45

Kleine Steine bis Faustgröße ; Lammarien auf abgerollten Steinen

5

Stor-Fjord, am Cap Blanck

20« 3'

^^0

49'

18.

')

65

Keine Grundprobe

6

Stor-Fjord, Nähe des Changing Point am Eingang in die Ginevra-Bai

20" 0'

78»

15'

20.

»?

105 110

Blauer, zäher Lehm mit einzelnen kleinen abgerollten .Steinen

7

Stor-Fiord, Nähe der Hassenstein- Bucht

20" 52'

77°

35'

23.

)1

litoral bis 10

Feiner, blauer Mud, fast ohne Steine. Am Ufer viel Schwemmland

8

Eingang in die Deevie-Bai, zwischen Wliales Point und den Konig- Ludwigs-Inseln

2,0 2'

77"

23'

23.

))

28

Abgerollte Schiefer, mit Laminarien be- wachsen

9

Halbmond-Insel, 3 Seemeilen südlich in der Nähe der Menke-Insel

230 23'

12'

25-

)J

90

Blauer, zäher Lehm mit einzelnen größeren und zahlreichen kleineren abgerollten Steinen

10

Bei -Sund, in der Mitte des Ein- ganges

14° 5'

1 i

37'

27.

»)

150

Blauer, zäher Lehm mit vielen größeren und kleineren abgerollten Steinen

II

Kings- und Cross-Bai, in der Mitte

II" 37'

79"

2'

30.

250—395

Blauer, feiner SchHck mit abgerollten vul-

des Einganges

kanischen Steinen bis Kopfgröße

12

Smerenburg-Bai, hinteres Ende

11" 2g'

79°

39'

30.

))

50

Kleine, scharfkantige Steine (Granit), dicht bedeckt mit Wurmröhren aus Sand. Rot- algen und feine Fadenalgen

13

Ross-Insel, ca. l Seemeile NW.

20° 23'

80»

48'

-*

Juli

85

Blauer Mud und roter Lehm mit vielen kleinen und großen Steinen (Dredge stark verbogen)

14

Cap Platen, ca. 5 Seemeilen NO.

23» 30'

80°

35'

4-

)>

40

Wenig Mud. Mit roten Kalkalgen und Florideen bewachsene Steine bis Kopf- größe mid einzelne große Kalkalgenstöcke

15

Hinlopen-Straße, Südmündung bei der Behm-Insel

20» 55'

79"

20'

5-

))

80

Wenig Mud, kleine Steine bis Faustgröße

16

Hinlopen-Straße, in der Lomme-Bai, westlich der Foot-Insel

18° 5'

79°

33'

/

))

40 0

Feiner, blauer Mud; kleine Steine bis Faust- größe

17

Hinlopen-Straße, vor dem Eis-Cap

18° 24'

79"

44'

7-

J)

430—450

Feiner, blauer Mud mit wenig kleinen Steinen, viele Wurmröhren (vor einem großen Gletscher)

18

Hinlopen-Straße, am nördlichen Ein- gang

16° 55'

80"

8'

7.

480

Feiner, blauer Mud mit wenig kleinen Steinen (vor einem großen Gletscher)

19

Wiide-Bai, Mitte

15° 55'

79"

34'

8.

)'

112

Blauer Mud mit abgerollten Steinen bis Faustgröße

20

Eis-Fjord, Advent-Bai

15« 40'

78»

12'

14.

5)

40 0

Blauer Mud mit wenig kleinen Steinen

21

Eis-Fjord, Mitte

15» 0'

78°

12'

16.

))

210 240

Blauer Mud mit wenig kleinen Steinen

22

Eis-Fjord, in der Mitte des Einganges

13° 40'

78»

9'

17.

»

365

Schmutziger Schlick, welcher stark nach Schwefelwasserstoff roch, wenig Steine

23

Horn-Sund

16° 0'

3,5'

20.

))

35—45

Feiner Schlamm und kleine Steine (in der

Nähe große Gletscher)

24

Süd-Cap, ca. 12 Seemeilen westlich

15° 40'

-6»

23'

21.

)J

135

Feiner, blauer Mud mit Sand gemischt, viele große Steine, abgerollt und scharfkantig

25

Halbmond -Insel, ca. 20 Seemeilen nordöstlich

24° 7'

--0

23,5'

22.

))

75

Graublauer Schlick mit vielen Steinen bis Kopfgröße, teils abgerollt, teils schiefrig. Viele Muschelschalen und Wurmröhren

26

Olga-Straße, etwa in der Mitte zwi- schen König-Karls-Land und den Ryk-Ys-Inseln

26» 40'

78°

5'

22.

Jl

290

Brauner und blauer Schlick, wenig kleine Steine

27

König-Karls-Land, Südseite, zwischen Helgoland- und Jena-Insel

29" 3o'(?)

78"

46'(?)

23.

J)

65

Grobkörniger, blauer Schlick mit vielen großen und kleinen .Steinen. Viele Muschel-

schalen

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

41

No.

Ortsangabe

Geographische

Länge

Breite

Datum

des Fanges

Tiefe

des Meeres

in Metern

Bodenbeschaffenheit

28 31

33

34

35

36

37 38 39 40

41 42 43 44

45 46

47 48

49

50

51

52 53 54

55

56

57

58

59

König- Karls- Land, Jena -Insel, Süd- bucht

König-Karls-Land, Jena-Insel, Südost- spitze, ca. I Seemeile vom Lande

König- Karls -Land, Jena -Insel, Ost- seite, ca. 1 7, Seemeilen vom Lande, vor einem großen Gletscher

König- Karls- Land, Jena-Insel, am Nordost-Cap, ca. '/s Seemeile vom Lande, vor einem großen Gletscher

König-Karls-Land, in der Mitte zwi- schen Jena- und Abel-Insel

König - Karls - Land , Bremer - Sund, ca. 3'/., Seemeilen SSW. 74 W. vom Cap Weißenfels

König- Karls - Land, Schwedisch-Vor- land, ca. 2 Seemeilen westlich von Cap Anlesen

König-Karls-Land, ca. II Seemeilen nordwestlich von Haarfagrehaugen auf Schwedisch-Vorland

Nord-Ost-Land, Ostseite, ca. 4 See- meilen vor dem Gletscher

Great- Insel, ca. 6 Seemeilen nord- östlich

Karl Xll.-Insel, ca. 12 Seemeilen nörd- lich

Eismeer, nördlich Spitzbergen

Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante

Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante

Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante

Eismeer, nördlich Spitzbergen, an der Festeiskante

Hinlopen-Straße, Mitte der Südmün- dung

Bismarck - Straße, Südosteingang, an der engsten Stelle

Einhorn-Bai, vor dem östlichen Ein- gang in den Helis-Sund

W. Thymen-Straße, in der Mitte, öst- lich der engsten Stelle

Olga-Straße, östlich Haeckel-Insel

Ryk-Ys-Inseln, zwischen den Inseln Hoffnungs-Insel, 11 Seemeilen südlich

Spitzbergen-Bank, nordöstlich der

Bären-Insel Norwegen, Rolfsö

Nordcap, 2 Seemeilen östlich Kjelvik Murmanküste, Port Wladimir (lere-

dike), östl. Eingang in den Hafen Mogilnoje-See, ein Reliktensee auf

der Insel Kildin an der Murmanküste Weißes Meer, am Eingang

Murmanküste , nordösthch Harloff-

Insel Murmanküste, Kildin-Sund, gegenüber

dem Reliktensee Murmanküste, Kildin-Sund, westlicher

Eingang

Fauna Arctica.

25" 55'

30

-0

10

-3

21" 21

21" 21

20° 30

19° O

iS° 50'

21" 45

25» 10'

25° 12

24" 5'

21" S

'25° 5

26° lO'

33" 'o'

34° 13

41° 23

38° II

79° o'

80" 15' " o'

" 20'

° 20' 0 ,5-

79° 13'

78° 58,5' 78» 40' 78» 14' 77° 55' / / 49 76» 12' 75° 12'

71" 3'

70" 58' 69° 25'

69° 20'

66° 36.5'

69° 3&' 69° 20' 69" 21'

28

Juli

28.

5)

29-

■)>

1.

Aug.

2.

5)

4-

»

4-

?>

5-

»

6.

11

8.

8.

)5

10.

JJ

10.

n

1 1.

n

12.

j)

12.

)5

'3-

n

14.

))

16.

•'

17.

n

18.

)i

19.

iJ

20.

))

21.

)i

4-

Sept.

5-

9-

•)

12.— 1

3. Sept.

26.

Sept.

2~

1)

27-

■)■)

28.

))

8—12 Felsig, große Steine mit Laminarien ( Dredge mehrmch gebrochen) Felsig, große Steine, mit roten Kalkalgen bewachsen 75 Grobkörniger, blauer Schlick mit vielen

Steinen bis zu Kopfgröße. Viele Bala- niden- und Muschelschalen 36 Grobkörniger, blauer Schlick mit wenig

kleinen Steinen

40 Kleinere und größere Steine bis zu Kopf-

größe, mit roten Kalkalgen überzogen. Viele Rotalgen Blauer Schlick mit wenigen kleinen, abge- rollten Steinen, Viele Muschelschalen

85 Gelber Schlick ohne Steine, zahlreiche

Wurmröhren

195 Gelber Lehm mit wenigen kleinen Steinen

66 Wenig blauer Mud , kleine und größere

Steine bis Kopfgröße, abgerollt und scharfkantig 95 Wenig gelber Schlick, viele Steine bis Faust-

größe 195 Schwere Steine von mehr als Kopfgröße,

kein Schlick 140 Gelber Schlick mit schweren Steinen von

mehr als Kopfgrüße 650 1000 Zäher, blauer Lehm mit wenigen kleinen Steinen ; viele Schwammnadeln Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis Nußgröße 1000 Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis

Nußgröße; viele Schwammnadeln 680 Blauer Schlick, wenig kleine Steine bis

Nußgröße; viele Schwammnadeln 80 Wenig blauer und gelber Schlick, viele

kleine und größere Steine, abgerollt und scharfkantig 35 Steine mit Laminarien und Rotalgen. Kein

Schlick

60 Wenige Steine bis doppelte Faustgröße, reich mit Actinien und Ascidien besetzt

Gelber Schlick, viele Steine bis Faustgröße

61 Zäher, blauer Lehm, wenige Steine bis Faustgröße

60 80 Wenig kleine Steine, viele Muschelschalen und Bryozoenreste 60 Gelber Schlamm mit Steinen bis Faustgröße.

Viele Balaniden- und Muschelschalen

62 Wenig kleine Steine, viele Balaniden- und Muschelschalen

26 Sandboden, Steine mit Laminarien

118 Steine, mit Schwämmen bewachsen

o 45 Felsig mit roten Kalkalgen. Sand und Muschelschalen

0—16 Sand, Steine und Schlamm

65 Große Steine von mehr als Kopfgröße,

viele Balanidenschalen 128 Wenig Steine, viele Algen und Laminarien

25 Wenig Steine, viele Algen und Laminarien

86 Wenig Steine, Muschelschalen und viele

rote und grüne Algen

42 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Betrachtet man die Karte des Spitzbergen-Archipels, so fällt sofort ein Unterschied der westlichen Hälfte o^egenüber der östlichen auf. Die erstere wird von einer massiven Landmasse gebildet, die letztere von größeren und kleineren Inseln. Auch das umgebende Meer erhält hierdurch einen verschiedenen topo- graphischen Charakter. In die West- und Nordküste Groß-Spitzbergens, die ziemlich steil ins Meer herab- fällt, schneiden zahlreiche Buchten und Fjorde tief ein (von Süden nach Norden gezählt, der Horn-Sund, Bel-Sund mit Van Keulen-Bai und Van Mijens-Bai, Eis-Fjord, Kings- und Cross-Bai, Magdalenen-Bai, Smerenburg, Liefde-Bai und Wiide-Bai), von denen die meisten sich wieder in sekundäre Buchten und Arme gabeln. Man kann daher sagen, daß die Küsten West-Spitzbergens, ähnlich wie diejenigen Norwegens, Fjordcharakter zeigten. Doch ist gleich auf einen wichtigen Unterschied dieser Meeresbuchten gegenüber denen Norwegens hinzuweisen, der für das Tierleben von Wichtigkeit ist. Letztere zeigen die merkwürdige Eigentümlichkeit, daß sie gegen das Landinnere tiefer werden und meist eine ganz bedeutend größere Tiefe erreichen als das Meer vor der Küste. In Spitzbergen ist dies nicht der Fall, sondern die Buchten sind meist flach, die größten Tiefen überschreiten nicht 400 m (Eis-Fjord, Station 21, 22, 240 365 m). Ein eigentümliches tiefes, schmales Loch von 395 m befindet sich in der Mitte des sonst ganz flachen Einganges in die Kings- und Cross-Bai (Station 11). Wir haben schon in der Reisebeschreibung (p. iq) die Ver- mutung ausgesprochen, daß wir es hier mit einem submarinen Krater zu thun haben, wofür nicht nur das fast gänzliche Fehlen des Tierlebens an dieser Stelle, sondern auch die Beobachtung eines Seebebens in früherer Zeit durch Kapt. Sören Johannesen spricht. Ebenso flach wie die Fjorde ist auch die ganze Küste an der West- und Nordwestseite. Erst in 20—40 Meilen Entfernung vom Lande fällt diese flache Terrasse ziemlich steil in die Tiefe der Grönland-See ab, welche einen nördlichen Ausläufer des großen atlantischen Tiefes darstellt. Auch die Nordküste ist flach und fällt etwa auf 81 " 30 ebenso plötz- lich zu einer großen Tiefe herab; sie stellt den Südabhang des Polarbeckens dar, welches durch die Expedition Nansen's und die Drift der Fram so berühmt geworden ist und welches als tiefe (bis fast 4000 m) Rinne wahrscheinlich über den Pol hinweg den Stillen Ocean mit dem Atlantischen verbindet. Ob dieses tiefe Polarmeer ein abgeschlossenes Becken darstellt (Nansen meint, daß es durch eine flache Barre von dem atlantischen Tief getrennt ist), oder ob nicht doch eine schmale Rinne eine Verbindung mit der Grönland-See herstellt, muß erst die weitere Untersuchung lehren. Unsere Stationen 40—43 liegen am steilen Abhänge dieses von Nansen entdeckten Tiefes, für das wir zur Erinnerung an die Fahrt dieses kühnen Forschers den Namen „Nansen-Rinne" vorschlagen.

Im Gegensatz zu dem Fjordcharakter der Westseite, kann man bei der östlichen Spitzbergen-See von einem „Straßencharakter" sprechen. Die großen Inseln dieses Gebietes (Nord-Ost-Land, Barents-Land, Edge-Land, König-Karls-Land) sind von einem Kranz zahlloser kleiner Felsen-Eilande und Schären umgeben ; dieses ganze Inselgewirr wird nun von einem Labyrinth schmaler und breiter Straßen und Sunde durch- zogen, deren größte und wichtigste der Stor-Fjord, die Olga- und Hinlopen-Straße sind. Nur in der Mitte der beiden letzteren findet man etwas größere Tiefe. Im übrigen ist das ganze Gebiet noch flacher als die Westküste. Die ganze Ostseite von der Bären-Insel ab, die durch die Spitzbergen-Bank mit dem Archipel in Verbindung steht, stellt ein flaches submarines Plateau dar, aus der die einzelnen Inseln als Spitzen hervor- ragen und welches durch die tiefere Rinne der Hinlopen-Straße und ihrer Verlängerung, der Olga-Straße, in zwei Hälften getrennt wird. Die Mitte der Olga-Straße erreicht eine Tiefe von 200—300 m. Besonders interessant war aber die Entdeckung eines noch tieferen Spaltes in der nördlichen Hälfte der Hinlopen- Straße. Vom Eiscap bis Verleegen Hook maßen wir hier 460 480 m, und die Vermutung, daß dieser schmale Spalt einen südlichen Ausläufer der Nansen-Rinne darstellt, ist deswegen nicht unwahrscheinlich, weil wir hier einige Organismen erblickten, die wir sonst nur in jener Tiefe gefunden haben. Auch an den

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Planktonfängen erkannten wir, daß hier eine schmale Ader reinen Polarwassers unter dem wärmeren Mischwasser des Golf- und Polarstroms südwärts zieht. Zwischen Spitzbergen und Franz-Josefs-Land scheint ebenfalls eine tiefere Abzweigung der Nansen-Rinne nach Süden zu verlaufen und in der flachen Barents-See zu verstreichen. Bei unserem leider zu früh abgebrochenen Vorstoß von der Abel-Insel nach Nordosten erhielten wir bei den Lotungen stetig zunehmende Tiefen bis über 300 m. Im Zusammenhang mit diesen Vermutungen erhalten die Fundortangaben eines sehr seltenen Tieres einiges Interesse. Die Proneomenia sluiieri, jenes primitive Urmollusk, ist bisher nur in diesem Gebiet gefunden worden. Sluiter fand 2 Exemplare im nördlichen Teil der Barents-See, Ktjkenthal 2 in der Olga-Straße, wir eine wahr- scheinlich neue Art in der Tiefe der Hinlopen-Straße. Also alle bisher gefundenen Individuen in den mut- maßlichen Ausläufern der Nansen- Rinne ! Das äußerst seltene Vorkommen dieses Organismus deutet vielleicht darauf hin, daß es ein Charaktertier des tiefen Polarbeckens ist und dort seine Hauptverbreitung hat, während es in diesen flachen Ausläufern nur versprengt ist. Es lebt stets auf Alcyoniden-Stöcken, die es langsam abweidet, und ist nur zu sehr geringen Ortsveränderungen befähigt. In der Hinlopen-Straße fanden wir es nun auf einer Alcyonide, die wir auch in der Tiefe der Nansen-Rinne erbeuteten.

Nach dieser Abschweifung über die Tiefenverhältnisse kehren wir zu den Unterschieden der westlichen und östlichen Spitzbergen-See zurück; außer den erwähnten topographischen Differenzen finden sich noch andere für das Tierleben wichtigere Unterschiede, von denen wir besonders die hydrographischen erwähnen wollen; dieselben sind bedingt durch die Meeresströmungen, welche Spitzbergen umspülen. Es ist bekannt, daß in diesen Meeresteilen zwei entgegengesetzte Ströme aufeinander stoßen, der von Süden und Südwesten heraufsteigende warme Golfstrom und der von Norden und Nordosten herabsteigende kalte Polarstrom. Schon die Bären-Insel liegt gerade auf der Grenze dieser beiden Ströme, weshalb, wie schon in der Reise- beschreibung erwähnt, die Westseite früher eisfrei wird und milderes Klima hat als die Ostseite. Dasselbe Verhältnis findet sich auch in Spitzbergen, welches sich als gewaltiges Bollwerk zwischen die beiden feind- lichen Strömungen schiebt. Groß-Spitzbergen verdankt sein mildes Klima an der Westseite und die regel- mäßig schon im Frühjahr eintretende Eisfreiheit seiner West- und Nordküste dem Golfstrom, der hier nach Norden zieht und die ganze Küste bespült. Er biegt auch, wie Kijkenthal und Walter zuerst nach- gewiesen haben, in die Hinlopen-Straße ein und verstreicht dann über der in der Tiefe von uns entdeckten schmalen Polarstromrinne in die Olga-Straße. Nach Norden zu bespült er die nördlichsten Inseln (Ross- und Tafel-Insel) und senkt sich dann, wie Nansen bewiesen hat, in die Tiefe des Polarbeckens ein. Die West- und Nordküste ist also ausgezeichnet durch ihren Golfstromcharakter. Ganz anders die Ostküste, welche das eigentliche Mischgebiet der beiden Ströme ist. In den meisten Jahren trifft der kalte Strom, noch wenig mit warmem Wasser vermischt, die Küste von Nord-Ostland, wodurch es bedingt ist, daß dieses Gebiet in ewigem Schnee und Eis starrt. In dem Sommer unserer Reise, einem abnorm günstigen Eis- jahr, flutete der Golfstrom so weit nach Norden und Osten, daß er schon nordöstlich von Spitzbergen mit dem Polarstrom zusammentraf und das Eis zum Schmelzen brachte. Hier im Osten ist das Meer so flach, daß die beiden nicht nur verschieden temperierten, sondern auch durch das specifische Gewicht ihres Wassers (der Polarstrom ist weniger salzhaltig als der Golfstrom) unterschiedenen Ströme sich nicht vertikal sondern können, sondern sich mischen müssen. Beide steigen aus bedeutender Tiefe in entgegengesetzter Richtung auf das Plateau der Spitzbergen-See und prallen hier aufeinander, während sie im tiefen Polar- becken sich sondern, indem das schwerere Golfstromwasser zu Boden sinkt und das weniger salzige Polar- stromwasser die Oberfläche einnimmt (Nansen). Die Grenzen dieses Mischgebietes in Ost-Spitzbergen sind in den einzelnen Jahren verschieden, weil der Golfstrom nicht immer in gleicher Stärke nach Norden zieht und daher den Polarstrom in verschiedener Breite trifl"t. Dieselben dürften aber den 73*' im Süden und den 81 " nach Norden in Spitzbergen nur selten überschreiten.

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Diese mannigfaltigen und im einzelnen recht verwickelten Strömungsverhältnisse bedingen in Ost- Spitzbergen einen größeren Wechsel und mannigfaltigere Schwankungen der Temperatur und des Salz- gehaltes des Meeres als an der Westküste ; hierauf werden wir später in unserer ausführlichen Abhandlung genauer eingehen. Von diesen Strömungen hängt nun in erster Linie die Zusammensetzung der Plankton- fauna ab, worüber im nächsten Kapitel einiges mitgeteilt wird. Da aber die Bodentiere zum größten Teil ihre Nahrung durch die im Meere treibenden Organismen erhalten, so ist eine Verschiedenheit der Plankton- fauna auch auf die Zusammensetzung der Bodenfauna von Einfluß. Beide Ströme führen eine Menge für sie charakteristischer Organismen mit sich. Bei der allmählichen Abkühlung des Golfstromes während seines Vordringens nach Norden sterben allmählich seine stenothermen Bewohner ab. Wenn derselbe in Spitz- bergen ankommt, ist er schon sehr arm an Organismen geworden, es sind nur wenige stenotherme und die in dem Strom spärlichen eur3'thermen Formen übrig geblieben. Bei seinem Aufsteigen längs der West- küste wird er allmählich immer mehr abgekühlt und er verliert hier ebenso allmählich den Rest der steno- thermen Tiere, die absterben und als Nahrung der Bodenfauna niedersinken. Unsere Planktonuntersuchungen haben bewiesen, daß die Zahl dieser absterbenden Organismen hier nicht sehr groß ist, und wir müssen daher die Bodenfauna der West- und Nordküste, soweit die Nahrung vom Plankton geliefert wird, als nahrungs- arm bezeichnen. Das Gegenteil findet sich im Osten. Der Polarstrom ist reich an Mikroorganismen, besonders herrschen von den pflanzlichen die Diatomeen vor, die ihre enorme Vegetation der Aussüßung des Polarmeeres durch die riesigen sibirischen Ströme und durch das Abschmelzen des Eises verdanken. Der Salzgehalt, an den die Polarstromtiere angepaßt sind, ist geringer als der des Golfstromes. Wo nun die beiden Ströme zusammenstoßen, werden nicht nur die stenothermen, sondern auch die stenohalinen Planktonorganismen beider Ströme zum Absterben gebracht, und zwar ganz plötzlich und nur in dem Misch- gebiet. Dieses liegt, wie vorhin auseinandergesetzt wurde, auf der Ostseite Spitzbergens, und unsere Plankton- untersuchungen haben in der That bewiesen, daß hier fortwährend ein dichter Regen von Tierleichen zu Boden sinkt und damit den dort lebenden Organismen einen Ueberfluß von Nahrung zuführt. Diese Ver- schiedenheit der Lebensbedingungen, die, wie hier nur kurz angedeutet werden konnte, durch ein Zusammen- wirken der verschiedenen geologischen , hydrographischen und biologischen Verhältnisse entstanden ist, dürfte es bewirkt haben, daß die Gesamtfauna des Meeresbodens an der Ostseite Spitzbergens einen anderen Charakter angenommen hat als im Westen.

Bei der Sortierung unseres Dredge-Materiales fiel uns zunächst auf, daß alle Fänge an der West- küste nicht nur ärmer an Arten, sondern auch an Individuen sind als im Osten, was ja leicht durch die eben auseinandergesetzte Verschiedenheit der Nahrungsverhältnisse erklärt wird. Besonders auffallend ist ferner das Ueberwiegen der festsitzenden Organismen im Osten, während im Westen die frei beweglichen Tiere vorherrschen. Die Charaktertiere der westlichen Meeresteile sind ohne Zweifel die Echinodermen. Auf allen Stationen dieses Gebietes war dieser Tierstamm mit allen seinen Klassen in so überwiegender Masse vertreten, daß alle anderen Organismen dagegen in den Hintergrund traten. Besonders aber waren es die Ophiuriden unter den Angehörigen dieses Stammes, welche in fabelhaft reicher Entwickelung gefunden wurden. Nach Norden zu scheinen sie durch die Asteriden abgelöst zu werden. Nächst den Echinodermen fiel uns der Pantopoden-Reichtum dieses Gebietes auf. Die Coelenteraten hingegen sind nur in sehr geringer Arten- und Individuenzahl vorhanden. Selbst die Welt der kleinsten Organismen, der Foraminiferen, ist hier von einer seltenen Armut, ein direkter Beweis für den Mangel an organischem Nährmaterial, insbesondere für den Diatomeen-Mangel. Gerade das Gegenteil fanden wir auf den Stationen der Ostseite. Hier treten die Echinodermen ganz in den Hintergrund, obwohl sie natürlich ebensowenig ganz fehlen, wie die hier häufigeren Organismen auf der Westseite. Die festsitzenden Organismen herrschen, wie erwähnt, vor; die

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meisten Felsen und größeren Steine werden von Balaniden besiedelt, Monascidien und Synascidien in reicher Fülle bilden große Kolonien auf dem Boden, Spongien, die auf der Westseite nur spärlich auftraten, wurden in zahlreichen Arten gefunden, Alcyoniden bevorzugen die tieferen Rinnen, während die flacheren felsigen Stellen von großen Actinien-Gesellschaften bevölkert werden. Die Charaktertiere aber, welche der ganzen Fauna den Stempel aufdrücken und in geradezu fabelhafter Entwickelung gefunden werden, sind die Hydroiden und Bryozoen. So dicht sind die Wiesen, welche von diesen Organismen an manchen Stellen gebildet werden, daß die schwere Dredge sich nicht bis zum Boden hindurcharbeiten kann und nur Tiere, aber keine Grundprobe mit heraufbringt. Eine Erklärung für das Ueberwiegen der festsitzenden Tierformen dürfte in den mannigfaltigen, meist starken Strömungen, welche dieses Gebiet der Straßen durchziehen, gesucht werden. Die festsitzenden Formen sind in stark bewegtem Wasser im Kampf um die Nahrung besser ausgerüstet und widerstandsfähiger als die frei beweglichen, die stets Gefahr laufen, von der Strömung fortgeführt zu werden, sie müssen sich daher unter den Schutz der ersteren stellen und sich ihnen anpassen, wenn sie überhaupt hier leben wollen ; da aber die festsitzenden Tiere den Regen von Tierleichen zuerst empfangen, indem sie der Strömung zum Trotz sich hoch über dem Boden erheben und mit ihren meist reich verästelten Kolonien der Nahrung entgegenwachsen, so können sie nie von den freilebenden Tieren überwuchert werden, weil diese in der Tiefe zwischen ihnen leben müssen, um nicht vom Strome fort- gerissen zu werden und nur gewissermaßen als Kommensalen der ersteren die von diesen übrig gelassene Nahrung erhalten. Wie reich die letztere aber, obwohl sie von den Hydroiden und Bryozoen stark durch- gesiebt wird, dennoch ist, beweist die große Mannigfaltigkeit und die Farbenpracht der zwischen ihnen lebenden Fülle von Würmern, Crustaceen und Mollusken. Daß die Strömungen in der That für das Vor- herrschen der festsitzenden Tiere verantwortlich zu machen sind, wird dadurch bewiesen, daß die größten Anhäufungen derselben sich an den Stellen finden, wo die stärkste Strömung herrscht. Dies ist in den engsten Straßen der Fall, in der Bismarck-Straße, Helis-Sund, W.-Thymen-Straße. In diesen flachen Sunden saust ein rapider Gezeitenstrom, alle 6 Stunden umsetzend, hin und her und führt nicht nur immer frisches Wasser (Sauerstoffzufuhr), sondern auch neue Nahrung über den Boden. An diesen Stellen haben wir daher unsere reichsten Fänge zu verzeichnen (Station 45—47). Die Dredge war meist bis zum Rande mit Hydroiden und Bryozoen gefüllt, die hier in so üppigen Stöcken und in so großen Individuen vertreten waren, wie nirgends anders. Alle Steine waren dicht mit Actinien besetzt, von denen wir z. B. in der schmalen Meerenge zwischen den Ryk-Ys-Inseln (Station 49) aus einer Dredge eine ganze große Wanne voll sammeln konnten. Unter den Hydroiden wurden ganz riesige Exemplare hier im Osten gefunden, so besonders Vertreter der Gattung Monocauhis, deren Kelche Durchmesser wie die Actinien erreichten.

Daß die Foraminiferen-Fauna sich hier viel reicher entfaltet als im Westen, ist leicht verständlich, weil der Polarstrom eine große Fülle von Diatomeen, der Hauptnahrung dieser Organismen, mit sich führt, die bei der Mischung mit dem Golfstrom in diesem Gebiet absterben und zu Boden sinken. In dieser Gruppe sind nur wenige festsitzende Arten bekannt. Es ist aber von besonderem Interesse, daß die Vor- herrschaft der festsitzenden Formen in diesen Meeresteilen sich sogar auf die Foraminiferen erstreckt; wir fanden große Kolonien der festsitzenden Benärophrya und Astrorhiza arhorescens geradezu rasenbildend in den Straßen dieses Gebietes.

Die übrigen, hier noch nicht besprochenen Bewohner des Meeresbodens, insbesondere die Würmer, Crustaceen und Mollusken, zeigen nicht so durchgreifende Unterschiede in Bezug auf ihre Verbreitung im Osten und Westen. Sie sind mehr gleichmäßig verteilt. Am reichsten von diesen 3 Klassen sind, wie in allen arktischen Meeren, auch hier die Crustaceen vertreten, unter diesen besonders die Gruppen der Amphipoden und Isopoden. Sehr arm ist das ganze Spitzbergengebiet an Fischen, was schon alle früheren

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Besucher desselben übereinstimmend betont haben. Wir haben im ganzen von allen Stationen nicht viel mehr als 150 Fische erbeutet. Nur die flache tierreiche Spitzbergen-Bank, nordöstlich der Bären-Insel gelegen, scheint ziemlich reich an Nutzfischen, besonders Dorschen, zu sein.

Die Bodenfauna des bisher unerforschten König-Karls-Landes zeigt keine bedeutenden Abweichungen von der des übrigen Ostens ; nur in Bezug auf eine Tierklasse, auf die Spongien, ist uns eine charakteristische Eigentümlichkeit aufgefallen. An der Westseite der Olga-Straße überwiegen die Kalkschwämme, je weiter man aber nach Norden und Osten kommt, um so mehr treten sie gegen die Kieselschwämme zurück. Von diesen sind die Monaxonier in dem ganzen Gebiet, welches nördlich der Hinlopen- und Olga -Straße gelegen ist, die Charakterformen, nur um König -Karls -Land treten schon Tetraxonier, die sonst sehr spärlich vorkommen und erst hier im Norden auf 81" ihre Hauptentwickelung haben, in größerer Menge auf. Auch für den Stör -Fjord, die westlichste der Meeresstraßen des Ostens, müssen wir noch einige Eigentümlichkeiten erwähnen. Er ist sehr reich an Tieren, in Bezug auf den Habitus der Fauna nimmt er aber eine Mittelstellung zwischen der West- und Ostseite ein, indem nämlich 2 Tiergruppen sich hier um den Vorrang als Charaktertiere streiten, von denen die eine im Westen, die andere im Osten vorherrscht. Es sind von den Echinodermen die Crinoiden, vertreten durch Antedoii, und von Coelenteraten die Alcyo- niden. Beide treten an manchen Stellen in solchen Mengen wie nirgends im ganzen übrigen Spitzbergen auf, und der große Antedon eschrichti bildet hier ganze Rasen auf dem Meeresboden. Es ist interessant, daß auch die Echinodermen dem Charakterzug des Ostens, der in der Vorherrschaft der festsitzenden Tierformen besteht, Reclinung tragen müssen, indem die frei beweglichen Gruppen gegenüber den wenig beweglichen, fast stets festsitzenden Comatuliden in den Hintergrund treten.

Bisher haben wir uns nur mit der horizontalen Gliederung der Bodenfauna beschäftigt, wir wenden uns nun zur vertikalen. Bei der vertikalen Verbreitung und zonalen Gliederung spielt die Tiefe, die Boden- beschaffenheit und vor allem das Licht die Hauptrolle. Die Lichtwirkung ist besonders deshalb wichtig, weil von ihr die Pflanzenvegetation des Meeresbodens in erster Linie abhängt, welche ihrerseits wieder vielen tierischen Organismen als Wohnort und Nahrungsgebiet dient.

Stuxberg, der Zoologe der Vega-Expedition i), hat für das Sibirische Eismeer drei verschiedene vertikale Regionen angenommen, indem er sich dem Botaniker Kjellmann anschloß, welcher in seinem Werk ,,Ueber die Algenvegetation des Murmanischen Meeres an der Westküste von Nowaja-Semlja und Waijatsch" 2) die verschiedenen Regionen der arktischen Algenvegetation zuerst in vertikale Bezirke ein- teilte. Nach seinen Untersuchungen sind dies folgende: „i) die litorale Region, welche das umfaßt, was man in Norwegen „fjären" (Düne) zu benennen pflegt, d. h. den Teil des Meeresbodens, der bei der Ebbe bloßgelegt wird, während der Flut aber mit Wasser bedeckt ist; 2) die sublitorale Region, welche dieser zunächst kommt und in Bezug auf die Algen sich bis in eine Tiefe von 20 Faden erstreckt; 3) die elitorale Region, welche alle unterhalb 20 Faden befindlichen Tiefen umfaßt." Diese Einteilung hat auch im Spitz- bergengebiet ihre Giltigkeit, nur dürfte die Bezeichnung der drei Regionen auf Widerspruch bei den meisten Zoologen stoßen, weil in der Tiergeographie das „Litoral" ein viel umfassenderer Begriff ist und seinen Gegensatz in dem „Abyssal" hat, aber nicht bloß die Gezeitenzone bezeichnet. Besser scheint uns daher die von Schimper (Pflanzengeographie) gegebene Einteilung des litoralen Benthos nach der stärkeren und geringeren Einwirkung des Lichtes in photische und d3-sphotische Region zu sein. Die erstere gliedert sich wieder, entsprechend der litoralen und elitoralen Zone Kjellberg's, in zwei Gürtel, den auftauchenden und den untergetauchten.

1) Cf. Wiss. Ergebn. der Vega-Expedition, Leipzig 1S83, Bd. I, p. 529.

2) in: Nova Acta Reg. Soc. Scient. Upsala, Ser. III, 1877, p. 57—67.

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. aj

a) Die p hotische Region.

1) Der auftauchende Gürtel (oder das Litoral im engeren Sinne) besitzt in Spitzbergen keine Vegetation oder nur sehr spärliche, weil im Sommer die Eismassen der treibenden Schollen und die Blöcke der zahlreichen Gletscher, welche Brandung und Gezeitenströmung fortwährend an dem Ufer hin und her schieben, durch Abreil^en des Bodens jeden Pflanzenwuchs verhindern, während im langen Winter, welcher den größeren Teil des Jahres hier einnimmt, die ganze Küste von einer zusammenhängenden Eis- decke umgeben ist, die während dieser Zeit infolge ihrer bedeutenden Dicke alle litorale Vegetation und alles Tierleben unmöglich macht. Nach Stuxberg sind „zwölf Fuß oder zwei Faden (3,66 m) unterhalb des natürlichen Niveaus des Wassers das Minimum, bis zu welchem das Wintereis seine zerstörenden Wirkungen ausdehnt; als Mittel könnte man sehr wohl drei Faden (5,49 m) annehmen". Unsere Unter- suchungen können dies nur bestätigen. Bis zur Tiefe von 6 8 m fanden wir nur ganz spärliches Tier- leben, nur vereinzelte, schnell bewegliche Tiere, wie Crustaceen und Würmer, wagen sich noch in diese Zone. Im Osten Spitzbergens trägt diese Region meist steinigen Charakter, der kahle, glatt geriebene Fels oder Steingeröll bilden die Oberfläche des Bodens. Im Westen führen infolge des wärmeren Klimas zahl- lose Schmelzwasser feinere Fels- und Erdpartikel von den Abhängen des Gebirges ins Meer und füllen die Buchten mit Schwemmboden aus, welcher als lockerer Schlamm oder zäher Lehm die seichten Stellen der Küste bedeckt.

2) Der untergetauchte Gürtel (das „Sublitoral" Kjellberg's) der photischen Region umfaßt den größten Teil der spitzbergischen Flachsee und besitzt die üppigste Algenvegetation. Es ist die Zone der Macrophyten, die sich trotz der starken Eisdecke, der langen Winternacht und der niederen Temperatur sehr reich und in kräftigen Individuen entwickelt haben. Nur die Grünalgen treten ganz zurück, wohl weil sie gegen Assimilationsstörungen am empfindlichsten sind und sich nicht an die schwache Beleuchtung anpassen können. (Die Chlorophyceen lieben das Licht am meisten von allen Algen.) Sie finden sich nur spärlich und in verkümmerten Exemplaren und werden ganz überwuchert von den Phaeophyceen und Florideen, von denen die Laminarien und Corallinen die Charakterpflanzen der Spitzbergen-See sind. Die ersteren bevorzugen die geringeren Tiefen bis 20 m, wo sie oft ausgedehnte Wälder bilden, die letzteren gehen in größere Tiefen (bis 30 m) hinab und bilden große Bänke. Besonders die prachtvollen roten Litho- thamnion (glaciale) und LWiophyllum- Axi&r\ stellen die Hauptbildner der Corallinenbänke dar (Station 14, 29, 32, 45). Da alle diese Algen auf Sand- und Schlammboden nicht wachsen, sondern Steine oder Felsen brauchen, um sich festzuheften, sind sie im Westen viel spärlicher vertreten als im Osten, weil dort, wie oben erwähnt, der Schlamm und Lehmgrund vorherrscht. Ihre reichste Entfaltung haben sie in den Straßen Ost-Spitzbergens, wo die reißenden Strömungen die Felsen von allem Sand und Schlamm reinfegen.

In dieser pflanzenreichen Zone ist naturgemäß auch das Tierleben am reichsten entwickelt, weil die Tiere in den Algenwäldern nicht nur Schutz, sondern auch Nahrung finden. Viele derselben haben sich ganz dem Leben auf diesen Pflanzen angepaßt, in besonders hohem Grade die Ascidien, welche fast nur in dieser Zone gefunden werden. Auf den roten Corallinen findet sich eine ganze Reihe von Tieren, die so ausgezeichnet an die Farbe derselben angepaßt sind, daß sie kaum erkannt werden können ; das Voll- kommenste bieten in dieser Hinsicht die Mollusken (insbesondere Chitonen) und Ophiuriden. Die untere Grenze der photischen Region befindet sich zwischen 40 und 50 m Tiefe.

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b) Die dysphotische Region.

Diese Region (das ,, Elitoral" Kjellberg's) ist ausgezeichnet durch den Mangel der Makrophyten, von denen nur noch einige Rotalgen gefunden werden. Die Hauptmasse der pflanzlichen Organismen wird von Mikrophyten gebildet, unter denen die Diatomeen die erste Stelle einnehmen. Diese Zone nimmt die tieferen Teile des Spitzbergen-Meeres ein, im Osten hauptsächlich die mittleren Partien der Straßen, im Westen die Mitten der Buchten. Der Boden dieser Zone ist im Gegensatz zur vorigen nur selten felsig; meist wiegt der blaue und gelbe Mud vor, in den größere und kleinere Steine eingebettet sind, welche hauptsächlich die Eis- berge, die Kinder der Gletscher, vom Gebirge herabbringen und bei ihrem Schmelzen hier deponieren. Die Tierwelt dieser Zone ist ärmer, als die der vorigen, es herrschen die frei beweglichen Organismen vor, besonders die Echinodermen und Mollusken, von Coelenteraten werden nur die Alcyoniden häufiger gefunden. Allmählich geht diese Region in das eigentliche Abyssal, in die Tiefsee über, die sich durch den gänzlichen Mangel des Pfianzenlebens auszeichnet und deren Tierwelt daher ausschließlich auf die Ernährung durch das Plankton angewiesen ist.

Bevor wir auf die Besprechung der Tiefseefauna unseres Gebietes eingehen, wollen wir aber noch einige andere Eigentümlichkeiten der Fauna der spitzbergischen Flachsee erwähnen. Eine auffallende Thatsache ist es, daß wir unmittelbar vor den Abbruchen riesiger Gletscher einen enormen Reichtum von Bodentieren fanden (Station 12, 35), obwohl fortwährend die kalbenden Eisblöcke das Meer aufwühlen und den Boden mit Schlamm und Steinen überschütten. Der Grund für den Reichtum dürfte in der üppigen Diatomeenvegetation zu suchen sein, welche sich hier in der Schmelzzone des Eises, unter dem Einfluß des Süßwassers entwickelt. Eine außerordentlich charakteristische Eigentümlichkeit der Spitzbergenfauna ist ferner die Nester- oder Schwarmbildung. Die meisten Bodentiere findet man an einzelnen Stellen in großen Haufen vereinigt, ganze Kolonien und Individuen derselben Art treten plötzlich auf eng begrenztem Bezirk auf, während sie in nicht weiter Entfernung gar nicht oder nur vereinzelt gefunden werden. Diese Er- scheinung dürfte durch die Brutpflege erklärt werden, welche sich bei den meisten arktischen Bodentieren zum Zwecke der Arterhaltung unter den sehr wechselnden Lebensbedingungen am Boden und an der Oberfläche des Meeres ausgebildet hat. Viele Tiere, die in südlichen Meeren freischwimmende Larven produzieren, die das Plankton bevölkern und durch ihre Wanderungen mit den Strömungen eine weite und gleichmäßige Verteilung der Arten bewirken, behalten hier ihre Jungen bei sich. (Wie später erwähnt wird, haben wir z. B. Echinodermenlarven , die im Atlantischen Ocean noch zu den häufigsten Planktontieren gehören, nur ganz vereinzelt gefunden.) Die jungen Tiere bleiben bei der Mutter, bis sie selbst ganz ent- wickelt und ernährungsfähig sind, und können sich dann , bei dem geringen Lokomotionsvermögen der meisten Bodentiere , auch nicht weit entfernen , infolgedessen bleiben die näheren Blutsverwandten in Gesellschaften zusammen und stellen die großen Kolonien dar, die überall in diesem Gebiet gefunden werden. Brutpflege ist bekannt bei Echinodermen, Actinien, vielen Crustaceen und Würmern, Ascidien, und es sind auch gerade diese Tiergruppen, die besonders zur Nesterbildung neigen.

Schon in der Reisebeschreibung wurde erwähnt, daß die Schleppnetzzüge am Abhang der tiefen „Nansen-Rinne" auf 81" 32' N. Br. eine von dem übrigen Spitzbergengebiet ganz abweichende Fauna ergaben. Es lebt hier eine echte Tiefsee-Tierwelt, wie sie bisher aus der Arctis noch nicht bekannt war, und nur ganz wenige Formen der spitzbergenschen Flachwasser-Fauna scheinen in diese Tiefe hinabzusteigen (z. B. die früher erwähnten Alcyoniden aus der Tiefe der Hinlopen- Straße). Die Charakterformen dieser Tierwelt sind die Spongien , die aber nur durch typische Tiefwasserformen vertreten sind. Hexactinelliden und Tetraxonier sind hier in solchen Mengen vorhanden, daß sie an der Bildung des Meeresbodens in erheb-

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ^q

Hcher Weise teilnehmen. An allen 4 Stationen (40 43) zeigten die Grundproben dieselbe Zusammensetzung, was die Vermutung rechtfertigt, daß weitere Strecken dieses Gebietes dieselbe BodenbeschaiTenheit auf- weisen. Der feine blaue Schlick, aus dem die Grundproben bestanden, war arm an Steinen und zeigte eine sehr homogene Zusammensetzung. Er war dicht erfüllt mit Spongiennadeln (die meistens von abge- storbenen Hexactinelliden und Tetraxoniern, weniger Monaxoniern herrührten). Diese Kieselnadeln bildeten ein feines dichtes Filzwerk, in dessen Maschen der feine Schlamm suspendiert war ; beide Materialien zusammen bildeten eine federnde elastische Unterlage. Wenn inan den Schlamm auf dem Sieb ausspülte, so blieb etwa als ein Drittel des Gesamtvolumens der Grundprobe eine weißglänzende Schicht der schönsten Glas- wolle übrig, die nur aus Spongiennadeln bestand. Alle festsitzenden Organismen zeigten auf diesen Stationen die Eigentümlichkeit, daß sie in ähnlicher Weise an diesen Boden angepaßt waren. Spongien, die ganz verschiedenen Gattungen angehören, erhielten dadurch ein konformes Aussehen (cf. F. E. Schulze, Die Hexactinelliden). Diese Anpassung bestand in der Bildung dicker, kolbiger, meist verästelter Ausläufer an der Basis, mit denen die Schlickbewohner in dem Glasgerüst von Spongiennadeln verankert waren, sie schwammen gewissermaßen mit diesen aufgeblähten Bojen auf dem feinen Mud. Solche blasige Wurzel- ausläufer fanden sich außer bei den Spongien auch bei den Alcyoniden und Pennatuliden.

Außer den Spongien waren die Foraminiferen besonders reich vertreten, von denen die großen sandschaligen Formen, die in der Spitzbergen-See gar nicht gefunden werden, vorherrschten. Namentlich die Familie der Astrorhiziden ist hier beinahe noch üppiger entwickelt als im Atlantischen Ocean. Uns fielen eine ganze Anzahl neuer abenteuerlich aussehender Formen auf.

Die genaue Durchforschung dieser Fauna wird es erst möglich machen, Vergleiche mit anderen Faunen- gebieten zu ziehen. Nansen ist, wie bekannt, der Ansicht, daß das tiefe Polarbecken ein abgeschlossenes Binnenmeer ist, und diese Auffassung würde eine Stütze erhalten, wenn der specifische Charakter dieser Fauna nachgewiesen werden könnte. Die Hexactinelliden, die alle neuen Gattungen angehören, scheinen dafür zu sprechen (cf. F. E. Schulze, Die HexactinellidenJ. Die Foraminiferen- Fauna hingegen, die wir allerdings bisher nur flüchtig durchmustern konnten, scheint starke Uebereinstimmung m.it der Tiefseefauna des Atlantischen Oceans zu zeigen, was mehr für eine Kommunikation der beiden Tiefen sprechen würde. Wie dem auch sei, so viel dürfte gewiß sein, daß allgemeinere tiergeographische Fragen der Arctis, ins- besondere die nach den Beziehungen zur antarktischen Fauna, nicht entschieden werden können, bevor wir die Fauna der arktischen Tiefsee, des N.A.NSEN'schen Polarbeckens, erst genauer kennen. Wir hoffen, daß unsere Beobachtungen und Befunde am Rande der Nansen-Rinne neue Anregung hierzu geben werden.

B. Die Planktonfauna.

Die genauere Bearbeitung des umfangreichen Planktonmateriales muß den Specialkennern dieses Gebietes überlassen werden, so daß alle näheren Angaben über die an der Zusammensetzung des arktischen Planktons beteiligten Tierarten und darauf gegründete tiergeographische Schlüsse noch verfrüht sind. Immerhin dürfte aber ein allgemeines Bild von der Planktonfauna des Nördlichen Eismeeres im Jahre 1898, wie es sich aus der ersten Sortierung der einzelnen Fänge ergiebt, und kurze Mitteilungen über die Arbeits- methoden und die Fragen, welche für unsere Planktonarbeiten maßgebend waren, von Interesse sein.

Im Jahre 1889 haben Kükenthal und Walter i) auf ihrer Bremer Expedition nach Ostspitzbergen zum ersten Male zusammenhängende Planktonbeobachtungen im Nördlichen Eismeer angestellt. Der kleine.

I) W. Kükenthal, Forschungsreise in das europäische Eismeer. Bericht an die Geographische Gesellschaft in Bremen. Nebst einer tiergeographischen Skizze von Dr. Alfred Walter: „Die Quallen als Strömungsweiser'. Bremen 1890. Deutsche geogr. Blätter, Bd. XIII.

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Fauna Arctica.

50 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

aber inhaltsreiche Aufsatz des verstorbenen Alfred Walter, „Die Quallen als Ström ungs weiser", hat auf die Bedeutung gewisser pelagisch lebender Tierformen für die Erkennung der Strömungsverhältnisse hingewiesen.

Zur Beurteilung der wirklichen Natur eines Stromes und seiner Herkunft reichen die Temperatur- messungen in einem Meeresbecken , dessen Oberflächentemperaturen durch die beständig wechselnden Treibeismassen steten Schwankungen unterworfen sind, allein nicht aus. Walter glaubte nun unter den pelagischen Tieren, namentlich unter den Quallen, sichere Kontrollobjekte für die Feststellung des Strom- bildes gefunden zu haben. Solche Beziehungen zwischen dem Plankton und den Strömungen erkannte er am- deutlichsten in den Grenzgebieten, wo die nördlichsten Ausläufer des Golfstromes in den Polarstrom sich einschieben. Diese Fragen hat dann später Vanhöffen^) noch weiter ausgeführt und mit speciellen Beispielen (namentlich Diatomeen) belegt.

Das hohe tiergeographische Interesse für die arktische Planktonforschung, welches Alfred Walter durch seine anregende Schrift erweckt hatte, erfuhr noch eine erhebliche Erweiterung, als Chun^) im Jahre 1897 auf die Beziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton hinwies und den Versuch machte, die Konvergenzerscheinungen zwischen beiden Faunengebieten als den Ausdruck eines heute noch in tieferen Wasserschichten bestehenden Zusammenhanges aufzufassen, den Pfeffer bekanntlich in eine frühere Erdperiode verlegt. Es wurde damit die Frage nach der sog. ,,Bi polar ität", welche für die Bodenfauna von Pfeffer, Murray und Ortmann bereits in mehreren Schriften diskutiert worden war, von Chun auch auf die Planktonfauna ausgedehnt.

Diesen erwähnten Arbeiten von Walter und Chun verdanken wir die Anregung zu unseren Planktonuntersuchungen ; sie ließen uns die Wichtigkeit möglichst vieler und zusammenhängender Plankton- fänge erkennen und zeitigten den Entschluß, auf den größeren Fahrten von Norwegen nach Spitzbergen und um Spitzbergen möglichst alle 4 Stunden einen Vertikal- und Horizontalzug zu machen. Nach diesem Bestreben, in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit geringen Kräften möglichst viel zu leisten, mußte sich die Auswahl der Netze richten. Wir sahen daher, zumal auch die kurze Zeit für die Ausrüstung und die geringen Mittel in Betracht zu ziehen waren, von der Mitnahme von Schließnetzen ab und erwarben auf gütigen Vorschlag von Herrn Professor Brandt in Kiel ein kleineres ApsTEiN'sches Eimernetz und ein größeres Helgoländer Brutnetz nebst den nötigen Reservenetzen und Stücken. Beide Netze wurden neben- einander zu Horizontal- und Vertikalfängen verwandt.

Mit dem Helgoländer Brutnetz haben wir gute Resultate erzielt. In das untere Netzende wird ein Glaseimer (ein großes Einmacheglas) eingebunden, welcher nicht filtriert In diesem sammeln sich während des Fanges die erbeuteten Organismen an und gelangen so lebend und in tadelloser Erhaltung an die Oberfläche. Mit einiger Uebung und Vorsicht beim Herausheben des Netzes kann man den Verlust, welcher durch Haftenbleiben der Tiere an der Netzwand entsteht, auf ein Minimum reduzieren. Die Gläser lassen sich leicht und ohne Verlust ihres Inhaltes aus dem Netz herausnehmen und durch einen unter ihrem Rande befestigten Bindfaden als Aquarien an der Decke des Schiffslaboratoriums aufhängen und ermög- lichen so nicht nur ein bequemes Studium der lebenden Tiere, sondern auch eine leichte und schnelle Konservierung.

Auf eine gute und mannigfache Konservierung haben wir großen Wert gelegt. Größere Tiere, wie Medusen, Ctenophoren, Sagitten und Appendicularien, wurden den Fängen mit Glasröhren oder Schälchen entnommen, nach 6 8 verschiedenen Methoden konserviert und möglichst einzeln in kleine Tuben verpackt, so daß auch die weitgehendsten Anforderungen an die histologische Ausnützung des Materiales befriedigt

1) E. Vanhöffen, Die Fauna und Flora Grönlands, in v. Drvgalski, Grönland-Expedition, Bd. II, Berlin, 1897.

2) E. CmjN, Die Beziehungen zwischen dem arktischen und antarktischen Plankton. Stutta,art, Erwin Nägele, 1897.

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht.

51

sein dürften. Die ganzen Fänge behandelten wir dann meist zu gleichen Teilen mit Formol, reinem Alkohol, Osmiumsäure oder Sublimat.

Mit Formol haben wir durchaus gute Erfahrungen gemacht. Es erwies sich bei den kleinen Raumverhältnissen und dem schwankenden Schiff, womit wir ja stark zu rechnen hatten, nicht nur als die bequemste und sparsamste Konservierungsflüssigkeit, weil der bei anderen Flüssigkeiten durch das Auswaschen und Wechseln bedingte Materialverlusl vermieden wird, sondern wir wollten auch unseren Mitarbeitern aus- giebige Gelegenheit geben, sich über die Brauchbarkeit des Formols für die von ihnen bearbeitete Tier- gruppe zu äußern, wozu ja die stets vorhandenen Kontrolltiere verschiedener anderer Konservierung ein genügendes Vergleichsmaterial abgeben. So erhalten wir hoffentlich für die verschiedenen Tiergruppen ein maßgebendes Urteil über die Brauchbarkeit des Formols.

Unsere Arbeiten erlitten nun durch schlechtes Wetter, Nebel und Eis, Sturm und Seegang, manche unliebsame Unterbrechung. Schon auf der Fahrt nach der Bären-Insel vereitelte ein Nordweststurm mit schweren Seen die beabsichtigten Vertikalfänge. Da der Dampfer an einer Stelle liegen bleiben muß, wenn das große Vertikalnetz herabgelassen werden soll, so können solche Arbeiten nur bei einigermaßen ruhiger See vorgenommen werden. Immerhin haben wir aber noch auf dieser fast zweitägigen Ueberfahrt mit Unterbrechung während einer Nacht, in welcher der Dampfer nicht viel Fahrt machte, alle 4 Stunden Horizontalzüge mit dem ApsTEiN-Netz machen können. An der Westküste Spitzbergens weisen unsere Planktonstationen manche Lücken auf, weil auf dieser Reisestrecke beide Male schweres Wetter jedes Arbeiten, ja jeden Aufenthalt auf Deck unmöglich machte. Hier konnte nur in den Buchten mit Erfolg gearbeitet werden. Auf der Rückreise waren wir von der Spitzbergen-Bank bis Hammerfest zu gänzlicher Unthätigkeit verurteilt, so daß leider den Juni -Fängen der Hinfahrt keine August -Fänge der Rückfahrt gegenüberstehen.

Andererseits haben wir auch wählend der Reise durch die immer mehr hervortretende Eintönigkeit und zeitweise Armut des Planktons unsere ursprünglichen Planktoninteressen zu Gunsten der ergiebigeren Arbeiten mit der Dredge etwas zurücktreten lassen.

Alfred Walter hat schon darauf hingewiesen, daß am Tage die meisten Planktontiere, namentlich die Medusen, von der Oberfläche verschwunden sind und erst gegen Abend wieder in die höheren Wasser- schichten aufsteigen.

Bekanntlich kommen in den südlicheren Meeren, wo ein regelmäßiger Wechsel zwischen Tag und Nacht existiert, die meisten pelagischen Organismen mit dem Eintritt der Dunkelheit aus den dunkleren Tiefen an die nun gleichfalls dunkle Oberfläche.

Walter beobachtete, daß im Polargebiet, wo während der Sommermonate die Dunkelheit fortfällt, gerade die Golfstromtiere, die mit der wärmeren Strömung in das arktische Gebiet eingeführt worden sind, mit ofroßer Zähiekeit an dieser in den südlicheren Meeren üblichen Gewohnheit festhalten, obschon sie in den neuen Heimstätten gänzlich zwecklos erscheint.

Auch wir haben am Tage manchen vergeblichen Planktonzug gemacht, welcher außer Resten von Appendicularien-Gehäusen, Cydippen und abgestorbenen Sagitten kein Material lieferte, so daß wir ihn nicht konservierten und auch gar nicht in das Journal aufnahmen. Daher konnten wir unsere Planktonfänge im allgemeinen immer mehr auf den Abend beschränken. Nach 10 Uhr abends waren die meisten und die schönsten Medusen zu fangen. In geringer Tiefe, die man um Spitzbergen selbst einige Seemeilen von der Küste noch trifft, waren auch Vertikalzüge am Tage nicht lohnend.

Im ganzen haben wir auf der ersten Fahrt um Spitzbergen und die Bären-Insel einen Ring von 82 Planktonstationen gezogen, welche mehrere hundert Netzzüge erforderten. Ueber die Lage dieser Stationen giebt die nachstehende Karte und Liste näheren Aufschluß. Bei der schon erwähnten geringen

r

Verzeichnis der Planicton- Stationen im Nördlichen Eismeer.

Ortsangabe

Tromsö-Sund Karlsö

Sorü-Sund, Einfahrt

Sorö-Sund, an Holmen- Leuchtfeuer

Trold-Fjord, an der Wal- Station

Trold- Fjord , Ausfahrt beim Leuchtfeuer

Nördliches Eismeer

Bären-Lisel in Sicht

14 Bären-Insel, Südhafen

15 Bären-Insel, Westseite

16 Bären-Insel, nördlich

Spitzbergen, Südcap in

Sicht Spitzbergen, westlich

Südcap Stor-Fjord. 13 Seemeilen

WSW. von Whales Point Stor-Fjord, Cap Lee am

Eingang 1. d. W.-Th ymeiv

Straße Stör - Fjord , Changing

Point, Eingang in die

Ginevra-Bai Stor-Fjurd. Nähe des

Changing-Points Stor-Fjord, Nähe dei

Hassenstein-Bucht Eingang in d. Deevie-Bai,

zwischen Whales Point

u.König.Ludwiüs-Inseln Deevie-Bai, in der Nähe

der Berentine-Insel Halbmond -Insel, 3 See- meilen südlich in der

Nähe der Menke-Inseln ZwischenHoffnungs-Insel

und dem Südcap von

Spitzbergen Bei -Sund, Van Keulen-!

Bai Kings-Bai

Geographische Saturn ; t^,^,, des i Tages-

Temperatur

Länge

38

19' o' 20» 25'

22' 56' 24» i"

.«30'

1 22» S' J 21" 56'

: 20' o' ■9' 30' 19° 18' 17° 50' 18» 9'

18» 5' 17» 58'

20» 3' 20» 3'

Breite i''^"g"|

69» 45' 70° o'

;o« 25' 70° 3', 5'

,-2» 0' 72" 20'

?2' 21' ( II 72» 35'

73° 30' 73» 56' 74° 21' 74° 17' 75° 4'

8. Juni 8.

9- «

9-

Kings- und Cross-Bai, in der Mitte des Einganges

Süd-Gat, Eingang

Ross-Insel, ca. l Seemeile NW.

RiipsBai, nahe Cap Platen

Cap Platen, ca. 5 See meilen NO.

Hinlopen-Straße. zwisch. CapTorell u. Behm-Insel

Hinlopen-Straße, Ein- gang in die Lomme-Bai, vor dem Eis-Cap

Hinlopen-Straße, nflrd. lieber Eingang

Wiide-Bai am Cap Peter- mann

Wiide-Bai, Mitte

Eis-Fjord, Mitte Eis-Fjord, Green Harbour

Eis- Fjord, in der Mitte des Einganges Horn-Sund

75° 32' 76° 5'

76" 35,5'

77° 19'

78» 6,5'

78" 28'

20" o' I 78» 15'

20" 52' j 77» 35'

21° 3' 1 77° 23'

33" 23'

23° o-

14° 52'

II« 35'

II» 37'

11» 12' 20" 23'

22» 7' 23» 30'

20° 35'

iS» 24'

16» 55'

16» 10'

■5° 55'

15" o' 14» 2o' 14° 20'

■3° 40' 16» o'

16° o'

16» 0'

76» 27'

77° 37' 78° 58' 79° 2'

80» 48'

80» 18' 8o» 35'

79° 20'

79° 44'

80° 8' 79° 12' 79° 34'

78° 12' 78° 3,5' 78° 3,5'

78° 9'

77° 3,5'

77° 3,5' 77° 3,5'

.Juli

4 p.m.

10 p. m.

5 a. m. 8 a. m. 4 p.m.

11 p. m. 4 a. m.

8 a. m.

12 m.

4 p.m. 8 p. m. 8 a. m. 12 m. 8 p. m.

7 p. m.

11 p. m.

4 a. m.

8 a. m.

12 m. 12 m.

4 p.m.

6 p. m.

7

a.

m.

12

m

6

P-

m.

2

P-

m.

4

a.

m.

p. m.

6 p. m.

I p.m.

8 a. m.

3 p.m.

4 p.m.

I a. m.

4 P-m.

8 p. m.

8 p. m.

12 p. m.

■6 p. m.

11 p. m.

12'/, p. m 8 p. m. n p. m.

1 p. m.

4 p.m.

10 p. m.

12 m.

5,1 4,6

5,3

5,5

5,7

4,8

5,0

5,4 5,2

5,2 4,8

4;

0,4

0,0 0,6

5,9 5,4 5,3

3,2

1,6

3,2

3,0

8,5 6,0

3,4

5,3

6,7

4,0

2.4

4,6 3,9

3,8 4,2 4,4 3,8 5,2 0,6 0,5

-0,6 0,4

3,4 0,2

2,5

Des Meeres

blau

grün

blau

schmutzig- grau

blau

schmutzig, grau

schmutsig- brauQ

1,025

1,025

1,026

1,0255

1,026

? 1,026

?

? 1,026 1,026 1,026 1,026 1,026

1,026 1,026

1,027 1,027

1,026 1,026 1,027

1^0265 1,0255

1,026 1,025

1,026

1,026

1,026 1,026

1,026 1,026

1,027

1,027

1,027

1,026

1,026

1,0235

1,023

1,023

1,0265

1,0263

1,0263 1,0253

Wind

(2-B

sw.

NNW.

N.

N.

NW.

WNW.

NWN.

NWN. NWN.

NW.

NW.

NW.

NW.

NW.

ONO.

NO.

ONO. ONO.

N.

N.

SW.

NNO.

SSW.

NW.

S.

SSW. WSW.

SW.

WNW.

SSW.

WSW.

NW. WSW.

WindsüUe ONO.

SO. WSW.

WSW.

S.

S.

W.

NNW.

WS.

NNO.

Meeres- strömung

NO.— SW.

4 4-6

5-6 4-6

3 3—4

3 2—3

Tiefe

V V

in Metern

Wetter

und Seegang

II

NW. SO, NW.— SO NW. SO, NW. SO,

Nordöstlich S.— NO.

S.— NO.

SW."

SW.«

•NO. ■NO,

stoßweise SW., drau- Hen schwe- rer OSO,

51 47 U. O

3 1—6

10 8—10

NO.

SO.. NW..

•NW. -SO,

NW. SO.

Westlich

igo 40

80 450

240 100

365

45

ca. 80 ca. 30

80

130

6

ca. 50

60

100 u.o

o

30

43

feiner Regen bedeckt

{bedeckt, | mäßiger [ Seegang | bedeckt, See ruhig

Schneeböen, See bewegt

Schneeböen, stark. Seegg,

wenigSeegg.

See ruhig bedeckt, ruh. Schneeböen, S. zieml. ruh.

bedeckt, See] ruhig

Bemerkungen

An der

engsten

Stelle des S?nd«

klar, ruhig schön, ruhig

etwas See- gang

schön, etwas

Dünuni bedeckt, See

bewegt bedeckt, we- nig Dünung bedeclit, Nebei

schön, ruhig

bedeckt,

ruhig

bedeckt

bedeckt,

Dünung

schön

Einzelne Eisschol- len treiben vorbei Wenig Treibeis

An d. Festeiskante

do.

Viel Treibeis

do. Wenig Treibeis

do. do.

In der Nähe eines Gletschers

Dichtes Treibeis

do. do.

do.

Dünung böig

böig. Regen

In der Nähe des olfenen Meeres do.

Viele Medusen, »velcb« auch einzeln vom BJ«» aus geschöpft wuides

Wegen des Seeganp' konnte nicht liefer ge- fischt werden

Vor großen Gletschera, welche bestiindlgBSi, ber entsenden. Schmutz

do. do.

•viel

6 Z

Ortsangabe

Geographische Länge Breite

Datum

des Fanges

Tages- zeit

Tempcratu

°c °c

Des Meeres

Rich- tung g

Stärke

1

1 Meeres- strömung

! Tiefe

1 S 1 Wetter 4, Ö 1 1,^1 imd ■°l ! '1 Seegang in Metern

Bemerkungen

48

Horn-Sund

16'' 0'

77° 3,5

20. Juli

12 m.

3,0

7,4

sctunutzig braun

I,02S3 stoßweise ' '^ISW., drau

8-10

45 ,10— 40 böig. Regen 4 Stufenfänge in 10.

uen schwe

I {

20, 30 imd 40 m

40

"

16" 0'

77° 3,5

20.

8 p. m.

2,4

7,4

rer usu. 1,0265 .,

etwas

8—10

45

43

,,

Tiefe ^

50

Halbmond -Insel, ca. 2024» 7' Seemeilen nordöstlich

77° 23,5

22.

u a. m.

2,0

3,6

blau

1,027

schw&cher

'■ NO. 3

75

75

nebelie

51

Olga-Straße, etu'a in de Jlitte zwischen König

26° 40'

78° 5'

22.

9 p.m.

1,4

1,6

1,0265 NNO.

3

290

150 nebelig, See

Karls-Land und denRyk

ruhig

Ys-Inseln

52 53

do. König- Karls -Land, Süd

27° 25' 78» 18' 22.

29°3i'(?)78»46'(?i2,. ::

11 p. m. II a. m.

1,0

0,8 0,6

1,026

NON.

3

_

315

■50

Seite, zwischen Helgo

ij-i

1,026

NNO.

I

65

ca. 50 schön, ruhiglDichtes Treibeis

land- und Jena-Insel

54

55

do. do.

29° 35'(f) 78° 46'(?) 23. 29° 30'{?) 78° 46'(?) 26. ,;

12 m. i'/.p.m

2,6 0,2

1,0 1,5

1,026 NNO. 1,0265 NzO.

I 4—5

NÖ.

65 8

63 7 u. c

nebelig,

do. Viel Treibeis

5t' 57

do. König-Karls-Land, Jena Insel, Südostspitze, ca

29° 30'(?) 78° 46'

26. 28.

2 p.m. 4 p. m.

0,2 0,1

1,5 1,0

1,0265 NzO. 1,027 WzN.

4—5 I 2

NO.

8 12

7 II

Dünung nebelig

do. do.

Sog m vom Lande

Künig-Karls-Land, Jena Insel, Ostseite, ca. I'/«

?

?

29.

10 a. m.

0,6

0,8

»

1,0263 N.

I 2

50

49

schön, ruhig

Seemeile v. Lande, voi

einem großen Gletscher König-Karls-Land, Jena- Insel, am Süd-Ost-Cap ca. Y, Seemeile v. Lande

50

7

?

I. Aug

12 m.

2,0

6,5

1,026

Windstille

165

50

do.

60 61 62

do.' do. König-Karls-Land, Jena- InseT, an Nord-Ost-Cap

? ? ?

?

3

1-

12 m.

2,0

6.5

I,026_

165

150

do.

r

?

1- 1.

12 m. 12 p. m.

2,0 0,0

6,5 -0,6

"

l,026_

1,026

NÖ'.

I

~

165 36

150 35

Nebel

do. do.

ca. V^ Seemeile v. Lande

vor einem groß.Gletscher

63

König- Karls -Land, Bre- mer-Sund, ca. I Seemeile NW. V. Cap Weißenfels

?

?

3- .,

7 p. m.

0,8

2,8

"

1,026

SW.

I

NW. SO

8

'

bedeckt

Wenig Treibeis

64

König -Karls -Land, Bre- mer-Sund, ca. 3'/„ See-

?

?

4-

7 a. m.

1,4

2,4

1,026

NNO.

2

NW. SO

105

100

bedeckt, ruhig

do.

meilen SSW. V. W. von

Cap Weißenfels K. -Karls-Land. Schwe- disch-Vorland, ca. 3 See-

65

?

?

4-

4 p.m.

1,0

2,4

"

1,0255

N.

0— I

N. S.

19

ca. 15

Nebel, ruhig

do.

meilen SW. V. Cap Malm-

66

gren

König-Karls-Land, ca. 11 Seemeilen NW. v. Schwe- disch-Vorland

25" 55'

79° 0'

5^

1 p. m.

4,4

5,0

"

1,026

SW.

1

-

'95

150

"

67

Nord-Ost-Land, Ostseite, ca. 4 Seemeilen vor dem großen Gletscher

28" 0'

79° 35'

6-

7 p.m.

0,4

0,2

"

1,027

NO.

2

66

50

"

68

Dasselbe, ca. S— 9 See-

28« 47'

79° 45'

6.

1 1 '/, p. m.

0,2

0,4

1,026

N.

2

156

100

Nebel

Viel Treibeis

<")

meilen vor dem großen Gletscher Great-Insel, Ostseite, ca. I Seemeile vom Lande

29° 10'

80» 6'

7-

8 p. m.

1,0

0,6

"

1,0265

NNW.

1-2

SO.»-. NW.

10

9 u. 0

"

/Viele Medusen, welche auch ein- zeln vom Boot aus geschöpft wurden

70

Karl -Xn, -Inseln, ca. 12 Seemeilen nördlich

25" 10'

81" 0'

8-

4 p. m.

1.3

2,6

"

1,026

W.

2—3

195

50

bedeckt, et- was Dünung

7'

Martens-Insel, Ostseite

21» 36'

80» 42'

10.

4 p. m.

3,8

4,2

It

1,026

NW.

2

14

13

^T . ."

72

Eismeer, nördlich Spitz- bergen

21" 21'

81° 0'

10.

8 p. m.

i,6

2,3

1,0272

Nördlich

1 2

140

100

Nebel,wenig

Dünung

73

do

21" 21'

81° 22'

10.

12 p. m. 4 a. m.

0

1,0

^

1,0272

N.

2

655

653

heiter

74

Eismeer, nördlich Spitz-

20» 53'

81» 32'

II.

0,8

1,2

grün

1,0275

NO.

2

1 150

1150

An der Festeis-

bergen, a.d. Festeiskante

kein Grund!

kante

75

do.

20» 30'

20» 30' 2l" 0'

81» 20'

II.

4 p. m.

0,9

1,5

ii

1,027

NO.

I

1000

200

bedeckt

do.

76

do.

ll" 20'

12 p. m. 4 p. m.

0,2

1,6

1,027

NNO.

1—2

1000

850

do.

77

Hinlopen-Straße, Mitte

der Sudmündung W. Thvmen- Straße, in

der Mitte, östlich der

79° 13'

13^

3,0

5,8

1,026

SW.

r

SO.— NW.

80

60

heiter

78

21° 45'

78° 14'

"7-

4 p.m.

3,7

4.2

blau

1,026s

W.

2

Sülles Wasser, vorher Flut-

38

30 j

schön, ruhig

strom aus dem

79

engsten Stelle Olga -Straße, ösüich

25" 10'

'7° 55'

8.

10 p. m.

0

1,0

grün

1,025

S.

I

Stor-Fjord

61

55 1

Dichtes Treibeis

80

Haeckel- Insel KVk- Ys-Inseln, zwischen den Inseln

!5° 12'

?7° 49'

9. ,.

10 p. m.

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82

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^i°"'"ungs-Insel, ca. II 24» 5' 76» 12' 20.

5>eemeilen südlich Spitzbergen-Bank, nord-21» 8' 75° 12' 21.

östlich der Bären-Insel

VyeißesMeer,amEingang4i» 23' 66° 36,5' 26. Sept. Murmanküste, nordöst- 38» 11' 69» 36' 27.

4 p.m.

3 a. m.

8 a. m. 8 a. m.

3,4

3,0

8,4 8,2

4,9 4,3

8,8 7,2

blau

grün blau

1,027 1,027

1,0222 1,026

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SW.

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60 62

65 128

55 schfln, wenig

Dünung 55 Nebel, See-

i gang,. 55 schön, ruhig 50 Nebel, ruhig

85

lieh Harloff- Insel Murmanküste, Kildin- 34° 13' 69» 20' :

|""d' gegenüber dem

Kehktensee Murmanküste, Kildin- 34° 5' 69° 20' 2

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54 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Mannigfaltigkeit in der Zusammensetzung des arktischen Planktons dürfte diese Zahl wohl genügen, um ein gutes Bild von der Planktonfauna des vorigen Sommers zu erhalten.

Die meisten Fänge sind Vertikalfänge in der geloteten Tiefe, wobei beide Netzarten in Anwendung kamen. Oefters haben wir auch bei dem Aufenthalt in Buchten dem Plankton mehrere Tage hindurch an einer Stelle fortlaufende Beobachtung gewidmet. Dort wurden auch neben den Netzfängen noch die Medusen, Ctenophoren und andere größere Organismen vom Boot aus einzeln mit Glasschalen geschöpft. Merkwürdiger- weise erhielten wir in den Sunden West-Spitzbergens, namentlich im Horn-Sund, wo uns ein orkanartiger Süd-Ost mehrere Tage festhielt, dicht vor gewaltigen Gletschern, deren zahllose Kälber in ununterbrochener Folge am Schiff vorbeizogen, trotz des geringen Salzgehaltes und des vom Gletscherschlamm stark getrübten Wassers, die schönsten Medusen !

Die Glanznummern unter den Planktonstationen sind entschieden die Stufenfänge auf 81^2'^ N. Br. bis auf 1150 m Tiefe, wie sich weiter unten noch herausstellen wird.

Alle Planktonfänge zeigen nun eine gewisse Aehnlichkeit ; Medusen, Ctenophoren, Sagitten, Calaniden und Appendicularien prävalieren abwechselnd in den einzelnen Stationen. Nur wenige Fänge sind von allen anderen grundverschieden : die Stationen zwischen der norwegischen Küste und der Bären-Insel und zwei Stationen aus der Südmündung der Hinlopen-Straße aus den ersten Tagen des Juni, wo wir bei unserem ersten Besuch den Südausgang in die Olga-Straße und diese selbst noch von schwerem Packeis blockiert fanden. Diese Fänge tragen schon äußerlich einen vorwiegend pflanzlichen Charakter und bestehen hauptsächlich aus Algen, Diatomeen, weniger Ceratien und Peridineen sie sind zweifellos als echtes Kaltwasser-Plankton zu bezeichnen!

Nicht so leicht ist diese Entscheidung für die übrige, größere Anzahl der Fänge.

Die ganzen Strömungsverhältnisse des vorigen Sommers waren entschieden eigenartige. Der Golf- strom sandte seine Verzweigungen um ganz Spitzbergen. Seine äußersten Aeste trafen wir noch nördlich des 81. Grades, womit natürlich die außergewöhnliche Eisfreiheit des ostspitzbergischen Meeres in Wechsel- beziehung stand. Nördlich von König-Karls-Land betrug die Oberflächentemperatur des Meeres + 5 " C (bei Station 66 + 4,4 "), nördlich von Nord-Ost-Land über 4 " und auf dem 81 " am 10. August um 8 Uhr abends sogar noch + 3,6". Nur wenige Planktonfänge sind in einer Oberflächentemperatur unter o" gemacht worden, und selbst an der Festeiskante auf 81 " 32' maßen wir nur 0,8°!

Eine solche abnorme Ausbreitung des warmen Stromes muß natürlich auch in der Zusammensetzung des Planktons zu spüren sein.

Es ist nun aber einstweilen noch nicht leicht, für manche Tierarten ihre Zugehörigkeit zur arktischen resp. zur Warmwasser-Fauna zu präcisieren. Die Ansichten von Walter und Chun über die Heimats- berechtigung der arktischen Medusen gehen sehr weit auseinander, daher muß die Schlußfolgerung, welche auf den Medusen-Arten fußt, eine äußerst vorsichtige sein, zumal auch einige Stücke aus den wichtigen nördlichen Gebieten neu zu sein scheinen.

Wir neigen aber trotzdem schon heute zu der Ansicht, daß die Mehrzahl der Planktonfänge mehr Golfstrom-Charakter, jedenfalls keinen echten Polarstrom-Charakter trägt.

Es spricht dafür erstens die geringe Beteiligung der Diatomeen an der Zusammensetzung des Planktons. Außer in den ersterwähnten Fängen vor der Bären-Insel und in der Hinlopen-Straße, welche vorwiegend aus Diatomeen bestehen, finden sich Diatomeen erst wieder in weit geringerer Zahl in einigen Fängen aus der Umgebung von König-Karls-Land, wo ein schwerer Nord-Ost große Mengen Eis nach Süden transportierte, und in den Tiefenfängen an der Festeiskante auf 81 Vj«. Die Diatomeen gehören aber der arktischen Strömung an; sie fehlen dem klaren Wasser des Golfstromes! (Vanhöffen.)

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ce

Diatomeenreiches Wasser charakterisiert daher kalte, nördliche Strömungen, diatomeenarmes Wasser wärmere, südliche Strömungen.

Es spricht dafür ferner die geringe Masse des Planktons. Größere Tierschwärme, von denen Kükenthal und Walter berichten und denen die deutsche Plankton-Expedition und die Grönland- Expedition im Bereiche der arktischen Strömungen begegnete, haben wir niemals gesehen. Selbst die wegen ihrer Schwarmbildung so oft gerühmten arktischen Pteropoden, Clio und Limacina, haben wir immer nur vereinzelt angetroffen. Calanus finmarchieus, der, obschon er bereits als Kosmopolit auch in den wärmeren Meeren auftritt, doch in den kalten Regionen die günstigsten Existenzbedingungen findet, war auch nicht in jenen „gewaltigen Schwärmen" bemerkbar, von denen in der Litteratur die Rede ist. Wir haben es über- haupt nicht ein einziges Mal erlebt, daß unsere Netze von einem „dicken Tierbrei" erfüllt waren.

An der ganzen Murmanküste fanden wir Anfangs September, soweit das stürmische Wetter über- haupt ein Auswerfen der Netze zuließ, eine solche Armut an pelagischen Organismen, daß die meisten Fänge gar nichts Konservierbares enthielten. Hierfür sind zweifellos die abnorm hohen Temperaturen des Meerwassers, welche im Sommer 1898 bis zu 14" C betragen hatten, verantwortlich zu machen. Das damit in Zusammenhang stehende Ausbleiben der Häringe ist schon im allgemeinen Teil des Reiseberichtes be- sprochen worden.

Es sind das fraglos alles Formen (Diatomeen, Clio, Limacina, Calanus finmarchieus), welche das wärmere Wasser des Golfstromes wohl noch ertragen können, aber doch in demselben nicht mehr zur vollen Blüte gelangen. Z. B. fingen wir große, geschlechtsreife Exemplare von Calanus finmarchieus und hyper- boreus erst auf 81 '/i " an der Festeiskante.

Es spricht drittens für eine weitgehende Ausbreitung des Golfstromes im vorigen Sommer das unerkennbare Zurücktreten jener Plankton-Organismen, die als typische Leitformen der kalten Gewässer ange- sehen werden. Biphyes arctica, die von Chun beschriebene hocharktische Siphonophore, fand sich nur wenige Male bei König-Karls-Land, und zwar in der ersten Zeit, als noch viel Eis in der Umgebung dieser Inselgruppe lagerte ; dann aber erschien sie erst wieder in den Tiefenfängen über dem 81 ".

Die von Moebius beschriebene Sagitta oder Krohnia hamata, nach Strodtmann ') und Steinhaus -) eine typische Leitform der arktischen Hochsee, auf deren gleichzeitigem Auftreten in arktischen und antarktischen Gewässern Chun bekanntlich seine Ansicht über den Austausch beider Faunengebiete durch Tiefenströme gründete, erbeuteten wir nur in geringer Anzahl an der Westküste Spitzbergens und bei der Jena-Insel aus geringer Tiefe. Es waren aber abgestorbene und teilweise macerierte Exemplare. Auf 81 "2 " erscheint sie dagegen in den Tiefenfängen aus I150 m zahlreich und in allen Entwickelungsstadien ! Sie ist nebst Biphyes und den Diatomeen jener Gruppe von Planktontieren zuzurechnen, welche die warme Strömung nicht vertragen und sich vor derselben nach Norden und in die kälteren Gewässer der Tiefe zurückgezogen haben.

So treten uns also pelagische Organismen aus den verschiedensten Tiergruppen als treffliche Strö- mungsweiser entgegen, welche alle für ein abnormes Aufsteigen des Golfstromes und ein ungewöhnliches Zurücktreten des Polarstromes im vorigen Sommer sprechen.

Es erübrigt nun noch , die an der Zusammensetzung des vorjährigen Planktons beteiligten Tier- gruppen etwas specieller aufzuführen.

1 1 S. Strodtmann, Die Systematik der Chaetognathen und die geographische Verbreitung der einzelnen Arten im nord- atlantischen Ocean, in: Arch. Naturgesch., Vol. 57 1, 1892.

2) O. Steinhaus, Die Verbreitung der Chaetognathen im Süd-Atlantischen und Indischen Ocean, Kiel 1896.

56 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Kolonie bildende Radiolarien, welche Walter für Golfstromformen hält, während sie nach Chun auch den kalten Strömungen nicht gänzlich fehlen, wurden an verschiedenen Stellen getroffen, sogar noch auf 8l " 32' N. Br. mit Diphyes arctica in demselben Netzzug. Sonst sind von Radiolarien nur noch eine Acanthometra und einige Challengena-Arten in mehreren Exemplaren erbeutet worden, ebenfalls an den nörd- lichsten Stationen.

Die Medusen sind mit 10 11 Arten vertreten, unter denen Codonium princeps (H.), Hippocrene superciliaris Ag. und Catablema campanida F. die häufigsten sind.

Die Ctenophoren haben wahrscheinlich 4 Vertreter, 2 Beroiden und 2 Cydippen, darunter eine von 6 cm Länge mit 25 cm langen roten Tentakeln ; sie waren, wie die meisten Medusen, überall zu treffen.

Von Sagitten ist Sagitta hexaptera Orb., nach Strodtmann eine echte Warm wasserform, an allen Fängen beteiligt. Sie fehlt jedoch vollständig in den Tiefenfängen an der Festeiskante, wo die Kaltwasser- form Krohnia hamata (Mob.) an ihre Stelle tritt.

Unter den Anneliden können nur wenige kleine Tomopteriden angeführt werden.

Der Zahl nach die bei weitem häufigsten Beutetiere sind die Calaniden, Calanus finmarcJiicus GuNN. und Calanus hyperhoreus Kroger. Die anderen Crustaceen , wenige Decapoden und Amphipoden, Krebslarven u. s. w. verschwinden dagegen vollkommen.

Die sonst im arktischen Gebiet so gemeinen Pteropoden, CUo und Limacina, waren, wie schon erwähnt, im vorigen Jahre sehr spärlich. Man hätte sie fast zählen können !

Die Appendicularien waren hauptsächlich mit 3 Arten vertreten, Oikopleura vanhöff'eni Lohm., 0. lahradoriensis Lohm. und Fritillaria horealis Lohm., von denen die erste das Hauptkontingent stellt. Leider gelang es uns nicht, die großen Gehäuse der Oikopleura vanhöff'eni zu konservieren ; sie zerfallen schon bei dem vorsichtigsten Versuch, sie vom Boot aus mit einer Glasschale zu schöpfen.

Eine ganz besondere Eigentümlichkeit des arktischen Planktons, die hier noch erwähnt werden muß, ist die Armut an Larven von auf dem Meeresboden lebenden Tieren. Es kommt dies daher, daß die meisten arktischen Tiere durch Brutpflege ausgezeichnet sind. Diese ist schon mehrfach nachgewiesen worden, von LuDW^iG bei Echinodermen, von Carlgren und Kwietniewski bei Actinien und neuerdings auch von Hartmeyer bei Monascidien. Es wird dadurch das von den Eisschollen des arktischen Meeres in hohem Maße gefährdete Planktonleben der zarten Larvenformen vermieden.

In den Fjorden der norwegischen Küste, bei Tromsö und Hammerfest, waren Echinodermenlarven noch zahlreich anzutreffen. Die gesamten Planktonfänge um Spitzbergen enthalten aber nur wenige Pluteus-Larven aus der Umgebung von König-Karls-Land und aus dem hohen Norden.

Die genaue Bearbeitung der einzelnen Plankton-Stationen wird noch manche interessante Ab- weichung von früheren Befunden ergeben und unsere Kenntnisse über die Verbreitung arktischer Plankton- organismen erweitern. Eine nicht unwichtige Ergänzung unseres Materiales werden die Plankton-Unter- suchungen der anderen Expeditionen ergeben, welche in demselben Jahre in Teilen des von uns bereisten Gebietes gemacht worden sind, so von Herrn Dr. Hartlaub auf der Expedition des Deutschen Seefischerei-Vereines an Bord des Kriegsschiffes „Olga" an der Westküste von Spitzbergen, von Herrn Professor Brandt auf der Yacht des Fürsten von Monaco im Stor-Fjord und von der schwedischen Polar-Expedition auf der „Antarctic", welche ungefähr dieselben Gebiete durchfuhr wie die „Helgoland".

Einleitung, Plan des Werkes und Reisebericht. ey

II. Die Landtiere und die Eistiere.

Die ausgedehnten Wanderungen über die weiten Eisflächen, die Streifzüge unserer jagdkundigen Reisegefährten, die zahlreichen Bootsfahrten und die Landexkursionen boten uns reichlich Gelegenheit, auch der Säugetierwelt und der Vogelfauna des bereisten Gebietes unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn schon aus jagdlichem Interesse das Auftauchen jedes größeren Tieres ein allgemeines Ereignis war, so war dies für uns noch um so wichtiger, als es nicht nur galt, die einzelnen Arten aus eigener Anschauung kennen zu lernen und ihre geographische Verbreitung zu konstatieren, sondern wir wollten auch die Jagd- beute, soweit die marine Fischerei Zeit dazu ließ, zu allerhand biologischen Studien und Beobachtungen ausnützen.

So wurden die Ernährungsverhältnisse jeder Tierart aus dem Magen- und Darminhalt festgestellt und die in ihrer Gemeinschaft lebenden Parasiten konserviert. Die Sektionen der Säugetiere und Vögel, besonders lehrreich bei den durch die physiologische Abänderung und Anpassung ihrer Organe merk- würdigen Wassersäugern, wurden nicht bloß behufs anatomischer und morphologischer Studien gemacht, sie lieferten auch reiches Material in die histologische und anatomische Sammlung.

Ein wichtiger Teil unserer zoologischen Aufgaben war ferner noch die Erforschung der Süßwasser- seen des ganzen bereisten Gebietes, über die später berichtet werden soll.

A. Die Säugetiere. 1. Der Eisbär, Ursus maritimus L.

Von den Teilnehmern der Expedition wurden im ganzen 40 Eisbären erlegt und 4 lebend gefangen. Von diesen 44 Eisbären stammen allein 32 aus König -Karls -Land. Die Erreichung dieser Inselgruppe, welche, wenn man von Pike's Fahrt durch den Bremer-Sund im Jahre 1897 absieht, wahrscheinlich seit 1872 nicht betreten und auf Eisbären abgejagt worden war, ließ uns eine so reiche Beute an Bären zufallen. Doch war der Bärenreichtum dieser Gegend damit noch lange nicht erschöpft ; zwei Fangschiffe aus Tromsö, welche wir bei der zweiten Fahrt um die Jena-Insel trafen, hatten auch noch 9 Bären an dieser Insel geschossen. Hier lebten die Eisbären förmlich in Rudeln ; denn wir zählten auf den großen Eisflächen abends bis zu 14 Bären von einer Stelle aus. Hier fand auch ein vollständiger Wechsel der Bären über die ganze Insel statt, wovon die zahlreichen Fährten auf den Schneefeldern, selbst in Höhen von 200—300 m, zeugten. Mehrfach wurden auch Bären schwimmend angetroffen ; einmal sogar ein Weibchen mit einem wenige Monate alten Jungen im offenen Wasser mehr als 1000 m von der nächsten Küste und den nächsten Eisschollen entfernt. Die Bären schwimmen nicht schnell ; ein Boot mit 2 kräftigen Ruderern kann sie leicht einholen. Sie versuchen sich ihren Verfolgern durch Tauchen zu entziehen, das aber nur von kurzer Dauer ist.

Die Bären von König-Karls-Land waren stattliche Exemplare und zeichneten sich weniger durch ihre Länge als durch ihre Plumpheit und Schwere aus. Ein altes Männchen maß von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 2,40 m, wovon 20 cm auf den Schwanz kamen. Nach der Schätzung unserer norwegischen Harpuniere sollte es 9 Centner wiegen und mindestens 25 Jahre alt sein ! Wir fanden später an der Ost- küste von Schwedisch -Vorland im Sande das fast vollständige Skelett eines verendeten Eisbären, dessen Schädel noch länger und stärker war als der Schädel unseres größten Bären.

Fauna Arctica. o

58 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Das reiche Eisbärenmaterial wurde zu bioloo;ischen Beobachtungen nach Kräften verwertet. So suchten wir festzustellen, wie viel Junge die Eisbärin wirft, worüber genaue Beobachtungen nicht angestellt sind. Unter den vielen Eisbären, welche uns zu Gesicht kamen, zählten wir 1 1 mal Weibchen mit Jungen, und zwar im ganzen l8 Stück, wovon 9 Weibchen mit 13 Jungen unsere Beute wurden. Von diesen II Weibchen hatten acht je 2 Junge, drei dagegen nur je i Junges, womit also erwiesen ist, daß die Eisbärin in der Regel 2 Junge wirft. Die Jungen standen bei 6 Weibchen im 2. Lebensjahre, bei 5 dagegen im i. Lebens- jahre. Sie bleiben bis gegen Ende des zweiten Sommers bei der Mutter, welche dann erst wieder zur Paarung schreitet. Die Anhänglichkeit der jungen Bären ist im 2. Lebensjahre schon erheblich geringer, was man daraus ersieht, daß solche Jungen nach dem Fallen der Mutter stets das Weite suchen, während die kleinen Jungen die Leiche der Mutter nicht verlassen.

Die Sektionen ergaben zumeist als Magen- und Darminhalt Robbenteile, im Magen vorwiegend faust- große Hautstücke mit Haaren, im Darm Haarballen, vereinzelt auch kleine Knochen, Nägel und sogar Zähne. Doch fanden wir auch Eisbären mit vorwiegend oder rein vegetabilischer Nahrung. Im Stor-Fjord hatte ein altes Männchen nur wenig Robbenhaare im Darm, im Magen dagegen viele Laminarienstengel. Von einem Nahrungsmangel konnte hier nicht die Rede sein, da im Stor-Fjord in dieser Zeit noch große Eisflächen mit Hunderten von Robben vorhanden waren. Dagegen war es einem Eisbärenweibchen mit 2 Jungen im 2. Lebensjahre, welche in der Bismarck-Straße unseren Reisegefährten zur Beute fielen, recht schlecht ergangen. Die Küsten der Bismarck-Straße waren fast gänzlich vom Eise befreit und die Robben daher recht spärlich geworden. Und so fanden wir die 3 Bären entfernt von der Küste, wo sie einen Hang absuchten. Alle drei hatten nur Vegetabilien im Magen wie im Darm, kleine Blättchen und Stengel der dort üppigen Flora. Einen anderen Eisbären, der auf der Berentine-Insel am Eingange des Stor-Fjordes herum- spazierte, entdeckten wir dabei, wie er die Nester der zahlreich auf dieser Insel brütenden Eiderenten und Gänse ausplünderte. Der Magen enthielt einen gelben Brei und Reste von Eierschalen. Wie eine Besich- tigung der Entennester ergab, schluckte der Bär die Eier nicht ganz herunter, sondern zerdrückte sie erst mit der Schnauze im Nest und leckte dann das Nest aus.

Bei II erwachsenen Bären wurde ferner eine genaueste Untersuchung des gesamten Verdauungs- tractus und aller inneren Organe auf Parasiten vorgenommen, doch war das Resultat ein negatives. Es scheint sich somit zu bestätigen, daß der Eisbär in der Freiheit wenig oder gar keine Parasiten beherbergt, denn für den Ascaris transfuga geht aus den Beschreibungen von Dujardin und Rudolphi nicht mit Sicher- heit hervor, daß diese Exemplare aus freilebenden Eisbären stammen. Wahrscheinlich sind sie aus in der Gefangenschaft lebenden Eisbären gesammelt worden, welche sich von den meist in ihrer Nachbarschaft gehaltenen braunen Bären infiziert haben könnten.

Unsere Beobachtungen über das Vorkommen der Eisbären an den spitzbergischen Küsten dürften nicht ohne Interesse sein.

„Der König der arktischen Küste" oder der „Lensmann (d. h. der Amtmann) von Spitzbergen", wie die norwegischen Fangschiffer den Eisbären zu nennen pflegen, ist über das ganze nördliche Polargebiet verbreitet. Eine Nordgrenze läßt sich nicht ziehen, und er findet sich, nachdem Nansen ^j ihn noch auf dem 86" N. Br. angetroffen hat, sicherlich auch am Nordpol selbst, wie A. Brauer 2) (p. 233) schon vermutete.

Der Eisbär lebt an der Eiskante und auf dem Treibeise und nährt sich hauptsächlich von Robben ; und überall, wo Eis und Robben vorhanden sind, sind auch die Existenzbedingungen für den Eisbären

1) F. Nansen, In Nacht und Eis. 2 Bde. Leipzig, F. Brockhaus, 1897.

2) A. Brauer, Die arktische Subregion. Ein Beitrag zur geographischen Verbreitung der Tiere. Zool. Jahrbücher, Abt. f. Systematik, Bd. III, 1887.

Einleitung;, Plan des Werkes und Reisebericht.

59

gegeben. Eine Südgrenze läßt sich daher nicht mit Bestimmtheit aufstellen ; sie fällt mit der in jedem Winter wechselnden südlichen Grenze des Eises zusammen. A. Brauer hat daher mit Unrecht die Südwestküste und einen Teil der Westküste von Spitzbergen aus dem Verbreitungsgebiet des Eisbären ausgeschlossen ; denn diese Küste ist jeden Winter vom Eise blockiert und bietet daher auch dem Eisbären die nötigen Lebens- bedingungen. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß sich die Eisbären infolge des häufigen Besuches der Westküste von Spitzbergen durch die Fangschiffe und Touristen mehr nach Osten zurückgezogen haben, so sind doch andererseits häufig genug Bären an der Westküste angetroffen worden. TrautschI) hat schon in seiner erwähnten Arbeit der BRAUER'schen Südgrenze widersprochen und daran erinnert, daß Küken- thal-) noch im Jahre l886 frische Bärenspuren an mehreren Stellen im Eis-Fjord nachgewiesen und auch einen Bären dort erlegt hat. Wir vermögen diesen Widerspruch von Trautsch und die Angaben von Kükenthal erheblich zu stützen, denn die beiden ersten Bären, 2 stattliche Männchen, wurden schon am Südcap von Spitzbergen, also außerhalb der BRAUER'schen Grenze erlegt. Zwei weitere Fundstellen, an der Westseite des Stör- Fjordes und in der Bismarck - Straße auf der Ostküste von Groß -Spitzbergen, liegen, wenn auch nicht direkt außerhalb, so doch hart an der BRAUER'schen Südgrenze. Und endlich ist im Jahre 1898 auf Prinz -Karls -Vorland eine Eisbärin mit 2 Jungen von einem Tromsöer Fangschiff erlegt worden !

Auf der Bären-Insel setzte uns die frische Fährte und Losung eines Bären bereits in Aufregung. Wenn wir den Bären selbst auch nicht aufspüren konnten, sei es daß er in den tiefen Schluchten der Insel sich verborgen hielt, oder daß ein Fangschift' ihm schon kurz vor uns den Garaus gemacht hatte zweifellos ist aus der frischen Losung zu konstatieren, daß die Bären-Insel noch im Juni 1898 von einem Eisbären heimgesucht worden ist. Solche Besuche können sich jeden Winter wiederholen, sobald durch das Eis die Verbindung mit Spitzbergen hergestellt ist, daher ist das Bären-Eiland dauernd zu dem Wohn- bezirk des Eisbären zu rechnen.

2. Der Eisfuchs, Canis layoinis L.

Der Polarfuchs ist ebenso wie der Eisbär über das ganze nördliche Polargebiet verbreitet; er geht nur erheblich weiter südlich als der Eisbär und ist in Skandinavien und Finnland ebenso heimisch wie auf Island. Nansen konstatierte Füchse auf dem Treibeise weit vom Festlande bis auf 85" N. Br. und hatte in seiner Winterhütte auf 81 " N. Br. viel von diesen Gesellen, welche sich an seinem Material zu schaffen machten, zu leiden.

Wir trafen die Polarfüchse auf unserer ganzen Reise an, auf der Bären-Insel, an den Küsten Spitz- bergens, auf König-Karls-Land, auf der Great-Insel östlich von Nord-Ost-Land, und auf den Inseln nördlich von Spitzbergen. Wir hatten das Glück, 3 von diesen Räubern zu erlegen und deren Bälge zu kon- servieren. Der erste wurde auf der Bären-Insel von einem unserer Reisegefährten erlegt, ein säugendes Weibchen, welches bereits Anfang Juni seinen Winterpelz abgelegt hatte und völlig dunkel war. Leider gelang es nicht, die Jungen auszuheben, die unter schweren Felsblöcken verborgen waren.

Schon tags zuvor hatten wir 2 , ebenfalls dunkle Füchse zu Gesicht bekommen , darunter einen aus nächster Nähe, doch entwischte er, ehe wir uns an dem drolligen Anblick dieses neugierigen Strolches satt gelacht hatten und zu Schuß kamen.

1) H. Tkautsch, Die geographische Verbreitung der Wirbeltiere in der Grönland- und Spitzbergen -See, mit Berück- sichtigung der Beobachtimgen Nansen's. Biol. Centralblatt, Bd. XVIII, 1898.

2) W. Kükenthal, Bericht über eine Reise in das Nördliche Eismeer und nach Spitzbergen im Jahre 1886. Deutsche geogr. Blätter, Bd. XI, Bremen 18SS.

8*

60 FRITZ RÖMER und FRITZ SCHAUDINN,

Dieser Fund auf der Bären-Insel verdient ebenfalls besonders hervorgehoben zu werden gegenüber den Angaben, daß die Füchse sich von diesem Eiland ebenso wie die Bären mehr und mehr zurückgezogen haben und dort nur noch im Winter und auch dann nur sehr selten erscheinen.

Die beiden anderen Füchse wurden im Stor-Fjord geschossen, am Eingange in die W.-Thymen- Straße und in der Disco-Bai. Beide Bälge sind interessant, weil sie sich in verschiedenen Stadien des